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| Jan Vermeer: Briefschreiberin Gelb (um 1665); Washington; National Gallery of Art (für die Großansicht einfach anklicken) |
Eine junge Frau sitzt in einem halbdunklen Innenraum an einem Tisch und hat den Blick zum Betrachter gewandt. Sie schreibt einen Brief, hält aber in diesem Moment inne. Ihre linke Hand liegt auf der Tischplatte, um das Papierbogen zu fixieren, den Federkiel in ihrer Rechten hat sie nicht abgesetzt – schon im nächsten Augenblick könnte sie wieder mit einem weiteren Wort fortfahren. Ihre Miene verrät kaum etwas über ihre Gedanken oder Gefühle. Ruhig blickt sie uns mit einem stillen Lächeln an, keineswegs überrascht oder erschrocken über den unbekannten Störer, denn als solcher scheint er in die Privatsphäre der Briefschreiberin einzudringen.
Über den Inhalt des Briefes kann man nur spekulieren. Ob es sich um einen Liebesbrief handelt, wie oft angenommen wird, lässt sich nicht feststellen. Auch das verschattete Stillleben an der Rückwand, auf dem man nur mit Mühe Musikinstrumente erkennen kann, trägt nicht überzeugend zur Lösung dieser Frage bei.
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| Jan Vermeer: Lautenspielerin am Fenster (um 1663); New York, MoMa |
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| Jan Vermeer: Junge Dame mit Perlenhalsband (um 1664); Berlin, Gemäldegalerie |
Die Frau trägt eine
grellgelbe Jacke mit Halbärmeln, wie sie Vermeer regelmäßig malte, so etwa auf
der Lautenspielerin am Fenster (um 1663), auf Junge Dame mit
Perlenhalsband (um 1664) oder auf Dame und Dienstmädchen (um 1664)
Der glatte Satin kontrastiert mit dem weichen Pelzbesatz. Die großen Perlen an
den Ohren, die Perlenkette auf dem Tisch, die Silberdekoration auf
Schmuckkästchen und Tintenfass glänzen im Sonnenlicht. Auch die Polsternägel
des Stuhls und die Löwenköpfe leuchten auf. Die Haartracht der Frau, ein
geflochtenes Chignon mit sternförmig angeordneten, zu Schleifen gebundenen
Bändern, war im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts beliebt, vor allem in den
sechziger Jahren. Die verschwimmenden Konturen, die das Gemälde so
stimmungsvoll wirken lassen, fußen auf der Beobachtung, dass dem Auge Umrisse
diffus erscheinen, wenn Licht auf eine weiche Oberfläche wie Stoff, Pelz oder
Haut fällt. Auf glatten, härteren Oberflächen, wie auf den Perlen, den
Zierknöpfen des Kästchens oder den Nägeln der Polsterbespannung, hinterlässt es
Glanzlichter, die durch den Auftrag von deckendem Weiß eingefangen werden.

Jan Vermeer: Dame und Dienstmädchen (um 1664); New York Frick Collection
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| Jan Vermeer: Briefleserin Blau (um 1663); Amsterdam, Rijksmuseum |
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| Jan Vermeer: Junge Briefleserin am offenen Fenster (um 1657/59); Dresden, Gemäldegalerie |
Die Briefschreiberin ist nah an den Vordergrund herangerückt, anders als etwa die Briefleserin in Blau in Amsterdam oder die Junge Briefleserin am offenen Fenster in Dresden (siehe meinen Post „Magische Stille“), die den Innenraum stärker in die Komposition einbeziehen. Auf diesen beiden Bildern wird eine größere Distanz aufgebaut, da Vermeer nahsichtig wiedergegebene Gegenstände zwischen den Betrachter und die Dargestellte schiebt – auf dem Dresdener Beispiel ein gemusterter, mehrfarbiger Teppich, eine Obstschale sowie der beiseite geschobene Vorhang. Die Briefleserin in Gelb sitzt dagegen direkt vor uns, der sie umgebnde Raum liegt im Halbdunkel, und die wenigen Gegenstände sind in zurückhaltenden Farben abgebildet. Ihr Kopf befindet sich genau im Zentrum der Komposition und zieht auf diese Weise alle Aufmerksamkeit auf sich.
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| Jan Vermeer: Briefschreiberin und Dienstmagd (um 1670); Dublin, National Gallery of Ireland |
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| Gerard ter Borch: Die Briefschreiberin (1655); Den Haag, Mauritshuis |
Immer wieder zeigt Vermeer auf seinen Gemälden junge Frauen – allein oder in Gesellschaft einer Dienstmagd – bei einer häuslichen Tätigkeit. Auf den meisten dieser Bilder ist die Handlung auf ein Minimum reduziert, und es fehlt jegliches erzählerische Element. Dazu gehören auch Frauen, die einen Brief schreiben, ein vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sehr beliebtes Bildmotiv (so etwa auf dem Gemälde Briefschreiberin und Dienstmagd in der National Gallery of Ireland, Dublin). Möglicherweise griff Vermeer bei seiner Briefschreiberin in Gelb auf die Briefschreiberin von Gerard ter Borch (1617–1681) zurück. Dessen Komposition stimmt in vielen Elementen mit Vermeers Bild überein, etwa der Position des Tisches, dem zurückgeschlagenen Tischteppich und der Haltung der Frau. Allerdings blickt sie bei ter Borch nicht auf den Betrachter, sondern ist ganz auf das Schreiben konzentriert. Darüber hinaus ist die Verbindung mit der Liebesthematik offensichtlicher: Ter Borch platzierte seine Briefschreiberin vor einem Bett, eine Anspielung auf den amourösen Inhalt ihres Briefes. Vermeer hingegen beschränkt sich bei seiner Briefschreiberin Gelb auf den Moment des Innehaltens und verzichtet auf weitere narrative oder anekdotische Elemente „zugunsten einer atmosphärischen, poetischen Dichte“ (Schulze 1993, S. 314).
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| Frans van Mieris: Eine Frau reiht Perlen auf (1658); Montpellier, Musée Fabre |
Bei der schlichten Komposition könnte sich Vermeer wiederum an einem Gemälde von Frans van Mieris (1635–1681) orientiert haben: In dessen Bild Eine Frau reiht Perlen auf blickt die Dargestellte ebenfalls direkt aus dem Bild auf den Betrachter. Auch sie sitzt an einem Tisch in einem karg möblierten Raum. Tisch und Stuhl wurden von beiden Malern auf gleiche Weise im Raum angeordnet. Vermeer wurde eine Zeit lang sehr von dem Leidener Feinmaler van Mieris beeinflusst, der als junger Künstler Ende der fünfziger Jahre des 17. Jahrhunderts schnell zu Ansehen gelangt war. Beide Maler waren Meister in der Darstellung von Oberflächenstrukturen und Lichtreflexen. Allerdings ist Vermeers Modellierung im Allgemeinen weicher, und Licht wie Farben sind weniger grell.
Durch den Blick aus dem Bild verschwimmen bei der Briefschreiberin in Gelb die Grenzen zwischen Genreszene und Bildnis. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde vermutet, es könne sich hier um ein Porträt handeln, etwa von Vermeers Ehefrau Catharina Bolnes.![]() |
| Rembrandt: Bildnis eines Gelehrten mit Buch (1631); St. Petersburg, Eremitage |
Literaturhinweise
Giltaij, Jeroen (Hrsg.): Der Zauber des Alltäglichen. Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 249-251;
Schütz, Karl: Vermeer. Das vollständige Werk. TASCHEN, Köln 2015, S. 81-82;
Schulze, Sabine (Hrsg.): Leselust. Niederländische Malerei von Rembrandt bis Vermeer. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1993, S. 314-316;
Wheelock Jr., Arthur K. (Hrsg.): Vermeer. Das Gesamtwerk. Belser Verlag, Stuttgart/Zürich 1995, S. 156-159.
(zuletzt bearbeitet am 26. August 2026)









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