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| Kopie nach Rogier van der Weyden: Lukas zeichnet die Madonna; München, Alte Pinakothek (für die Großansicht einfach anklicken) |
Die aus Byzanz stammende Legende, wonach die Gottesmutter mit dem Jesuskind dem Evangelisten Lukas erschien und ihn aufforderte, ihr Porträt zu malen, gelangte im Mittelalter nach Westeuropa. In Rom und andernorts galt Lukas fortan als Maler byzantinischer Marienikonen, die als authentische Bildnisse Mariens angesehen und wie Reliquien verehrt wurden. Um 1300 wurde Lukas zum Schutzpatron der Maler, und seit dem 14. Jahrhundert entstanden in Europa Lukasgilden, in denen sich die Maler – oft gemeinsam mit Bildschnitzern oder Buchmalern – zusammenschlossen. Die Gilden existierten in den Niederlanden dabei parallel zu den Zünften, welche die beruflichen Aspekte des Metiers – Ausbildung, Qualität, Organisation der Werkstätten usf. – regelten. Die Lukasgilden kümmerten sich dagegen vor allem um soziale und religiöse Belange der Maler und deren Familien und unterhielten eigene Kapellen und Altäre, an denen etwa das Lukasfest gemeinsam begangen wurde oder man Seelenmessen für verstorbenen Mitglieder las. Die Gildenaltäre wurden mit gemalten oder geschnitzten Aufsätzen geschmückt, die – oft von eigenen Mitgliedern gefertigt und gestiftet – den Heiligen als Maler der Muttergottes zeigen.
Die Legende sagt allerdings nichts darüber, dass die Gottesmutter dem Maler-Evangelisten ateliergerecht Modell gesessen habe. „Ein solcher Vorgang konnte erst aus ihr herausgelesen werden, als die Herstellung eines Porträts ohne das sichtbare Vorbild für den Maler undenkbar erscheinen mußte“ (Költzsch 2000, S. 16). Mit Rogier van der Weydens Darstellung des Lukas, der die tatsächlich vor ihm sitzende und ihr Kind stillende Gottesmutter zeichnet (um sie dann später nach dieser Zeichnung zu malen), ist uns das früheste erhaltene Beispiel dieses Themas überliefert. Das Entstehungsjahr wird kontrovers diskutiert – wahrscheinlich ist es um 1435/36 entstanden. Die ursprüngliche Funktion des Bildes lässt sich ebenfalls nicht mit Bestimmtheit feststellen, aber mutmaßlich war es für die Zunftkapelle der Brüsseler Malergilde bestimmt gewesen, der Rogier seit seiner Niederlassung in der Stadt 1435 angehörte. Es wird vermutet, dass sich Rogier im Bild des Schutzpatrons der Maler selbst, wenn auch idealisiert, wiedergegeben hat.
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| Rogier van der Weyden: Lukas zeichnet die Madonna (1435/36); Boston, Museum of Fine Arts (für die Großansicht einfach anklicken) |
Rogiers Gemälde ist gleich viermal erhalten – die meisten Forscher*innen stimmen inzwischen überein, dass es sich bei dem Bild in Boston um das Original handelt und in den anderen drei sehr getreuen Wiederholungen Kopien des späten 15. bzw. des frühen 16. Jahrhunderts zu sehen sind (München, Brügge, St. Petersburg). Die Kopien wurden direkt nach dem Original gefertigt, wobei man die Komposition mittels Pausen übertrug. Leider hat gerade das Original in seiner Farbsubstanz stark gelitten, die qualitätsvollste Kopie befindet sich in der Münchner Alten Pinakothek. Rogier hat mit seiner Bilderfindung einen kunsthistorischen Markstein gesetzt –das Thema fand durch das Gemälde eine repräsentative Darstellungsform gefunden, die vielfach nachgeahmt wurde.
Rogier platziert die Szene in einen Architekturrahmen, der sowohl an einen Palast erinnert, als auch Elemente eines bürgerlichen Interieur aufweist. Die prächtig gekleidete Madonna, im Typus der Maria lactans dargestellt, ist in Dreiviertelwendung dem Betrachter zugewandt. Lächelnd blickt sie auf ihr Kind herab. Die Gottesmutter hat ihr Kleid geöffnet, um dem nackten Säugling die Brust zu geben. Ein langes weißes Tuch dient diesem als Windel, aber zugleich auch als Bedeckung des Dekolletés bzw. eines Teils der offen getragenen Haare der Jungfrau. Sie sitzt, zwei Kissen untergeschoben, auf einer niedrigen Holzbank am linken Bildrand, deren Seitenteil und Rückenlehne mit gotischen Ornamenten verziert sind. Die Seitenpfosten dieses hölzernen Gestühls wird von einer geschnitzten Figurenszene des Sündenfalls bekrönt (Adam, Eva und die Schlange). Damit verweist Rogier auf die theologische Sicht von Maria als neuer Eva und Christus als neuem Adam: Maria und das Kind überwinden als christliche Heilsbringer sozusagen gemeinsam den Sündenfall und dessen Folgen. Ein Ehrentuch aus rotem Goldbrokat hinterfängt die Madonna; es reicht bis zur Decke, wo es an einem Gebälkstück befestigt ist, und überwölbt sie als Baldachin – was unmissverständlich ihren Rang als Gottesmutter verdeutlicht. „Auf ihre zukünftige Rolle als Himmelskönigin verweist auch das kostbare Goldbrokatgewand, das unter ihrem Überrock und dem Mantel hervorschaut“ (Kemperdick/Sander 2008, S. 386).Ihr gegenüber und sich mit dem rechten Knie auf ein Kissen stützend, hat der rot gekleidete Evangelist Lukas begonnen, Kopf und Gesichtszüge der Madonna auf ein Blatt Papier oder Pergament zu zeichnen. In der linken Hand hält er das auf einem kleinen Brett liegende Blatt, in der rechten einen Silberstift. Seine leicht zum Betrachter hingehaltene Zeichnung lässt die naturgetreue Gestaltung des Marienkopfes erkennen. Rogier zeigt Lukas also bei der Vorbereitung seines Gemäldes, nicht beim langwierigen Malen selbst, was dem zeitgenössischen Usus bei einer Porträtsitzung mit einem hochgestellten Auftraggeber entsprach. „Rogiers Lukas muß eine sehr sichere Hand gehabt haben, um in der knienden Haltung, die er einzunehmen hat, den Silberstift führen zu können. Rogiers Lukas hat zu malen und zugleich seine Reverenz zu erweisen. Das ergibt eine sehr labile Haltung eher zwischen Stehen, Knien und Schweben“ (Pächt 1994, S. 17).
Das Kissen, auf dem Lukas kniet, gleicht in Farbe und Form den Kissen der Madonna und erscheint so als verbindendes Element zwischen den beiden Gestalten; perspektivisch ist es außerdem parallel zur Marienbank angeordnet. Da die Madonna sich jedoch entschieden dem Betrachter zuwendet, ist Lukas, so scheint es, gezwungen, seine strenge Profilhaltung aufzugeben und sich leicht in ihre Richtung und somit ebenfalls zum Betrachter hin zu wenden. Durch ihre Sitzhaltung ist die Madonna nicht nur Bild- , sondern für uns zugleich Betrachtungsgegenstand geworden, der uns den „Eintritt“ in das Gemälde erleichtert.
Rechts hinter dem knienden Lukas können wir durch eine Wandöffnung, wohl eine Tür, in einen Teil der Seitenstube sehen, der sich als Schreibgemach des Evangelisten zu erkennen gibt. Links neben dem Raumeingang lagert das Attribut des Lukas, der Stier, mit einer unbeschrifteten Papierrolle im Maul. Hinter diesem Symboltier und es leicht überdeckend steht ein Schreibpult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch liegt, wohl das Evangelium des Lukas. Auf seine Rolle als Verfasser eines der vier Evangelien verweisen natürlich auch die an seinem Gürtel befestigten Schreibutensilien – Federhülle und Tintenfass. Über den beiden Attributen Buch und Stier ist etwas mehr als die rechte Hälfte eines vertikal viergestuften Fensters zu sehen. Die Mittelzone ist dreiviertel geöffnet. Das teilweise verglaste Fenster dieses Nebenraums zeigt im oberen Abschnitt das Wappen der Malerzünfte: Der in diesem Fall grüne Schild auf weißem Grund illustriert den niederländischen und niederdeutschen Begriff „schilder“ = Maler.
In der eigentlichen Porträtszene erlaubt eine durch zwei Säulen dreigegliederte Wandöffnung, dass der Blick ungehindert ins Freie schweifen kann, begünstigt noch durch die weit auseinander gerückten Hauptpersonen. An den Innenraum, in dem Maler und Modell sitzen, schließt ein bildparalleles Rasenstück an, das zusammen mit einem schmalen Mauerumgang mit abschließender Zinnenbrüstung den Bildmittelgrund markiert. Der Betrachterblick wird an dieser Stelle durch ein in Rückenansicht gezeigtes älteres Paar aufgehalten. Gestisch miteinander kommunizierend, beugen sich die beiden leicht über die gezinnte Mauer und richten den Blick nach draußen. Das Ambiente des mittleren Bildfeldes mit den beiden Figuren, die als Joachim und Anna gedeutet wurden (die Eltern der Jungfrau Maria), führte dazu, das Rasenstück als „hortus conclusus“ zu interpretieren, der im Zusammenhang mit dem vorderen „Thronsaal“ zu sehen sei. Hinter der Brüstung setzt ein Landschaftsraum ein, dessen bestimmendes Element, ein in die Bildtiefe sich schlängelnder Fluss, den Blick geradezu zwingt, die Aussicht bis zum Horizont zu verfolgen. Zu beiden Seiten des Gewässers erstreckt sich eine befestigte Stadt mit Häusern und Kirchen, Türmen und Toren. Auf der linken Uferseite ist urbanes Treiben auszumachen, allerdings ohne erkennbaren Sinngehalt: Man sieht flatternde Wäsche, Kaufläden und sogar in einem Winkel der Ufermauer die winzige Figur eines pinkelnden Mannes.
| Rogier van der Weyden: Verkündigung (um 1435); Paris, Louvre |
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| Jan van Eyck: Rolin-Madonna (um 1435); Paris, Louvre (für die Großansicht einfach anklicken) |
Rogier könnte sich für seine Komposition zum einen an Verkündigungsszenen angelehnt haben – tatsächlich findet sich in Rogiers eigener Verkündigung aus dem Louvre in der Haltung des Erzengel Gabriels eine erkennbare Parallele zur Haltung seines Lukas. Das generelle Figurenschema von Lukas und Madonna lässt sich zum anderen mit mittelalterlichen Stifterbildnissen vergleichen. Als direktes Vorbild gilt in der Forschung aber die sogenannte Rolin-Madonna des Jan van Eyck (um 1390–1441) – wobei die Figuren in ihrer Position vertauscht sind und der Kanzler Philipps des Guten und Bildstifter Rolin (1376–1462) gegen Lukas ausgewechselt worden ist. Es ist nicht zu übersehen, dass der gesamte Aufbau des Bostoner Gemäldes dem van Eyckschen Madonnen-Bild gleicht, sowohl in der Dreiteilung in Vorder-, Mittel- und Hintergrund als auch im Wechsel von Innenraum und Freiraumgestaltung. Auch der perspektivisch angelegte Fußboden, der auf den vorderen Bildrand zuläuft, findet sich bei van Ecks Rolin-Madonna. Aber anders als bei van Eyck wird die in die Bildtiefe verlaufende Fußbodenachse bei Rogier unterbrochen – der Faltenwurf des aufwendigen Mariengewandes versperrt den Durchgang. Vor allem aber: In Rogiers Bild sehen wir einen Lukas, der nicht in einer statischen, reglosen Anbetungshaltung wie Rolin verharrt, sondern viel eher einen Herbeigeeilten, aus seiner eremitenhaften Schreibarbeit Aufgeschreckten, der vor dem göttlichen „Wunder“ niederkniet und sich sputet, das Abbild der Gottesmutter und ihres Sohnes in einer skizzenhaften Zeichnung festzuhalten (denn ungewiss ist, wie lange die Marienerscheinung andauern wird).
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| Robert Campin: Salting-Madonna (um 1440); London, National Gallery |
Die Figuren von Maria und Kind sowie ihre Positionierung dürften wiederum auf die Salting-Madonna des Robert Campin (um 1375–1444) zurückgehen. Als bekanntestes erhaltenes Beispiel für die Vorbereitung eines Porträts mittels einer Silberstiftzeichnung sei hier noch Jan van Eycks Vorzeichnung für das Bildnis des Kardinals Niccolò Albergati in Dresden angeführt, die sogar Farbnotizen zur Erinnerung enthält. Das danach entstandene Gemälde befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien.
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| Jan van Eyck: Kardinal Niccolò Albergati (um 1435); Dresden, Kupferstichkabinett |
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| Jan van Eyck: Kardinal Niccolò Albergarto (um 1435); Wien, Kunsthistorisches Museum |
Glossar
– Der hortus conclusus (lat. für „verschlossener Garten“) ist ein zentrales Motiv der Mariensymbolik. Er bezeichnet einen von Mauern oder Hecken umgebenen Garten, der als Sinnbild für die Jungfräulichkeit Marias und als Abbild des Paradieses dient. Das Motiv geht auf das Hohelied Salomos zurück (4,12).
– Das Bildmotiv der stillenden Maria wird als Maria lactans bezeichnet.
Literaturhinweise
Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. Verlag C.H. Beck, München 1990, S. 60-91;
Borchert, Till-Holger (Hrsg.): Van Eyck bis Dürer. Altniederländische Meister und die Malerei in Mitteleuropa. Chr. Belser, Stuttgart 2010, S. 213;
De Vos, Dirk: Rogier van der Weyden. Das Gesamtwerk. Hirmer Verlag, München 1999, S. 200-206;
Kemperdick, Stephan/Sander, Jochen (Hrsg.): Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 386-389;
Költzsch, Georg-W.: Der Maler und sein Modell. Geschichte und Deutung eines Bildthemas. DuMont Buchverlag, Köln 2000, S. 15-69;
Pächt, Otto: Altniederländische Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Gerard David. Prestel-Verlag, München 1994, S. 15-17;
Panofsky, Erwin: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und ihr Wesen. Band 1. DuMont Buchverlag, Köln 2001 (urspr. 1953), S. 249-251;
Sander, Jochen: Die Rekonstruktion von Künstlerpersönlichkeiten und Werkgruppen. In: Stephan Kemperdick/Jochen Sander (Hrsg.), Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Städel Museum, Frankfurt am Main 2008, S. 75-93.





























