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| Rembrandt: Die drei Kreuze (um 1653, 1. Zustand); Kaltnadel (für die Großansicht einfach anklicken) |
Sowohl
künstlerisch als auch technisch gesehen gilt die großformatige, um 1653
geschaffene Kaltnadelradierung Die drei Kreuze als Rembrandts
anspruchvollstes druckgrafisches Projekt. Gemeinsam mit ihrem vermutlichen
Pendant Ecce Homo (siehe meinen Post „Noch ist nichts entschieden“) und
dem Hundertguldenblatt (siehe meinen Post „Christi Worte werden Bild“)
zählt die in vier Druckzuständen dokumentierte Arbeit zu den Höhepunkten im
druckgrafischen Werk des niederländischen Künstlers. „Wie bei Ecce Homo
manifestiert sich in Die drei Kreuze durch die grundlegenden Änderungen
der verschiedenen Druckzustände – vor allem in der letzten Phase – Rembrandts
ständiger Drang zum Experiment, bei einem Höchstmaß an Erfindungskraft und
technischer Virtuosität“ (Schröder/Bisanz-Prakken 2004, S. 262).
Die
ersten drei Zustände wie auch der vierte, stark veränderte zeigen Golgatha, die
„Schädelstätte“, an der Christus und zwei Schächer gekreuzigt werden.
Rembrandts Darstellung basiert wesentlich auf dem Lukas-Evangelium (23,44-49;
LUT): „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über
das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und
der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich
befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr,
dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und
zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten
wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die
ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“
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| Ein Hauptmann bekehrt sich |
Rembrandt
rückt den gekreuzigten Sohn Gottes in die Mitte seines Blattes; links von ihm
sind die römischen Soldaten wiedergeben. Der Hauptmann, der sich bei Christi
Tod bekehrt, ist von seinem Pferd gestiegen und vor dem Kreuz mit
ausgebreiteten Armen auf die Knie gefallen. Dieser Gruppe gegenübergestellt
sind die trauernden Jünger. Maria ist ohnmächtig in die Arme einer Begleiterin
gesunken, Johannes hat die Hände an sein Haupt gepresst, als raufe er sich die
Haare. Maria Magdalena umfasst in ihrem Schmerz den Kreuzesstamm. Während
Rembrandt auf das häufig abgebildete Erzählmoment des Würfelns um Christi
Kleider verzichtet, bereichert er andererseits das Geschehen um die Zuschauer,
von denen Lukas berichtet, dass sie sich von der Kreuzigung abwandten. Zwei
Männer im Bildvordergrund, anscheinend jüdische Schriftgelehrte, laufen in
Panik auf ein Felsenloch zu, weiter links wird ein sichtlich ergriffener Mann –
vielleicht Simon von Kyrene – von zwei Begleitern weggeführt. Ein Mann hält
sich die Hand vor das Gesicht, ein anderer verdeckt seine Augen, fliehende
Menschen sind zu Boden gestürzt. Es ist nicht immer deutlich, ob hier Anhänger
oder Gegner des Gekreuzigten gemeint sind. Sie alle aber scheinen tief
erschüttert. „Rembrandts psychologisch eindringliche Studie menschlichen
Entsetzens ist in der Ikonographie von Kalvarienbergdarstellungen ohne Parallele“
(Bevers 1991, S. 264).
Christus stirbt am Kreuz – die begleitenden,
von Lukas geschilderten Naturerscheinungen, das Beben der Erde, die Finsternis,
hat Rembrandt durch starke Helldunkel-Kontraste veranschaulicht. Durch den
schwarzen, aufgewühlten Himmel bricht in breiten Bahnen helles Licht hervor; es
fällt kegelförmig herab und beleuchtet Christus und den uneinsichtigen Schächer
zu seiner Linken. Die heftigen Helldunkel-Kontraste tragen zum Eindruck von
Chaos bei. Christus jedoch zeigt keine Anzeichen von Schmerz, sondern strahlt
würdevolle Ruhe aus. Rembrandt dürfte hier bewusst den auf die mittelalterliche
Kunst zurückgehenden Typus des Gekreuzigten aufgegriffen haben, dessen Füße
nebeneinander mit je einem Nagel ans Kreuz geschlagen sind.
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| Rembrandt: Ecce Homo (1655, 1. Zustand); Kaltnadel |
Was
spricht für die Annahme, dass es sich bei Die drei Kreuze und Ecce
Homo um Pendants handelt? Ecce Homo weist im 1. Zustand, vor der
Beschneidung der Platte, annähernd das gleiche Format wie Die drei Kreuze
auf, außerdem wurden beide Werke in gleicher Technik ausgeführt. Rembrandts Ecce
Homo knüpft in der Grundkonzeption an Lucas van Leydens Kupferstich mit dem
gleichen Thema an. Auch Die drei Kreuze entstanden vermutlich in
Auseinandersetzung mit Lucas‘ großformatiger Golgatha-Darstellung, nicht jedoch
im Sinne einer direkten, formalen Bezugnahme, sondern einer Neuinterpretation
des Themas. Rembrandt wollte augenscheinlich demonstrieren, dass er seinen
großen holländischen Vorgänger (1494–1533), dessen zwei Meisterstiche er zu
enormen Preisen erworben hatte, zu übertrumpfen vermochte.
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| Lucas van Leyden: Kreuzigung Christi (1517); Kupferstich |
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| Meister B mit dem Würfel: Kreuzigung Christi (1521); Stich |
Andere
Vorbilder verarbeitete Rembrandt direkt: Die Figur des bekehrten Hauptmanns
geht zurück auf eine Grafik eines italienischen Stechers aus dem
Raffael-Umkreis. Für die Gruppe der Männer, die den Alten wegführen, könnte
eine entsprechende Figurengruppe aus der Bekehrung des Saulus von Lucas
Pate gestanden haben. Die antiken Dioskuren auf dem römischen Kapitol dienten,
in der ersten und noch deutlicher in der zweiten Fassung, für eine andere
Gruppe auf der linken Bildhälfte als Vorbild: für das Pferd des Hauptmanns und
den Knecht, der es am Zügel hält. Trotz einzelner formaler Übernahmen ist
Rembrandts Golgatha-Darstellung jedoch hinsichtlich Komposition und Ikonografie
völlig originär. Die eckig umrissenen, in summarischen Linien dargestellten
Figuren erinnern dabei an die karg-expressiven, etwa gleichzeitig geschaffenen
Rohrfederzeichnungen Rembrandts.
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| Lucas van Leyden: Bekehrung des Saulus (1509); Kupferstich |
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| Dioskuren (röm. Nachbildung älterer griech. Originale); Rom, Kapitol |
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| Rembrandt: Christus im Garten Gethsemane (um 1655, Rohrfederzeichnung); Hamburg, Kunsthalle |
Der
Schächer im hellen Licht auf dem 1. Zustand hängt schmerzvoll und gekrümmt am
Kreuzesbalken, in einer Haltung also, die für die Charakterisierung des
ungläubigen „Übeltäters“ (Lukas 23,39), der sich qualvollen Todeskampf windet,
üblich war. Hinzu kommt, dass seine verbundenen Augen bedeuten könnten, dass er
sich der Erkenntnis der Wahrheit verschließt. Der Mitgekreuzigte zur Rechten
Jesu hängt weniger gekrümmt und damit weniger schmerzgepeinigt am Kreuz; er
dürfte daher der bekehrte Schächer sein, der an Jesu Unschuld glaubt. Der
uneinsichtige Schächer erscheint vielleicht deshalb in hellem Licht, weil er
noch zur Erkenntnis durch göttliche Eingebung gelangen muss, anders als der reumütige
Verbrecher auf der anderen Seite. Von diesem 1. Zustand sind bis heute 21
Abzüge weltweit ermittelt worden.
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| Rembrandt: Die drei Kreuze (1653, 3. Zustand); Kaltnadel (für die Großansicht einfach anklicken) |
Der
1. und der 2. Plattenzustand unterscheiden sich nur geringfügig; Rembrandt
experimentierte in diesem Stadium unentwegt, um unterschiedliche Bildwirkungen
auszuprobieren. Er benutzte verschiedene Papiersorten; viele Abzüge des 1.
Zustandes sind auch auf dickem Pergament, das wenig saugfähig ist, gedruckt, wodurch
die Kaltnadellinien wie verwischt erscheinen und stellenweise dichte, schwarze
Flächen hervorrufen. Außerdem wurden die Platten in unterschiedlicher Dichte
eingeschwärzt bzw. verschieden stark gewischt, sodass auf ein und demselben
Abdruck gewisse Bildpartien heller oder dunkler in Erscheinung treten können.
„Kein Abzug gleicht dem anderen, jeder ist gewissermaßen ein Unikum“ (Bevers
1991, S. 266). Auf dem 3. Zustand, der signiert und 1653 datiert ist, kamen
einzelne Strichlagen im Bereich der Figurengruppen, besonders auf der linken
Seite, und des Vordergrundes hinzu, ferner in den seitlichen Himmelspartien,
die nun noch dichter, dunkler ausgebildet sind. Erst die Abzüge dieses Zustands
wurden durchgehend auf weißes Papier mit geringem und gleichmäßigem Plattenton
gedruckt. Dass er zugleich bezeichnet ist, deutet darauf hin, dass Rembrandt
den 3. Zustand als endgültig betrachtete und zum Verkauf vorsah. Von dieser
Version liegen uns 22 Abzüge vor.
Der
4. Zustand gibt eine völlig veränderte Komposition wieder. Die naheliegendste
Erklärung dafür ist wohl, dass die alte Platte mit den vielen Kaltnadelpartien
keine befriedigenden Abzüge mehr zuließ und Rembrandt sich bei dieser
Gelegenheit zu einer neuen Darstellung entschloss. Von den ersten drei Abzügen
existieren mindestens 53 Abzüge. Eine Auflage von 53 Exemplaren ist für eine reine
Radierung nicht allzu groß – diese hätte ohne weiteres 200 und mehr Abzüge erlaubt.
Für eine ausschließlich mit der kalten Nadel bearbeitete Platte war diese
jedoch eine sehr große Zahl, zumal die Grate in diesem Fall bei den späteren
Abzügen des 3. Zustandes bereits großenteils abgeflacht waren. Rembrandts
Überarbeitung könnte man daher als „genialen Trick“ (Hinterding 2014, S. 160) betrachten,
einer abgenutzten Platte weitere Abzüge abzuringen. Denn genau das hat Rembrandt
getan: Vom 4. Zustand kennen wir sage und schreibe 78 Abzüge.
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| Rembrandt: Die drei Kreuze (um 1653/1655, 4. Zustand); Kaltnadel (für die Großansicht einfach anklicken) |
Auf
dem 4. Zustand tauchen kräftige Schraffen nun die ganze Szene in dramatische
Finsternis. „Ein dichtes Gefüge von langen, parallel verlaufenden Linien
verdunkelt die Szene wie ein heftiger Regenguss, so dass – vor allem in den
stark eingefärbten Exemplaren – die weiter entfernten Zuschauer praktisch nicht
mehr zu erkennen sind“ (Schröder/Bisanz-Prakken 2004, S 264). Ein Großteil der
Figuren wurde abgeschliffen; allein die Kreuze mit Christus und dem Schächer zu
seiner Linken blieben trotz feiner Überarbeitungen formal erhalten, ebenso
einer der fliehenden Männer im Vordergrund. Selbst die Gruppe der Trauernden
weicht von der ersten Version ab, besonders auffallend Johannes, der nun mit
erhobenen Armen in beschwörendem Gestus allein aus der Gruppe der Jünger
hervorragt. Die Kaltnadellinien verdichten sich links und rechts zu nachtschwarzen
Flächen, während in der Mitte die schwach beleuchteten, durch schwere Linien
umrissenen Hauptfiguren nur noch schemenhaft hervorschimmern; am meisten
leuchtet der Gekreuzigte hervor.
Die Figur des bekehrten Hauptmanns wird von
der Gestalt eines Reiters dominiert und erscheint beinahe ausgelöscht. An der
noch schwach wahrnehmbaren Figur sind allerdings auch Änderungen gegenüber der
früheren Fassung zu erkennen. Die Gestalt Christi wurde feiner modelliert:
Seine Gesichtszüge sind menschlicher, leidvoller; Augen und Mund wurden leicht
geöffnet. Es scheint, als sei hier der sterbende Christus wiedergegeben, nicht
der gerade gestorbene wie in der ersten Version. Dies könnte auch die
Zurücknahme des knienden Hauptmanns erklären, der sich dem Lukas-Evangelium
nach erst im Moment von Jesu Tod bekehrte.
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| Pisanello: Gianfrancesco I. Gonzaga (Verso, um 1444); Medaille |
Rätselhaft
blieb bis heute die Funktion der Hauptfigur auf der linken Seite, die auf ein
Reiterbildnis des Gianfrancesco Gonzaga auf einer Medaille Pisanellos
zurückgeht (um 1444). Ist hier die Personifikation eines Machthabers und somit
ein Sinnbild irdischer Ungerechtigkeit und Ungläubigkeit abgebildet? Handelt es
sich um Longinus mit dem Speer? Oder hat Rembrandt Pontius Pilatus darstellen
wollen? In der Bildtradition des 15. und 16. Jahrhunderts erscheint Pilatus auf
Golgatha-Bilder auch als Reiterfigur und Befehlshaber. Dafür spricht auch der
lange Stab, den der Reiter mit sich führt; es scheint sich um den gleichen Stab
zu handeln, den Pilatus auf Rembrandts Ecce Homo als Zeichen seiner
richterlichen Gewalt bei sich hat.
Das
Johannes-Evangelium berichtet ausführlich von der Anwesenheit des römischen
Statthalters aus Golgatha; Pilatus war es, der sich gegen die Juden durchsetzte
und darauf beharrte, dass Jesus auf dem Schild am Kreuz als König der Juden
tituliert wurde (Johannes 19,19-22). „Es scheint, als habe Rembrandt in der
späten Fassung der Drei Kreuze den historischen Wahrheitsgehalt des
Kreuzigungsgeschehen betonen wollen“ (Bevers 1991, S. 268), denn Johannes
verweist darauf, dass er Augenzeuge der Passion gewesen sei. Hier könnte der
Grund dafür liegen, dass der Jünger und Evangelist Johannes im 4. Zustand
gegenüber den früheren Versionen von Rembrandt hervorgehoben wird.
Betont
sei noch, dass die Produktion dieser Kaltnadelarbeit angesichts der teuren
Materialien – der großen Kupferplatte, der verschiedenen Papiersorten und vor
allem der extrem kostbaren Pergamentbögen – und der vergleichsweise geringen
Anzahl an Abzügen für Rembrandt mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden
war. „Umso deutlicher wird erkennbar, wie viel ihm an dem Projekt gelegen sein
muss, dem er sich mit einer wahren Besessenheit gewidmet hat“
(Schröder/Bisanz-Prakken 2004, S 264.)
Glossar
Die
Kaltnadelradierung ist ein manuelles
grafisches Tiefdruckverfahren, bei dem ein Bild ohne den Einsatz von Säure mit
einer harten Nadel direkt in eine Druckplatte geritzt wird
Literaturhinweise
Bevers, Holm u.a. (Hrsg.):
Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt. Zeichnungen und Radierungen.
Schirmer/Mosel, München 1991, S. 264-269;
Hinterding, Erik: Experimentelle Technik. Die Radierungen. In:
Jonathan Bikker/Gregor J.M. Weber (Hrsg.), Der späte Rembrandt. Hirmer Verlag,
München 2014, S. 153-163;
Schröder, Klaus Albrecht/Bisanz-Prakken, Marian
(Hrsg.): Rembrandt. Edition Minerva, Wolfratshausen 2004, S. 262-265.