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| Raffael: Hl. Cäcilia (1514/15); Bologna, Pinacoteca Nazionale (für die Großansicht einfach anklicken) |
Die italienische Stadt Bologna vermag Reisende mit einer Fülle von Sehenswürdigkeiten in Staunen zu versetzen – eine davon will ich aber, dem Anliegen dieses Blogs gemäß, besonders hervorheben: Es handelt sich um Raffaels Altarbild der Hl. Cäcilia. Um 1814/15 entstanden, ließ Napoleon das Bild als Raubgut 1798 nach Paris bringen, bis es 1815 wieder nach Italien zurückkehrte, wo es heute in der Pinacoteca Nazionale von Bologna ausgestellt ist.
Cäcilia, eine frühchristliche Jungfrau aus edlem römischen Geschlecht, wie die Legenda aurea berichtet, und von der Wiege auf im Glauben Christi erzogen, „wich weder Tag noch Nacht von der Zwiesprache mit Gott und vom Gebet und flehte den Herrn darum an, ihr die Jungfräulichkeit zu bewahren“ (de Voragine 2007, S. 2217). Raffaels Gemälde bezieht sich nun auf ein Schlüsselerlebnis der Heiligen: Während bei ihrer Hochzeit, zu der die Patriziertochter von ihrem Vater gezwungen wird, die Musikinstrumente erklingen, singt sie in ihrem Herzen zu Gott: „Herr, mein Herz und mein Leib bleibe unbefleckt, daß ich nicht zuschanden werde“ (de Voragine 2007, S. 2217). Es verwundert also nichts, dass auf dem Bild äußerlich nichts passiert, denn die Handlung ist eine rein innerliche.
Das hochformatige Altarbild (236 x 149 cm) ist nach dem Schema einer Sacra conversazione aufgebaut: Im Mittelpunkt der Bodenzone und symmetrisch umgeben von vier Heiligen steht die Märtyrerin Cäcilia; bei den Heiligen handelt es sich (im Uhrzeigersinn beginnend von links) um den Apostel Paulus, den Evangelisten Johannes, den Kirchenvater Augustinus und Maria Magdalena. Das Altarbild weicht damit vom Standardschema der Sacra conversazione ab, da anstatt wie üblich der Madonna der hl. Cäcilia die Mittelposition einer Heiligenversammlung zugestanden wird.
Raffael präsentiert Cäcilia mit frontal ausgerichtetem Oberkörper, den Kopf leicht zur linken Schulter geneigt und das Kinn etwas angehoben, während die Augen entrückt gen Himmel gerichtet sind, wo sie in visionärer Schau einen Engelschor erblickt und hört (den die Legenda aurea nicht erwähnt). Cäcilia hält ihr Attribut, ein Orgelportativ, noch in beiden Händen – sie wird es im nächsten Moment herabsinken lassen; die aus ihrer Halterung herausgleitenden metallenen Pfeifen richten unseren Blick auf die weiteren am Boden verteilten profanen Musikinstrumente. Auch dies ist ein Zusatz Raffaels und nicht Teil der Legende. Das Stillleben symbolisiert die niedere Tanzmusik und damit die irdischen Genüsse. Die Musikinstrumente sind beschädigt, der Vergänglichkeit unterworfen. Zugleich rücken sie dem Betrachter durch virtuose malerische Stofflichkeit greifbar nah.
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| Frauen und Männer mit Visionen |
Die Cäcilia beigestellten und zugewandten Heiligen sind nicht nur bildebenenparallel um sie gruppiert, sondern auch in die Tiefe hinein gestaffelt; sie bilden einen Halbkreis um die Zentralfigur und sind gleichzeitig in Körperhaltung und Kopfwendung variiert. Hinter ihr werfen sich der Evangelist Johannes und Augustinus einen Blick zu, ersterer in Dreiviertel-Kopfneigung, letzterer im strengen Profil. Vor ihr demonstrieren links der Apostel Paulus und rechts Maria Magdalena zwei unterschiedliche Varianten kontrapostischer Stellung, beim Apostel durch den Gewandsaum zeichenhaft angedeutet, bei Maria Magdalena durch die Beinstellung verdeutlicht. Während der Kopf des Apostels in nachdenklicher Pose zu Boden gesunken ist, schaut die Heilige frontal mit leicht nach unten gerichtetem Blick aus dem Bild heraus in Richtung des Betrachters. Sie schreitet offenbar gerade erst heran, gleichsam als Aufforderung an uns, ebenfalls dem Kreis um Cäcilia beizutreten.
Den einfachen und strengen isokephalen Aufbau der Gruppe hat Raffael erhalten und gleichzeitig rhythmisch organisiert und aufgelockert: zwei Köpfe im Profil, aber einer nach unten und einer zur Seite gerichtet, einer im Bild kommunizierend, der andere kontemplativ auf sich gerichtet; zwei Gesichter en face, aber eines „himmelnd“, das andere Betrachterkontakt herstellend, eines visionär den himmlischen Raum eröffnend, das andere den realen Betrachterraum; zwei Köpfe zur Seite geneigt, aber einer „himmelnd“, der andere wiederum im Bild kommunizierend.
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| Hochzeitskleid mit härenem Unterhemd |
Der himmelnde Blick ist einzig der hl. Cäcilia vorbehalten und entspricht ihrer Hauptrolle, denn nur sie vernimmt die singenden Engel. Die Visionsszene über ihr zeigt in aufgerissenen Wolken sechs Engel, von Goldgrund hinterfangen und singend über zwei Bücher gebeugt. Unterstützt wird Cäcilias Blick nach oben durch die Farbstaffelung von Ockertönen in der Bodenzone, dem Gold ihres Kleides sowie den starken Schatten und Farbtönen bei den flankierenden Heiligen. Cäcilias visionäres Erleben himmlischer Musik fußt auf ihrer Askese, die versteckt in ihrer Kleidung anklingt: Ihre goldgewirkte Tunika mit dunkelblauen Linienmustern wird von einem Gürtel als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit zusammengehalten; darunter trägt sie ein transparentes Kleid und, nur an den Knöcheln und Handgelenken zu erahnen, direkt auf der Haut das in der Legenda aurea erwähnte härene Hemd.
Raffael hat die hl. Cäcilia mit einem vollrunden, von weichen Zügen bestimmtem Gesicht wiedergegeben, akzentuiert durch einen mittig platzierten Haardutt. Das besonders reich ausgestaltete goldene Kleid mit breiter Halsborte hebt sich bis heute eindrucksvoll von den Farben des übrigen Gemäldes ab. Viele Gestaltungsmerkmale der hl. Cäcilia lassen sich auf Raffaels Hl. Katharina zurückführen, eine ebenfalls stehende Märtyrerin (siehe meinen Post „Himmlisches Licht, göttliche Stimme“): der S-förmige Körperschwung, die Visionsdarstellung über einem goldenen Himmelsraum und sogar der Haarknoten über dem Mittelscheitel, den Raffael in Vorstudien erwogen hatte. Hinzu kommen inhaltliche Ähnlichkeiten wie die überlieferte Keuschheit, das verweigerte heidnische Opfer und die erlebte Vision. Die Gewandung und vor allem die Frisur erinnern frappierend an frühchristliche Mosaikdarstellungen von Märtyrinnen in der Tracht byzantinischer Prinzessinnen. „Raffael hat offenbar mit diesem Material die Ikonographie der Cäcilia nicht nur variieren, sondern auch mit der Autorität frühester Darstellung visuell aufladen wollen“ (Dohe 2014, S. 259).![]() |
| Raffael: Hl. Katharina (1507/08); London, National Gallery |
Raffaels Gemälde etablierte die hl. Cäcilia als Schutzpatronin der Musik und das Portativ als ihr Attribut. Die sie umgebenden Heiligen sind nicht zufällig ausgewählt: Alle vier hatten Visionen und verpflichteten sich im Laufe ihres Lebens zur Keuschheit, Maria Magdalena und Augustinus allerdings erst, nachdem sie sündhaft gelebt hatten. Erst die Reinheit ihres Herzens ermöglichte Cäcilia die Wahrnehmung himmlischer Musik. Der Betrachter soll, sie die Aufforderung des Bildes, ein ebenso gottgefälliges Leben führen, um an solchen Freuden teilzuhaben. Maria Magdalenas Blickkontakt konfrontiert uns mit der Frage nach der eigenen Sündhaftigkeit und unserer Nachfolge Christi.
Auftraggeberin für Raffaels Altarbild war Elena Duglio dall’Olio, eine fromme Bologneserin, die auch in ihrer Ehe ein jungfräulich-keusches Leben führte. Sie erlebte mystische Visionen, hörte Engelsmusik, verfasste ein theologisches Traktat zu geistlichem Leben und christlicher Vollkommenheit und galt Zeitgenossen bald als heilig. 1513/15 ließ sie in der Bologneser Kirche San Giovanni in Monte einen neuen Kapellenraum anbauen und ausstatten. Durch Vermittlung der Kurie Papst Leos X. (Pontifikat 1513–1521) gelang es, Raffael für die Anfertigung eines Altarbildes zu gewinnen, dessen originaler römischer Rahmen sich noch heute in der Kapelle befindet. Geweiht war die Kapelle der hl. Cäcilia. Elena wählte sie sich zum Vorbild, da auch Cäcilia keusch in der Ehe gelebt hatte. Maria Magdalena hält ein Ölgefäß, ihr Attribut, behutsam Cäcilia entgegen. Darin ist eine Anspielung auf Elenas Familienname dall‘Olio („Öl“) erkannt worden: Die Stifterfamilie wird so der Kapellenheiligen anheimgestellt.
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| Perugino: Madonna in der Glorie mit Heiligen (1495/96); Bologna, Pinacoteca Nazionale |
Das in Raffaels Gemälde zentrale Thema visionärer Erfahrung war in San Giovanni in Monte bereits an anderer Stelle dargestellt worden: Das von Raffaels Lehrer Perugino (1446–1523) geschaffene Altarbild der Nachbarkapelle zeigte zwei von vier Heiligen mit himmelndem Blick auf eine Marienerscheinung; bei Lorenzo Costas (1460–1535) Hauptaltar wenden sogar fünf von sechs Heiligen den Blick nach oben. Grund hierfür dürfte die Kirchenweihe an den Evangelisten Johannes als visionärer Seher der Apokalypse gewesen sein.
Literaturhinweise
Dohe, Sebastian: Leitbild Raffael – Raffaels Leitbilder. Das Kunstwerk als visuelle Autorität. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 241-260;
de Voragine, Jacobus: Legenda aurea. Zweiter Teilband. Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar von Bruno W. Häuptli. Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2014, S. 2217-2231;
Rohlmann, Michael: Heilige Welt: Die römischen Altäre 1511/12–1520. In: Michael Rohlmann u.a., Raffael. Das Gesamtwerk. Gemälde, Fresken, Teppiche, Architektur. TASCHEN, Köln 2022, S. 257-258;
Rohlmann, Michael u.a., Raffael. Das Gesamtwerk. Gemälde, Fresken, Teppiche, Architektur. TASCHEN, Köln 2022, S. 576-578.






















