 |
| Albrecht Dürer: Maria von zwei Engeln gekrönt (1518); Kupferstich |
Die Marienverehrung nahm in
der spätmittelalterlichen Frömmigkeit breiten Raum ein; sie ging in ihrem
Ausmaß über die Verehrung aller anderen Heiligen weit hinaus. Seit dem 12.
Jahrhundert wurden Bilder und Statuen Mariens mit einer zunehmenden Fülle
theologischer Aussagen versehen: Körper und Bekleidung, Gesten und Haltung,
Gesichtsausdruck und Farben, Schmuckstücke und andere Accessoires, Inschriften
und Symbolen sollten vermitteln, dass Maria Jungfrau und Mutter zugleich ist,
Geschöpf Gottes und Gottesmutter, die neue Eva, aber von aller Sündenschuld von
Anfang an frei, Miterlöserin der Menschheit durch das Übermaß ihres
Miterleidens, unbefleckte Königin des Himmels und der Engel, einzigartig und
seit der Schöpfung auserwählt in ihrer Rolle als Fürbitterin der Menschheit,
und doch nur Ehefrau des einfachen Zimmermanns Josef von Nazareth, sich selbst erniedrigend
als Magd zu allen Diensten im Alltag eines Handwerkers, aber beständig in der
Kontemplation Gottes verweilend, überaus schön und weise, der demütigste und
tugendreichste Mensch auf Erden usw.
Albrecht Dürer (1471–1528)
hat eine ganze Reihe Marienbilder geschaffen, – vorrangig Kupferstiche –, die
ich in loser Folge vorstellen möchte. Mit dem Blatt Heilige Familie mit der
Heuschrecke, die noch den frühen Monogrammtyp „d“ trägt, setzt um 1495 die
Produktion der Marienblätter ein; sie endet mit dem Kupferstich Maria von
einem Engel gekrönt aus dem Jahr 1520. Nach Dürers Maria mit der
Meerkatze (siehe meinen Post „Italian Style“),
der Maria mit dem Kind an der Mauer (siehe meinen Post „Traurige Gelassenheit“) und der Maria mit dem Kind am Baum (siehe meinen Post „Melancholische Zärtlichkeit“) wende ich
mich hier der 1518 entstandenen Maria von zwei Engeln gekrönt zu.
Dürer schließt mit diesem Kupferstich an den Bildtypus der „Regina coeli“ an,
der Darstellung Mariens als Himmelskönigin.
Maria sitzt mit dem
Jesuskind auf ihrem Schoß vor einem bildparallelen Holzzaun, der vom linken bis
zum rechten Bildrand reicht. Dessen rustikale Stäbe erlauben den Durchblick auf
eine weite Gebirgs- und Seenlandschaft. Dort ist ein Segelboot zu erkennen; am
Ufer des Gewässers erstreckt sich auf der linken Seite eine befestigte
Siedlung. Zwei schwebende Engel halten eine kostbare, mit Edelsteinen verzierte
Krone über das Haupt Mariens. Mutter und Kind scheinen von den beiden Engeln
nichts zu bemerken. Dürer zeigt die Gottesmutter nicht, wie auf seinem Rosenkranzfest
von 1506, majestätisch thronend. Der große, grob behauene Steinklotz, auf dem
sie sitzt, ist weit nach links gerückt; sie selbst wird im Halbprofil
präsentiert und blickt mit einem Auge direkt auf den Betrachter, während sie sich
mit ihrer Körperhaltung ihrem Kind zuneigt. Der Knabe ist in ein weites
Hemdchen gekleidet, aus dem die nackten Ärmchen und Beinchen herausschauen; er
greift mit seiner rechten Hand an den Ausschnitt der Mutter, um dort Halt zu
finden oder an die Mutterbrust zu gelangen. Zu ihren Füßen liegt in der rechten unteren Ecke, schräg gestellt, eine
quadratische Steinplatte mit Jahreszahl und dem bekannten Dürer-Monogramm.
Maria trägt ein mit Pelzwerk und seidenen Borten gesäumtes Kleid der Dürerzeit.
Ihr offenes, lockiges Haar wird oberhalb der Stirn von einem Band aus kleinen
Rosenblüten gehalten. „Der Kupferstich überträgt das Sujet in die Gegenwart des
Betrachters“ (Preising 2004, S. 195). Die lebendige und menschlich nahbare
Darstellung von Mutter und Kind dürfte die damaligen Betrachter unmittelbar
angesprochen haben. Dennoch haben die einzelnen Bildelemente auch eine
symbolische Bedeutung.
 |
| Albrecht Dürer: Das Rosenkranzfest (1506); Prag, Nationalgalerie |
Die sieben sichtbaren Stangen des Zauns sind
markant herausgearbeitet: Sie begrenzen zum einen den hortus conclusus,
der eine Stelle aus dem alttestamentlichen Hohelied marianisch deutet: „Ein
verschlossener Garten bist du, meine Schwester, liebe Braut, ein verschlossener
Garten, ein versiegelter Born“ (4,12; LUT). Der hortus conclusus
versinnbildlicht daher Mariens immerwährende Jungfräulichkeit. Die Siebenzahl
der spitzen, abgebrochenen Stangen verweist darüber hinaus aber auch auf die
sieben Schmerzen Mariens; ihre Gestalt wiederum – durchgesteckt zwischen die
geflochtenen Zweige, die genau auf der Höhe des Kopfes Jesu über die Breite des
Blattes geführt sind – auf die Dornenkrone und damit auf die künftige Passion
des Kindes. Die jungen Triebe, die dem Flechtwerk entsprießen, können als
hoffnungsvoller Hinweis auf das Erlösungswerk Christi verstanden werden. „Auch
der schwere kalte Stein, auf dem Maria Platz genommen hat und auf dem wir oft
den gegeißelten, blutüberströmten Schmerzensmann finden, hat diese Bedeutung
ebenso wie der steinige, vegetationslose Grund, der die Bühne des Vordergrunds
bestimmt“ (Carstensen 2004, S. 231). Der nachdenkliche, bekümmerte Blick
Mariens meint ihre mitfühlende Vorausschau auf die leidvolle Zukunft ihres
Sohnes. Schließlich ist der Apfel in ihrer Hand Zeichen der Erlösung von den
Folgen des Sündenfalls durch Christi Kreuzestod. Er weist Maria zugleich als
neue Eva aus; durch sie erlangt der Apfel eine „neue Bedeutung als Frucht der
Gnade und des Lebens“ (Schneider 1999, S. 68).
 |
| Albrecht Dürer: Titelblatt der Kleinen Holzschnittpassion (1510) |
Der Jesusknabe ist von
diesen düsteren Ahnungen noch unberührt. Sein behutsames, aber bestimmtes
Greifen nach dem Gewandausschnitt der Mutter dient nicht nur dazu, Halt zu
finden oder die Mutterbrust zu erreichen – wir sollen den Jungen auch als Bräutigam der Kirche (Maria = Ecclesia)
erkennen, wie Christus im Sinne des Hohenliedes auch verstanden wurde. Der
Blütenkranz Mariens ist daher auch als Brautschmuck zu sehen. Dieser wiederum
zählt genau fünfzehn Rosenblüten und erinnert damit an die fünfzehn freuden-,
schmerzen- und glorreichen Geheimnisse des klassischen Rosenkranzes, bei dem
die Betrachtung des Lebens Jesu und seines Erlösungswerkes mit der Verehrung
der Gottesmutter verknüpft wird.
Auffallend ist, dass der
Kupferstich kaum einen Tiefenraum ausbildet. Der Holzzaun stellt den Abschluss
der stillen Szene im Vordergrund her, die Wasserlandschaft im Hintergrund
verbleibt in skizzenhafter Andeutung. Fast wie ein heraldisches Wappen füllt
das Engelspaar durch seine Größe den Luftraum im oberen Drittel des Bildes aus.
Von plastischer Lebendigkeit ist dagegen die Figurengruppe, die sich monumental
im Vordergrund vor uns erhebt. Die überaus fein ausgeführte Grabstichelarbeit
„verleiht ihr den Charakter eines in das Medium der Graphik transponierten
Standbilds“ (Preising 2004, S. 196).
 |
| Albrecht Dürer: Heilige Familie mit den drei Hasen (1497); Holzschnitt |
 |
| Albrecht Dürer: Zwei Engel (um 1512/14); London, British Museum |
 |
| Albrecht Dürer: Maria von zwei Engeln gekrönt (1518); London, British Museum |
 |
| Albrecht Dürer: Gewandstudie (1508); Wien, Albertina |
Das Motiv der krönenden
Engel knüpft an die lange Tradition des Andachtsbildes im 15 Jahrhundert an.
Erstmals hatte Dürer es im Holzschnitt der Heiligen Familie mit den drei
Hasen (um 1497) verwendet. Die beiden symmetrisch angeordneten Engel gehen
auf eine Zeichnung zurück, die sich heute im Londoner British Museum befindet. Ebenfalls
im British Museum wird ein Blatt Dürers aufbewahrt, das detailliert
ausgearbeitet bereits die gesamte Bildkomposition des Kupferstichs zeigt, wobei
die Zeichnung im Gegensatz zum Kupferstich Maria durch die zu einem feinen
Lächeln geformten Mundwinkel mit einem lieblicheren Gesichtsausdruck versieht.
Das Gewand, von den Knien abwärts, ist eine Umarbeitung einer Studie zum
Gottvater, die Dürer 1508 für den Heller-Altar anfertigte, dann aber nicht
verwendete.
 |
| Albrecht Dürer: Krönung Mariens zur Himmelskönigin (1518); Holzschnitt |
Die Krönung Mariens zur
Himmelskönigin hat Dürer 1518 auch in einem vielfigurigen, detailreichen und großformatigen
Holzschnitt dargestellt (30 cm x 21,3 cm) sowie nochmals 1520 in dem bereits
erwähnten Kupferstich Maria von einem Engel gekrönt. Bei dieser letzten
Darstellung Mariens im Medium der Druckgrafik greift Dürer auf den ältesten
abendländischen Bildtypus der Gottesmutter zurück: die thronende Gottesmutter, Sedes
sapientiae genannt, die als Sitz der Weisheit das immer bekleidete
Jesuskind als Logos in frontaler Sitzhaltung auf ihrem Schoß hält. Die
hierfür typische Unnahbarkeit der Maria mit dem fast starren, erhabenen Blick
einer Göttin ist bei Dürer jedoch aufgelockert durch die Betonung ihrer
Jugendlichkeit. Dazu trägt auch die bewegte Haltung des Kindes bei, das, mit
abgewandtem Kopf und dem Ausdrucks von Leid im Antlitz, den Betrachter auf den
Opfertod Christi hinweist.
 |
| Albrecht Dürer: Maria von einem Engel gekrönt (1520); Kupferstich |
Marien- und Heiligenbilder
lassen sich in der Umbruchzeit um 1520, also mit der einsetzenden Reformation,
nicht als ausschließlich katholisch einstufen –konfessionelle Eindeutigkeit ist
in dieser Phase nicht zu erwarten. Denn noch Martin Luthers 1520 gedruckte
Auslegung des „Magnificat“ muss man als „marienfromm“ bezeichnen: „Sie ist ein
durchaus katholischer Text: Selbst die kritischen Spitzen gegen Auswüchse der
damaligen Marienfrömmigkeit würden von katholischer Seite akzeptiert werden
können“ (Suckale 2013, S. 247). Und die von Luther verehrten „liebenn
heyligenn“ standen noch weit bis ins 17. Jahrhundert bei Lutheranern in
Ansehen.
Literaturhinweise
Carstensen, Heike: Albrecht Dürer: Maria von zwei Engeln gekrönt.
In: Kuder, Ulrich/Luckow, Dirk
(Hrsg.), Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit.
Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 231;
Preising,
Dagmar u.a. (Hrsg.): Albrecht Dürer. Apelles des Schwarz-Weiß.
Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2004, S. 195-196;
Scherbaum, Anna: Die Jungfrau von zwei Engeln gekrönt. In:
Matthias Mende u.a. (Hrsg.): Albrecht Dürer. Das druckgraphische Werk. Band I:
Kupferstiche und Eisenradierungen. Prestel Verlag, München 2000, S. 209-210;
Schneider, Erich (Hrsg.): Dürer – Himmel und Erde. Gottes- und
Menschenbild in Dürers druckgraphischem Werk. Holzschnitte, Kupferstiche und
Radierungen aus der Sammlung-Otto–Schäfer-II. Schweinfurt 1999, S. 68;
Schreiner, Klaus: Maria. Jungfrau, Mutter, Herrscherin. Carl
Hanser Verlag, München/Wien 1994;
Suckale, Robert: Dürers Stilwechsel um 1519. In: Petra
Schöner/Gert Hübner, Artium Conjunctio. Kulturwissenschaft und
Frühneuzeitforschung. Aufsätze für Dieter Wuttke. Verlag Valentin Koerner,
Baden-Baden 2013, S. 245-267;
LUT = Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016
Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Ergänzungen
1. Was ist gemeint, wenn Maria
als „neue Eva“ bezeichnet wird?
Die
Bezeichnung Marias als „neue Eva“ gehört zur biblischen Typologie und der
Tradition der katholische Kirche. Sie hat ihren Ursprung in der
Gegenüberstellung von Eva und Maria: Eva, die erste Frau nach der christlichen
Überlieferung, spielt im Buch Genesis eine zentrale Rolle beim Sündenfall der
Menschheit, indem sie Gottes Gebot überschreitet und vom Baum der Erkenntnis
isst. Dieser Akt des Ungehorsams brachte Sünde und Tod in die Welt. Maria, die
Mutter Jesu, wird in der katholische Theologie hingegen als Instrument der
Erlösung verstanden, und zwar durch ihre bedingungslose Zustimmung, Gottes
Willen zu erfüllen und den Erlöser, Jesus Christus, zur Welt zu bringen.
Die
Parallele zwischen Eva und Maria wurde früh von Kirchenvätern wie Justin der
Märtyrer und Irenäus von Lyon gezogen. Irenäus argumentierte, dass so, wie
durch den Ungehorsam einer Frau der Tod in die Welt kam, durch den Gehorsam
einer anderen Frau die Quelle des Lebens geboren wurde. Maria wird somit als
„neue Eva“ betrachtet, weil sie durch ihren Glauben und ihre Demut den Weg zur
Erlösung der Menschheit ebnete, die durch Evas Handeln aus der Gemeinschaft mit
Gott verstoßen worden war.
Diese
Typologie wird in der katholischen Mariologie weiter vertieft durch die Lehre
von Marias Unbefleckter Empfängnis, die besagt, dass Maria von Anfang an frei
von der Erbsünde gewesen sei. Dies unterstreicht ihren einzigartigen Stand als
„neue Eva“, denn während durch Eva – so die Auffassung der frühchristlichen Theologen
– die Sünde in die Welt kam, wurde Maria als Mutter des Erlösers vollkommene
Sündlosigkeit zugesprochen. Die Betrachtung Marias als „die neue Eva“ ist somit
ein zentraler Bestandteil der katholischen Mariologie, der ihre herausgehobene
Stellung in der Heilsgeschichte und ihre besondere Rolle im Plan der göttlichen
Erlösung unterstreicht.