Dienstag, 12. Juni 2018

Ein König kriegt die Quittung – Rembrandts „Das Gastmahl des Belsazar“


Rembrandt: Das Gastmahl des Belsazar (um 1635); London, National Gallery (für die Großansicht einfach anklicken)
Die Geschichte, die uns Rembrandt auf seinem um 1635 entstandenen Belsazar-Gemälde erzählt, ist dem Alten Testament entnommen, und zwar dem 5. Kapitel des Buches Daniel. Als der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem eroberte und das Volk Israel in die Gefangenschaft führte, raubte er auch die geheiligten Tempelgefäße. Sein Sohn Belsazar entweiht die sakralen Gerätschaften, indem er sie bei einem großen Festmahl als Tafelgeschirr benutzt. Bald darauf erscheint eine Hand, die etwas an die Wand schreibt, das keiner der Gelehrten des Königs entziffern kann. Belsazar lässt daraufhin den Juden Daniel kommen, der ihm die hebräischen Worte vorliest und deutet: „So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben“ (Daniel 5, 25-28).
Sechs Personen haben sich auf Rembrandts Bild um einen von links ins Bild ragenden Esstisch versammelt; zwei von ihnen sind nur von hinten zu sehen. Auf einer grünlichen Tischdecke ist Gold- und Silbergeschirr aufgetragen, außerdem ein Teller mit tiefblauen Weintrauben. In der Mitte der Szene, die Nachbarn hoch überragend, ist der Babylonier-König Belsazar mit ausgebreiteten Armen aufgesprungen, sein goldener Pokal kippt um, der Wein schwallt auf den Tisch. Erbleichend hat er den Kopf ins Profil gewendet und erstarrt mit aufgerissenem Auge – es springt ihm fast aus der Höhle – vor einem sonnenhaften, in unmittelbarer Nähe erstrahlenden, blendenden Lichtkreis: An dessen Rand ist aus dunklem Gewölk gespenstisch eine lebendig wirkende rechte Hand erschienen und hat „auf die getünchte Wand im Königspalast“ (Daniel 5,5) soeben die fünfzehn großen hebräischen Schriftzeichen geschrieben.
Das wird ein Fest ohne Notausgang
Belsazar trägt einen goldstrahlenden, mantelartigen, pelzverbrämten Überwurf mit kostbarer Schließe und auf dem steilen Turban eine Krone. Der Turban selbst ist aus schillernden, perlweißen Tuchbahnen zusammengesetzt; die Edelsteine daran – Onyx, Rubine, Bergkristalle und vor allem der große Stein am Schaft der Turbanquaste – sind aus pastos aufgetragenen Farbklecksen gebildet. In seinem Rücken hat der König das Aufleuchten des magischen Lichtkreises verspürt und auffahrend sein Antlitz entgegen der breit ausladenden Körperstellung seit- und rückwärts gedreht. Sein entsetzter Blick geht über Schulter und linken Arm. Auch in Rembrandts Opferung Isaaks von 1635 wird die abrupte Kopfwendung durch eine Überraschung von hinten ausgelöst. Dort findet sich auch der erhobene Arm, in dem sich Belsazars Erschrecken ausdrückt (siehe meinen Post Das Messer an der Kehle).
Rembrandt: Opferung Isaaks (1636); St. Petersburg, Eremitage
Belsazar erschreckt er mit seiner heftigen Reaktion die gesamte Tischgesellschaft. Die verschlüsselte Botschaft vor Augen, steht der König wie versteinert; seine Rechte stützt sich verkrampft auf die Goldschale – ihr nahe gegenüber umschließt eine Frauenhand noch geruhsam die Stuhllehne. Belsazars waagrecht erhobene Linke hält versteift inne. Die blondgelockte Frau hinter ihm drängt bestürzt nach links und ringt verstört die Hände. Belsazars Nachbarin zur Rechten reagiert ebenso entgeistert: Voller Angst fährt sie zusammen und duckt sich reflexhaft vor der mysteriösen Erscheinung; ihr Körper kippt dabei derart schreckhaft in die Horizontale, dass sie den Wein in ihrem gefüllten Pokal ausschüttet. Das leuchtende Rot ihres Kleides ist die einzige intensive Buntfarbe neben den anderen vergleichsweise nahe beieinander liegenden Farbtönen, die Rembrandt ausgewählt hat. Ihre Haltung, vor allem auch die nackten Schultern, könnte Rembrandt aus dem Raub der Europa des italienischen Renaissancemalers Veronese (1528–1588) übernommen haben – eine Kopie des Bildes war in der Amsterdamer Sammlung eines Rembrandt-Auftraggebers zu sehen. 
Veronese: Raub der Europa (um 1584); Rom, Musei Capitolini
Der bärtige Alte und die jugendliche Frau verstärken den Tiefenzug, indem der Mann sich vorlehnt, um mehr sehen zu können, während sie mit aufgerissenen Augen vor der Schrift an der Wand zurückweicht. Hinter ihnen erscheint noch eine verschattete Flötenbläserin, die das schaurige Ereignis offensichtlich noch nicht bemerkt hat. Die lebensgroßen Figuren sind so nah an den Bildrand herangerückt, dass sich der Betrachter als unmittelbarer Zeuge dieses Augenblicks erleben muss. Diese Nähe wirkt geradezu beklemmend und weckt das Gefühl eines unheilvollen Zusammengepferchtseins: „Dies ist ein Fest ohne Notausgang“ (Schama 2000, S. 416).
Die beiden Kelche links und rechts von Belsazar verweisen auf den sündhaften Missbrauch, und der so plötzlich im Moment des Schreckens vergossene Wein kündet nicht nur das Ende des Festmahls an, sondern deutet auch auf das Schicksal des Königs voraus, das von einem Augenblick zum anderen umschlägt. Denn ein Kelch zeigt nicht nur, so Hans Kauffmann, Lebensfreude und Festlichkeit, sondern steht auch für „Los, Schicksal, göttliche Prüfung“ (Kauffmann 1977, S. 173) und taucht in diesem Sinn auch immer wieder in der Bibel auf (z. B. Jesaja 57,17 oder Matthäus 26,39). Dieser Umschlag des Glücks – Aristoteles nennt es „Peripetie“ – bzw.  der kurze spannungsgeladene Moment davor, verdichtet sich in der Orakelhand: Sie ist genau in dem Augenblick dargestellt, bevor sie den letzten Buchstaben vollendet, mit dem das Schicksal des Königs besiegelt ist. Daniel entschlüsselt ihm die Bedeutung der Schrift, und der Herrscher findet noch in derselben Nacht den Tod.

Literaturhinweise
Kauffmann, Hans: Rembrandts „Belsazar“. In: Friedrich Piel/Jörg Traeger (Hrsg.), Festschrift für Wolfgang Braunfels. Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1977, S. 167-176;
Schama, Simon: Rembrandts Augen. Siedler Verlag, Berlin 2000, S. 416-418.

Samstag, 9. Juni 2018

Michelangelo niederzwingen – Pierino da Vincis „Samson erschlägt einen Philister“


Pierino da Vinci: Samson erschlägt einen Philister (um 1550); Florenz, Palazzo Vecchio
Der Bildhauer Pierino da Vinci, Neffe des berühmte Leonardo, gehört zu den schnell erloschenen Sternen am Kunsthimmel – er starb im Alter von nur 23 Jahren an Malaria (1529–1553). Seine wichtigsten Werke entstanden während seiner letzten fünf Lebensjahre in Pisa. Dorthin war er seinem Mäzen Luca Martini gefolgt, der hier seit 1547 als Statthalter des Herzogs Cosimo I. amtierte. Der Künstlerbiograf Giorgio Vasari berichtet, Luca Martini habe in dieser Zeit einen drei Meter hohen Marmorblock aus Carrara nach Pisa schaffen lassen und ihn ohne bestimmten Auftrag Pierino übergeben. Aus diesem Marmorblock schuf der junge Bildhauer dann um 1550 die Skulptur Samson erschlägt einen Philister (2,23 m hoch).
Die Zweiergruppe steht heute im ersten Innenhof des Florentiner Palazzo Vecchio in einer flachen Wandnische, dem Eingang gegenüber. Doch dort wurde sie erst 1592 aufgestellt, anlässlich der Taufe Cosimos II. Dass es sich nicht um den ursprünglichen Aufstellungsort handelt, lässt die Statue selbst erahnen: Ihre sehr unterschiedlichen Ansichten verlangen regelrecht, dass der Betrachter die Figur umschreitet, wenn er erfassen will, was eigentlich dargestellt ist. Denn nur wenn man sich der Skulptur von links nähert, ist der Eselsbackenknochen deutlich sichtbar, der die Figur als Samson kennzeichnet. Nach alttestamentlicher Erzählung erschlug Samson, nachdem der Geist Gottes über ihn gekommen war, mit dem Kieferknochen eines Esels 1000 feindliche Philister (Richter 15,1-20).
Zum Samson wird der Muskelmann erst durch den Eselsknochen
Tritt man also von links an Pierinos Skulptur heran, ist zwar die Waffe in Samsons rechter Hand gut zu sehen, aber er hat den Kopf abgewendet. Markant ragt sein angewinkeltes linkes Knie hervor, dass auf einem zunächst nicht näher erkennbaren Körper aufliegt. Bei genauerem Hinsehen wird der Betrachter aus diesem Blickwinkel eine Hand bemerken, die nach Samsons rechter Wade fasst. Die Kopfwendung des biblischen Muskelmannes ist quasi die Aufforderung an den Betrachter, weiterzugehen und die Figur zu umrunden. In der anschließenden Frontalansicht präsentiert Samson seinen nackten Körper vollständig, und nun ist auch seine Haltung am besten nachvollziehbar: Mit seinem linken, angewinkelten Bein stemmt er sich gegen den Nacken seines besiegten Feindes, während er sich mit dem rechten Bein auf dem Boden abstützt. Sein Oberkörper wird uns von vorne gezeigt, ist jedoch leicht nach rechts geneigt; der Kopf erscheint in scharfem Profil. Der unterworfene Philister muss sich unter der Last Samsons zusammenkauern, sein Gesicht ist in der Frontalansicht nicht zu sehen; die Linke Samsons, die in den Schopf des Gegners greift, drückt dessen Kopf nach hinten.
Michelangelo aus dem Feld schlagen
Die Ansicht von rechts zeigt uns einen hoch über dem Besiegten aufragenden Samson. Sein Antlitz ist „von Anstrengung gezeichnet, während sich das Gesicht des Philisters schmerzhaft verkrampft“ (Plackinger 2016, S. 105). Und dieses nach unten gepresste Gesicht bietet nun eine wirkliche Überraschung, denn es zeigt die Züge von niemand anderem als – Michelangelo. Die lockige Kurzhaarfrisur, der Vollbart, der sich am Kinn teilt, die breite Stirn mit den wulstigen Brauen und die deformierte plumpe Nase lassen keinen Zweifel, so Andreas Plackinger, an der Identität des Dargestellten.
Daniele de Volterra: Michelangelo-Büste (1564/66); Paris, Louvre
Ohne Frage bezieht sich Pierinos Samson auf Michelangelos zweifigurige Sieger-Skulptur, die heute ebenfalls im Palazzo Vecchio aufgestellt ist (siehe meinen Post „Auftakt der manieristischen Skulptur“). Darüber hinaus bewahrt die Casa Buonarroti in Florenz auch einen Ton-Bozzetto Michelangelos mit zwei kämpfenden Figuren, der als Entwurf zu einer Samson-Philister-Gruppe gilt. Vergleichbar ist hier, dass der Überlegene den Unterlegenen gleichzeitig mit dem angewinkelten Bein und dem ausgestreckten Arm niederdrückt. Das spitz angewinkelte Bein geht andererseits ebenso wie die betonte Rückenmuskulatur des Philisters auf Michelangelos Sieger zurück.
Michelangelo: Der Sieger (1524); Florenz, Palazzo Vecchio
Michelangelo: Ton-Bozzetto für eine Samson-Philister-Gruppe (um 1530);
Florenz, Casa Buonarroti
Stark bewegte und aus antagonistischen Gestalten gefügte Zweiergruppen waren durch Michelangelo in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in die nachantike Skulpturenkunst eingeführt worden und galten als bildhauerische Herausforderung par excellence. „An seinen, teilweise unausgeführt gebliebenen Inventionen eines kämpfenden und eines triumphierenden Typs hatten sich alle nachfolgenden Künstler zu messen“ (Kusch-Arnhold 2008, S. 208).
Pierinos Samson ist daher ein besonderes Beispiel für das Konzept der aemulatio, also dem Bestreben, das berühmte und bewunderte künstlerische Vorbild nicht nur nachzuahmen, sondern zu übertreffen. Denn was wir hier mit dem Samson vor uns sehen, ist eine so unverhohlen von Gewalt geprägte Ausformulierung des Sich-Messens mit Michelangelo, das Andreas Plackinger von „Vatermord“ spricht (Plackinger 2016, S. 103).

Literaturhinweise
Kusch-Arnhold, Britta: Pierino da Vinci. Rhema-Verlag, Münster 2008, S. 200-214;
Plackinger, Andreas: Violenza. Gewalt als Denkfigur im michelangelesken Kunstdiskurs. Walter De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S.103-109;
Poeschke, Joachim: Die Skulptur der Renaissance in Italien. Band 2: Michelangelo und seine Zeit. Hirmer Verlag, München 1992, S. 221.

Freitag, 25. Mai 2018

Sühne-Splatter – Gerard Davids „Gerechtigkeitsbilder“ in Brügge (1498)


Gerard David: Die Bestrafung des Sisamnes (1498); Brügge, Groeningemuseum
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Gerard David: Die Verhaftung des Sisamnes (1498); Brügge, Groeningemuseum
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Über Jahrhunderte ist es Brauch gewesen, Gerichtssäle einerseits mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts und andererseits mit Beispielen antiker oder biblischer bzw. christlicher Rechtsprechung zu schmücken. Das Jüngste Gericht sollte daran erinnern, dass der ewige Richer auch über jeden irdischen Richter sein Urteil sprechen wird; die Exempel guter oder schlechter Richter wiederum dienten als Mahnung zu einer gerechten und unparteiischen Urteilsfindung. Als frühestes und zugleich viel bewundertes Beispiel solcher Bilder gelten die zwischen 1435 und 1439 für das Brüsseler Rathaus entstandenen vier Gerechtigkeitstafeln des Rogier van der Weyden (nicht erhalten), die beiden von Dirk Bouts für das Löwener Rathaus 1470/75 geschaffenen Gemälde mit der Gerechtigkeit Kaiser Ottos (heute in den Brüsseler Musées Royaux des Beaux-Arts) und die um 1498 zu datierenden Darstellungen von Gerard David (1460–1523) für das Brügger Rathaus. Die beiden Tafeln von David sollen hier vorgestellt werden.
Die zwei heute im Brügger Groeningemuseum ausgestellten Gemälde zeigen die Festnahme und Bestrafung eines korrupten Richters. Es handelt sich um eine Begebenheit, die, zunächst von dem antiken Geschichtsschreiber Herodot berichtet, weit ausführlicher von dem im späten Mittelalter sehr beliebten Valerius Maximus erzählt wird: Der König Kambyses überführt den Richter Sisamnes der Bestechlichkeit und verurteilt ihn zu der grässlichen Strafe der „Schindung“: Dem Delinquenten soll bei lebendigem Leib die Haut abgezogen werden. Der Herrscher ordnet außerdem an, dass der Richterstuhl mit der Haut des Sisamnes zu bespannen sei und dessen Sohn Otanes, der dem Hingerichteten als Richter nachfolgt, von diesem Richterstuhl aus zu amtieren habe und so immerzu an die furchtbare Strafe erinnert wird, die der Korruption droht.
David stellt die Erzählung in ihren vier wichtigsten Momenten dar, und zwar so, dass jeweils eine Szene im Vordergrund von einer viel kleineren im Hintergrund begleitet wird. In der ersten Tafel sind wir Zeugen bei der Überführung des Schuldigen: Sisamnes wird auf seinem Richterstuhl von Kambyses überrascht, der ihm mit zahlreichem Gefolge unvermittelt gegenübertritt. Links neben dem König ist ein Büttel zu sehen, der eilig heranschreitet, während ein zweiter schon den rechten Arm des Richters packt. Sisamnes findet nur noch Zeit, seine Kopfbedeckung vor dem König abzunehmen; er blickt „wie ein gestelltes Wild, in hilfloser und schuldbewußter Furcht“ (von Simson 1977, S. 352) auf Kambyses, der ihm seine Untaten offenbar an den Fingern seiner Hand aufzählt. Das vorausgegangene Delikt erblicken wir links oben im Hintergrund durch die offenen Arkaden der Gerichtslaube: Unter einem Eingang nimmt der bestechliche Richter einen Geldbeutel in Empfang.
Rembrandt: Anatomie des Dr. Tulp (1632); Den Haag, Mauritshuis
Das zweite Bild zeigt die grausige Hinrichtung, nach damaliger Sitte auf öffentlichem Platz. Der Verurteilte ist entkleidet und auf einer Art Schlacht- oder Folterbank festgebunden; „als gälte es, eine Anatomievorlesung zu malen, sieht man einen nackten Körper auf einer Art Operationstisch, der schräg in den Raum hineingestellt ist“ (Pächt 1994, S. 247), ähnlich der viel späteren Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt (1632). Vier Henker, von denen einer ein Messer zwischen den Zähnen hält, haben sich hurtig und geübt an ihre blutige Arbeit gemacht, der Kambyses und sein Gefolge kühl und mit keineswegs ungeteilter Aufmerksamkeit zusehen. Wie eine Wand bauen sich die Zuschauer hinter der vom König befohlenen Schindung auf, wobei die Isokephalie der Figuren auffällt – d.h., alle Köpfe erscheinen in gleicher Höhe. Möglicherweise drückt sich hierin die Gleichrangigkeit dieser Männer aus (es sind auschließlich Männer), denn es dürfte sich, wie Dirk De Vos vermutet, um Porträts von Ratsmitgliedern handeln. Bei dem Mann, der am linken Rand der ersten Tafel aus dem Bild blickt, könnte es sich allerdings um ein Selbstporträt des Malers handeln.
Dirk Bouts: Martyrium des hl. Erasmus (1458); Leuven, M-Museum
Davids Hinrichtungsszene erinnert an etwa zeitgleich entstandene Martyriumsdarstellungen, z. B. von Dirk Bouts, auf dessen Erasmus-Folter Henker wie Zuschauer dieselbe Gleichgültigkeit angesichts der vollzogenen Tortur an den Tag legen. Exekutionen grausamster Art waren in der damaligen Zeit öffentliche Spektakel, an denen die Menge sich weidete. „Nicht das subjektive Leiden des Gerichteten, sondern dessen nach damaligem Verständnis objektive Schuld und deren Sühne wurden mit Befriedigung als Akte erlebt, wodurch die letztlich auf göttlichem Recht beruhende moralische Weltordnung erhalten oder wiederhergestellt wurde“ (von Simson 1977, S. 352). In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich allerdings die Tortur des Sisamnes von den Martyrien der Heiligen: Diese lassen weder Schmerz noch Furcht erkennen. Das Gesicht des an seine Folterbank gefesselten Sisamnes dagegen drückt unerträgliche körperliche Qualen aus. Erst dadurch wird die schreckliche Mahnung verständlich, die in der kleineren Szene oben rechts die Geschichte beendet: Dort sitzt der Sohn des Hingerichteten auf dem Richterstuhl, der mit der Haut des Sisamnes bespannt ist.
Auf der ersten Tafel sind rechts und links des Richterstuhls zwei Medaillons zu sehen. Das linke zeigt das Bild des Füllhorns, das der antike Heros Herkules der Deianreia überreicht – es könnte als Hinweis auf den Wohlstand gemeint sein, der sich der Regierung des König Kambyses verdankt. Das rechte Medaillon gibt das tragische Geschick des antiken Sartyrs Marsyas wieder, der wie Sisamnes bei lebendigem Leibe geschunden wurde. Statt Apoll, den Marsyas zu einem künstlerischen Wettkampf herausgefordert hatte, erscheint bei David eine weibliche Figur mit einem Saiteninstrument. Es dürfte sich um die Göttin Pallas Athene handeln: Marsyas fand eine Flöte, die die Göttin weggeworfen hatte, lernte auf ihr zu spielen und war schließlich so von seiner Kunst überzeugt, dass er den musikalischen Wettstreit mit Apoll wagte.
Schindung des Marsyas; Holzschnitt aus Sebastian Brants Narrenschiff (Ausgabe von 1495)
Otto von Simson sieht in diesem zweiten Medaillon eine Anspielung auf Sebastian Brants berühmtes Narrenschiff, 1494 erstmals erschienen und das erfolgreichste deutschsprachige Buch seiner Zeit. Brants Moralsatire behandelt im 67. Kapitel ebenfalls die Gestalt des Marsyas, und es sei „schwerlich ein Zufall, daß der die Marsyas-Strafe im Narrenschiff illustrierende Holzschnitt der Komposition des Gerard David so nahe ist, daß man ihn als Vorbild ansehen darf“ (von Simson 1977, S. 354). Der Marsyas-Mythos wird von Brant zur Habgier-Parabel umgedeutet; im Text zu dem entsprechenden Holzschnitt heißt es: „mancher, der liesz sich halber schynden/ und jm alle viere mit seylen binden/ das jm alleyn ging gelt dar usz/ und er vil golds hett jm sym husz“. Im Narrenschiff wie auf dem Gemälde von David sei die Bestrafung des Marsyas Sinnbild für die Unverhältnismäßigkeit „zwischen der Nichtigkeit der irdischen Güter, um derentwillen der Richter bestechlich, also schuldig wird, und den Qualen, die ihn hierfür durch die menschliche wie durch die göttliche Justiz erwarten“ (von Simson 1977, S. 355). Der Kontrast zwischen der furchtbaren Strafe und dem kleinen Geldbeutel, den Sisamnes im Hintergrund empfängt, lässt seine Bestechlichkeit also nicht nur als Vergehen, sondern auch als „Narrheit“ erscheinen.

Literaturhinweise
De Vos; Dirk: Flämische Meister. Jan van Eyck – Rogier van der Weyden – Hans Memling. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, S. 189-198;
Pächt, Otto: Altniederländishe Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Gerard David. Prestel-Verlag, München 1994, S. 245-250;
von Simson, Otto: Gerard Davids Gerechtigkeitsbild und der spätmittelalterliche Humanismus. In: Friedrich Piel/Jörg Traeger (Hrsg.), Festschrift für Wolfgang Braunfels. Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1977, S. 349-356.

Mittwoch, 25. April 2018

Hinabgestiegen in das Reich des Todes – Albrecht Dürers Holzschnitt „Christus in der Vorhölle“ (1510)


Albrecht Dürer: Christus in der Vorhölle (1510); Holzschnitt
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Mit dem „Abstieg Christi in die Unterwelt“ ist die christliche Überlieferung gemeint, dass Jesus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die „Vorhölle“ hinabgestiegen sei und dort die Seelen der Gerechten seit Adam befreit habe. Man beruft sich dabei auf die biblischen Aussagen in Epheser 4,9 und 1. Petrus 3,19. Manche Theologen verwenden die Begriffe Scheol oder Limbus, um den von Christus betretenen Teil der Unterwelt von der Hölle der Verdammten abzugrenzen. Im apostolischen Glaubenbekenntnis wird der „Descensus Christi“ in die Worte „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ gefasst.
Christus in der Vorhölle ist der vorletzte Holzschnitt in Albrecht Dürers Großer Passion und wie Abendmahl, Gefangennahme Christi und Auferstehung Christi 1510 entstanden (siehe meine Posts „Auftakt zur Großen Passion“ und „Im Garten der Gewalt“). Dürer zeigt Christus als zentrale Figur in einer Phantasie-Architektur, dem Vorhof zur Hölle, die bestimmt wird durch einen hoch aufragenden Rundbogen. Der Erlöser hat das Höllentor gesprengt, links unten liegt am steinigen Boden einer der geborstenen Flügel. Nun kniet er an der Kante des schachtartigen Höllenzugangs, an dem sich Gestalten mit emporgereckten Armen zusammendrängen. Rettend ergreift Christus das Handgelenk eines Alten, neben dem Johannes der Täufer andächtig aufblickt. Ein langhalsiges Monster streckt seinen vogelartigen Kopf aus dem unterirdischen Gang, während ein eberköpfiger, zitzenbehängter Teufel aus einer Fensteröffnung seinen gezackten Speer gegen Christus richtet.
Sein Strahlennimbus macht Christus zur Lichtgestalt. Der muskulöse, unversehrte Körper wird von einem weißen Gewand umhüllt, dessen Zipfel emporflattert und optisch die Verbindung zu dem im Mittelgrund stehenden Adam herstellt. In seiner nicht sichtbaren Linken hält der Sohn Gottes den Kreuzstab mit flatterndem Siegesbanner. Kompositionell wird der Holzschnitt von einer Bilddiagonale dominiert, die von links oben nach rechts unten führt: Sie beginnt am Querbalken des von Adam gehaltenen Kreuzes, setzt sich fort im wehenden Mantel Christi und folgt seinem nach unten ausgestreckten rechten Arm. Der Betrachter blickt aus der Untersicht zu Christus auf und nimmt daher einen ähnlichen Standpunkt ein wie Johannes der Täufer.
Hinter Christus erscheinen die schon befreiten Stammeltern Adam und Eva und eine Kindergruppe, dazu weitere alttestamentliche Ahnen, die nur mit ihren Haarschöpfen dargestellt sind. In gelassenem Kontrapost hält Adam in seiner Rechten den Apfel, mit der Linken umfasst er das Kreuz als Zeichen der Erlösung. Die Frucht verweist auf den Fall des alten, das Marterholz auf den Sieg des neuen Adam, Christus. Hinter Adam steht, in gleichmäßigen Schatten gehüllt, Eva in Rückenansicht; Abel rechts neben Adam betet. Das aufragende Kreuz wiederum wird mit dem Stab der Siegesfahne parallelisiert, deren geblähtes Tuch die Gruppe der Geretteten überfängt und den Bogen des Höllentores aufnimmt. Die drei um den Kreuzesstamm spielenden Kinder repräsentieren die ungetauft verstorbenen Kinder, für die es nach mittelalterlichem Verständnis in der Vorhölle neben dem limbus patrum, dem Bereich für die Gerechten des Alten Bundes, einen eigenen Raum gab, den limbus puerorum. Mit den Kindern, dem Jüngling Abel, der reifen Urmutter und dem greisen Adam hat Dürer auch die vier Lebensalter dargestellt; sie stehen damit zugleich für die gesamte Menschheit, der das Erlösungswerk Christi gilt. Dürer hat sein Monogramm auf den Stein unmittelbar vor Christus gesetzt: Er bezieht sich damit ein in die Reihe derer, die der Erlösung durch Christus bedürfen – und bekundet seine eigene Heilshoffnung.
Andrea Mantegna: Christi Abstieg zum Limbus (um 1475); Kupferstich
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Albrecht Dürer: Das Männerbad (1496); Holzschnitt (für die Großansicht anklicken)
Michelangelo: David (1501-1504); Florenz, Galleria
dellAccademia (für die Großansicht anklicken)
Das Bogenhorn blasende Ungeheuer mit Fledermausflügeln, Schuppenschwanz, Hängebrüsten und widdergehörntem Kopf ist eine Adaption aus Andrea Mantegnas Kupferstich Christi Abstieg zum Limbus. Auch bei Mantegna gibt es einen Nackten, der das Kreuz mit der Linken umfasst (er gilt als der gute Schächer Dismas). Adams kontrapostische Haltung ist verwandt mit der des Flötenbläsers in Dürers frühem Männerbad. Der herabhängende rechte Arm Adams mit dem abgeknickten Handgelenk wiederum könnte auf den kurz zuvor entstandenen David Michelangelos verweisen.

Literaturhinweise
Fröhlich, Anke: Christus in der Vorhölle, 1510. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 208-210;
Hoffmann, Konrad: Dürers Darstellungen der Höllenfahrt Christi. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 25 (1971), S. 75-106.
Kuder, Ulrich/Luckow, Dirk (Hrsg.): Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 217.
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Donnerstag, 5. April 2018

Im Garten der Gewalt – Albrecht Dürers „Gefangennahme Christi“ (1510)


Albrecht Dürer: Gefangennahme Christi (1510); Holzschnitt
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Die Gefangennahme Christi gehört zu Dürers Große Passion genannter und 1511 in Buchform erschienener Folge von 11 Holzschnitten. Thema des Zyklus sind Leiden, Tod und Auferstehung Christi. Die Gefangennahme zählt mit dem Abendmahl (siehe meinen Post „Auftakt zur Großen Passion“), Christus in der Vorhölle und Auferstehung zu den vier 1510 entstandenen Blättern, die Dürer den sieben zwischen 1496 und 1500 geschaffenen Holzschnitten für die Veröffentlichung hinzufügte.
Häscher mit Lanzen, Knüppeln und Hellebarden haben Christus zu nächtlicher Stunde ergriffen und zerren ihn nun aus dem Garten Gethsemane nach Jerusalem vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten (Matthäus 26,47-68). Durch Größe und Lichteinfall hervorgehoben, überragt Jesus die Masse der bewaffneten Schergen. Ein Kriegsknecht mit gepanzerter Faust hat den Halsausschnitt seines Gewandes gepackt, ein anderer zieht ihn an einem um den Bauch gelegten Strick voran, während ihm ein dritter die Hände auf den Rücken fesselt. Finger einer Hand drücken Christus grobschlächtig den Kopf nach hinten – wohl zum Judaskuss. Dass es sich bei der bärtigen Figur nah an Jesu Gesicht um den Verräter handelt, verdeutlicht der (nicht auf Anhieb zu erkennende) Geldbeutel, den er in seiner Rechten hält.
Hinter Jesu Rücken spielt sich eine weitere gewaltsame Auseinandersetzung ab: Petrus kämpft mit Malchus, einem Knecht des Hohenpriesters Kaiphas, dem der Jünger ein Ohr abschlagen wird. Dürer stellt hier simultan dar, was im biblischen Bericht aufeinanderfolgt – das gilt auch für den Judaskuss. Den Ölberg gibt Dürer als struppig bewachsene, im Dunkeln liegende Anhöhe wieder. Auf der linken Seite ist im Hintergrund ein Gartentor geöffnet; der vorangehende Holzschnitt Christus am Ölberg zeigt, wie die Häscher durch dieses Tor in den Garten Gethsemane eindringen, während ein Engel Jesus den Kelch des Leidens reicht.
Albrecht Dürer: Christus am Ölberg (1496/97); Holzschnitt
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Einige der mitgeführten Waffen ragen schräg über das Wirrwarr der Köpfe hinaus und korrespondieren mit der Körperhaltung Christi, der sich gegen seine Gefangennahme zu sträuben scheint. Über dem Kopf des Verräters ragt ein verrottender Stamm empor, was auf sein weiteres Schicksal vorausweist. Der Himmel ist bis auf eine helle Wolkenformation über dem beleuchteten Hügel dunkel. Im beschatteten Hintergrund flüchtet ein Jünger vor einem Soldaten; retten kann er sich nur, in indem er sein Gewand, das der Häscher bereits gepackt hat, zurücklässt und nackt flieht (Markus 14,51-52).
Martin Schongauer: Gefangennahme Christi (um 1475); Kupferstich
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Meister der Karlsruher Passion:; Gefangennahme Christi (um 1450); Köln,
Wallraf-Richartz-Museum (für die Großansicht einfach anklicken)
Als Anregung für Dürers Holzschnitt gilt zum einen ein Kupferstich von Martin Schongauer (1448–1491), der ebenfalls die Gefangennahme Christi zeigt: Obwohl es keine direkten Übernahmen gibt, ist Dürers Szene erkennbar von Schongauers Grafik beeinflusst – beide Arbeiten betonen weniger den Judaskuss als vielmehr die Wegführung Christi. In der Drastik der Schilderung und der bedrohlichen Ausstrahlung der Nachtszene bezieht sich Dürer außerdem deutlich auf die Gefangennahme Christi der Karlsruher Passion, die er in Straßburg gesehen haben könnte und die auch bereits Schongauer bekannt gewesen ist (siehe meinen Post „Der unvollständige Leidensweg“). 
Andrea Mantegna: Tritonenkampf, rechte Hälfte (um 1475); Kupferstich
Das Motiv des nach links gewandten, mit seinem Schwert zuschlagenden Petrus könnte Dürer wiederum aus Andrea Mantegnas Kupferstich Tritonenkampf übernommen haben, wo in der rechten Bildhälfte ein Seekentaur auf die gleiche Weise zum Hieb mit einem Knochen ansetzt. Der Nürnberger Meister hatte die italienische Grafik 1494 nachgezeichnet.

Literaturhinweise
Kuder, Ulrich/Luckow, Dirk (Hrsg.): Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 212;
Fröhlich, Anke: Die Gefangennahme Christi, 1510. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 188-190.

Montag, 26. März 2018

Der gelassene Gelehrte – Albrecht Dürers Kupferstich „Hieronymus im Gehäus“ (1514)


Albrecht Dürer: Hieronymus im Gehäus (1514);
Kupferstich (für die Großansicht anklicken)
Wenn von Albrecht Dürers „drei Meisterstichen“ die Rede ist, dann sind damit die Kupferstiche Ritter, Tod und Teufel (1513), Hieronymus im Gehäus und Melencholia  (beide 1514 entstanden) gemeint. Das fast identische Großformat, die auch von Dürer kaum je wieder erreichte stecherische Präzision und die zeitliche Nähe ihrer Entstehung hat dazu geführt, die drei Grafiken als künstlerische Einheit zu sehen. Nachdem ich Ritter, Tod und Teufel bereits vorgestellt habe (siehe meinen Post „Unbeirrt und furchtlos“), soll es diesmal um den Hieronymus im Gehäus gehen.
Drei rahmende Elemente, die Stufe unten, der Pfeiler links und der gekehlte Balken oben, geben den Blick frei in eine Stube mit Bohlendecke und Sprossenfenstern, durch deren Butzenscheiben weithin mildes Licht fällt. Bautechnisch betrachtet, macht das Zimmer den Eindruck, als sei es nachträglich in ein massives steinernes Gemach eingefügt worden: Die zweite der beiden großen rundbogigen Fensteröffnungen ist gut zur Hälfte zugemauert, da sich hier die hölzerne Rückwand anschließt. Im hinteren Winkel der Stube sitzt der greise Hieronymus in fast kauernder Haltung an einem Holztisch und ist mit der Niederschrift eines Textes in ein dünnes Buch oder Heft befasst.
Die Schwelle des Raumes besetzt der Löwe des Hieronymus. Der Legende nach zog der Kirchenvater dem Raubtier einen Dorn aus der Tatze, worauf es sein Wesen änderte und zum Genossen des Gelehrten wurde. Der Löwe gehört wie der Kardinalshut, der an der Rückwand hängt, zu den Attributen des Hieronymus, an denen er erkannt werden kann. Das Tier, wach oder halbwach „in zufriedener Langeweile vor sich hin dösend“ (Panofsky 1977, S. 206), wirkt recht harmlos – was daran liegen mag, dass Dürer keinen Löwen von Angesicht kannte, als er den Kupferstich schuf. Entstanden ist deswegen eine Art überdimensionaler Hauskatze. Der Hund, der bei dem Löwen liegt, schläft dagegen wirklich tief und fest.
Dürer hat in diesem Kupferstich erstmals die Raumperspektive exakt konstruiert. Ihr Fluchtpunkt liegt etwas außerhalb des rechten Bildrands, deswegen ist die Nordwand des Zimmers nicht zu sehen. Auf diese Weise wirkt das kleine Gemach weniger beengt und kastenartig, und das Spiel von Licht und Schatten auf den Fensterlaibungen links erhält größeres Gewicht. Die Stein- und Tischkanten, Fenstersimse, Deckenbalken und andere gerade Linien, die auf den Fluchtpunkt hinzielen, erzeugen mit dem nach rechts hin weniger abgeschlossenen Bildraum einen Sog, der den Blick des Betrachters von links unweigerlich auf das kahlköpfige Haupt des bärtiges Greises lenkt, das von einem hellen Lichtschein hinterfangen wird. Dürers Wiedergabe des einfallenden Lichts – Sinnbild göttlicher Erleuchtung – ist von Anfang an bewundert worden, ebenso die Perfektion, mit der er als Stecher so verschiedene Materialien wie Stein, gemasertes Holz und Glas nachzuformen imstande war. Der prächtige Flaschenkürbis mit seinem großen Blatt und der Korkenzieherranke, der vor dem Einbau am Deckenbalken aufgehängt ist, hat immer wieder besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Er gilt als Symbol philologischer Gelehrsamkeit: Bei der Übersetzung des Propheten Jona aus dem Hebräischen fand Hieronymus für die in Palästina wachsende Rizinuspflanze kein lateinisches Wort. Er wählte hedera (Efeu) statt wie frühere Übersetzer cucurbita (Kürbis), was Augustinus kritisierte.
Seine Lebenszeit läuft ab – Hieronymus ficht das nicht an
Zeigt Dürer Hieronymus eigentlich bei der Übersetzung der Bibel aus dem griechischen Urtext ins Lateinische, die dann als Vulgata vorliegen wird? Denn das gewohnte Nebeneinander verschiedener Folianten als Hinweis auf die Übersetzungsarbeit fehlt – auf dem großen Tisch befinden sich nur ein kleines Schreibpult, ein Tintenfass und ein Kruzifix. Mehr noch, die vier sichtbaren Bücher sind alle verschlossen außer Reichweite des Gelehrten links im Vordergrund abgelegt. Der auffällig platzierte Totenschädels auf der Fensterbank, das Kruzifix am Rand des Tisches und die mächtige Sanduhr an der Rückwand verweisen vielmehr auf das Memento mori als zentrale Aussage des Kupferstichs. „So könnte man den Eindruck gewinnen, als gehe das Lebenswerk des Heiligen seinem Ende entgegen und als bilde einzig der Gekreuzigte den Gegenstand seines Schreibens, der sich für Hieronymus bei jedem innehaltenden Aufblicken in direkter Linie mit dem Totenkopf und den Büchern befände“ (Schauerte 2003, S. 188).
Dürer nennt seinen Kupferstich im Tagebuch seiner Niederländischen Reise 1520/21 mehrfach „Hieronymus im Gehäus“ – vermutlich meinte er „Hieronymus im Haus“, im Gegensatz zu den Darstellungen des Kirchenvaters, die ihn in der Wildnis oder in der Natur zeigen, wie z. B. auf seinem Kupferstich Hieronymus in der Wüste von 1497 (siehe meinen Post „Löwe mit Greis“). Der Nürnberger Meister hat den Hieronymus insgesamt sieben Mal in seiner Druckgrafik und in Gemälden dargestellt. Das dürfte vor allem mit der großen Beliebtheit des Kirchenvaters bei den zeitgenössischen Humanisten zusammenhängen: Dürers Freund Willibald Pirckheimer und Erasmus von Rotterdam sahen in ihm das Idealbild des christlichen  Gelehrten.

Literaturhinweise
Kuder, Ulrich/Luckow, Dirk (Hrsg.): Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 182;
Mende, Michael: Hieronymus im Gehäus, 1514. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 174-178;
Panofsky, Erwin: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers. Rogner & Bernhard, München 1977 (zuerst erschienen 1943), S. 206-208;
Schauerte, Thomas: Albrecht Dürer – Das große Glück. Kunst im Zeichen des geistigen Aufbruchs. Rasch Verlag, Bramsche 2003, S. 188-189;
Schröder, Klaus Albrecht / Sternath, Maria Luise (Hrsg.): Albrecht Dürer. Zur Ausstellung in der Albertina Wien. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2003, S. 418;
Weis, Adolf: »... diese lächerliche Kürbisfrage ...«. Christlicher Humanismus in Dürers Hieronymusbild. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 49 (1982), S. 195-201.

Dienstag, 20. März 2018

Auftakt zur Großen Passion – Albrecht Dürers „Abendmahl“-Holzschnitt von 1510


Albrecht Dürer: Abendmahl (1510); Holzschnitt (für die Großansicht anklicken)
Zwischen 1496 und 1500 schuf Albrecht Dürer (1471–1528) eine Gruppe von sieben Holzschnitten mit Passionsszenen, die als Einzeldrucke verkauft wurden: Christus am Ölberg, Die Geißelung Christi, Die Schaustellung Christi, Die Kreuztragung, Christus am Kreuz, Die Beweinung Christi und die Grablegung Christi. Abgesehen von der Ölberg-Szene, handelt es sich um dichte und figurenreiche Kompositionen, die alle den angstvoll-duldenden, misshandelten Jesus thematisieren, der ohne Nimbus, schmalgliedrig und leidend gezeigt wird. Diese Blätter ergänzte Dürer 1510 um die Darstellungen von Abendmahl, Gefangennahme Christi, Christus in der Vorhölle und Auferstehung. Mit einem Titelblatt und einem lateinischen Text versehen, wurden die Holzschnitte 1511 als Buch veröffentlicht.
Die heute Große Passion genannte Folge beginnt mit der Wiedergabe des Abendmahls, bei dem Christus, die zwölf Apostel und der Wirt um eine Tafel versammelt sind. In der Mittel des Tisches ist die Schüssel mit den Resten des Passah-Lammes zu sehen und ringsherum eine nicht eben große Zahl scheibenförmiger Teller, außerdem ein Becher, ein Gefäß für Gewürze sowie Messer und Brote. Im Vordergrund stehen ein Krug und ein weiterer Becher auf dem Boden. Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, ruht an der Brust seines Herrn. Jesus hat Johannes mit dem rechten Arm bergend umfasst und gleichzeitig in einem Redegestus die linke Hand bis zur Schulter erhoben. Nichts lässt darauf schließen, dass der Holzschnitt die Einsetzung des Abendmahls vor Augen rückt oder auch nur nachdrücklich in Erinnerung ruft.
Ohne Zweifel haben wir es mit der – allerdings zurückhaltend erzählten – Ankündigung des Verrats durch Judas zu tun. Denn es es wird nicht geschildert, wie Christus mit Judas die Hand bzw. das Brot in die Schüssel taucht (Markus 14,20; Matthäus 26,23). Auf die Verratsankündigung verweisen vielmehr das Motiv des ruhenden Johannes (Johannes 12,23-25) und die Reaktionen der Jünger auf der Worte Christi, dass der Verräter mitten unter ihnen sitze. Sie besprechen in einzelnen Zweier- und Dreiergruppen das eben Gehörte, oder sie blicken betend bzw. betrübt mit besorgt verschränkten Händen auf Christus.
Im Zentrum von Dürers achsensymmetrischer Komposition erscheinen Christus und Johannes. Links und rechts von ihnen sind jeweils fünf Jünger platziert, von denen bis auf wenige Füße nur die Oberkörper zu sehen sind. Auch die beiden Einzelfiguren im Vordergrund, der eine stehend, der andere sitzend, dienen der Symmetrie, da sich ihre Köpfe auf gleicher Höhe befinden. Die leere obere Bildhälfte mit ihrem schlichten Kreuzgratgewölbe kontrastiert mit der Unruhe der Jünger im unteren Teil des Holzschnitts. Diese Trennung in zwei Bildzonen hat Dürer bereits ausgeprägt in seiner Apokalypse angewendet (siehe meinen Post Kunstvoller Weltuntergang“). Nach vorne abgeschlossen wird die Darstellung durch einen Segmentbogen. 
Albrecht Dürer: Die Eröffnung des fünften und des sechsten Siegels (1497/98);
Holzschnitt (für die Großansicht anklicken)
Textgerecht zeigt das Rundfenster in der Rückwand nächtliches Dunkel (Johannes 13,30); der Okulus markiert zusammen mit dem ein wenig nach rechts verschobenen Gewölbescheitel die Zentralachse, die sich mit der Lamm-Schüssel und der auffallenden vertikalen Tischtuchfalte nach unten fortsetzt. Sie rahmen und betonen das Hauptmotiv des Holzschnitts: die Christus-Johannes-Gruppe. Hinzu kommt der Strahlennimbus Jesu, der im Kontrast zu den mehr oder minder verschatteten Wänden des Raumes hell aufleuchtet. Die vom Haupt Christi ausgehenden Strahlen setzen sich sogar über die gesamte Rückwand fort. Für Christus gilt hier noch der mittelalterliche „Bedeutungsmaßstab“, der ihn von den benachbarten Figuren abhebt: Stehend würde er die Jünger überragen.
Christus ist halb schräg von rechts zu sehen, das linke Bein erhöht; Johannes ist halb schräg von links gezeigt; entsprechend gehört unter dem Tisch der Fuß rechts der mittigen Stütze zu Christus, derjenige links des Pfostens zu Johannes. „Beide sitzen im rechten Winkel zueinander, der Rücken des Johannes gegen die Seite Christi gewendet“ (Kuhn 1997, S. 768). Johannes hat die linke Hand auf den Tisch gelegt und umfasst mit der rechten Hand den Ringfinger der linken. Sein Kopf ist ihm auf die linke, hochgezogene Schulter gesunken: „Sein Blick geht traurig sinnend nieder über Christi Arm gegen das Lamm, das geschlachet worden und verzehrt ist (...) Und, wie ein Vater den traurigen Sohn, hat Christus Johannes an sich gezogen, an seine Brust, gegen sein Herz und ihn in seinem Arm, unter seiner Achsel geborgen, mit seiner Hand ihn um den Oberarm fest haltend“ (Kuhn 1997, S. 768). Vorbild für die innige Zweiergruppe sind ohne Frage die spätmittelalterlichen Plastiken der „Jesusminne“ (siehe meinen Post „Jesusminne“). Das Gerippe des Passah-Lamms wird in diesem Zusammenhang zum Symbol für den Opfertod und das Erlösungswerk Christi: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“, ruft Johannes der Täufer aus, als er Jesus am Jordan erblickt (Johannes 1,29).
Christus-Johannes-Gruppe (um 1330/40); Frankfurt a.M., Liebieghaus
Rechts vorne „zielt“ die von hinten gezeigte Ganzfigur des Judas – analog dem Dürer-Monogramm am unteren Bildrand – mit der Schräge von Rumpf, Kopf und linker Hand geradezu auf Christus, ja sogar das vor seiner geöffneten Hand auf dem Tisch liegende Messer weist mit der Spitze direkt auf den Meister. Judas, erkennbar an seinem Geldbeutel, hat sich auf seinem Hocker weit vorgebeugt und den Kopf nach rechts gewendet. Dass der Verräter allein vor der Tafel der Jünger sitzt, wird in der Bildtradition des Abendmahls häufig gezeigt. Den Geldbeutel versucht er mit der rechten Hand unter seinem Schulterüberwurf vor den anderen zu verbergen (wir als Betrachter sehen ihn dennoch). Auf der linken Seite hat Dürer als Kontrast ebenfalls ganzfigurig eine imposante bärtige Gestalt platziert: Von der Tischrunde abgewandt und daher von vorne zu sehen, beugt auch er sich vor, um konzentriert und in großer Ruhe aus einem Zinnkrug Wein in einen Becher zu gießen. Es dürfte sich gleichfalls um einen Jünger handeln, denn mit dem Schankwirt, der im Matthäus-Evangelium erwähnt wird (Matthäus 26,18) ist am ehesten der neugierig blickende, angeschnittene Profilkopf links am Blattrand gemeint.
Andrea del Castagno: Abendmahl/rechte Seite (1447); Florenz, Sant’Apollonia (für die Großansicht anklicken)
Außer Johannes und Judas scheint mir nur ein weiterer Jünger eindeutig identifizierbar: Bei der mittleren Figur in der rechten Fünfergruppe dürfte es sich um Petrus handeln. Er ist auf der Sitzbank vor- und an den Tisch herangerückt, hat den rechten Arm auf den Rand, die Hand über die Kante des Tisches gelegt und darüber seine linke Hand aufgestützt, in der er ein Messer hält, den Daumen am Heft. Ihm geht sozusagen „das Messer auf“ – Petrus ist angesichts der Verratsankündigung zum Handeln bereit, und er wird es später auch sein, der bei der Gefangennahme Christi dem Knecht Malchus mit dem Schwert ein Ohr abschlägt (Lukas 22,49-51). Zu ihm hin hat auch Judas den Kopf gewendet – er erkennt die Bedrohung, die von der Entschlossenheit des Petrus ausgeht. Der Jünger rechts neben Petrus hat dagegen betend die Hände gefaltet. Gebet und aufgestelltes Messer hat bereits Andrea del Castagno in seinem Abendmahlsfresko von 1447 in Sant’Apollonia (Florenz) nebeneinander gesetzt, ebenfalls in der rechten Hälfte der Komposition.

Literaturhinweise
Karl Arndt/Bernd Moeller: Albrecht Dürer im Spannungsfeld der frühen Reformation. Seine Darstellungen des Abendmahls Christi von 1523. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005;
Anke Fröhlich: Das letzte Abendmahl, 1510. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 183-185;
Ulrich Kuder/Dirk Luckow (Hrsg.): Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 210;
Rudolf Kuhn: Dürers Abendmahl von 1510 (aus der großen Holzschnittpassion). In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 60 (1997), S. 763-774;
Schröder, Klaus Albrecht / Sternath, Maria Luise (Hrsg.): Albrecht Dürer. Zur Ausstellung in der Albertina Wien. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2003, S. 304-311.