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| Pablo Picasso: Guernica (1937); Madrid, Museo Reina Sofia (für die Großansicht einfach anklicken) |
Am
26. April 1937 wird Guernica, eine Stadt im nordspanischen Baskenland, rund 35
km nordöstlich von Bilbao gelegen, durch Bombenangriffe deutscher und
italienischer Luftstreitkräfte zerstört. Sie operieren im Dienst der Rebellion
reaktionär-faschistischer Militärs um General Franco gegen die demokratische
gewählte Zweite Republik. Die Bombardierung Guernicas hat sich ins kollektive
Gedächtnis der Menschheit eingraviert; und die Erinnerung an das Geschehene
wirkt bis heute fort als Mahnung gegen Faschismus und Diktatur, gegen Krieg und
Gewalt. Dies hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass der spanische Maler
Pablo Picasso (1881–1937) im fernen Paris die Zerstörung Guernicas kurze Zeit
danach zum Thema eines Gemäldes gemacht hat, das zu den bedeutendsten
Kunstwerken des 20. Jahrhunderts gehört.
Im April 1931 war nach knappem Wahlsieg der
Republikaner inmitten der Weltwirtschaftskrise die Zweite Spanische Republik
ausgerufen und ein Regierungsbündnis aus demokratischen Parteien und
Sozialisten eingesetzt worden. Im November 1933 gelangte ein Bündnis rechter
Parteien an die Macht, das dann bei der Wahl im Februar 1936 von einer
Volksfront aus Sozialisten, Republikanern, Liberalen, Marxisten und Sozialisten
abgelöst wurde. Ausgelöst durch eine Militärrevolte in Spanisch-Marokko, griff
dieser nationalistische Putschversuch im Juli 1936 auf das iberische Festland
über. Doch trotz anfänglicher Erfolge sollte es den Gegnern der Republik
zunächst nicht gelingen, wichtige wirtschaftliche und politische Zentren wie
Madrid, Barcelona und Valencia zu unterwerfen. Ein mörderischer Bürgerkrieg war
die Folge, der erst im Frühjahr 1939 mit dem Einzug der von Deutschland und
Italien unterstützten Truppen General Francos in Madrid endete.
Im
März 1937 konnte der Marsch auf Madrid in der Schlacht von Guadalajara noch
verhindert werden. Die aufständischen Truppen eröffneten daraufhin eine
Nordoffensive und griffen mit Luftstreitkräften unter deutschem Oberbefehl
rücksichtslos auch zivile Ziel an. Am Nachmittag des 26. April erreichte die
sogenannte „Legion Condor“ die Kleinstadt Guernica (baskischer Name: Gernika).
Wie viel Flugzeuge an dem Angriff beteiligt waren und wie viele Tote die Stadt
zu beklagen hatte, ist bis heute nicht mit letzter Sicherheit zu beziffern.
Picasso
hatte schon im Januar 1937 den Auftrag der republikanischen Regierung zu einem
großen Wandbild für den Spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung
(25. Mai bis 25. November 1937) erhalten. Wenige Tage vor dem Angriff auf
Guernica hatte der Künstler damit begonnen, erste Entwürfe für das geplante
Gemälde anzufertigen, als er Anfang Mai unter dem Eindruck der Presseberichterstattung
über das Ereignis das Thema seines Bildes umwandelte. In nur fünf Wochen malte
er dann sein nahezu acht Meter breites und dreieinhalb Meter hohes Werk, das
schließlich den Titel Guernica tragen sollte und seit dem 12. Juli 1937
in Paris der Öffentlichkeit zugänglich war. Gezeigt wurde das Gemälde in der
weitgehend transparenten Stahl- und Glas-Architektur des Spanischen Pavillons.
Er war unmittelbar neben der auftrumpfenden nationalsozialistischen
Machtdemonstration des „Deutschen Hauses“ von Albert Speer und gegenüber der
nicht minder monumentalen Sowjetischen Ausstellungshalle errichtet worden.

Picassos
übergroßes, an eine Kinoleinwand erinnerndes Querformat ist mit menschlichen
Gestalten und Tierfiguren bevölkert. Am unteren Bildrand zieht sich über etwa
ein Viertel der Bildhöhe ein Raster quadratischer Bodenplatten durch das Gemälde,
das immer wieder von den Figuren verdeckt wird. Links schließt eine Wand den Blick
in den hier noch eindeutig kastenartigen Bühnenraum; rechts von der Mitte ist
ihm allerdings eine architektonische Formation eingestülpt, von der kaum mehr
als eine Tür und zwei Fenster auszumachen sind, sowie eine leicht gekippte
Fläche mit Dachziegeln, sodass sich an dieser Stelle – nach kubistischem
Vorbild – unterschiedliche Ansichten eines Hauses ineinander schachteln. Auf
der rechten Seite der Komposition führt eine geöffnete Tür aus der Leinwand.
Ausgestattet ist der ansonsten karge Raum mit einer hell aufleuchtenden
Deckenlampe, deren gezackter Lichtschein von anderen Bildpartien aufgenommen
wird.
In der Mitte der Komposition, unmittelbar
unter dem Lampenschirm, wirft ein offenbar verwundetes Pferd mit schmerzverzerrter
Gebärde jäh den Kopf zurück; es zertritt die Fragmente einer Figur, wohl einer
hohlen Kriegerstatue, die ein zerbrochenes Schwert sowie ein kleine Blume in
der rechten, mitsamt ihrem Arm vom Rumpf abgetrennten Hand hält. Der Kopf
dieser Figur sowie ihr linker Arm, ebenfalls zu Boden gefallen, reichen bis an
die linke Bildbegrenzung.

Dort
hat Picasso eine Frau mit entsetzt aufgerissenem Mund platziert, die ihren
anklagenden Schrei zur Zimmerdecke bzw. gegen den Himmel richtet. In ihren
Armen hält die Verzweifelte ein augenscheinlich getötetes Kind; eine
säkularisierte Pietà-Gruppe ist hier entstanden, „eine Bildchiffre menschlichen
Leidens, die zu den erschütterndsten Darstellungen der Weltkunstgeschichte zu
zählen ist“ (Fleckner 2014, S. 325). Über Mutter und Kind steht ein Stier, sein
Schwanz ist erregt aufgeworfen, sein zurückgedrehter Kopf nach Art kubistischer
Bildnisse aus Profil- und Frontalansicht zusammengesetzt. Rechts hinter ihm
wirft ein Vogel seinen Kopf mit aufgerissenem Schnabel in die Höhe, „ein
animalisches Form-und Klang-Echo der schreienden Frau“ (Fleckner 2014, S. 326).
Die
rechte Seite der Komposition wird von einer weiblichen Figur mit nackten
Brüsten dominiert, die ihren Kopf dem Licht der Glühbirne entgegenstreckt und
sich gebeugt, ja gebrochen durch das Bild schleppt, ein überdimensionales Bein
hinter sich her schleppend. Über ihr dringt eine schemenhafte Silhouette eines
weiteren Kopfes durch eines der Fenster des kleinen Hauses in den Innenraum, der
demnach – das bleibt rätselhaft an dieser Stelle – eigentlich ein Außenraum
sein müsste. Ihr ebenfalls gespenstisch anmutender überlanger Arm hält zudem
eine brennende Petroleumlampe mit Glassturz ins Zimmer, so als wolle die Figur
das Geschehene aufklären. Ganz rechts wird die Komposition durch das Fragment
einer Frau abgeschlossen, womöglich eine herabstürzende Figur. Arme und
wiederum klagendes Profil sind hoch aufgereckt, Flammen züngeln an ihrem Körper
– sie ist offenbar ebenso in Brand geraten wie das Bauwerk, vor dem sie zu
sehen ist.
Picasso hat mit Guernica ein ausdrucksstarkes
Bild des Entsetzens geschaffen. „Dissonante Formen, scharfkantige Konturen, harte
Hell-Dunkle-Kontraste, eine auf unterschiedliche Grautöne reduzierte Palette
sowie ein matter Farbauftrag, der nicht ohne Flüchtigkeiten und sichtbare
Pentimenti blieb, entwerfen eine düstere Szenerie, erhellt allein durch das
schmutzige Weiß des elektrischen Lichts“ (Fleckner 2014, S. 326).
Perspektivische und motivische Ungewissheiten steigern zusätzlich die
verstörende Wirkung des Bildes auf den Betrachter. Allerdings verweist keines
der Bildelemente direkt auf die Bombardierung Guernicas – dies geschieht einzig
durch den Titel des Werkes und seine 1937 im Spanischen Pavillon beigefügte
Inschrift. In den von Picasso dargestellten Menschen und Kreaturen erkennen wir
vor allem exemplarisch leidende Opfer eines Gewaltaktes. „Die expressiven
Konturen der Figuren, eine bewegte – und bewegende – Binnenzeichnung bilden
psychographische Diagramme de Trauer, der Wut und Verzweiflung“ (Fleckner 2014,
S. 326/327). Das Bild „schreit“, wie Peter Weiss (1916–1982) es in den siebziger
Jahren in seinem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ formuliert hat (Weiss
2016, S. 421).
Picasso
hat weder die Täter noch ihre tödliche Maschinerie wiedergegeben. Auch das Ziel
des Angriffs, die baskische Stadt mit ihren Straßen und Plätzen, wird weder abgebildet
noch angedeutet; das gesamte Geschehen ist mehr oder weniger eindeutig in einen
Innenraum verlegt, über den wir jedoch kaum etwas erfahren. Ein Handlungsablauf
lässt sich nicht erkennen, Aktion und Reaktion werden nicht gezeigt, die
Figuren handeln nicht, sie leiden, sie sind dem unsichtbaren Aggressor passiv
ausgeliefert, ohne dass sich Haupt- und Nebenfiguren unterscheiden lassen. Die
Täter werden durch Picassos Wandbild nicht entlarvt, ja, sie werden auf ihm
nicht einmal dargestellt, geschweige denn als die faschistischen Söldner im
Dienste Francos identifiziert. Eine eindeutige parteipolitische Stellungnahme
zugunsten der Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten sichtbar zu machen,
„musste dem Künstler im Hinblick auf die blutigen Konflikte auch innerhalb der
spanischen Linken schwerfallen“ (Fleckner 2014; S. 339). Picasso ergreift vor
allem die Partei der Opfer des Bürgerkrieges.
Kaum
ein anderes Werk der Kunstgeschichte ist in seiner Entstehung von den ersten
Skizzen bis zum abgeschlossenen Gemälde so gut dokumentiert wie Picassos Guernica.
Dutzende Skizzen, Kompositionsentwürfe und Figurenstudien aus allen Phasen des
Bildes sind erhalten, und die Arbeit des Malers an seinem Werk wurde durch
Fotografien seiner damaligen Gefährtin Dora Maar Schritt für Schritt
protokolliert, sodass Ideenfindung, Konzeptionswechsel und handwerkliche
Konkretisierungen bestens nachvollzogen werden können.

Über die allegorische Bedeutung
der einzelnen Bildmotive ist viel geschrieben und gestritten worden. Während auf
Picassos Stierkampfszenen der Stier meist die geschändete Kreatur symbolisiere,
so Jost Hermand, „ist er hier eindeutig die Verkörperung der Brutalität und das
Pferd das sich verzweifelt aufbäumende Volk“ (Hermand 2011, S. 181). Die
weibliche Figur, die mit ausgestrecktem Arm eine Petroleumlampe wie eine Fackel
über das Bildgeschehen hält, kann durch ihre Platzierung im Gemälde als
formales und inhaltliches Zentrum der Komposition betrachtet werden: Faust und
Lampe sind auf die Mittelsenkrechte der Leinwand gesetzt worden, darüber hinaus
markieren sie die Spitze des dreieckigen Lichtkegels. Der maßlos gelängte und
dadurch extrem betonte Arm stößt von oben herab aus dem Fenster, die dynamische
Kopfform sowie die wehenden Haarsträhnen der lichtbringenden Gestalt
unterstreichen den Eindruck, dass wir es hier mit einer herabfliegenden Figur
zu tun haben.
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| Pierre-Paul Prud'hon: Gerechtigkeit und Göttliche Rache verfolgen das Verbrechen (1808); Paris, Louvre |
Die Frau mit der Lampe
erinnert deutlich an eine Figur aus einem Gemälde von Pierre-Paul Prud’hon
(1758–1823), das Picasso aus dem Louvre bekannt gewesen sein dürfe: La
Justice et la Vengeance divine poursuivant le Crime. Entstanden 1808 für
den Palais de Justice in Paris, zeigt Prud’hons Bild die Allegorien der
Gerechtigkeit, ausgestattet mit Schwert und Waage, sowie der fackelbewehrten
Göttlichen Rache, die das Verbrechen in Gestalt eines Mörders verfolgen, der
von Opfer und Tatort zu fliehen versucht.
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| Pablo Picasso Traum und Lüge Francos II (1937); Aquatinta-Radierung (für die Großansicht einfach anklicken) |
Picasso,
vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs ein unpolitischer Künstler, war über
die Grausamkeiten der Francoschen Kriegsführung so empört, dass er Anfang 1937
auch eine Folge von 18 Aquatinta-Radierungen schuf, der er den Titel Traum
und Lüge Francos gab. Sie erinnern in ihrer plakativen Direktheit
einerseits an die 82 zwischen 1810 und 1814 entstandenen Grafiken Desastres
de la Guerra von Francisco Goya (1746–1828), andererseits an volkstümliche
Bilderbögen oder Comicstrips. Auf ihnen sieht man monströse Stiere, die den zu
Boden gestürzten Pferden die Gedärme aus dem Leib reißen, aber auch menschliche
Leichen sowie klagende Mütter, die voller Verzweiflung die Hände zum Himmel
recken. Den Erlös dieser Serie spendete Picasso einem Hilfsfond für das republikanische
Spanien, außerdem stellte er für die durch den Krieg in Not geratenen
spanischen Kindern 300.000 Francs zur Verfügung.
Picasso vermachte sein Gemälde einer
zukünftigen spanischen Regierung. Zwischen 1939 und 1981 war Guernica deswegen
im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Der Künstler hatte verfügt,
dass das Bild nach Spanien zurückkehren sollte, wenn „alle bürgerlichen
Freiheiten“ wieder gewährleistet wären. Am 10. September 1981 traf das Gemälde
in Madrid ein: Anfangs im Prado ausgestellt, befindet es sich seit 1992 dort im
Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia.
Literaturhinweise
Die
Literatur zu diesem Bild ist nahezu unüberschaubar geworden. Deswegen
beschränke ich mich auf einige wichtige Aufsätze und Bücher:
Brunner, Kathleen: ‘Guernica: The Apocalypse of representation. In: Burlington Magazine 143
(2001), S. 80-85;
Fleckner, Uwe: Die Wahrheit der Malerei. Pablo Picassos »Guernica«
zwischen Atelier- und Ereignisbild. In: Uwe Fleckner (Hrsg.), Bilder machen
Geschichte. Historische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst. Akademie Verlag,
Berlin 2014, S. 319-340;
Ginzburg, Carlo: Das Schwert und die Glühbirne. Picasso »Guernica«.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999;
Gottlieb, Carla The Meaning of Bull and Horse in Guernica. In: Art Journal 2 (1964/65),
S. 106-124;
Held, Jutta: Wie kommen politische Wirkungen von Bildern
zustande? Das Beispiel von Picassos »Guernica« [1985]. In: Jutta Held, Avantgarde
und Politik in Frankreich. Revolution, Krieg und Faschismus im Blickfeld der
Künste. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2005, S. 170-187;
Hermand, Jost: Pablo Picassos politische „Wende“. In: Jost
Hermand, Politische Denkbilder. Von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch.
Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2011, S.177-185;
Hofmann, Werner: Picasso’s »Guernica« in its Historical Context. In: Artibus et Historiae 7
(1983), S. 141-169;
Hohl, Reinhold: Die Wahrheit über Guernica. In: Pantheon
36 (1978), S. 41-58;
Holm, Christiane Pablo Picassos »Traum und Lüge Francos«
und »Guernica«. In: Christiane Holm/Bettina Bannasch (Hrsg.), Erinnern und
Erzählen. Der Spanische Bürgerkrieg in der deutschen und spanischen Literatur
und in den Bildmedien. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2005, S. 145-160;
Schneider, Marlen: Picasso auf der Suche. »Guernica« und die
Atelierstudien zur Weltausstellung 1937. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 75
(2012), S. 239-260;
Spies, Werner: Picasso – Die Zeit nach Guernica 1937–1973. Verlag
Gerd Hatje, Stuttgart 1993, S. 11-24;
Weiss, Peter: Die Ästhetik des
Widerstands. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2016, S. 411-423
(ursprünglich erstmals 1975 in Band 1 erschienen);
Wischnitzer, Rachel: Picasso’s Guernica. A Matter of Metaphor.
In: Artibus et Historiae 12 (1985), S. 153-172;
Zeiller, Annemarie: Guernica und das Publikum: Picassos Bild
im Widerstreit der Meinungen. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1996;
Zimmermann, Michael F.: Pablo Picassos »Guernica« in der
deutschen Rezeption. In: Uwe Fleckner u.a. (Hrsg.), Jenseits der Grenzen.
Französische und deutsche Kunst vom Ancien Régime bis zur Gegenwart. Band III:
Dialog der Avantgarden. DuMont Buchverlag, Köln 200, S. 137-165.