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| Caravaggio: Auferweckung des Lazarus (1609); Messina, Museo Regionale |
Lazarus
Es war im Morgengrauen.
Als man den Stein mit
Mühe fortgewälzt,
weil nicht die Masse,
sondern Zeit schwer an ihm wog,
da hörten sie eine Stimme
voll Ruhe,
die mich rief, so wie ein
Freund ruft,
bleibt ein anderer zurück,
ermüdet vom Tagewerk, und
das Dunkel kommt.
Dann folgte langes
Schweigen.
So berichten jene, die es
sahen.
Ich erinnere mich nur
noch an die Kälte,
die so seltsam aufstieg
aus der tiefen Erde, voll
Beklemmung
eines Dämmerschlafs, und
langsam
meine Brust erweckte,
wo sie mit leichtem
Schlag verweilte,
begierig, warmes Blut zu
werden.
In meinem Körper
schmerzte
ein Schmerz, lebendig
oder geträumt.
Da war abermals das Leben.
als ich die Augen
aufschlug,
verkündete der blasse
Morgen
mir die Wahrheit. Denn
all jene
begierigen Gesichter über
mir, sie waren stumm,
in ungewissen Traum
verbissen, gemeiner als das Wunder,
wie eine finstere Herde,
die nicht auf die Stimme
achtet, sondern auf den Stein,
und den Schweiß auf ihren
Stirnen
hörte ich bleiern hinabtropfen
ins Gras.
Jemand sprach Worte
von einer zweiten Geburt.
Doch war da weder
Mutterblut
noch ein befruchteter
Leib,
der unter Leiden neues
leidendes Leben gebiert.
Nur breite Binden, gelbe
Grabtücher
von schwerem Geruch
entblößten
graues, schlaffes Fleisch
wie eine faule Frucht;
nicht den dunklen,
glatten Körper, die Rose des Verlangens,
sondern der Körper von
einem Sohn des Todes.
Der rote Himmel öffnet
sich in der Ferne
hinter den Oliven und den
Hügeln;
die Luft war ruhig.
Jedoch die Körper
zitterten
wie Zweige, wenn der Wind
bläst,
wuchsen aus der Nacht mit
ausgestreckten Armen
und reichten mir ihre
sterile Sehnsucht.
Das Licht quälte mich,
und ich vergrub die Stirn
im Staub,
als ich die Trägheit des
Todes spürte.
Ich wollte die Augen schließen,
das weite Dunkel suchen,
die Urfinsternis,
die ihren Wasserlauf
unter der Welt verbirgt
und mit Scham das
Gedächtnis wäscht.
Eine leidende Seele in
meinen Eingeweiden
schrie da auf in den dunklen
Korridoren
des Körpers, bitter,
verzerrt,
doch stieß sie gegen die Mauern
der Knochen
und beschwor Fieberfluten
herauf im Blut.
Jener, der die Lampe
hielt
als Zeugin dieses
Wunders,
löschte jäh die Flamme,
denn der Tag war schon
bei uns.
Ein rascher Schatten
fiel.
Da sah ich tief unter
einer Stirn ein Augenpaar
voll Mitleid, und
zitternd fand ich eine Seele,
in der die meine einen
weiten Spiegel fand,
kraft der Liebe nun
Herrin der Welt.
Ich sah Füße, sie zogen
die Grenze des Lebens,
sah den Rand einer
farblosen Tunika
in Falten, sie glitt,
bis sie das Grab berührte
wie ein Flügel,
der anspornt, zum Licht
zu fliegen.
Ich spürte erneut den
Traum, den Wahnsinn
und den Irrtum, am Leben
zu sein,
als leidendes Fleisch Tag
für Tag.
Doch er hatte gerufen,
und mir blieb nur noch,
ihm zu folgen.
So stand ich auf, ging
schweigend,
war alles mir auch fremd und
unnütz,
und dachte mir dabei: so
müßten sie
mich Toten tragen und der
Erde übergeben.
Das Haus war weit
entfernt;
erneut sah ich die weißen
Mauern
und sah die Zypresse im
Garten.
Über dem Dach stand hoch
ein blasser Stern.
Drinnen faden wir keine
Glut
in der Feuerstelle voller
Asche.
Alle umringten ihn am
Tisch.
Das Brot schmeckte mir
bitter, die Früchte fade,
das Wasser war schal, der
Körper ohne Verlangen;
das Wort Bruderschaft
klang falsch,
und vom Bild der Liebe
blieb
nur flüchtige Erinnerung
im Wind.
Er wußte wohl, alles war
tot
in mir, ich war ein Toter
und wandelte unter Toten.
Zu seiner Rechten sitzend
sah ich aus
wie jemand, dessen Rückkehr
alle feiern.
Seine Hand lag neben mir,
ich lehnte meine Stirn
daran,
voll Ekel vor meinem
Körper, meiner Seele.
So bat ich schweigend,
wie im Gebet
zu Gott, denn sein Name,
gewaltiger als Tempel,
Meere, Sterne,
findet Platz im Jammer
des verlassenen Menschen,
um Kraft, das Leben neu
zu leben.
So flehte ich unter
Tränen
um Kraft, ergeben mein
Unwissen zu tragen,
mich zu bemühen, nicht um
mein Leben, meinen Geist,
sondern eine Wahrheit,
die ich jetzt in diesen Augen
erschaut. Schönheit ist Geduld.
Ich weiß, die Lilie auf
dem Feld,
nach all den Nächten
demütiger Dunkelheit
beim langen Warten unter
der Erde,
bricht dereinst am
aufrechten grünen Stengel
zur weißen Blumenkrone
auf in triumphierender Pracht.
Luis Cernuda
(übersetzt von Susanne
Lange; aus: Luis Cernuda, Wirklichkeit und Verlangen. Gedichte. Suhrkamp
Verlag, Frankfurt am Main 2004)