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Martin Schongauer: Madonna im Fenster (um 1485); Los Angeles; J. Paul Getty Museum (für die Großansicht einfach anklicken |
Das
kleinste Gemälde des deutschen Malers und Kupferstechers Martin Schongauer (1448–1491)
befindet sich heute in Los Angeles im J. Paul Getty Museum: Seine Madonna im
Fenster ist nur 16,5 x 11 cm groß. Das verlangt eine Ansicht aus nächster
Nähe, was der Künstler mit höchsten malerischem Raffinement belohnt.
Maria
lehnt in einem steinernen Fenster, den Jesusknaben vor sich auf einem
prächtigen Kissen mit grün schillerndem Seidenbezug, das leicht über die
Vorderkante der Fensterbank in den Betrachterraum vorzuragen scheint. Doch was
auf den ersten Blick vielleicht wie eine alltägliche Szene wirkt – eine junge
Mutter steht mit ihrem Kind an einem Fenster ihres Hauses, um im hellen Licht
des Tages in einem Buch zu blättern –, hat mit der Alltagswirklichkeit des 15.
Jahrhunderts nichts zu tun. Denn aus dem kühlen Dunkel des Innenraums schwebt
ein tiefblauer Engel heran, der Mariens Krone und ein Szepter als Insignien des
himmlischen Herrscherpaares in Händen hält. Wo sich die beiden Figuren eigentlich
befinden, zu welcher Art Gebäude das Fenster gehört, wird völlig offengelassen.
Die Gottesmutter umgreift mit beiden Armen ihren
nackten Sohn und hält ihm ein geöffnetes Beutelbuch hin, in dem der muntere,
feingliedrige Junge etwas linkisch und ungestüm nach Kleinkindart blättert –
und seine Mutter wohl auf eine bestimmte Stelle aufmerksam macht. „Das beide
darin lesen können, macht zugleich klar, dass Maria zwar die Mutter des
Kleinkindes ist, dieses aber auch Gott und damit Mariens Vater und zugleich ihr
Gemahl ist“ (Kemperdick 2010, S. 316). Das Buch verweist zum einen auf den
Beginn des Johannes-Evangeliums, in dem Jesus selbst als das göttliche Wort,
als inkarnierter Logos bezeichnet wird (Johannes 1,1). Außerdem dürfte es als
Vorausdeutung auf die bereits festgeschriebenen späteren Ereignisse der Passion
zu verstehen sein.
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Rogier van der Weyden: Durán-Madonna (um 1440); Madrid, Museo del Prado |
Das
Thema der Madonna, die mit ihrem Sohn in einem Buch liest, ihm gewissermaßen
als Mutter das Lesen beibringt und dabei gleichzeitig seine eigenen Worte
lernt, war bereits im frühen 14. Jahrhundert bekannt: Rogier van der Weyden (1399/1400–1464)
hatte um 1440 eine in den Niederlanden mehrfach nachgeahmte Fassung dieses
Motivs geschaffen, die sogenannte Durán-Madonna (heute im Madrider
Prado). Sie ist ebenso wie die meisten gemalten Madonnen Schongauers in tiefes
Rot gekleidet. Möglicherweise hat der Colmarer Meister ein derartiges an die Rogier-Fassung
angelehntes Gemälde gekannt und als Anregung genutzt, war Rogier doch ein
wesentliches künstlerisches Vorbild für ihn.
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| Jan van Eyck: Madonna in der Kirche (um 1440, Ausschnitt); Berlin, Gemäldegalerie |
Die
Wiedergabe des Lichts ist als besondere Qualität des kleinen Madonnenbildchens
immer wieder hervorgehoben worden: Am Engel wie an der Krone wird sichtbar, wie
es die Formen aus dem dichten, einheitlichen Dunkel herausschält. Dabei
erinnert die Krone an solche des Jan van Eyck (um 1390–1441), und zwar durch
ihre hohe, filigrane Form und in der Darstellung des vor Dunkel in Lichtpunkten
aufblitzenden Goldes. Das Licht erzeugt auch auf der steinernen
Fenstereinfassung mit ihrer aufleuchtenden Kante einen äußerst naturalistischen
Effekt; die kleine Absplitterung auf der linken Seite steigert noch den
Eindruck von Materialität. Das über die Fensteröffnung vorstehende Kissen
wiederum verbindet „unsere Welt mit derjenigen der heiligen Personen, die
ungeheuer präsent, fast greifbar, doch zugleich völlig von uns geschieden sind“
(Kemperdick 2004, S. 181).
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| Martin Schongauer: Madonna mit dem Papagei (um 1470/75); Kupferstich |
Schongauer
stellte in seinem Kupferstich Madonna mit dem Papagei fast das gleiche
Motiv dar, das Holztäfelchen in Los Angeles dürfte aber einige Jahre später
entstanden sein. Im Gemälde ist der Bildausschnitt enger als auf dem
Kupferstich gefasst, sodass die beiden Figuren dem Betrachter näher rücken;
ihre Distanziertheit aber scheint größer geworden zu sein, was wesentlich am
Gesicht der Jungfrau liegen mag, die auf der älteren Grafik ein mädchenhaftes
Lächeln zeigt.
Auf
diesem Kupferstich befindet sich die Gottesmutter in einem schwer zu
bestimmenden Innenraum, dem links ein Fensterausblick auf eine Landschaft hinzugefügt
ist. Sie steht hinter einer Balustrade und hält mit ihrer Linken den
Jesusknaben fest, der vor ihr auf einem übereck liegenden Kissen auf der Brüstung sitzt. Wie auf
dem Gemälde ragt auch hier eine Ecke des Kissens illusionistisch in den
Betrachterraum hinein. Aber auch dessen Schatten, die mit Strichlein
strukturierte „Wand“ sowie das Monogramm gehören nicht mehr zur eigentlichen,
mit einer dünnen Einfassungslinie versehenen Bildfläche. „Schongauer nimmt
damit ein Spiel der Realitätsebenen vorweg, das Rembrandt 1646 in einer
Radierung mit dem Bildnis des Predigers Jan Cornelis Sylvius fast exakt genauso
betreiben sollte“ (Kemperdick 2004, S. 43). Dort ragen die ausgestreckte Hand
des Porträtierten und ein Buch scheinbar über den Rand des Bildfeldes hinaus
und vor das plane Papierblatt, auf das sie deutlichste Schlagschatten werden.
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| Rembrandt: Jan Cornelis Sylvius (1646); Radierung |
Die
Madonna blickt auf ein an der Wand gelehntes, geöffnetes Buch, in dem sie mit
der rechten Hand eine Seite umblättert. Wahrscheinlich ist die Heilige Schrift
und insbesondere das Neue Testament gemeint, in dem das Leben und die Passion
des hier noch jungen Christus eine zentrale Rolle einnehmen. Wie auf dem
Gemälde verweist die Verbindung von Buch und Kind auf die Fleischwerdung des
Wortes Gottes. Das deutlich gezeigte Geschlecht des Knaben betont dabei den
Aspekt der realen Leiblichkeit Christi nochmals – so auffallend, dass es in dem
Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek in früher Zeit unbeholfen mit Tinte
verdeckt wurde …
Auf
der linken Hand des Jesusknaben sitzt ein Papagei, dem der Junge seine ganze Aufmerksamkeit widmet; in der Rechten hält er eine
Frucht, wahrscheinlich eine Feige. Der Papagei „wurde im 15. Jahrhundert als
ein sprechendes und somit auf die Bibel verweisendes Tier betrachtet, aber noch
häufiger sah man darin ein Mariensymbol der unbefleckten Empfängnis“ (Sellink
2010, S. 317), weil man glaubte, dass das prachtvolle grüne Gefieder des
Papageis im Regen vollkommen trocken und sauber bleibt. Die Feige wiederum
verweist auf den Sündenfall, von deren Folgen, die Todverfallenheit der
Menschheit, Christus am Kreuz erlösen wird. Es war nämlich eher eine Feige als
ein Apfel, die Eva im Paradies pflückte.
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| Meister E. S.: Madonna mit Kind am Fenster (um 1460); Kupferstich |
Wie oft bei Schongauer
zeigt sich auch bei dieser Grafik der Einfluss des Meisters E. S. (um 1420 – um
1468), der um 1460 den Kupferstich Madonna mit dem Kind am Fenster
schuf. Die Übereinstimmung von Komposition und räumlicher Wirkung sind deutlich
erkennbar. Als weiteres Vorbild wird die Maria mit Kind von Dieric Bouts
(um 1415–1475) angeführt, die ebenfalls um 1460 entstanden sein dürfte. Dieses
Gemälde besitzt nicht nur den gleichen räumlichen Aufbau (Fensterbalustrade,
offenes Fenster mit Blick auf die Landschaft links dahinter), sondern teilt
sich darüber hinaus ein charakteristisches Detail mit Schongauers Stich – das
kleine Kissen, auf dem der Jesusknabe sitzt. Wahrscheinlich stand Schongauer
eine gezeichnete Kopie, Replik oder Variante zur Verfügung, wie sie von
niederländischen Meistern in großer Zahl zirkulierten.
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Dieric Bouts: Madonna mit dem Kind (um 1460); London, National Gallery |
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Kopie nach Rogier van der Weyden; Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen |
Die enge Verwandtschaft
des Kupferstichs mit einer in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts oft
kopierten Komposition Rogiers wird insbesondere in der Haltung von Maria und
Kind sowie in der Ausarbeitung der Kleidung und Haartracht deutlich, besonders
wenn man sich den Stich seitenverkehrt vorstellt, also so, wie er auf die
Platte gezeichnet worden sein muss. Vor allem aber stimmen die Gesichter der
beiden Marien sehr weitgehend überein.
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Martin Schongauer: Madonna im Hof (um 1475); Kupferstich (für die Großansicht einfach anklicken) |
Schongauers
Madonna im Hof zeigt Maria in ganzer Figur mit dem nackten Kind in ihrem
Schoß, seinen Kopf mit der linken Hand stützend. Sie sitzt inmitten eines
weiten, nur mit Gras bewachsenen Grundstücks, durch den zwei Wege führen. Maria
ist erneut mädchenhaft dargestellt, ihr langes Haar fällt in Locken über ihre
Schultern. Der hoch aufgerichtete schlanke Oberkörper ist nur von ihrem Kleid
bedeckt, während Hüften, Beine und Füße von einem übergroßen Mantel verhüllt werden,
der, glatt über die Oberschenkel gezogen, rund um die Sitzende herum eine
„Landschaft“ aus Falten bildet.
Das
Areal als Ganzes ist links und hinten durch hohe Mauern eingefriedet, von denen
die linke stark fluchtet; in der hinteren Ecke erhebt sich ein gotischer
Torturm. Hinter Maria steht ein knospender, noch unbelaubter Baum. Das Kind
ruht auf einem großen Zipfel des Mantels, hat das rechte Bein angezogen und
spielt mit dem rechten Zeigefinger an seinen Lippen. Maria schaut nach unten in
seine Richtung, ohne aber ihren Sohn anzublicken. Während ihr Haupt von einem
großen scheibenförmigen Heiligenschein hinterfangen wird, ist Christus mit
einem Kreuzstrahlennimbus versehen.
Den
Knaben zeigt Schongauer realitätsnah – als lebendigen, mit sich selbst
beschäftigten Säugling. Von Maria hingegen lässt sich das nicht sagen: Haupt
und Rumpf sind die einer sehr jungen schmalen Frau, die Schenkel aber sind
vergleichsweise zu mächtig und sitzen anatomisch nicht richtig am Körper. „Sie
dienen nur einem Zweck, dem Mantelstoff optische Auflage zu sein und so dem
Kind eine Art Liege zu bereiten, auf der es dem Betrachter präsentiert werden
kann“ (Falk/Hirte 1991, S. 121). Ebenso unnatürlich-kunstvoll ist das Maria
basisartig umgebende, vielförmige Faltenwerk. Es grenzt sie gegenüber dem Rasen
ab und kontrastiert zu den großen Flächen der Schenkel, um so das Kind hervorzuheben.
Dabei wiederholt die Stellung der Beine Mariens gegenläufig das entsprechende
Bewegungsmotiv des Kindes.
Der
umfriedete Hof, in dem Maria sich niedergelassen hat, ist ein Hinweis auf ihre
Jungfräulichkeit (hortus conclusus). Darauf verweist auch der Torturm im
Hintergrund, die porta clausa, die verschlossene Tür. Dass der Baum sich
auf Maria und Christus bezieht, machen seine über den beiden erscheinende Krone
und sein Stamm deutlich, der dem Kontur Mariens folgt. Es dürfte sich um den
Paradiesbaum handeln, von dessen Früchten Adam und Eva nicht essen sollten. Das
Austreiben des Baums symbolisiert dann den Neubeginn für die Menschheit, der
mit der Geburt Christi einsetzte. Maria wird damit zugleich wie schon in der Madonna
mit dem Papagei als „neue Eva“ inszeniert. Die Schlichtheit des Hofes
korrespondiert mit der würdevollen, aber auch nachdenklichen Demut Mariens.
Anders als in den Darstellungen als Himmelskönigin oder als Apokalyptisches Weib
(Offenbarung 12,1-2) werden so ihre menschlichen Züge betont.
Glossar
Als
Betrachterraum bezeichnet man in der Kunstwissenschaft den realen,
physischen Raum, in dem sich der Rezipient (der Betrachter) befindet, im
Gegensatz zum Bildraum (dem illusionistischen Raum innerhalb des Kunstwerks).
Literaturhinweise
Falk, Tilman/Hirthe, Thomas: Martin Schongauer. Das
Kupferstichwerk. Staatliche Graphische Sammlung, München 1991, S. 117-123;
Kemperdick, Stephan: Martin Schongauer.
Eine Monographie. Michael Imhof Verlag, Petersburg 2004, S. 41-44 und 181;
Kemperdick, Stephan: Martin Schongauer, Madonna im Fenster (um
1480). In: Till-Holger Borchert (Hrsg.), Van Eyck bis Dürer. Altniederländische
Meister und die Malerei in Mitteleuropa. Chr. Belser, Stuttgart 2010, S. 316;
Sellink, Manfred: Martin Schongauer, Madonna mit dem
Papagei (um 1480-85?). In: Till-Holger Borchert (Hrsg.), Van Eyck bis Dürer.
Altniederländische Meister und die Malerei in Mitteleuropa. Chr. Belser,
Stuttgart 2010, S. 317.