 |
| Antonello da Messina: Hl. Sebastian (um 1478); Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister |
Monumental ragt die Gestalt
des frühchristlichen Märtyrers Sebastian vor uns auf, fast unbekleidet und von
fünf Pfeilen durchbohrt. Angebunden steht er an einem Baum inmitten einer
städtischen, von Häusern gesäumten Piazza. Der Renaissancemaler Antonello da
Messina (1430–1479) zeigt sie aus tiefer Untersicht, deswegen wirken die sie
umgebenden Gebäude, als würden sie steil emporstreben. Links sieht man einen
mehrgeschossigen Palazzo mit hochragenden zylindrischen Kaminschornsteinen. Von
ihm leitet ein Brückengang zu einem mehrbogigen Quertrakt über, auf dessen
Terrasse an über die Brüstung gelegten Teppichen jeweils zwei Frauen stehen.
Sebastians Martyrium ist bereits beendet. Zwar läuft Blut aus seinen Pfeilwunden,
aber Sebastian krümmt sich nicht vor Schmerzen oder sinkt halb ohnmächtig
zusammen – er steht vielmehr aufrecht, dem Betrachter frontal zugewandt, den
Blick zum Himmel gerichtet. Sebastian macht einen „fast träumerischen,
verklärten Eindruck“ (Schneider 2002, S. 67). Der schönlinig geschwungene Leib
spannt sich in einem durchgehenden Bogen von den Füßen über das leicht
ausgestemmte Becken bis zum seitlich geneigten Kopf. Geradezu klassisch ist die
Schrittstellung des Märtyrers: Deutlich wird zwischen Stand- und Spielbein
unterschieden. Wie sein Körper sind auch die Gesichtszüge Sebastians von einem
Ebenmaß gekennzeichnet, an denen sich die vorausgegangenen Leiden nicht ablesen
lassen – ganz im Gegensatz zu Antonellos kleinformatigem Christus an der
Geißelsäule, dessen Gesicht von Blutstropfen und Tränen gezeichnet ist.
 |
| Antonello da Messina: Christus an der Geißelsäule (um 1476/78), Paris, Louvre |
Antonello stellt Sebastian
an einen Baum (was dem Text der Legenda aurea entspricht), dessen Äste
abgeschnitten wurden und der sich aus einem Fließenfußboden erhebt. Von den
Bogenschützen ist niemand zu sehen. Mit seinem Tafelbild hat sich Künstler für
einen Traditionsstrang der Sebastian-Darstellung entschieden, die den Heiligen
als idealschönen, verklärten Märtyrer zeigt, im Gegensatz zu dem leidenden
Sebastian während oder nach dem Martyrium, wie er sich z. B. bei den Brüdern Antonio
(1431–1598) und Piero del Pollaiuolo (1443–1496) oder Lorenzo Costa (1460–1535)
findet.
 |
Antonio und Piero del Pollaiuolo: Martyrium des hl. Sebastian (1475); London, National Gallery |
 |
Lorenzo Costa: Hl. Sebastian (1480/85); London, National Gallery |
Dem Betrachter scheint sich
eine geradezu alltägliche Szene zu bieten. Links hat sich ein Lanzenträger zum
Schlaf niedergelegt, rechts stehen zwei Soldaten beisammen. Passanten gehen
vorbei, Damen blicken von Balkonen, die mit Teppichen geschmückt sind, auf den
Platz. Auch aus dem mit einem Tuch verhangenen Fenster des am linken Bildrand
platzierten Palazzo schaut eine Person hervor. Die Szenerie und alle
Beteiligten strahlen eine große Ruhe aus. Die Diskrepanz zwischen der
idyllischen Beschaulichkeit der im Hintergrund verweilenden oder wandelnden
Personen und der Bestrafung des Sebastian ist offenkundig.
Die vom Bildrand
angeschnittene, in starker Verkürzung neben dem Märtyrer liegende Säulentrommel
unterstreicht zum einen die Tiefenführung des Bildraums und macht zum anderen
Antonellos meisterhafte Beherrschung der Zentralperspektive deutlich. Sie könnte
einerseits auf die „Fortezza“ des Heiligen anspielen; andererseits ist die
beschädigte Säule aber auch ein traditionelles Symbol für die Überwindung der
heidnischen Antike durch das Christentum. Andrea Mantegna (1431–1506) hat
diesen Aspekt bei der Wiedergabe ruinöser antiker Architektur in seinem Wiener
Sebastian-Gemälde besonders nachdrücklich betont (siehe meinen Post „Das Pfeilmartyrium des Pestheiligen“). Vielleicht weist Antonello mit der Säule
auch darauf hin, dass der hl. Sebastian – so die Legenda aurea – durch
seinen Glauben mehr als 200 Götzenbilder zerstörte.
 |
| Andrea Mantegna: Hl. Sebastian (1459/60); Wien, Kunsthistorisches Museum |
Der Fluchtpunkt des Bildes
liegt extrem tief – auf der Höhe der Unterschenkels oder sogar des Knöchels des
hl. Sebastian. Das schmale Hochformat bietet zudem einen sehr engen, sehr nah
an die Figur herangerückten Bildausschnitt, so dass die in der ferne liegenden
Bauten kleiner aussehen als der Märtyrer, der die Stadt beschützt – denn der
hl. Sebastian soll die Stadt gegen die Pest beschirmen. Geradezu riesig wirkt
der Heilige im Vergleich zu der durch den niedrigen Fluchtpunkt verkleinerten
Stadt. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Pfeile gewissermaßen
vom Raum des Betrachters aus auf ihn treffen. „Der beengte Rahmen, das Spiel
von Fluchtpunkt und Bildausschnitt bringt, wenn man so will, einen
kinematografischen Effekt hervor: Es gleicht einer bemerkenswerten, mit dem
Teleobjektiv aufgenommenen Großaufnahme“ (Arasse 2006, S. 75). Aber auch wir
selbst als Betrachter sind im Vergleich zu Antonellos Heiligem winzig klein –
die perspektivische Anlage des Bildes erinnert den Betrachter zugleich an die
Andacht und versetzt ihn in die Rolle des Betenden unter dem hl. Beschützer.
 |
| Paolo Uccello: Schlacht von San Romano (um 1438/40); London, National Gallery |
 |
| Andrea Mantegna: Cristo in scurto (um 1480), Mailand, Pinacoteca di Brera |
Norbert Schneider deutet
die links im Mittelgrund am Boden liegende, ebenfalls stark verkürzt
wiedergegebene Figur als den mit einem Stab niedergeschlagenen Sebastian, auf
den einer mit Waffen, darunter einer zweizinkigen Forke, ausgestatteten
Soldaten hinweist. Das zwischen den beiden Männern geführte Gespräch könnte
davon handeln, so Schneider, den Märtyrer in die Kloake zu werfen, die im
Mittelgrund als in die Piazza eingeschnittene Kanalisation angedeutet ist. Als Vorbild
für den verkürzt dargestellten Schlafenden wäre auf Paolo Uccello (1397–1475)
hinzuweisen, der um 1450/50 in seiner Schlacht von San Romano einen gefallenen
Soldaten bäuchlings auf der Erde liegend zeigt, ebenso auf Mantegnas Cristo
in scurto, der den toten Christus so im Bild präsentiert, dass die
Fußsohlen parallel zur Bildfläche aufragen und der gesamte Körper sich nach
hinten in die Bildtiefe zieht (siehe meinen Post „Andrea Mantegnas ,Cristo in scurto‘“).
Die beiden patriarchenhaft wirkenden Männer hinter dem mächtigen rechten
Bogenpfeiler sind dementsprechend als die beiden (damals tatsächlich gemeinsam
regierenden) Kaiser zu identifizieren, worauf ihr Habit schließen lässt:
kostbare, teilweise vergoldete Gewänder und zylindrische Kopfbedeckungen mit
oberen Ausbuchtungen, wie sie auch Kaiser Konstantin auf Piero della Francescas
Fresko der Legende des wahren Kreuzes
in Arezzo trägt (1453/54). Antonellos Gemälde ist somit als eine mehrere
Episoden vereinigende Darstellung zu lesen. Die Geschehnisse sind freilich nur
sehr sparsam angedeutet, „fast erscheinen sie ihres Bewegungscharakters
entkleidet“ (Schneider 2002, S. 69). Auffällig ist die räumliche Trennung der
Akteure, das geringe Maß ihres Zusammenspiels. Diese Stillstellung dient wie
bei den Andachtsbildern, bei denen ein Handlungselement aus der
Passionsgeschichte zum Zweck der meditativen Versenkung herausgelöst und
verselbständigt wird, der kontemplativen Memoria einzelner Stationen des
Martyriums.
Die Kirchenväter
betrachteten das Martyrium der frühen Christen als zweite Taufe, und zwar als Taufe
mit dem eigenen Blut. „Dadurch war die unmittelbare Aufnahme des Märtyrers in
den Himmel gewährleistet, so dass dieser vor Christus und Maria Fürbitte für
die Gläubigen einlegen konnte“ (Henning 2005, S. 14). Das mimische Kennzeichen,
mit dem die bevorstehende Aufnahme in das Paradies angedeutet wird, ist der
himmelnde Blick. Denn nachdem Stephanus, der erste von der Bibel bezeugte
Märtyrer nach der Himmelfahrt Christi, bei seiner Steinigung den geöffneten
Himmel sah, wo Christus zur Rechten Gottes stand (Apostelgeschichte 7,55),
wurde der himmelnde Blick ein fester Bestandteil der Märtyrerikonografie. Die
Bibel merkt ausdrücklich an, dass Stephanus mit gen Himmel gewendeten Augen die
Herrlichkeit sah. Weil der hl. Sebastian sein erstes Martyrium überlebte,
setzten die Kirchenväter dies mit der Auferstehung Christi gleich. Deshalb
konnte Sebastians Körper in makelloser Schönheit präsentiert werden: Der
jugendliche Akt veranschaulicht das göttliche Versprechen auf ewiges Leben und
die durch den Opfertod Christi erneute paradiesische Vollkommenheit.
Die überaus zahlreichen
Sebastian-Darstellungen in der abendländischen Kunst verdanken sich vor allem
der kontinuierlichen Präsenz der Pest in Europa seit dem Ausbruch der großen
Epidemie 1347. Sebastian wurde wie Rochus, Cosmas und Damian als Pestheiliger
verehrt und angerufen, weil die Pfeile seines Martyriums als Symbole für diese
Seuche galten. Obwohl zwischen der Folter des frühchristlichen Märtyrers und
der Pest kein Zusammenhang besteht, bot sich Sebastian in Zeiten der Seuche als
Fürsprecher und Vermittler an: Er wurde angefleht, Gottes Zorn zu besänftigen,
auf dass der Allmächtige den Pestpfeilen Einhalt gebiete bzw. die Gläubigen das
Seuchen-Strafgericht überstehen lasse.
Auch Antonello hat seinen Hl.
Sebastian für einen Pestaltar gemalt. Der Künstler hielt sich nachweislich,
gut belegt durch Bilder und Dokumente, vom Herbst 1474 bis Sommer 1476 in
Venedig auf, und Venedig bildet auch die Szenerie für seinen Hl. Sebastian:
Nicht nur die Wasserwege im Hintergrund, sondern auch die für die Lagunenstadt
so typischen Schornsteine sind eindeutige Kennzeichen, welche Örtlichkeit
gemeint ist. Aufgestellt wurde Antonellos Gemälde in der venezianischen Kirche
San Giuliano, und zwar als Altar der Bruderschaft des hl. Rochus. Die Gründung
dieser Bruderschaft erfolgte nach dem Ausbruch einer verheerenden Pestepidemie
im Jahr 1478, die Venedigs Einwohnerzahl um ganze 15 Prozent dezimierte. In
seiner leiblichen Unversehrtheit und Schönheit wird Antonellos Hl. Sebastian
ein Gegenbild zu den von der Pest befallenen Körpern. Sebastian, der das
Pfeilmartyrium durch ein Wunder Gottes überlebt hat, wird „zu einem
Versprechen, dass die Gläubigen, selbst wenn sie am schwarzen Tod sterben
müssen, einen zeitlosen, überirdischen, makellosen Körper bekommen“ (Bohde
2004, S. 92).
Literaturhinweise
Arasse, Daniel: Meine Begegnungen mit Leonardo, Raffael &
Co. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2006, S. 75 und 157-158;
Bohde, Daniela: Ein Heiliger der Sodomiten? Das erotische
Bild des Hl. Sebastian im Cinquecento. In: Mechthild Fend/Marianne Koos
(Hrsg.), Männlichkeit im Blick. Visuelle Inszenierungen in der Kunst seit der
Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Köln 2004, S. 79-98;
de Voragine, Jacobus:
Legenda aurea. Erster Teilband. Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar
von Bruno W. Häuptli. Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2014, S. 381-391;
Henning, Andreas: Der »Heilige Sebastian« von Antonello da
Messina – ein Kunststück der Renaissance. In: Andreas Henning/Günter Ohlhoff
(Hrsg.), Antonella da Messina: Der heilige Sebastian. Kabinettausstellung
anlässlich der Restaurierung des Gemäldes. Michel Sandstein Verlag, Dresden
2005, S. 7-24;
Schneider, Norbert: Venezianische Malerei der Frührenaissance.
Von Jacopo del Fiore bis Carpaccio. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
Darmstadt 2002, S. 63-70.