Freitag, 27. Februar 2026

Luis Cernuda: Lazarus

Caravaggio: Auferweckung des Lazarus (1609); Messina, Museo Regionale
  

Lazarus

 

Es war im Morgengrauen.

Als man den Stein mit Mühe fortgewälzt,

weil nicht die Masse, sondern Zeit schwer an ihm wog,

da hörten sie eine Stimme voll Ruhe,

die mich rief, so wie ein Freund ruft,

bleibt ein anderer zurück,

ermüdet vom Tagewerk, und das Dunkel kommt.

Dann folgte langes Schweigen.

So berichten jene, die es sahen.

 

Ich erinnere mich nur noch an die Kälte,

die so seltsam aufstieg

aus der tiefen Erde, voll Beklemmung

eines Dämmerschlafs, und langsam

meine Brust erweckte,

wo sie mit leichtem Schlag verweilte,

begierig, warmes Blut zu werden.

In meinem Körper schmerzte

ein Schmerz, lebendig oder geträumt.

 

Da war abermals das Leben.

als ich die Augen aufschlug,

verkündete der blasse Morgen

mir die Wahrheit. Denn all jene

begierigen Gesichter über mir, sie waren stumm,

in ungewissen Traum verbissen, gemeiner als das Wunder,

wie eine finstere Herde,

die nicht auf die Stimme achtet, sondern auf den Stein,

und den Schweiß auf ihren Stirnen

hörte ich bleiern hinabtropfen ins Gras.

 

Jemand sprach Worte

von einer zweiten Geburt.

Doch war da weder Mutterblut

noch ein befruchteter Leib,

der unter Leiden neues leidendes Leben gebiert.

Nur breite Binden, gelbe Grabtücher

von schwerem Geruch entblößten

graues, schlaffes Fleisch wie eine faule Frucht;

nicht den dunklen, glatten Körper, die Rose des Verlangens,

sondern der Körper von einem Sohn des Todes.

 

Der rote Himmel öffnet sich in der Ferne

hinter den Oliven und den Hügeln;

die Luft war ruhig.

Jedoch die Körper zitterten

wie Zweige, wenn der Wind bläst,

wuchsen aus der Nacht mit ausgestreckten Armen

und reichten mir ihre sterile Sehnsucht.

Das Licht quälte mich,

und ich vergrub die Stirn im Staub,

als ich die Trägheit des Todes spürte.

 

Ich wollte die Augen schließen,

das weite Dunkel suchen,

die Urfinsternis,

die ihren Wasserlauf unter der Welt verbirgt

und mit Scham das Gedächtnis wäscht.

Eine leidende Seele in meinen Eingeweiden

schrie da auf in den dunklen Korridoren

des Körpers, bitter, verzerrt,

doch stieß sie gegen die Mauern der Knochen

und beschwor Fieberfluten herauf im Blut.

 

Jener, der die Lampe hielt

als Zeugin dieses Wunders,

löschte jäh die Flamme,

denn der Tag war schon bei uns.

Ein rascher Schatten fiel.

Da sah ich tief unter einer Stirn ein Augenpaar

voll Mitleid, und zitternd fand ich eine Seele,

in der die meine einen weiten Spiegel fand,

kraft der Liebe nun Herrin der Welt.

 

Ich sah Füße, sie zogen die Grenze des Lebens,

sah den Rand einer farblosen Tunika

in Falten, sie glitt,

bis sie das Grab berührte wie ein Flügel,

der anspornt, zum Licht zu fliegen.

Ich spürte erneut den Traum, den Wahnsinn

und den Irrtum, am Leben zu sein,

als leidendes Fleisch Tag für Tag.

Doch er hatte gerufen,

und mir blieb nur noch, ihm zu folgen.

 

So stand ich auf, ging schweigend,

war alles mir auch fremd und unnütz,

und dachte mir dabei: so müßten sie

mich Toten tragen und der Erde übergeben.

Das Haus war weit entfernt;

erneut sah ich die weißen Mauern

und sah die Zypresse im Garten.

Über dem Dach stand hoch ein blasser Stern.

Drinnen faden wir keine Glut

in der Feuerstelle voller Asche.

 

Alle umringten ihn am Tisch.

Das Brot schmeckte mir bitter, die Früchte fade,

das Wasser war schal, der Körper ohne Verlangen;

das Wort Bruderschaft klang falsch,

und vom Bild der Liebe blieb

nur flüchtige Erinnerung im Wind.

Er wußte wohl, alles war tot

in mir, ich war ein Toter

und wandelte unter Toten.

 

Zu seiner Rechten sitzend sah ich aus

wie jemand, dessen Rückkehr alle feiern.

Seine Hand lag neben mir,

ich lehnte meine Stirn daran,

voll Ekel vor meinem Körper, meiner Seele.

So bat ich schweigend, wie im Gebet

zu Gott, denn sein Name,

gewaltiger als Tempel, Meere, Sterne,

findet Platz im Jammer des verlassenen Menschen,

um Kraft, das Leben neu zu leben.

 

So flehte ich unter Tränen

um Kraft, ergeben mein Unwissen zu tragen,

mich zu bemühen, nicht um mein Leben, meinen Geist,

sondern eine Wahrheit, die ich jetzt in diesen Augen

erschaut. Schönheit ist Geduld.

Ich weiß, die Lilie auf dem Feld,

nach all den Nächten demütiger Dunkelheit

beim langen Warten unter der Erde,

bricht dereinst am aufrechten grünen Stengel

zur weißen Blumenkrone auf in triumphierender Pracht.

 

Luis Cernuda

(übersetzt von Susanne Lange; aus: Luis Cernuda, Wirklichkeit und Verlangen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004)

 

 

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