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| Das Mittelportal an der Westfassade der Kathedrale von Amiens |
In mittelalterlichen Kathedralen ist vor dem steinernen Mittelpfosten eines Portals (Trumeau genannt) oftmals eine ebenfalls steinerne Christus-Skulptur angebracht. Sie hat eine klare theologische Bedeutung, die mit Jesu eigenen Worten aus dem Johannes-Evangelium verknüpft ist: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden“ (10,9; LUT). Sinnbildlich ist in der Vorstellung des Mittelalters jedes Kirchenportal – auch das schmuck- und bildlose – als Zugang zu Christus gemeint, als Teilhabe an der Kirche und ihren Gnadenmitteln sowie schließlich als Hoffnung auf zukünftigen Einlass durch die Pforte des Paradieses.
Häufig wird an solchen Portalen noch eine zweite Gleichnisrede Christi dargestellt: das Gleichnis von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1-13). Die klugen Jungfrauen – so lehrt Christus –, die sich zeitig auf die Ankunft des Bräutigams vorbereitet haben, werden von diesem, d. h. von Christus selbst, durch die offene Pforte des Paradieses eingelassen, wogegen die törichten die Tür verschlossen vorfinden. Vielfach stehen die zweimal fünf Gestalten im Türsturz, in den Archivolten oder auf den seitlichen Türpfosten, und zwar die klugen Jungfrauen stets links, d. h. auf der Segensseite zur Rechten Christi, die törichten ihnen gegenüber auf der Seite des Verdammungsspruchs.
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| Der Trumeau-Christus an der Kathedrale von Chartres |
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| Der Beau Dieu von Amiens (für die Großansicht einfach anklicken) |
Der Trumeau-Christus wird seit dem 19. Jahrhundert auch Beau Dieu („Schöner Gott“) genannt, weil das Ebenmaß seiner Gesichtszüge als besonders edel und hoheitsvoll empfunden wurde. Im Hauptportal der Kathedrale von Amiens ist der Beau Dieu erstaunlich hoch angebracht: viereinhalb Meter über dem Schwellenniveau des Kirchgängers. „Christus ist im anschaulichen Sinne des Wortes der Erhöhte, der Tod und Teufel besiegt hat“ (Schlink 1991, S. 24). Die Figur ist mit 260 cm deutlich überlebensgroß, auch aus der Fernsicht. Beachtenswert ist insbesondere, dass sie nicht, wie bis dahin üblich, aus dem Block des rückwärtigen Trumeau gemeißelt wurde. Der Amienser Christus ist eine der ersten Portalfiguren der Gotik, die sich von der Bindung an architektonische Elemente freigemacht hat und als raumgreifende Vollfigur, d. h. als Statue im antiken Sinne, vor die Portalarchitektur gestellt ist.
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| Der Trumeau-Christus an der Kathedrale von Reims |
Die Kleidung des Amienser Beau Dieu besteht aus einem eng anliegenden, armlangen Hemd und einem bodenlangen Obergewand mit weiten Ärmeln; darüber ein um die linke Schulter und die rechte Hüfte geschlungener Mantel. Das eine Ende des Manteltuchs hängt von der linken Schulter bis knapp über den Fuß herab, das andere ist zwischen die linke Taille und den linken Unterarm eingeklemmt. Dieselbe Kleidung trägt der Trumeau-Christus von Chartres oder der von Reims, jedoch ist jedesmal die bildhauerische Ausführung der Gewandfalten grundlegend anders.
| Der Trumeau-Christus der Pariser Kathedrale Notre-Dame |
Die Tiere zu Füßen des Amienser Trumeau-Christus weisen ihn als denjenigen aus, von dem es in Psalm 91,13 heißt: „Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten“ (LUT). Körperhaltung und Fußstellung beschreibt Wilhelm Schlink als ein schwebendes, zum Stillstand gekommenes Schreiten: „Das aktivistische Bild des Schreitens und Zertretens, das Psalm 91 vorgibt, hat sich im Amienser Beau-Dieu dem statischen Bild des Erhöhten, der in aufrechter Haltung über Tod und Teufel triumphiert, anverwandelt“ (Schlink 1991, S. 31/33). Im 13. Jahrhundert war der Beau Dieu von Amiens höchstwahrscheinlich farbig gefasst. Vor allem die heute leer blickenden Augäpfel dürften mit Pupillen bemalt gewesen sein, denn bei dieser Skulptur „scheint das leicht angehobene, etwas flache und ausdrucksarme Gesicht einzig und allein im Blicken kulminieren zu wollen; ein Blicken, das nicht dem Kirchgänger gilt, sondern als Blicken des Erhöhten über die Köpfe hinweg in die Weite und Ferne führt“ (Schlink 1991, S. 35).
| Majestas-Domini-Darstellung an der Fassade der ehemaligen Kathedrale Saint-Trophime in Arles |
Buch und Segenshand Christi sind ein Produkt der 1840er Jahre, als die Amienser Westportale restauriert wurden. Dabei meint das Buch nicht eine bestimmte Selbstaussage Christi oder einen seiner Lehrsätze – es ist vielmehr Attribut dessen, der nach dem berühmten Johannesprolog den „Logos“ verkörpert: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“ (Johannes 1,1-3; LUT). Und die Segenshand gilt nicht allein dem Kirchenvolk von Amiens, sondern sie zeichnet Christus in seiner Machtfülle und Hoheit aus, und sie gilt dem gesamten Erdkreis. Sieger über Tod und Teufel, von Ewigkeit zu Ewigkeit Regierender, Inkarnation des göttlichen Logos – darin gleicht der gotische Trumeau-Christus den Darstellungen der Majestas Domini. Unterschiedlich ist nur die Platzierung am Portal, denn die Majestas-Domini-Abbildungen schmückten während des 13. Jahrhunderts die Tympana der Kirchenportale.
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| Hier nochmals das Amienser Mittelportal der Westfassade in seiner ganzen Pracht – und mit Größenvergleich |
Der Trumeau-Christus ist aber alles andere als eine isolierte Statue der Amienser Westfassade – er bildet das Zentrum eines über 800 Figuren umfassenden Skulpturenprogramms an einer 35 Meter langen und nahezu 20 Meter hohen Portalanlage. Über dem Beau Dieu sind die Wiederkunft Christi und das Jüngste Gericht dargestellt; das rechte Portal zeigt die Menschwerdung Christi, seine Anbetung und seine Darbringung im Tempel, in den Aposteln des Mittelportals und den lokalen Gründerbischöfen des linken Portals die Gemeinde Christi, in den Tugend- und Lasterdarstellungen des Portalsockels schließlich „die Anspielung auf den Kampf, den der Glaubende in der Nachfolge Christi tagtäglich auszufechten hat“ (Schlink 1991, S. 57). In zwei dicht gedrängten Reihen stehen die zwölf Apostel links und rechts an den Seiten des Beau Dieu. Sie sind nicht als namentlich benennbare Einzelfiguren wiedergegeben, sondern als Apostelkollektiv – nur Petrus, Paulus, Johannes und Jakobus d.Ä. lassen sich an physiognomischen oder charakteristischen Attributen erkennen. Ihre Feinde und Peiniger sind als Konsolfiguren unter den Standplatten angebracht (z. B. Simon Magus unter Petrus, Kaiser Nero unter Paulus). Dadurch wird ihr Martyrium angedeutet: Wie Christus selbst sind auch die Apostel als Erhöhte und Sieger gekennzeichnet.
Glossar
Archivolte: plastisch gestalteter Bogenlauf im romanischen und gotischen Portal.
Majestas Domini (lat. für „Herrlichkeit des Herrn“): ein besonders im Mittelalter beliebtes Bildschema, bei dem Christus auf seinem Thron, oft auch in einer Mandorla und umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten dargestellt wird; häufig hält Christus in seiner linken Hand das Buch des Lebens und seine Rechte ist im Sprech- oder Segensgestus erhoben.
Tympanon: oft mit Reliefs geschmücktes, nach oben bogenförmig abschließendes Feld über dem Türsturz eines Portals.
Literaturhinweise
Schlink, Wilhelm: Der Beau-Dieu von Amiens. Das Christusbild der gotischen Kathedrale. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1991;
LUT = Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.





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