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Homer (Kopie der frühen Kaiserzeit nach einem um 460 v.Chr. entstandenen
Bildnis) München, Glyptothek (für die Großansicht einfach anklicken) |
Wir haben nur seine
Verse – alles Übrige, seine Herkunft wie auch die Zeit, in der er gelebt hat,
ist ungewiss. Bereits im Altertum wusste man nichts Gesichertes über Homer.
Fest steht nur, dass die Ilias und
die Odyssee die ältesten uns
unversehrt überlieferten Werke der Weltliteratur sind. Die beiden Epen umfassen
fast 30000 Verse, alle geschrieben in daktylischen Hexametern. Das Vorbild der homerischen Epen inspirierte
später viele Dichter wie z. B. den Römer Vergil, der seine Aeneis ebenfalls
in Hexametern verfasste. Der Ursprung von Ilias
und Odyssee liegt in der einfachen
Form des Heldenlieds. Diese Heldenlieder sind offensichtlich über viele Jahrzehnte
oder sogar Jahrhunderte mündlich tradiert worden.
Aufgrund philologischer und
archäologischer Forschungen erscheint es heute als sehr wahrscheinlich, dass
die schriftlichen Fassungen der beiden Epen im 8. Jahrhundert v.Chr. entstanden
sind. In diese Zeit passen die Schilderungen von Lebensweise und sozialen
Verhältnissen der Homerischen Helden. Im Epos selbst jedoch wird häufig darauf hingewiesen, dass es von einer früheren Zeit handelt.
Realitätsgehalt gewann die Geschichte des Trojanischen Krieges, von der die Ilias erzählt, durch die Ausgrabungen
von Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert. Spätere Ausgrabungen haben dies
bestätigt und lassen uns heute den Krieg um Troja in die Zeit um 1200 v.Chr.
datieren.
Da Homer lange vor
der Zeit lebte, in der die Griechen ein individuelles menschliches Angesicht
gestalteten, ist sein Aussehen auch in der Antike unbekannt gewesen. Obwohl im
Altertum wohl jedes Schulkind Verse von Homer auswendig lernen musste und
sicherlich an vielen Orten Homer-Bildnisse aufgestellt waren, hat sich nur eine
kleine Bronzebüste erhalten, die mit seinem Namen beschriftet ist. Dabei
handelt es sich jedoch um eine Arbeit aus römischer Zeit. Dass wir dennoch
unter den vielen erhaltenen antiken Köpfen die von Homer identifizieren
können, verdanken wir vor allem dem Hinweis antiker Schriftsteller, der Dichter sei
blind gewesen. „Die Vorstellung von der Blindheit Homers ist sicher nicht ein
individueller biographischer Zug, sondern geht von der auch in den alten
Kulturen des Orients verbreiteten Ansicht aus, daß durch Blindheit dem Dichter
und Sänger eine besondere Begabung der Erinnerung und eine von allem Äußeren
nicht ablenkbare innere Schau und tiefstes Wissen zuteil werde“ (Wünsche 1999,
S. 12). Die griechische Kunst des 5. Jahrhunderts v.Chr. hat versucht, die
Blindheit eines Menschen durch geschlossene Augenlider anzuzeigen – so wie bei
dem Porträtkopf aus der Münchner Glyptothek.
Wie alle griechischen
Porträts gehörte auch der Münchner Kopf ursprünglich zu einer Statue. Wie sie
aussah, ist uns unbekannt. Die aufrechte Kopfhaltung lässt eher auf eine
Standfigur als auf eine Sitzstatue schließen; der damaligen Greisenikonographie
entsprechend, müsste sie sich auf einen Stab gestützt oder dieses Attribut der
Greise und besonders der Blinden in der Hand gehalten haben. Vergleicht man
Haar- und Bartbildung mit anderen griechischen Werken, dann könnte die
Originalstatue um 460 v.Chr. entstanden sein; wahrscheinlich war sie in Bronze
gearbeitet.
Der unbekannte Künstler hat Homer nicht als einen von körperlichem
Verfall gezeichneten Greis, sondern als würdigen alten Mann dargestellt. Zwar zeigt das Gesicht typische Altersmerkmale wie steil abfallende Brauen, vorspringende Backenknochen, Furchen und Falten, andere jedoch wie eingefallene Wangen, welkes Fleisch und tiefe
Augenhöhlen sind nur zurückhaltend angegeben. Vor allem das volle Haupthaar ist kein Hinweis auf ein
hohes Alter: Dichte, lange Strähnen, die von einer Binde gehalten werden,
bedecken den Kopf. Über Ohren und Nacken kräuselt sich das herabfallende Haar
in dichten Locken. Die Stirn bleibt frei, indem die in das Gesicht fallenden,
langen Strähnen aufgenommen und über der Stirnmitte zu einem kleinen Knoten
gebunden werden. Der mächtige, aus vertikalen, fließenden Strähnen gebildete Bart ist sorgsam gepflegt.
Ähnlich wie die
bedeutungsvoll geschlossenen Augen sind wahrscheinlich auch die Stirnfalten
nicht einfach als realistisches Detail für Alter gemeint. Durch ihre streng
parallele Führung wirken sie zeichenhaft und „sollen wohl das unendliche Erinnerungsvermögen
des Dichters andeuten“ (Zanker 1995, S. 24). Homer wirkt wie fernab von dieser
Welt, als würde er nichts Äußeres wahrnehmen. „Den leicht geöffneten Mund mit
der vollen Unterlippe könnte man sogar so deuten, als würde Homer in tiefer
Versunkenheit seine eigenen Verse memorieren“ (Wünsche 1999, S. 14). Dichtkunst
wird in diesem Bildnis als Gabe der Götter, als eine Art Sehertum und Schau
verstanden.
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1972 vor der Küste von Riace von einem Hobbytaucher entdeckt; zwei griechische Bronze-
figuren aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr. (für die Großansicht einfach anklicken) |
Es erstaunt, dass
eine Gesellschaft, die Körperkraft und Jugend so verherrlicht hat wie die Griechen des 6. und 5. Jahrhunderts v.Chr., die höchste geistige Autorität in
der Gestalt eines Greises darstellt. Man muss sich vor Augen halten, dass ein
solches Homer-Bildnis in einem Heiligtum neben Götter- und Heroenstatuen wie
den Bronzen von Riace gestanden haben könnte. „Der grenzenlosen Verehrung der
Jugend und Kraft im Bild des Athleten und Kriegers wurde die mit körperlicher
Hinfälligkeit verbundene Weisheit des Alters entgegengesetzt“ (Zanker 1995, S. 27/28). In der Vorstellung
der Griechen waren alle großen Intellektuellen alt: Es gibt in ihrer Kunst kein
Bildnis eines wirklich jugendlichen Dichters und schon gar nicht eines Philosophen.
Literaturhinweise
Gliwitzky, Christian/Knauß, Florian
S.: Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt. Hirmer Verlag, München 2017, S 49-52;
Kovacs, Martin: Charakter und
Präsenz im griechischen Porträt. Realistische Bildnisentwürfe zwischen
Klassik und Hellenismus. In: Christiane Nowak/Lorenz Winkler-Horaček (Hrsg.),
Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Realismen in der griechischen Plastik.
Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfl. 2018, S. 27-49;
Vorster, Christiane: Das Porträt im
vorhellenistischen Griechenland – eine Standortbestimmung. In: Dietrich
Boschung/François Queyrel (Hrsg.), Bilder der Macht. Das griechische Porträt
und seine Verwendung in der antiken Welt. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2017,
S. 15-48;
Walker, Susan: Griechische und
römische Porträts. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1999;
Wünsche, Raimund: Das Bildnis des
Homer. In: Bernard Andreae, Odysseus. Mythos und Erinnerung. Verlag Philipp von
Zabern, Mainz 1999, S. 10-15;
Zanker, Paul: Die Maske des
Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst. Verlag C.H. Beck,
München 1995, S. 21-29.
(zuletzt bearbeitet am 4. Februar 2026)
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