 |
Ernst Ludwig Kirchner: Tanzende Frau (1911); Amsterdam, Stedelijk Museum
(für die Großansicht einfach anklicken) |
Die am 7. Juni 1905 von Fritz Bleyl, Ernst
Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff gegründete »Künstlergruppe Brücke« war
eine (später erweiterte) Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Architekturstudenten,
die sich der Malerei verschrieben und sich kein geringeres Ziel gesetzt hatten,
als die deutsche Kunst zu erneuern. Es ist vor allem das Schaffen der »Brücke«,
das vorrangig mit dem Expressionismus in Verbindung gebracht wird. Dabei
entstanden neben dem umfangreichen malerischen und grafischen Werk der »Brücke«-Künstler
immer wieder auch Plastiken, wenn auch in deutlich geringerer Zahl und von der
Öffentlichkeit weit weniger beachtet. Ein Anlass für das plastische Arbeiten
war sicherlich zunächst der Bedarf an Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen,
denn unter den frühen Skulpturen von Erich Heckel wie von Ernst Ludwig Kirchner befinden sich Karyatiden, die
offenbar als Bücherstützen oder Träger von Regalbrettern gedacht waren. „Das gemeinsame
Motiv für die Beschäftigung mit Skulptur war bei den Brücke-Künstlern das
Streben nach einer engen Verbindung von Kunst und Leben, nach Neugestaltung
ihrer Umwelt, denn nicht umsonst hatten die meisten ein Architekturstudium
hinter sich und wussten, wie man Möbel entwarf und schreinerte. Sie wollten aber
zugleich den Stempel ihres neuen Kunstwollens – größtmögliche Unmittelbarkeit
des inneren Erlebens und Ausdrucks – auch ihrer Behausung aufdrücken“ (von Maur
2003, S. 16).
Großen Einfluss auf die Skulpturen der
Expressionisten hatte vor allem die außereuropäische Kunst Afrikas und Ozeaniens.
Vor allem Kirchner war ein Stammgast in den Naturkundemuseen von Dresden und
Berlin, was zahlreiche Zeichnungen nach entsprechenden Exponaten belegen. Und
Kirchner ist es auch, der neben Ernst Barlach und Wilhelm Lehmbruch als der
bedeutendste Bildhauer des Expressionismus gelten kann. Er hat sich zeitlebens
intensiv mit Plastik beschäftigt; von über 140 nachweisbaren Skulpturen (mit
kunsthandwerklichen Arbeiten) sind allerdings rund die Hälfte verschollen oder
zerstört, größtenteils jedoch in Fotos, Gemälden oder
Druckgrafiken
überliefert.
In Kirchners plastischem Werk steht ganz der
Mensch im Mittelpunkt; auch wenn er Gebrauchsgegenstände oder Möbel schnitt, nahmen
sie stets anthropomorphe Formen an. Abgesehen von kleineren Arbeiten, ist Kirchners Skulptur in Holz gearbeitet. Sie entsteht nach einigen Skizzen rasch und unmittelbar. Eine von Kirchners Skulpturen will ich hier
vorstellen, ich bin ihr vor kurzem in Amsterdam begegnet: Es ist die Tanzende Frau aus dem Stedelijk Museum, 1911
von Kirchner robust und direkt aus dem Holzblock herausgeschlagen (Höhe 90 cm).
 |
| Die Frontalansicht zeigt die Drehung des Oberkörpers noch deutlicher |
Aus einer leicht in den Knien gebeugten Tanzstellung
dreht die nackte Figur Oberkörper und Kopf weit nach links hinüber. Dabei hat
sie den linken Arm angewinkelt und hält ihre flache Hand hinter das Ohr –
offensichtlich eine Geste des Horchens. Der andere Arm ist in einer
Gegenbewegung ebenfalls angewinkelt und in Brusthöhe an die rechte Seite
angelegt. Den Körper hat Kirchner gleichmäßig goldgelb bemalt, nur Haar, Gesicht,
Brustwarzen, Schambereich und Fußnägel sind mit dunkler Farbe hervorgehoben;
die Oberfläche ist nicht geglättet und zeigt deutlich die Bearbeitungsspuren am
Holz.
 |
| Eine von Kirchners Ajanta-Zeichnungen (1911) |
 |
| Ernst Ludwig Kirchner: Badende am See (1912); Dallas/Texas, Dallas Museum of Art |
In den schwellenden Formen der Tanzenden Frau und ihren wiegenden
Beinen wirkt das erotische Schönheitsideal indischer Tempelmalerei nach –
Kirchner hatte im gleichen Jahr 1911 Abbildungen aus einem englischen Bildband
kopiert, die Fresken aus den buddhistischen Höhlentempeln in Ajanta zeigten. „Durch Zufall fand ich Griffiths Indische Wandmalereien in Dresden in der Bibliothek. Diese Werke machten mich hilflos vor Entzücken. Diese unerhörte Einmaligkeit der Darstellung glaubte ich nie erreichen zu können, alle meine Versuche kamen mir hohl und unruhig vor. Ich zeichnete vieles an den Bildern ab, um nur einen eigenen Stil zu gewinnen und fing an, große Bilder zu malen, 150 x 200 cm“ (Strzoda 2008, S. 172). Es handelte sich um das 1896 von John Griffith publizierte, reich illustrierte Buch The paintings in the Buddhist Cave-Temples of Ajanta, Khandesh, India. Griffith veröffentlichte darin seine Kopien nach den Wandbildern der mittelalterlichen Klosteranlage von Ajanta, die noch heute als wichtigster Fundort altindischer Malerei gilt.
Auch
wenn diese Anregung nicht von Originalen, sondern nur von kolorierten
Lichtdrucken ausgelöst wurde, war Kirchner offensichtlich tief
beeindruckt. Ein weiterer Beleg hierfür ist das großformatige Gemälde Badende am See von 1912, das auf einer
Zeichnung mit kopierten Figuren aus den Ajanta-Fresken beruht. Nach Polynesien
und Afrika war
Indien damit die dritte exotische Entdeckung, die
Kirchner in seiner »Brücke«-Zeit künstlerisch verarbeitete. In ihrer
Grundhaltung und den gerundeten Körperteilen ist die Tanzende Frau den
Ajanta-Figuren ganz nahe; deren Eleganz wird von Kirchner aber
zugunsten kantiger und gedrungener Formen afrikanischer Kunst aufgegeben.
 |
| Ernst Ludwig Kirchner: Liegender Frauenakt (1911); Holzschnitt |
Auch in Kirchner Grafiken spiegelt sich seine Faszination für die Ajanta-Fresken und deren gerundete Formensprache. So zeigt der Holzschnitt Liegender Frauenakt von 1911 das gleiche weiche, sinnliche Körperbild wie die Holzskulptur aus dem gleichen Jahr. Kirchner präsentiert seinen Akt auf einem schwarzen Untergrund, wobei die Pose zum zentralen Bildthema wird. Bei gedrehter Stellung des Körpers ist der linke Arm zum Kopf erhoben, der rechte liegt auf der Decke; das rechte Bein ist ausgestreckt und über das linke, angewinkelte Bein gelagert. Die ungewöhnliche Drehung des Körpers und das auffällig ausladende Gesäß können über den Ajanta-Einfluss hinaus mit afrikanischer Stammeskunst in Verbindung gebracht werden, vermutlich mit der Skulptur Kameruns.
 |
| Ernst Ludwig Kirchner: Varieté (1912/13); Frankfurt, Städel Museum |
 |
| Ernst Ludwig Kirchner: Tänzerin Gerda (1912); Privatsammlung |
Kirchners Interesse für den Tanz lässt sich seit
1909 kontinuierlich in seinem Werk nachweisen. Von seinen Einzelplastiken
widmen sich nicht weniger als elf diesem Thema. Inspiration hierfür erhielt Kirchner aus der Welt des Zirkus und
des Varietés. Dabei belässt er in seinen Bildern den Tanz zumeist im Kontext
des Varietés und fängt die von Lebensrausch durchdrungene unbürgerliche
Atmosphäre ein. In seinen Skulpturen jedoch ist der Tanz von elementarer
Sinnlichkeit geprägt, und die Figuren zeigen ein von gesellschaftlichen Zwängen
unverformtes Körpergefühl.
Literaturhinweise
Barron, Stephanie (Hrsg.): Skulptur des Expressionismus.
Prestel-Verlag, München 1984, S. 107-122;
Genge, Gabriele: Zurück zu den Wurzeln? Die Holzskulpturen der Brücke.
In: Christoph Wagner/Ralph Melcher (Hrsg.), Die »Brücke« und der Exotismus.
Bilder des Anderen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2011, S. 44-56;
Moeller, Magdalena M.: Ernst Ludwig Kirchner. Meisterwerke der
Druckgraphik. Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1990, S. 118;
Strzoda, Hanna: Der
Einfluss fremder Kulturen. In: Magdalena M. Moeller (Hrsg.), Ernst Ludwig
Kirchner in Berlin. Hirmer Verlag, München 2008, S. 170-180;
Schulze, Sabine (Hrsg.): nackt!. Frauenansichten. Malerabsichten.
Aufbruch zur Moderne. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2003, S. 182;
von Maur, Karin: Ernst Ludwig Kirchner – Der Maler als Bildhauer. Hatje
Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2003.
(zuletzt bearbeitet am 9. April 2026)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen