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Claude Monet: Das Mittagessen (1868); Frankfurt am Main, Städel Museum (für die Großansicht einfach anklicken) |
Dieses Bild ist ein
Einzelwerk im Oeuvre des Künstlers, denn Claude Monet (1840–1926) war kein
Interieurmaler. Sein Interesse galt der Natur, die hier gänzlich ausgeklammert bleibt:
Kein Blick aus dem Fenster wird gestattet, keine Tür öffnet sich ins Freie. Der
durch die hellen Gardinen dringende Lichtschein ist alles, was die Außenwelt
spüren lässt. Die Bildmitte wird von einem gedeckten Tisch eingenommen. Es
handelt sich um eine Mittagstafel – auf der hellen Tischdecke sind Brot,
Marmelade, Wurst, Eier, Kartoffelscheiben, Trauben und Wein zu sehen. Im
Französischen trägt das Gemälde den Titel Le Déjeuner, im Deutschen wird
dies häufig fälschlicherweise mit „Das Frühstück“ übersetzt. Da es sich bei der
abgebildeten Mahlzeit aber um ein leichtes Mittagessen handelt, muss der
Bildtitel korrekt Das Mittagessen lauten.
Als Monet sein Gemälde
Anfang Dezember 1868 begann, wohnte er mit seiner Freundin Camille Doncieux und
ihrem gemeinsamen Sohn Jean in Étretat an der normannischen Küste. Louis
Gaudibert, ein wohlhabender Reeder und Auftraggeber des Malers, hatte der jungen
Familie sein großbürgerliches Haus zur Verfügung gestellt. Monet war zuvor
durch eine schwere Lebens- und Schaffenskrise gegangen – nun verspürte der
28-Jährige neue Zuversicht und begann mit einem seiner ehrgeizigsten Werke:
einem monumentalen, 231,5 x 151,5 Zentimeter messenden Bild, das zugleich den
Höhe- und Endpunkt seiner großformatigen Figurendarstellungen markiert.
Das Mittagessen wird von Brauntönen dominiert. Die Familienszene
zeigt Camille, die sich im holzgetäfelten Salon liebevoll dem neben ihr am
Esstisch sitzenden Jean zuwendet. Keine Beachtung schenkt die Hausherrin dem
Dienstmädchen, das am Wandschrank steht, oder einer eleganten, schwarz
gekleideten Dame am Fenster. „Die Frauen beherrschen diesen Raum mit sanfter
Ruhe“ (Schulze 1998, S. 196). Im Vordergrund stehen zwei Stühle. Der rechte ist
abgerückt, sodass der Herr des Hauses, also der Maler selbst, zur vorbereiteten
Mahlzeit Platz nehmen kann. Auch die unangetastete Tageszeitung, wohl „Le
Figaro“, wartet auf ihn.
Der Stuhl links im
Vordergrund verweist auf alle drei Hausbewohner: Darunter liegt Jeans Spielzeug
– das Fragment einer Puppe und ein Ball –, auf der Sitzfläche Camilles Nähzeug,
und über der Lehne hängt der Freizeithut des Künstlers. Monets Zylinder ist auf
der Kommode hinter Jean abgelegt, er selbst ist jedoch (noch) nicht anwesend. Die
Identität der geheimnisvollen Besucherin, deren Blick auf dem Kind ruht, kennen
wir nicht. Ihr schwarzer Schleier, die Handschuhe und das dunkle Kleid könnten
auf Trauer hindeuten – sie entsprachen aber auch der damaligen Mode. Wie schon
in früheren Bildern Monets stand Camille vermutlich Modell für beide Frauen.
Felix Krämer hat erläutert,
warum die von Monet dargestellte bürgerliche Idylle täuscht: Die Wohnung stand
dem Künstler und seiner Freundin gerade einmal sechs Monate zur Verfügung – ein
eigenes Heim war nicht in Sicht. Und das, was nach trautem Elternglück
aussieht, entsprach nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen von einer
Familie – ohne Trauschein mit unehelichem Kind. „Es ist sicherlich kein Zufall,
dass Doncieux‘ linke Hand nicht zu sehen ist, an der sie später ihren Ehering
tragen wird“ (Krämer 2015, S. 116). Monets Beziehung zu Camille führte zum
Bruch mit seinem Vater. Auch die übrige Verwandtschaft stellte ihre Hilfe ein.

Doch selbst, wenn man die
persönliche Situation des Künstlers außer Acht lässt, die nur den wenigsten
Betrachtern bewusst gewesen sein dürfte, bedeutet das Bild in seiner
Alltäglichkeit eine Provokation. Das Kleinkind an der Mittagstafel und der am
Fenster stehende Besuch belegen den ausgesprochen informellen Charakter der
Zusammenkunft. „Die Selbstverständlichkeit, mit der der Künstler einen Einblick
in eine ,eigentlich‘ nicht für die Öffentlichkeit bestimmte und vollkommen
alltägliche Lebenssituation gestattet, widersprach der gesellschaftlichen wie
der künstlerischen Norm“ (Krämer 2015, S, 117). In der Kunstgeschichte gibt es
für eine auf jegliche Moraldidaktik verzichtende Interieurszene dieses Formats
keinerlei Vorbilder. Es ist das erste Mal, das ein Künstler ein privates
Interieur in solch riesigen Bildmaßen darstellt, die bis ins 19. Jahrhundert
hinein nach den von den Kunstakademien geprägten Vorstellungen lediglich
Historienbildern zustanden.
Monet suggeriert dem
Betrachter zwar, er stünde an seiner Stelle mitten im Raum und könnte sich auf
den bereitgestellten Stuhl setzen – aber er verweigert uns letztlich einen
Raumüberblick. Trotz des monumentalen Bildformats erscheint das Zimmer als Fragment,
als eng begrenzter Ausschnitt, der keine weitere Orientierung erlaubt. „Hierzu
passt, dass auch die dargestellten Personen für sich bleiben und ihr Geheimnis
bewahren“ (Krämer 2015, S. 117). Wir sehen ihnen zu, aber sie präsentieren sich
keinem Publikum. Die Frage, was der Grund für den Besuch der Frau ist, die den kleinen
Jean merkwürdig verträumt ansieht, bleibt unbeantwortet. Ebenso unklar ist die
Haltung des Dienstmädchens, das sich halb im Wäscheschrank versteckt.
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| Claude Monet: Dekorative Tafel (1873); Paris, Musée d’Orsay (für die Großansicht einfach anklicken) |
Als Monet das Bild 1874 –
ca. fünf Jahre nach seiner Entstehung – in der ersten Pariser Impressionisten-Ausstellung
zeigte, hatte sich seine Malweise inzwischen weiterentwickelt. Sein
Pinselduktus war freier geworden. Im Vergleich zu seinen anderen dort
ausgestellten Gemälden mutet Das Mittagessen seltsam altmodisch an. Als
1876 die zweite Impressionisten-Ausstellung eröffnete, zeigte Monet erneut ein
Mittagessen. Auch dieses im Katalogheft als Dekorative Tafel bezeichnete
und bereits 1873 fertiggestellte Werk übertraf durch das monumentale Format von
160 x 201 cm alle anderen in der Ausstellung vertretenen Werke. In diesem Bild,
das sich heute im Pariser Musée d’Orsay befindet, nimmt der Esstisch ebenfalls
einen zentralen Platz ein, wurde nun allerdings nach draußen versetzt – in den
Garten von Monets Haus in Argenteuil. Zudem ist die Mahlzeit vorüber, der Tisch
weitestgehend abgeräumt. Im Hintergrund ist, halb verdeckt, Camille Monet mit
einer weiteren Frau zu sehen, während links unten im Bildvordergrund Jean auf
dem Boden sitzt und mit Bauklötzen spielt. „Der an einem Ast im Bildvordergrund
hängende Sommerhut könnte eine Referenz an das Frankfurter Bild und den dort
über die Stuhllehne gelegten Freizeithut sein“ (Krämer 205, S. 118). Während
der aber dem Künstler gehörte, ist der blumenbestickte Strohhut ein
Damenmodell. Auch jeglicher andere Hinweis auf die Anwesenheit des Malers ist
verschwunden.
Die Neuerungen in Monets
Malerei sind unübersehbar: Aus dem Interieur ist ein Exterieur geworden. „Während
in dem Frankfurter Bild die Menschen den Raum dominieren, fügen sie sich in dem
späteren Werk so nahtlos in ihre Umgebung, dass man Jean und die beiden Frauen
erst auf den zweiten Blick entdeckt“ (Krämer 2015, S. 118/119). Nicht mehr der
Mensch steht im Vordergrund der Darstellung. Die von Schwarz- und Brauntönen
bestimmte Farbigkeit des Interieur wird durch das Flirren der auf die Leinwand aufgetragenen
Pinselstriche abgelöst – alles ist hier der Stimmung untergeordnet. Licht und Farbe
stehen nun im Zentrum von Monets Interesse, der in dem Pariser Gemälde zu der
Bildsprache gefunden hat, die wir heute mit „Impressionismus“ verbinden.
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| Édouard Manet: Der Balkon (1868/69); Paris, Musée d’Orsay |
Das Frankfurter Mittagessen
wird immer wieder mit Édouard Manets Der Balkon verglichen, das etwa
zeitgleich um 1868/69 entstanden und ebenfalls im Musée d’Orsay ausgestellt ist.
Eine Übereinstimmung zeigt sich etwa in der Position der Magd bzw. des Dieners;
eine direkte Übernahme dürfte der gestreifte Ball sein, der in beiden Gemälden
an fast identischer Stelle auftaucht.
Literaturhinweise
Krämer, Felix: Das Private als
Provokation. Claude Monets Das Mittagessen. Abschied von der Figurenmalerei.
In: Felix Krämer (Hrsg.), Monet und die Geburt des Impressionismus. Prestel
Verlag, München 2015, S. 114-119;
Schulze, Sabine (Hrsg.):
Innenleben. Die Kunst des Interieurs. Vermeer bis Kabakov. Verlag Gerd Hatje,
Ostfildern-Ruit 1998, S. 196.