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| Max Beckmann: Kreuzabnahme (1917); New York, Museum of Modern Art (für die Großansicht einfach anklicken) |
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| Max Beckmann: Adam und Eva (1917); Berlin, Nationalgalerie |
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| Max Beckmann: Christus und die Sünderin (1917); Saint Louis, The Saint Louis Art Museum |
In der Kreuzabnahme ist Golgatha als
lehmfarbener, kahler Hügel wiedergegeben, auf dem sich einige wenige Steine und
abgestorbenes Gehölz entdecken lassen. Im Mittelgrund ragt das T-förmige Kreuz
auf, an dem eine auffallend unproportionierte Leiter lehnt. Unverhältnismäßig
groß wirkt im Vergleich zu den anderen dargestellten Figuren auch der Leichnam
Christi, der soeben von Nikodemus und Josef von Arimathäa vom Kreuz abgenommen
wurde. Der bereits leichenstarre, gelblich-bleiche Körper mit seinen überlängten,
steckendürren und weit ausgestreckten Armen ist diagonal über die Bildfläche ausgebreitet. Das magere
Antlitz mit den noch leicht geöffneten, gebrochenen Augen wirkt wie der
sperrige, ausgezehrte Körper insgesamt skelettartig reduziert. Hier wird nicht – im Sinne
des mittelalterlichen Andachtsbildes – der tote Christus zur Verehrung
dargeboten. An die Auferstehung eines derartigen Leichnams mag man kaum glauben
– ein Eindruck, wie er sich ähnlich angesichts von Hans Holbeins Christus im Grabe aufdrängt (siehe meinen Post „Ganz Mensch, ganz tot“).
Spiegeln
sich in der Kreuzabnahme die
bedrückenden Kriegserfahrungen Beckmanns? Der Glaube an den Erlösertod Jesu und
seine Auferstehung jedenfalls wird hier nicht mehr verkündet. An diesem
Christus weist nichts mehr auf den glorreich über die Macht des Todes
triumphierenden Sieger hin. Eine wie auch immer geartete Verheißung lässt sich
in der Kreuzabnahme nicht erkennen. Spürbar
wird vielmehr die Depression der Kriegsteilnehmer, das Erlebnis der
Gottverlassenheit in einer irdischen Hölle. 1919 erklärt Max Beckmann provozierend:
„Mit der Demut vor Gott ist es vorbei. Meine Religion ist Hochmut vor Gott,
Trotz gegen Gott. Trotz, daß er uns geschaffen hat, daß wir uns nicht lieben
können. Ich werfe in meinen Bildern Gott alles vor, was er falsch gemacht hat“
(Piper 1950, S. 33). Der Journalist Siegfried Kracauer (1889–1966) geht in einem 1921 erschienene Aufsatz zu Max Beckmann auch auf die Kreuzabnahme ein; er sieht in dem Bild „Verzweiflung und nichts als Verzweiflung (...) Die Liebe ist aus der Welt entschwunden, der Tod auch des Edelsten ist sinnlos. Hinter dem Grau, das uns umfängt, wohnt das Nichts“ (Kracauer 1921, S. 93).
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| Hans Pleydenwurff: Kreuzabnahme (um 1465/70); München, Alte Pinakothek |
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| Rogier van der Weyden: Beweinung Christi (um 1440-1450); Brüssel, Musées Royaux des Beaux-Arts |
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| Matthias Grünewald: Isenheimer Altar, 1. Schauseite (1512-1516), Colmar, Musée d’Unterlinden |
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| El Greco: Die Öffnung des fünften Siegels (um 1608/14); New York, Metropolitan Museum of Art (für die Großansicht einfach anklicken) |
Mit Werken wie der Kreuzabnahme setzte für Beckmann, ausgelöst durch seinen radikalen Stilwandel kurz nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg, eine Zeit des stetig wachsenden künstlerischen Erfolges ein. Zwischen 1919 und 1933 präsentierte er seine Werke auf zahlreichen Einzelausstellungen, war an ungezählten größeren und kleineren deutschen Gruppenausstellungen beteiligt und genoss ein immer höheres Ansehen als Künstler. Insbesondere in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahres erreichte Beckmanns Popularität in Deutschland einen Höhepunkt.
1925 schloss Beckmann seinen ersten Vertrag mit dem Galeristen J.B. Neumann, der ihm ein Jahresgehalt von 10.000 Reichsmark für das exklusive Verkaufsrecht seiner Bilder bescherte. Im Oktober 1925 erhielt Beckmann einen Lehrauftrag an der Frankfurter Städelschule. Seine Tätigkeit war besonders privilegiert, da er in seinem ersten Meisteratelier nur wenige, sehr begabte Schüler zu betreuen hatte. Zu seinen Privilegien gehörten außerdem ein besonders hohes, durch Mäzene gefördertes Gehalt sowie ein zusätzlicher Wohnsitz in Paris.
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| Max Beckmann: Selbstbildnis im Smoking (1927); Cambridge/Mass., Busch-Reisinger-Museum |
Bereits im Sommer 1933 veranlassten die Nationalsozialisten, diesen Saal wieder aufzulösen. Zum 15. April wurde Beckmann auch der Lehrauftrag an der Städelschule gekündigt. Der Künstler war allerdings schon im Januar 1933 nach Berlin gezogen, in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt untertauchen und in Ruhe arbeiten zu können. Noch vor der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 wurde die Kreuzabnahme aus dem Besitz der Städtischen Galerie in Frankfurt konfisziert und von November 1936 bis Januar 1937 in einer „Schandausstellung“ mit dem Titel „Der Bolschewismus – Große antibolschewistische Schau“ an den Pranger gestellt.
Literaturhinweise
Aust, Günter: Max
Beckmann und die Spätgotik. In: Bazon Brock/Achim Preiß (Hrsg.), Ikonographia.
Anleitung zum Lesen von Bildern. Klinkhardt & Biermann, München 1990, S.
249-280;
Eberle, Mathias: Der
Weltkrieg und die Künstler der Weimarer Republik. Dix – Grosz – Beckmann –
Schlemmer. Belser Verlag, Stuttgart und Zürich 1989, S. 81-110;
Kracauer, Siegfried: Max Beckmann. In: Die Rheinlande 21 (1921), S. 93-96;
Piper, Reinhard:
Nachmittag. Erinnerungen eines Verlages. Piper Verlag, München 1950;
Schroeder, Veronika: »Wir können Formen
nur solange verstehen als wir ihrer bedürfen.« El Greco im Blick junger
Expressionisten. In: Beat Wismer/Michael Scholz-Hänsel (Hrsg.): El Greco und
die Moderne. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, S. 220-249;
Ulmer, Renate: Passion
und Apokalypse. Studien zur biblischen Thematik in der Kunst des
Expressionismus. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1992, S. 86-88;
Werwigk, Sara Eskilsson: Ein Gemälde geht ins Exil. Auf den Spuren der »Kreuzabnahme« von Max Beckmann. In: Uwe Fleckner (Hrsg.), Das verfemte Meisterwerk. Schicksalswege moderner Kunst im »Dritten Reich«. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. 105-136.
(zuletzt bearbeitet am 4. September 2026)
(zuletzt bearbeitet am 4. September 2026)









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