Montag, 19. Januar 2026

Impressionistische Winterbilder – Stille, die man sehen kann

Alfred Sisley: Schnee in Louveciennes (1874); Potsdam, Museum Barberini
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Das schönste Winterbild, das ich kenne – ein Bild, das regelrecht Sehnsuchtsschleusen in mir öffnet –, hängt im Potsdamer Museum Barberini. Gemalt hat es der Impressionist Alfred Sisley (1839–1899). Das Gemälde stammt aus dem Jahr 1874 – dem „Geburtsjahr“ des Impressionismus – und trägt den schlichten Titel Schnee in Louveciennes. Wer immer die Möglichkeit hat, sich das Bild im Original anzusehen, sollte dies unbedingt tun, denn nur dann kann sich die Wirkung einstellen, von der ich hier spreche.

Von Sisley kennen wir insgesamt etwa 50 Schneebilder. Der Großteil dieser Werke entstand in den 1870er Jahren; die Motive sind dem ländlich-dörflichen, seltener dem (vor-)städtischen Bereich entnommen. Häufig handelt es sich um Ansichten entlang einer Straße, eines Weges oder eines Flusses, was den Bildern räumliche Tiefe verleiht. In Schnee in Louveciennes sehen wir in der linken Bildhälfte einen schneebedeckten, sich diagonal zur Bildmitte hin erstreckenden schmalen Fußweg, auf dem vier kleinformatig wiedergegebene Passanten unterwegs sind. Das Potsdamer Bild verzaubert vor allem durch den harten Kontrast von im Sonnenlicht hell aufleuchtendem Schnee und blaugrau verschatteten Partien. Sisley verwendet reines, ungebrochenes Weiß nur dort, wo der Schnee im Licht erstrahlt. Indem er aber die von der Sonne beschienene Böschung rechts mit blauen, violetten, blaugrauen und weiteren dunkleren, teils farbintensiven Tönen durchmischt, belebt er diesen Bereich und verstärkt zugleich die Leuchtkraft der weißen Farbe. Das nuancierte Spiel von Licht und Schatten auf dem Schnee, verursacht durch die tief stehende Wintersonne, erlangt so eine große Intensität.

Claude Monet: La Pie (um 1868/69); Paris, Musée dOrsay (für die Großansicht einfach anklicken)

Ebenso stimmungsvoll ist das La Pie genannte Schneebild von Claude Monet (1840–1920) aus dem Pariser Musée d’Orsay, rechts unten signiert, aber nicht datiert: Ein schwarzweißer Vogel sitzt in winterlich verschneiter Umgebung unweit eines flachen, ländlichen Gebäudes auf einem Tor. Lange Schatten auf dem Schnee verraten, dass es noch früh am Morgen ist. Die Sonne steht tief und beleuchtet die Szene von hinten ohne selbst sichtbar zu sein.

Außer der Elster ist kein anderes Lebewesen zu sehen. Sie wird ihren Platz auf der obersten Quersprosse des Gatters vermutlich schon in wenigen Augenblicken wieder verlassen und weiterfliegen. Schon bald setzt die Sonne ihren Weg am Himmel fort, dann verändern die langen, schräg verlaufenden Schatten ihre Position und werden kürzer, das weiche Licht des Wintermorgens – gemildert durch den diesig-verhangenen Himmel – wird von härterem Licht abgelöst. Aber noch hält der Moment an und ist für das Auge des Betrachters gebannt.

Neben Claude Monet ist Camille Pissarro (1830–1903) der Impressionist, der die meisten Schneebilder gemalt hat – mehr als 100 solcher Werke sind von ihm bekannt. Wie Sisley und Monet wählte Pissarro dabei häufig vorstädtische oder ländliche Motive, aber einige dieser Gemälde geben auch die schneebedeckte Großstadt wieder. Immer bemüht sich der Künstler, die winterliche Atmosphäre möglichst treu wiederzugeben. „Allen seinen Schneebildern gemeinsam ist, daß er ebenso wie Monet und Sisley die optischen Qualitäten des Schnees zum Anlaß für einen freieren Umgang mit Farbe und Form nimmt“ (Treusch 2007, S. 157/158). Im Gegensatz zu seinen Kollegen finden sich auf seinen Bilder aber in der Regel kleine anekdotische Handlungen.

Camille Pissaro: Louveciennes, Chem de Creux (1872); Essen, Museum Folkwang
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Das eindrücklichste Winterbild Pissarros ist für mich das Louveciennes, Chemin de Creux betitelte Gemälde aus dem Essener Museum Folkwang, 1872 entstanden. Hier lässt das Sonnenlicht die dick verschneite Landschaft hell aufleuchten, während die Schatten auf dem Schnee durch intensives Blau wiedergegeben werden.

Pissarro gilt als Gründungsfigur der impressionistischen Bewegung in Frankreich. 1870 flieht er mit seiner Familie vor dem Deutsch-Französischen Krieg aus Paris. In London studiert der Künstler die Werke von John Constable (1776–1837) und William Turner (1775–1851) – eine entscheidende Erfahrung auf seiner Suche nach einer einerseits wirklichkeitsnahen, andererseits atmosphärischen Landschaftsmalerei. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich erfährt der Maler, dass ein Großteil seiner Werke durch Soldaten zerstört worden ist. Trotz des Verlustes von über 1000 Arbeiten und der lediglich vereinzelten Anerkennung durch den Pariser Salon malt Pissarro weiter. Er schließt sich mit Künstlern wie Monet, Renoir und Sisley zusammen und initiiert mit ihnen 1874 die erste Impressionisten-Ausstellung. Bis 1884 folgen sieben weitere Ausstellungen; Pissarro ist als Einziger bei allen acht vertreten.

 

Literaturhinweis

Treusch, Tilmann. Schneebilder. Malerei in der kalten Jahreszeit. Michel Imhof Verlag, Petersberg 2007.

 

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