Dienstag, 25. August 2026

Fleischgewordenes Elfenbein – Hendrick Goltzius‘ Kupferstich „Pygmalion und Galatea“ (1593)

Hendrick Goltzius: Pygmalion und Galatea (1593); Kupferstich
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Der Mythos des antiken Bildhauers Pygmalion ist die einzige Erzählung aus dem „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid, in der ein Künstler als Hauptfigur erscheint (X,243-297). Pygmalion verliebt sich in sein eigenes Kunstwerk und erfleht von der Liebesgöttin Venus eine Gattin „meiner elfenbeinernen ähnlich“ (Ovid 1952, S. 373). Die Göttin erfüllt seine Bitte, indem sie die von Pygmalion geschaffene Elfenbeinstatue zum Leben erweckt. Kern dieses Mythos ist die Fähigkeit des Künstlers, das Lebendige so naturgetreu darzustellen, dass es von der Realität nicht mehr zu unterscheiden ist. Das früheste eigenständige Gemälde zur Pygmalion-Erzählung stammt von dem italienischen Manieristen Agnolo Bronzino (1503–1572): Entstanden 1529/30, versetzt Bronzino die Szene anders als spätere Künstler nicht in ein geschlossenes Atelier. Er zeigt Pygmalion vielmehr betend in einer Landschaft, und zwar vor einem Altar, auf dem er für Venus ein Rind opfert.

Agnolo Bronzino: Pygmalion und Galatea (1529/30); Florenz, Uffizien

Üblicherweise werden drei Szenen dieser wohl bekanntesten Künstler-Legende dargestellt: Pygmalion bei der Arbeit an der beinahe fertiggestellten Statue, der Künstler in verzückter Anbetung des vollendeten Werkes und schließlich das Paar nach der Verwandlung der Skulptur in Galatea, die Gemahlin Pygmalions. Von dem niederländischen Maler und Grafiker Hendrick Goltzius (1558–1617) kennen wir einen Kupferstich aus dem Jahr 1593, der mehrere Phasen dieser Erzählung verbindet: Pygmalion, ein muskulöser, nur mit kurzen, geschlitzten Hosen nach zeitgenössischer Mode und einem Hut bekleideter junger Mann, hat soeben sein Werk vollendet. In seiner linken Hand hält er noch den Meißel, während er ganz dem Bann seiner Skulptur verfallen ist und der zukünftigen Geliebten schüchtern ein Blumengebinde entgegenhält. Möglicherweise ist das Motiv ihres über die Plinthe hinausgestellten linken Fußes bereits ihre erste Bewegung, die Statue begänne dann gerade ihre Metamorphose. Hierfür spricht auch Goltzius‘ virtuose Wiedergabe der weichen und belebten Epidermis, die nicht an die kalte Oberfläche einer Elfenbeinskulptur erinnern will.

Torso vom Belvedere; Rom, Vatikan

Lehnt Goltzius seinen Pygmalion in der Haltung stark an den (ergänzt zu denkenden) antiken Torso vom Belvedere an (siehe meine Post „Ruhm und Rätsel“), so hat er sich bei der Figur seiner Galatea ganz offensichtlich die (spiegelbildlich umgesetzte) Kapitolinische Venus des Praxiteles zum Vorbild genommen (siehe meinen Post „Aphrodite – knidisch und kapitolinisch“), die schamhaft mit der rechten Hand ihren Schoß und mit der anderen ihre Brust bedeckt. Somit ist die Liebesgöttin, die Pygmalions Wunsch erhört, in versteckter Form selbst präsent.

Kapitolinische Venus; Rom, Musei Capitolini
Goltzius gilt als der bedeutendste niederländische Grafiker seiner Zeit. Schon zu Lebzeiten war er berühmt für die technische Brillanz seiner Zeichnungen und Kupferstiche wie auch für seine konkurrenzlosen Farbholzschnitte. 1582 gründete der manieristische Künstler in Haarlem einen eigenen Verlag; 1590 unternahm er eine längere Italienreise – die Auseinandersetzung mit antiker Skulptur und der italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts beeinflusste ihn nachhaltig. Ab 1600 war Goltzius hauptsächlich als Maler tätig.

 

Literaturhinweise

Friedel, Helmut (Hrsg.): Pygmalions Werkstatt. Die Erschaffung des Menschen im Atelier von der Renaissance bis zum Surrealismus. Wienand Verlag, Köln 2001;

Ovid: Metamorphosen. In deutsche Hexameter übertragen und mit dem Text herausgegeben von Erich Rösch. Ernst Heimeran Verlag, München 1952, S. 371-373;

Riether, Achim: Schwarzweiß im Goldenen Zeitalter. Niederländische Druckgraphik des 16 und 17. Jahrhunderts aus der Sammlung Christoph Müller. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen/Berlin 1995, S. 128-129.

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