Mittwoch, 19. September 2012

Tiefer sinken geht nicht – Rubens malt den verlorenen Sohn bei den Schweinen


Peter Paul Rubens: Der verlorene Sohn bei den Schweinen (um 1618); Antwerpen, Musées Royeaux des Beaux Art
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Im Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt es: „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm“ (Lukas 15,16; LÜ). Das ist die Szene, die der Barockmaler Peter Paul Rubens (1577–1640) in seinem Antwerpener Gemälde zeigt (um 1618). Rubens folgt bei seiner Darstellung Albrecht Dürers bekanntem Kupferstich (siehe meinen Post Der Künstler am Schweinetrog“), wenn er die Begebenheit auf einem Bauernhof spielen lässt.
Albrecht Dürer: Der verlorene Sohn bei den Schweinen (1496/97); Kupferstich
Das Motiv, das dem Bild seinen Titel gibt, wird bei Rubens allerdings in die rechte Bildecke gedrängt: Eine Magd, die den Trog für die Schweine füllt, reagiert auf die Not des Zerlumpten (dessen Beinstellung auch an Dürers Grafik erinnert) kühl und distanziert; hinter den Stützpfeilern der Scheune beobachtet ein bärtiger Landarbeiter das Geschehen argwöhnisch. Als der Geringste unter den Tagelöhnern des Bauern ist der verlorene Sohn völlig sich selbst überlassen: Will er seinen Hunger stillen, dann muss er die Schoten an sich reißen, sich den Schweinen gleichmachen.
Das biblische Gleichnis macht damit deutlich, wie weit dieser Sohn heruntergekommen ist: Sich bei einem Schweinezüchter zu verdingen, war für einen Israeliten schlichtweg verwerflich. Schweine waren (und sind noch immer) für Juden unreine Tiere, und wer mit ihnen in Berührung kam, verunreinigte sich selbst. Nur ein Heide, der sich nicht um das Gesetz Gottes schert, konnte überhaupt auf den Gedanken kommen, Schweine zu züchten. Tiefer kann dieser Sohn nicht sinken, sagt das Gleichnis, weiter kann er sich nicht von seinem Vater entfernen. Aber dieser Tiefpunkt ist zugleich auch der Wendepunkt, wie das Gleichnis berichtet: „Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (Lukas 15,17-18; LÜ)
Albrecht Dürer: Die Geburt Christi (1504); Kupferstich
Die Konstruktion der Scheune erlaubt es Rubens, das Spiel von vertikalen und horizontalen Linien sowie rechten Winkeln bewusst einzusetzen – eine perspektivische Gestaltung, die an Dürers Kupferstich Die Geburt Christi (1504) erinnert. In der Scheune selbst hat der Maler so viele der Lokalität entsprechende Menschen, Tiere und Gerätschaften vereint, wie man in einem so engen Raum überhaupt unterbringen kann. Das Einstallen der Pferde und Rinder mit all den dazugehörigen Tätigkeiten schafft eine ganz eigene Szene voll heiter-gelassener Bewegtheit. Das Scheunentor gibt den Blick frei auf das Bauernhaus mit einem Taubenschlag auf dem Dach; dahinter führt ein Mann im Licht der untergehenden Sonne zwei Pferde an einen Teich, um sie zu tränken. Es ist vor allem der Stall mit seinen Tieren und den landwirtschaftlichen Geräten, der unseren Blick auf sich zieht. Erst dann nehmen wir auf der rechten Seite das Bauernmädchen und den verzweifelten Sohn wahr, der mit den Schweinen das Futter teilen will. Der Gedanke drängt sich auf, dass für Rubens der eigentliche Anlass zu dem Gemälde die landschaftliche Szenerie und nicht das biblische Gleichnis war.
Ungewöhnlich an Rubens’ Bild ist, dass die dunkle Scheune auch eine Studie über künstliches Licht und dessen Schattenbildung enthält, obwohl es sich um eine Szene bei Tag handelt. Der Maler hat nämlich zwei Kerzen eingefügt: eine an der Wand neben dem Stalljungen, der Heu zusammenharkt, und eine weitere, teilweise verdeckte in der Hand der alten Frau neben den Kühen. Von der farbigen Jacke des Mädchens abgesehen, herrschen die natürlichen Braun-, Grün- und Blautöne der Landschaft vor, sodass die Figuren nicht so deutlich hervortreten wie auf anderen Bildern Rubens aus dieser Zeit. 

Literaturhinweise
Büttner, Nils: Rubens. Verlag C.H. Beck, München 2007;
Simson, Otto von: Peter Paul Rubens (1577–1640). Humanist, Maler und Diplomat. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1996.;
LÜ = Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
 
(zuletzt bearbeitet am 3. Februar 2017)