Freitag, 25. Mai 2018

Sühne-Splatter – Gerard Davids „Gerechtigkeitsbilder“ in Brügge (1498)


Gerard David: Die Bestrafung des Sisamnes (1498); Brügge, Groeningemuseum
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Gerard David: Die Verhaftung des Sisamnes (1498); Brügge, Groeningemuseum
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Über Jahrhunderte ist es Brauch gewesen, Gerichtssäle einerseits mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts und andererseits mit Beispielen antiker oder biblischer bzw. christlicher Rechtsprechung zu schmücken. Das Jüngste Gericht sollte daran erinnern, dass der ewige Richer auch über jeden irdischen Richter sein Urteil sprechen wird; die Exempel guter oder schlechter Richter wiederum dienten als Mahnung zu einer gerechten und unparteiischen Urteilsfindung. Als frühestes und zugleich viel bewundertes Beispiel solcher Bilder gelten die zwischen 1435 und 1439 für das Brüsseler Rathaus entstandenen vier Gerechtigkeitstafeln des Rogier van der Weyden (nicht erhalten), die beiden von Dirk Bouts für das Löwener Rathaus 1470/75 geschaffenen Gemälde mit der Gerechtigkeit Kaiser Ottos (heute in den Brüsseler Musées Royaux des Beaux-Arts) und die um 1498 zu datierenden Darstellungen von Gerard David (1460–1523) für das Brügger Rathaus. Die beiden Tafeln von David sollen hier vorgestellt werden.
Die zwei heute im Brügger Groeningemuseum ausgestellten Gemälde zeigen die Festnahme und Bestrafung eines korrupten Richters. Es handelt sich um eine Begebenheit, die, zunächst von dem antiken Geschichtsschreiber Herodot berichtet, weit ausführlicher von dem im späten Mittelalter sehr beliebten Valerius Maximus erzählt wird: Der König Kambyses überführt den Richter Sisamnes der Bestechlichkeit und verurteilt ihn zu der grässlichen Strafe der „Schindung“: Dem Delinquenten soll bei lebendigem Leib die Haut abgezogen werden. Der Herrscher ordnet außerdem an, dass der Richterstuhl mit der Haut des Sisamnes zu bespannen sei und dessen Sohn Otanes, der dem Hingerichteten als Richter nachfolgt, von diesem Richterstuhl aus zu amtieren habe und so immerzu an die furchtbare Strafe erinnert wird, die der Korruption droht.
David stellt die Erzählung in ihren vier wichtigsten Momenten dar, und zwar so, dass jeweils eine Szene im Vordergrund von einer viel kleineren im Hintergrund begleitet wird. In der ersten Tafel sind wir Zeugen bei der Überführung des Schuldigen: Sisamnes wird auf seinem Richterstuhl von Kambyses überrascht, der ihm mit zahlreichem Gefolge unvermittelt gegenübertritt. Links neben dem König ist ein Büttel zu sehen, der eilig heranschreitet, während ein zweiter schon den rechten Arm des Richters packt. Sisamnes findet nur noch Zeit, seine Kopfbedeckung vor dem König abzunehmen; er blickt „wie ein gestelltes Wild, in hilfloser und schuldbewußter Furcht“ (von Simson 1977, S. 352) auf Kambyses, der ihm seine Untaten offenbar an den Fingern seiner Hand aufzählt. Das vorausgegangene Delikt erblicken wir links oben im Hintergrund durch die offenen Arkaden der Gerichtslaube: Unter einem Eingang nimmt der bestechliche Richter einen Geldbeutel in Empfang.
Rembrandt: Anatomie des Dr. Tulp (1632); Den Haag, Mauritshuis
Das zweite Bild zeigt die grausige Hinrichtung, nach damaliger Sitte auf öffentlichem Platz. Der Verurteilte ist entkleidet und auf einer Art Schlacht- oder Folterbank festgebunden; „als gälte es, eine Anatomievorlesung zu malen, sieht man einen nackten Körper auf einer Art Operationstisch, der schräg in den Raum hineingestellt ist“ (Pächt 1994, S. 247), ähnlich der viel späteren Anatomie des Dr. Tulp von Rembrandt (1632). Vier Henker, von denen einer ein Messer zwischen den Zähnen hält, haben sich hurtig und geübt an ihre blutige Arbeit gemacht, der Kambyses und sein Gefolge kühl und mit keineswegs ungeteilter Aufmerksamkeit zusehen. Wie eine Wand bauen sich die Zuschauer hinter der vom König befohlenen Schindung auf, wobei die Isokephalie der Figuren auffällt – d.h., alle Köpfe erscheinen in gleicher Höhe. Möglicherweise drückt sich hierin die Gleichrangigkeit dieser Männer aus (es sind auschließlich Männer), denn es dürfte sich, wie Dirk De Vos vermutet, um Porträts von Ratsmitgliedern handeln. Bei dem Mann, der am linken Rand der ersten Tafel aus dem Bild blickt, könnte es sich allerdings um ein Selbstporträt des Malers handeln.
Dirk Bouts: Martyrium des hl. Erasmus (1458); Leuven, M-Museum
Davids Hinrichtungsszene erinnert an etwa zeitgleich entstandene Martyriumsdarstellungen, z. B. von Dirk Bouts, auf dessen Erasmus-Folter Henker wie Zuschauer dieselbe Gleichgültigkeit angesichts der vollzogenen Tortur an den Tag legen. Exekutionen grausamster Art waren in der damaligen Zeit öffentliche Spektakel, an denen die Menge sich weidete. „Nicht das subjektive Leiden des Gerichteten, sondern dessen nach damaligem Verständnis objektive Schuld und deren Sühne wurden mit Befriedigung als Akte erlebt, wodurch die letztlich auf göttlichem Recht beruhende moralische Weltordnung erhalten oder wiederhergestellt wurde“ (von Simson 1977, S. 352). In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich allerdings die Tortur des Sisamnes von den Martyrien der Heiligen: Diese lassen weder Schmerz noch Furcht erkennen. Das Gesicht des an seine Folterbank gefesselten Sisamnes dagegen drückt unerträgliche körperliche Qualen aus. Erst dadurch wird die schreckliche Mahnung verständlich, die in der kleineren Szene oben rechts die Geschichte beendet: Dort sitzt der Sohn des Hingerichteten auf dem Richterstuhl, der mit der Haut des Sisamnes bespannt ist.
Auf der ersten Tafel sind rechts und links des Richterstuhls zwei Medaillons zu sehen. Das linke zeigt das Bild des Füllhorns, das der antike Heros Herkules der Deianreia überreicht – es könnte als Hinweis auf den Wohlstand gemeint sein, der sich der Regierung des König Kambyses verdankt. Das rechte Medaillon gibt das tragische Geschick des antiken Sartyrs Marsyas wieder, der wie Sisamnes bei lebendigem Leibe geschunden wurde. Statt Apoll, den Marsyas zu einem künstlerischen Wettkampf herausgefordert hatte, erscheint bei David eine weibliche Figur mit einem Saiteninstrument. Es dürfte sich um die Göttin Pallas Athene handeln: Marsyas fand eine Flöte, die die Göttin weggeworfen hatte, lernte auf ihr zu spielen und war schließlich so von seiner Kunst überzeugt, dass er den musikalischen Wettstreit mit Apoll wagte.
Schindung des Marsyas; Holzschnitt aus Sebastian Brants Narrenschiff (Ausgabe von 1495)
Otto von Simson sieht in diesem zweiten Medaillon eine Anspielung auf Sebastian Brants berühmtes Narrenschiff, 1494 erstmals erschienen und das erfolgreichste deutschsprachige Buch seiner Zeit. Brants Moralsatire behandelt im 67. Kapitel ebenfalls die Gestalt des Marsyas, und es sei „schwerlich ein Zufall, daß der die Marsyas-Strafe im Narrenschiff illustrierende Holzschnitt der Komposition des Gerard David so nahe ist, daß man ihn als Vorbild ansehen darf“ (von Simson 1977, S. 354). Der Marsyas-Mythos wird von Brant zur Habgier-Parabel umgedeutet; im Text zu dem entsprechenden Holzschnitt heißt es: „mancher, der liesz sich halber schynden/ und jm alle viere mit seylen binden/ das jm alleyn ging gelt dar usz/ und er vil golds hett jm sym husz“. Im Narrenschiff wie auf dem Gemälde von David sei die Bestrafung des Marsyas Sinnbild für die Unverhältnismäßigkeit „zwischen der Nichtigkeit der irdischen Güter, um derentwillen der Richter bestechlich, also schuldig wird, und den Qualen, die ihn hierfür durch die menschliche wie durch die göttliche Justiz erwarten“ (von Simson 1977, S. 355). Der Kontrast zwischen der furchtbaren Strafe und dem kleinen Geldbeutel, den Sisamnes im Hintergrund empfängt, lässt seine Bestechlichkeit also nicht nur als Vergehen, sondern auch als „Narrheit“ erscheinen.

Literaturhinweise
De Vos; Dirk: Flämische Meister. Jan van Eyck – Rogier van der Weyden – Hans Memling. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, S. 189-198;
Pächt, Otto: Altniederländishe Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Gerard David. Prestel-Verlag, München 1994, S. 245-250;
von Simson, Otto: Gerard Davids Gerechtigkeitsbild und der spätmittelalterliche Humanismus. In: Friedrich Piel/Jörg Traeger (Hrsg.), Festschrift für Wolfgang Braunfels. Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1977, S. 349-356.