Samstag, 28. Juni 2014

Fürst und Ahnherr aller Dichter – das Homer-Bildnis aus der Münchner Glyptothek


Homer (Kopie der frühen Kaiserzeit nach einem um 460 v.Chr. entstandenen
Bildnis) München, Glyptothek (für die Großansicht einfach anklicken)
Wir haben nur seine Verse – alles Übrige, seine Herkunft wie auch die Zeit, in der er gelebt hat, ist ungewiss. Bereits im Altertum wusste man nichts Gesichertes über Homer. Fest steht nur, dass die Ilias und die Odyssee die ältesten uns unversehrt überlieferten Werke der Weltliteratur sind. Die beiden Epen umfassen fast 30000 Verse, alle geschrieben in daktylischen Hexametern. Das Vorbild der homerischen Epen inspirierte später viele Dichter wie z. B. den Römer Vergil, der seine „Aeneis“ ebenfalls in Hexametern verfasste. Der Ursprung von Ilias und Odyssee liegt in der einfachen Form des Heldenlieds. Diese Heldenlieder sind offensichtlich über viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte mündlich tradiert worden. 
Aufgrund philologischer und archäologischer Forschungen erscheint es heute als sehr wahrscheinlich, dass die schriftlichen Fassungen der beiden Epen im 8. Jahrhundert v.Chr. entstanden sind. In diese Zeit passen die Schilderungen von Lebensweise und sozialen Verhältnissen der Homerischen Helden. Im Epos selbst jedoch wird häufig darauf hingewiesen, dass es von einer früheren Zeit handelt. Realitätsgehalt gewann die Geschichte des Trojanischen Krieges, von der die Ilias erzählt, durch die Ausgrabungen von Heinrich Schliemann im 19. Jahrhundert. Spätere Ausgrabungen haben dies bestätigt und lassen uns heute den Krieg um Troja in die Zeit um 1200 v.Chr. datieren.
Da Homer lange vor der Zeit lebte, in der die Griechen ein individuelles menschliches Angesicht gestalteten, ist sein Aussehen auch in der Antike unbekannt gewesen. Obwohl im Altertum wohl jedes Schulkind Verse von Homer auswendig lernen musste und sicherlich an vielen Orten Homer-Bildnisse aufgestellt waren, hat sich nur eine kleine Bronzebüste erhalten, die mit seinem Namen beschriftet ist. Dabei handelt es sich jedoch um eine Arbeit aus römischer Zeit. Dass wir dennoch unter den vielen erhaltenen antiken Köpfen die von Homer identifizieren können, verdanken wir vor allem dem Hinweis antiker Schriftsteller, der Dichter sei blind gewesen. „Die Vorstellung von der Blindheit Homers ist sicher nicht ein individueller biographischer Zug, sondern geht von der auch in den alten Kulturen des Orients verbreiteten Ansicht aus, daß durch Blindheit dem Dichter und Sänger eine besondere Begabung der Erinnerung und eine von allem Äußeren nicht ablenkbare innere Schau und tiefstes Wissen zuteil werde“ (Wünsche 1999, S. 12). Die griechische Kunst des 5. Jahrhunderts v.Chr. hat versucht, die Blindheit eines Menschen durch geschlossene Augenlider anzuzeigen – so wie bei dem Porträtkopf aus der Münchner Glyptothek.
Wie alle griechischen Porträts gehörte auch der Münchner Kopf ursprünglich zu einer Statue. Wie sie ausssah, ist uns unbekannt. Die aufrechte Kopfhaltung lässt eher auf eine Standfigur als auf eine Sitzstatue schließen; der damaligen Greisenikonographie entsprechend, müsste sie sich auf einen Stab gestützt oder dieses Attribut der Greise und besonders der Blinden in der Hand gehalten haben. Vergleicht man Haar- und Bartbildung mit anderen griechischen Werken, dann könnte die Originalstatue um 460 v.Chr. entstanden sein; wahrscheinlich war sie in Bronze gearbeitet. 
Der unbekannte Künstler hat Homer nicht als einen von körperlichem Verfall gezeichneten Greis, sondern als würdigen alten Mann dargestellt. Zwar zeigt das Gesicht typische Altersmerkmale wie steil abfallende Brauen, vorspringende Backenknochen, Furchen und Falten, andere jedoch wie eingefallene Wangen, welkes Fleisch und tiefe Augenhöhlen sind nur zurückhaltend angegeben. Vor allem das volle Haupthaar ist kein Hinweis auf ein hohes Alter: Dichte, lange Strähnen, die von einer Binde gehalten werden, bedecken den Kopf. Über Ohren und Nacken kräuselt sich das herabfallende Haar in dichten Locken. Die Stirn bleibt frei, indem die in das Gesicht fallenden, langen Strähnen aufgenommen und über der Stirnmitte zu einem kleinen Knoten gebunden werden. Sorgsam gepflegt ist der mächtige Bart.
Ähnlich wie die bedeutungsvoll geschlossenen Augen sind wahrscheinlich auch die Stirnfalten nicht einfach als realistisches Detail für Alter gemeint. Durch ihre streng parallele Führung wirken sie zeichenhaft und „sollen wohl das unendliche Erinnerungsvermögen des Dichters andeuten“ (Zanker 1995, S. 24). Homer wirkt wie fernab von dieser Welt, als würde er nichts Äußeres wahrnehmen. „Den leicht geöffneten Mund mit der vollen Unterlippe könnte man sogar so deuten, als würde Homer in tiefer Versunkenheit seine eigenen Verse memorieren“ (Wünsche 1999, S. 14). Dichtkunst wird in diesem Bildnis als Gabe der Götter, als eine Art Sehertum und Schau verstanden.
1972 vor der Küste von Riace von einem Hobbytaucher entdeckt; zwei griechische Bronze-
figuren aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v.Chr. (für die Großansicht einfach anklicken)
Es erstaunt, dass eine Gesellschaft, die Körperkraft und Jugend so verherrlicht hat wie die Griechen des 6. und 5. Jahrhunderts v.Chr., die höchste geistige Autorität in der Gestalt eines Greises darstellt. Man muss sich vor Augen halten, dass ein solches Homer-Bildnis in einem Heiligtum neben Götter- und Heroenstatuen wie den Bronzen von Riace gestanden haben könnte. „Der grenzenlosen Verehrung der Jugend und Kraft im Bild des Athleten und Kriegers wurde die mit körperlicher Hinfälligkeit verbundene Weisheit  des Alters entgegengesetzt“ (Zanker 1995, S. 27/28). In der Vorstellung der Griechen waren alle großen Intellektuellen alt: Es gibt in ihrer Kunst kein Bildnis eines wirklich jugendlichen Dichters und schon gar nicht eines Philosophen.

Literaturhinweise
Susan Walker: Griechische und römische Porträts. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1999;
Raimund Wünsche: Das Bildnis des Homer. In: Bernard Andreae, Odysseus. Mythos und Erinnerung. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1999, S. 10-15;
Paul Zanker: Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst. Verlag C.H. Beck, München 1995, S. 21-29.

(zuletzt bearbeitet am 15. März 2016)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen