Montag, 3. Juni 2019

Architektur des Klassizismus (2): das Alte Museum in Berlin

Karl Friedrich Schinkel: Altes Museum (1824-1830); Berlin, Lustgarten (für die Großansicht einfach anklicken)
Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) gilt heute als der bedeutendste Architekt des 19. Jahrhunderts – vielleicht ist er sogar der wichtigste deutsche Architekt überhaupt. Das Alte Museum in Berlin bezeichnete er selbst als sein bestes Bauwerk. Das prominenteste ist es auf jeden Fall – im Herzen der Stadt gegenüber dem ehemaligen Schloss und neben dem Berliner Dom gelegen, „bildete es mit diesen den prägenden architektonischen Dreiklang des Zentrums: Königtum, Kirche und Kunst“ (Haubrich 2013, S. 34). Selbstbewusst stellte Schinkel es dem feudalen Schloss gegenüber; er wollte für das Bürgertum einen Ort der kulturellen Bildung schaffen, eine Stätte der ästhetischen Erziehung, die im damaligen Denken auch mit einer sittlichen Erziehung verknüpft war.
Das Alte Museum, ohne Frage ein Hauptwerk des europäischen Klassizismus, folgt mit seiner klaren Gliederung dem Gestaltungskanon der griechischen Antike. Das Gebäude, ab 1824 errichtet und 1830 eingeweiht, besteht aus einem sehr einfachen, breit gelagerten und leicht querrechteckigen Kubus, dessen fünf Flügel im Inneren zwei Innenhöfe ausbilden. Der dreigeschossige, flach gedeckte Bau hat eine Länge von 87 Metern und ist 55 Meter breit. Während alle nicht auf den Lustgarten ausgerichteten Außenseiten sehr schlicht gehalten sind, zieht die Südfassade umso mehr Aufmerksamkeit auf sich: Über dem sehr hohen Sockelgeschoss zeigt sich die Front als eine in voller Höhe und über die gesamte Breite verlaufende Vorhalle mit 18 kannelierten ionischen Säulen in Monumentalordnung, die von zwei Eckpilastern begrenzt wird. Auf ihrem Gebälk sitzen über den Säulen achtzehn sandsteinerne Adler; die hier angebrachte Weihinschrift lautet: FRIDERICVS GVILHELMVS III. STVDIO ANTIQVITATIS OMNIGENAE ET ARTIVM LIBERALIVM MVSEVM CONSTITVIT MDCCCXXVIII (Friedrich Wilhelm III. hat zum Studium der Altertümer jeder Art sowie der freien Künste 1828 dieses Museum gestiftet).
Zu dieser Vorhalle, die immer wieder mit dem Wandelgang einer antiken Stoa verglichen wird, führt eine hohe, das Sockelgeschoss überwindende Freitreppe von einem Drittel der Gebäudebreite. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren hier Wandbilder nach Schinkels Entwurf zu sehen, die die Entwicklung der Menschheit darstellten. Auf den seitlichen Mauern der Freitreppe hatte Schinkel zwei Reiterstandbilder vorgesehen, stattdessen wurden lange nach seinem Tod zwei Bronzegruppen mit Tierkampfszenen aufgestellt.
Schinkels Entwurf der Rotunde, dem römischen Pantheon nachempfunden
Der innere Flügel des Alten Museums besteht aus einer breiten Rotunde, deren Kuppel über die Fassade hinausragt, allerdings von außen nicht sichtbar ist, da sie von einem quadratischen Aufbau verblendet wird. Die Rotunde ist 23 Meter hoch und 23 Meter im Durchmesser breit und wird von einer durch 20 korinthische Säulen getragenen Empore innen umlaufen. Sie ist als deutliche Anlehnung an das römische Pantheon zu verstehen: 117 n.Chr. errichtet und später als Kirche allen Heiligen geweiht, galt der berühmte Rundtempel seit der Renaissance als Inbegriff der römischen Antike (siehe meinen Post „Meisterweke der antiken Baukunst“). Zwischen den Säulen und auf der Empore stehen in flachen Nischen antike Statuen. Die kassettierte Kuppel ist mit gemalten Genien und Sternzeichen geschmückt und gipfelt in einem runden Oberlicht.
So hat sich Schinkel den Ausblick vom obersten Treppenpodest gedacht ...
... und dies die heutige Situation mit der 1991 eingebauten Glasfront
Wer nun die Vorhalle durchschreitet, gelangt über eine von vier Säulen gestützte Öffnung in das Treppenhaus, unmittelbar vor der zentralen Rotunde gelegen: „Die doppelarmige gegenläufige, einmal gewendete Treppe nimmt ihren Anlauf im rückwärtigen Treppenlauf, so dass man zunächst über einen kurzen dunklen Korridor das Treppenmassiv durchqueren muss, um dann nach der Treppenwendung wieder in Richtung des zum Freien gelegenen äußeren, von Tageslicht beschienenen Laufs zu gelangen“ (Freigang 2014, S. 116). Auf dem abschließenden Podest befindet man sich in großer Nähe zu den Kapitellen der inneren Vorhallensäulen und hat zugleich einen weit über die Stadt reichenden Ausblick. Vom oberen Treppenabsatz führen seitlich Türen zu den Schauräumen des Obergeschosses; das mittlere Portal aber geht auf die Empore der Rotunde, „der Klimax der sukzessiven, erlebnishaften Erfahrung des Museums“ (Freigang 2015, S. 116).
Grundrisse von Sockel-, Haupt-und Obergeschoss
Unmittelbar nördlich hinter dem Alten Museum wurde von 1841 bis 1859 durch den Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler (1800–1865) das Neue Museum errichtet. Es war dazu bestimmt, die ägyptischen und frühgeschichtlichen Werke, das Kunstgewerbe (Münzen und Medaillen) und die Gipssammlung im Kontext der historischen Entwicklung der Menschheit und der Künste zu präsentieren. Es folgte 1863 bis 1876 die ebenfalls von Stüler entworfene Alte Nationalgalerie neben dem Neuen Museum, in dem die zeitgenössische deutsche Kunst gezeigt werden sollte. 1904 wurde dann das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) an der Nordspitze der Spreeinsel (Architekt: Ernst von Ihne) eröffnet. In die Lücke zwischen Neuem Museum und Kaiser-Friedrich-Museum wurde schließlich von 1907 bis 1930 das Pergamon-Museum erbaut (Architekt: Alfred Messel), der vor allem den monumentalen hellenistischen Pergamon-Altar aufnehmen sollte.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Alte Museum schwer beschädigt und brannte aus. 1956 veranlasste die DDR-Regierung den Wiederaufbau, der 1966 abgeschlossen war. 1979 bis 1982 erfolgte eine umfassende Renovierung des Hauses. Einen wesentlichen Eingriff in die Architektur bedeutete 1991 der Einbau einer Glasfront in die Zwischenräume der zweiten Säulenreihe: Dadurch wurde ein einziger, kontrollierbarer Zugang geschaffen und ein geschlossener Rundgang durch die Ausstellungsbereiche hergestellt. „Aber das Erlebnis des von Schinkel erdachten sukzessiven Übergangs von außen nach innen ist seitdem erheblich beeinträchtigt“ (Haubrich 2013, S. 45).

Literaturhinweise
Freigang, Christian: WBG Architekturgeschichte: Die Moderne. 1800 bis heute. WBG, Darmstadt 2015, S. 113-118;
Haubrich, Rainer: Karl Friedrich Schinkel. Seine Bauten in Berlin und Potsdam. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2013, S. 34-45.

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