Donnerstag, 3. Januar 2013

Vorhang auf! – Rembrandts „Heilige Familie“ aus Kassel


Rembrandt van Rijn: Die Heilige Familie mit dem Vorhang (1646); Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister
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Auf den ersten Blick scheint Rembrandts kleines Gemälde (46,8 x 68,4 cm) eine häusliche Genreszene zu zeigen. Bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch, dass es sich bei den Figuren um Maria und Josef mit ihrem Kind handelt. Maria sitzt links im Vordergrund auf einer Bank. Sie trägt ein dunkelgrünes Kleid, ein weißes Halstuch und ein Häubchen. Die junge Mutter hat ihr rot gekleidetes Kind aus der Wiege genommen und drückt den kleinen Jesus zärtlich an sich. Hinter ihr lässt sich ein Himmelbett ausmachen. Die Behausung, in die Ruinen eines spitzbogigen Gebäudes eingebaut, wird durch das am Boden brennende Feuer und durch links einfallendes Licht erhellt. Neben dem Feuer im Vordergrund steht ein Breischälchen mit einem Löffel darin; daneben sitzt ein Katze, die sich zu wärmen scheint und, wohl hungrig, den Napf fixiert. Rechts im Hintergrund, in einem dunklen Hof, zu dem ein paar Stufen hinabführen, ist schemenhaft Josef zu erkennen: Der Zimmermann und Nährvater Jesu hackt gerade Holz.
Die Szenerie wird von einem gemalten goldenen Rahmen eingefasst, der nach oben hin abgerundet ist. An der linken Seite hat Rembrandt ihn mit einem Pilaster versehen, an der unteren Leiste mit reichen Verzierungen. Davor befindet sich eine ebenfalls gemalte Eisenstange mit einem roten Vorhang. Der ist zurückgezogen und verdeckt einen Teil der rechten Bildhälfte.
Der Raum, die Tracht der Personen, die Ausstattung – alles gehört in Rembrandts Zeit und Lebensraum, nichts deutet zwingend auf jene Familie im Palästina der Zeitenwende, von der im Neuen Testament die Rede ist. Für Rembrandt und seine Zeitgenossen ist die Geschichte von der Geburt Christi nicht Vergangenheit, sondern ein höchst aktuelles Geschehen.
Dass gemalte Vorhänge zur Zeit Rembrandts nicht ungewöhnlich waren, zeigt zum
Beispiel Jan Vermeers Bild Das brieflesende Mädchen aus der Dresdener
Gemäldegalerie (um 1659)
Warum fügt Rembrandt nun aber dieser Szene einen gemalten Vorhang hinzu, der ein Drittel des Bildes verdeckt? In früheren Jahrhunderten wurden tatsächlich Stoffvorhänge benutzt – zum einen, um Gemälde vor Staub und Licht zu schützen, zum anderen, um die Bilder durch ein zeitweises Verhüllen interessanter, kostbarer, geheimnisvoller werden zu lassen. Solche echten Vorhänge sind wohl noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in Gebrauch gewesen. Gemalt machen Vorhang, Stange und Rahmen das Bild zunächst einmal zum optischen Kunststück. Sie bilden ein Trompe-l’œil, mit dem der Besitzer eines solchen Gemäldes seine Besucher zu verblüffen vermag. Oder andersherum: Rembrandt setzt den Augentrug ein, um sein verblüffendes malerisches Können vorzuführen, als Wiederholung jener antiken Künstleranekdote, die Plinius d.Ä. erzählt: Der Maler Parrhasius hatte einen so realistischen Vorhang vor ein Bild gemalt, dass sein Kollege Zeuxis verlangte, man möge diesen endlich beiseite ziehen, um das Bild sehen zu können (Naturalis historiae, Buch 35,65). Gemälde mit gemalten Vorhängen im Bild gab es schon früher, zum Beispiel Raffaels Sixtinische Madonna von 1512/13 – aber Rembrandts Heilige Familie aus Kassel ist das erste mit einem gemalten Vorhang vor einem Bild.
Raffaels Sixtinische Madonna mit gemaltem Vorhang im Bild (1512/13), Dresden,
Gemäldegalerie Alte Meister
Rembrandt hat die Heilige Familie mehrfach dargestellt. Auf dem großformatigen Bild in der Eremitage in St. Petersburg (1645) sitzt Maria beim Feuer, ein großes Buch auf dem Schoß, in dem sie eben noch gelesen hat, und hebt die Decke über der Wiege an, um ihr schlafendes Kind zu betrachten. Josef bleibt, verschattet, im Hintergrund und bearbeitet mit der Axt ein Holzstück. 
Rembrandt van Rijn: Die Heilige Familie mit den Engeln (1645), St. Petersburg, Eremitage
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Das Kasseler Gemälde wirkt wie eine ein Jahr später entstandene Variante dieses Bildes, denn wir sehen dieselben Figurentypen als Maria und Josef sowie eine große Ähnlichkeit in der Beleuchtung der Szene. Auch das hochformatige Bild der Eremitage ist durch die häusliche Atmosphäre bestimmt – doch die Engel links oben verdeutlichen unmissverständlich, dass wir es mit einer alles anderen als alltäglichen Szene zu tun haben. Mit den Engeln bricht ein himmlisches Licht in den Raum, das uns die heilsgeschichtliche Bedeutung des Geschehens erkennen lässt. Josef schnitzt mit seiner Axt ein Joch – Symbol für die Rolle Jesu als Erlöser. Es verweist auf die Weissagung des Propheten Jesaja aus dem Alten Testament, der Heiland werde das auf Israel lastende Joch zerbrechen (Jesaja 9,1-6). 
Aber auch das gelüftete Tuch hat – wie der gemalte, beiseite geschobene Vorhang auf dem Kasseler Gemälde – symbolische Bedeutung: Es verweist auf das Motiv des „Vetus Testamentum velatum“, eine Metapher, die auf den Apostel Paulus zurückgeht. Im 2. Korintherbrief spricht er davon, das Alte Testament sei wie durch eine Decke verhüllt – verstehen könne es nur, wer in Jesus den dort verheißenen Messias erkennt (2. Korinther 3,14-16). Maria hat soeben noch in den prophetischen Büchern des Alten Testaments gelesen; sich von ihrem Buch abwendend und die Decke anhebend, erblickt sie in ihrem Sohn den Erlöser.
Gary Schwartz ist allerdings anderer Ansicht: Maria habe zuvor genügend Hinweise auf die Göttlichkeit ihres Sohnes erhalten – die Ankündigung der Geburt durch den Engel, die Anbetung der Hirten und Weisen, die Begegnung mit Simeon und Hanna im Tempel. Für ihn ist das Buch, in dem Maria eben noch gelesen hat, eine Anspielung auf die berühmten Eingangsworte des Johannesevangeliums: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ (Schwartz 2006 S. 319).


Literaturhinweise
Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.): Rembrandt – Genie auf der Suche. DuMont Verlag, Köln 2006, S. 332;
Giltaij, Jeroen: Rembrandt Rembrandt. Ausstellungskatalog Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main 2003. Edition Minerva, Wolfratshausen 2003, S. 146-149;
Kemp, Wolfgang: Die Heilige Familie oder die Kunst, einen Vorhang zu lüften. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986;
Schwartz, Gary: Das Rembrandt-Buch. Leben und Werk eines Genies. Verlag C.H. Beck, München 2006, S. 315-319;
Tümpel, Christian: Rembrandt – Mythos und Methode. Verlag Langewiesche, Königstein i.T. 1986, S. 244-246.

(zuletzt bearbeitet am 2. Mai 2017)