 |
| Vittore Carpaccio: Grabbereitung Christi (um 1505); Berlin, Gemäldegalerie (für die Großansicht einfach anklicken) |
Im Vordergrund sehen wir den
auf einem altarartigen Tisch aufgebahrten Leichnam Christi. Rechts im Bild ist Maria
in ihrem Schmerz bewusstlos zu Boden gesunken und wird von einer der Frauen gehalten,
die sie zu Jesu Grablegung begleitet haben. Vor ihnen steht als Rückenfigur der
Jünger Johannes, der sich klagend an sein Haupt fasst. Auf einem sich aus der Ferne
schlängelnden Pfad nähern sich Maria Magdalena mit dem Salbgefäß und weitere
trauernde Frauen. In umgekehrter Richtung entfernen sich Krieger in türkischer
Tracht. Ihr Weg lässt sich hinter der Felsformation bis auf den Hügel mit den drei
leeren Kreuzen verfolgen. Ein bärtiger Alter lehnt sitzend mit nacktem
Oberkörper am Stamm eines Baumes. Seinen Kopf stützt er auf seine linke Hand –
die alte, aus der Antike stammende Geste der Melancholie. Zwei Männer in farbig
leuchtenden Gewändern und Turbanen öffnen das Grab, während ein Mann in reicher
Kleidung, wahrscheinlich Joseph von Arimathäa, eine flache Schüssel für die
Waschung des Leichnams herbeiträgt. Neben ihm liegt auf einem
Steinplattenfragment, behutsam drapiert, das Grabtuch Christi.
Zerstreut finden sich zwischen
Fragmenten antiker Bauelemente Gebeine und Schädel von Mensch und Tier. Eine
ausgemergelte Leichenbüste, den Mund vom zuletzt ausgehauchten Röcheln noch
leicht geöffnet, ragt links, einem stummen Mahnmal gleich, aus dem Boden.
Genaue Anatomie (von Totem und Lebendigem) und eine elegische Grundstimmung
bestimmen den Gesamteindruck dieses Bildes.
Das großformatige Gemälde
des venezianischen Renaissance-Malers Vittore Carpaccio (1465–1525) zeigt die
Vorbereitung der Grablegung Christi, wie sie im Matthäus-Evangelium geschildert
wird: Der Leichnam soll gewaschen und in das weiße Grabtuch gehüllt werden. Es
ist ein Begräbnis, wie es dem jüdischen Bestattungsbrauch entspricht: „Am Abend
aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Joseph und war auch ein
Jünger Jesu. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus,
man sollte ihm den geben. Und Joseph nahm den Leib und wickelte ihn in ein
reines Leinentuch und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen
Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes
und ging davon“ (Matthäus 27,57-60).
Die vorn rechts in die Bildtiefe verlaufende Grasnarbe, die sich im
linken Felsen fortsetzt, teilt das Geschehen in zwei Hälften. Durch
Verdopplungen sind sie aufeinander bezogen. So ist zweimal ein Felsen mit
Grabkammer dargestellt. Die hintere Kammer zeigt ein heilloses Durcheinander,
geöffnete und ausgeräumte Särge, Gebeine, die vor die Höhe geschleppt wurden.
Das vordere Grab ist indessen unangetastet. Ähnlich findet der Tisch, der als
Bahre für Christi Leib dient, in der ruinösen „mensa“ im hinteren Bildteil eine
Entsprechung.
Auffallend ist außerdem die
Verdopplung der flachen Schüssel: Im linken vorderen Bildteil wird sie wie
erwähnt zur Waschung des Leichnams herbeigetragen. Analog scheint die rote
Schüssel im hinteren Bildabschnitt dem knienden Knaben zugeordnet. Der Junge
beugt sich über eine rechteckige Öffnung am Boden, die mit Steinquadern
befestigt ist und sich als Zisterne deuten lässt. Carpaccios Jüngling ist genau
in der geometrischen Bildmitte positioniert. Was er in seiner Rechten umfangen
hält und dem er so aufmerksam seinen Kopf zuwendet, lässt sich nur erahnen. Birgit
Blass-Simmen, vermutet, dass es sich um einen kleinen Vogel handelt. Joseph von
Arimathäa ist von diesem Brunnen her an das Grab getreten und stützt seine
schwere Last auf einem großen Stein ab, um sich einen Moment zu erholen.
Carpaccio stellt dem neuen
Grab eine geschändete Gräberlandschaft gegenüber. Sie ist durch die
Architekturfragmente als eine Szenerie der klassischen Antike ausgewiesen.
Nicht nur die Grabkammer, auch die Umgebung ist ruinös, schon lange verfallen,
mit Moos und Gräsern überwachsen. „Damit scheint in die Meditation des Alten
miteingeschlossen auch ein Sinnieren über den Untergang der antiken Welt“
(Blass-Simmen 1993, S. 113). Die antike Kultur ist hier nicht wiedergeboren,
keine euphorisch gefeierte Renaissance vermittelt das Gemälde, sondern vielmehr
eine Trauerstimmung über verblichene Größe.
 |
| Der eucharistische Christus |
Die dominierende
Gegenwärtigkeit des Todes legt nahe, dass in Carpaccios Gemälde über das Leiden
Christi hinaus über Tod und Vergänglichkeit nachgedacht wird. Während der
Verfall des menschlichen Daseins in allen Stufen der Verwesung dargestellt
wird, erscheint über dieser Golgatha-Phantasie hoch oben auf dem Felsrücken
eine idyllische Pastorale. Die Hirten wie die weidenden Schafe nehmen die
Ereignisse unter ihnen nicht wahr. Sie stellen eine räumlich wie zeitlich
entfernte Bildwelt dar. Das Musizieren auf der Schalmei und die einfache Hütte
verweisen auf Arkadien, jenes ideale Reich der Unschuld, der Harmonie mit der
Natur und des Glücks. „Zur biblischen und antiken Weltzeit gesellt sich so eine
dritte zeitloser Naturverbundenheit“ (Blass-Simmen 1993, S. 114).
Die hagere Gestalt des
Greises ist die einzige Figur, die, zur Vorderszene gehörig, in die hintere
Bildebene hineinragt. Zur Darstellung der Grablegung bzw. Grabbereitung Christi
ist sie nicht erforderlich. Auch sie ist Zuschauer und daher naheliegend Identifikationsfigur
für den Betrachter: Sie führt vor, welche Haltung gegenüber dem Tod des
Erlösers einzunehmen sei, und ebenso fordert sie auf, es ihr gleich zu tun. Wer
ihrem Vorbild folgt, dem bleibt trauernde Ohnmacht erspart – denn
kompositionell ist die Gruppe der vor Schmerz zusammengebrochenen Maria von der
eigentlichen Grabbereitungsszene ausgeschlossen: Sie ist davon getrennt durch
die Grasnarbe und den hoch aufragenden Baum. Gleichzeitig ist die
Schmerzensgruppe in auffallender Nähe zur Greisenfigur angeordnet. Dadurch ist
ein Vergleich der beiden Verhaltensweisen im Bild angelegt. Während der Stamm,
an den sich der asketische Greis lehnt, aufstrebend zu einer üppigen Baumkrone
sich entwickelt, sind die beiden Äste, die seitlich über die Marien- und
Johannesgrupp ragen, abgestorben. Sie haben ihre Blätter verloren. Durch diese
vegetabile Symbolik werde, so Blass-Simmen, eine ähnliche Aufforderung
vermittelt: Nicht Tränen sollen vergossen werden angesichts des Todes Christi,
sondern nachgedacht über dieses Sterben und die Bedeutung dieses Ereignisses.
Die Bildanordnung ist von
einer auffälligen Asymmetrie beherrscht: Zur linken Seite hin gewinnt die
Komposition zusehends an Gewicht; nach links hin türmen sich mehr und mehr
Hügel und Felsgebirge, während sich rechts die Landschaft in die Ferne öffnet. Der
Leichnam Jesu ist nicht in der Bildmitte aufgebahrt. Steht man frontal vor dem
Gemälde, irritieren die unnatürlich überlängten Beine des Leichnams. Für
Blass-Simmen sind dies Hinweise darauf, dass das Gemälde nicht für einen
Betrachterstandort vor dem Bild konzipiert wurde, sondern für einen Kontext,
der den Standort des Betrachters wesentlich nach links verschiebt „Von einem
solchen idealen Betrachterstandpunkt aus (ca. drei Meter nach links verschoben)
verkürzen sich unversehens die Beine Christi zu normalen Proportionen“
(Blass-Simmen 1993, S. 115).
Carpaccios Grabbereitung
weist das typische Format der „teleri“ aus den venezianischen „Scuolen“ auf. Als
Scuolen wurden in der Republik Venedig geistliche und karitative Korporationen,
Zünfte und Gilden oder Zusammenschlüsse von auswärtigen Landsmannschaften
bezeichnet. Teleri sind Bilder auf Leinwand, die in einen größeren Zusammenhang
eines Raum- oder Wandprogramms gehören. Die Ausmalung von Räumen wurde in der
Lagunenstadt selten in Freskotechnik vorgenommen; zur Innengestaltung von
Räumen fügte man in Venedig mehrere gerahmte Leinwandbilder zu einer
Szenen-Abfolge zusammen. Direkt in den Putz gemalte Bilder waren in der im Meer
gebauten Stadt von geringer Beständigkeit; es entstand daher als spezifisch
venezianische Bildgattung eine Werkstatt-Tradition solch erzählerischer
Leinwand-Bilderzyklen.
 |
Vittore Carpaccio: Meditation über die Passion (um 1505); New York, Metropolitan Museum (für die Großansicht einfach anklicken) |
In Thema und Stil dem
Berliner Bild eng verwandt ist Carpaccios wesentlich kleinere Meditation
über die Passion im New Yorker Metropolitan Museum. Sie zeigt den toten
Christus auf einem ruinösen Steinsessel. Ähnlich einer „Sacra coversazione“,
bei der anstelle der Madonna der Leichnam Christi thronend die Mitte einnimmt,
sitzen links und rechts zwei greise Asketen-Heilige. In beiden Gemälden
herrscht die gleiche atmosphärische Stimmung; und bemerkenswert ist die fast
identische Wiedergabe der Greisen-Figur im New Yorker wie im Berliner Bild:
genauso hager, mit ledriger, sonnengebräunter Haut. Hier wie dort verharrt er
in ähnlich meditativer Haltung. Die Gestalt Christ zeigt in beiden Bildern
dieselbe jugendliche Physiognomie, umrahmt von langen dunkelblonden Locken und
flaumigem Barthaar. Um die Lenden geschürzt trägt er in der Meditation über
die Passion wie in der Grabbereitung ein fein gewobenes weißes
Lendentuch mit zarten Farbstreifen. Ebenso wiederholt sich die Dornenkrone, die
im New Yorker Bild an den ruinösen Thron lehnt und im Bild der Berliner
Gemäldegalerie am Boden unter der Leichenbahre liegt. Blass-Simmen geht
deswegen davon aus, dass man sich Carpaccios Bilder von der Passion Christi als
wandfüllendes Ensemble vorstellen müsse: In der Mitte als Altarbild die
symmetrisch angelegte New Yorker Holztafel, auf der rechten Seite die Berliner
Leinwand, während das Bild auf der linken Seite heute nicht bekannt sei.
In dem New Yorker Bild sind
die beide Christus rahmenden Eremiten eindeutig zu bestimmen: Links sitzt der
hl. Hieronymus mit dem Löwen; der Asket zur rechten Christi ist Hiob. Er ist
gekennzeichnet durch die hebräische Inschrift an dem Stein-Kubus, auf dem er
sitzt. Zu entziffern ist der Vers aus Hiob 19,25 (LUT): „dass mein Erlöser
lebt“. Seine Ähnlichkeit mit dem Berliner Greis legt nahe, dass zweimal der
gleiche Heilige dargestellt ist. Vittorio Sgarbi geht davon aus, dass Carpaccios
Berliner Hiob-Figur „mit seinem Leiden und seiner Genesung die Passion und
Auferstehung des Messias vorwegnimmt“ (Sgarbi 1999, S. 186). Der üppige Zweig und
der trockene Ast der Esche, unter der Hiob ruht, symbolisiert aus seiner Sicht den
Gegensatz von Eccelesia und Synagoge, gemäß eines verbreiteten
Vergleichs von Lambertus de Saint-Omer in seinem Liber Floridus (um
1120). Die Gruppe rechts von Baum mit den trauernden Marien und dem Evangelisten
Johannes zitiert einen Kupferstich von Andrea Mantegna (1431–1506), den Carpaccio
schon für seine Berufung des Matthäus und den Marientod der Ca‘ d’Oro
herangezogen hatte.
 |
| Andrea Mantegna: Grablegung Christi (um 1470); Kupferstich (für die Großansicht einfach anklicken) |
Der Tisch, auf dem Christus
in der Grabbereitung präsentiert wird, gleicht einem Altartisch, wie er auch
im Mittelalter und noch in der Renaissance gebräuchlich war. Der Eucharistie
während der Messe gleich, liegt auch Carpaccios Christus auf einem fein gewobenen
weißen Tuch. Der Altar ist der Ort, an dem sich die eucharistische Transsubstantiation
des geweihten Brotes und Weines in Fleisch und Blut Christi vollzieht. Der Opfergedanke
in Carpaccios Gemälde wird verstärkt durch den zweiten Opfertisch im
Bildhintergrund: „Die zweite, ruinöse »mensa«, die sich zwischen den
Architektur-Fragmenten befindet, ist in die Brüche gegangen. Der alte
Opfertisch wurde abgelöst durch denjenigen des Herrn“ (Blass-Simmen 1993, S.
119).
Literaturhinweise
Blass-Simmen, Birgit: »Povero Giopo«. Carapaccios »Grabbereitung
Christi« und die »Scuola di San Giobbe« in Venedig. In: Jahrbuch der Berliner
Museen 35 (1993), S. 111-128;
Schleier, Erich: Vittore Carpaccio, Die
Grabbereitung Christi (um 1505). In: Gemäldegalerie Berlin. 200 Meisterwerke.
Nicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann, Berlin 1998, S. 362-363;
Sgarbi, Vittorio: Carpaccio. Hirmer Verlag, München 1999,
S. 186-188;
LUT = Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung,
revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.