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| Karl Friedrich Schinkel: Spreeufer bei Stralau (1817); Berlin, Alte Nationalgalerie (für die Großansicht einfach anklicken) |
Eingerahmt von einem mächtigen, den Bildrahmen sprengenden steinernen Bogen mit Tonnengewölbe und Konsolbank, präsentiert sich dem Betrachter eine abendliche Seelandschaft. Vom diesseitigen Ufer stößt ein Schiffer sein Boot ab, um zwei Waldhornbläser wohl zu der Halbinsel überzusetzen, die sich rechts von der Bildmitte, in einem Angelhaus endend, hinzieht. Das stimmungsvolle, relativ kleine Gemälde (33 x 44,5 cm) des deutschen Architekten und Malers Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) bezaubert durch das Zusammenspiel von Motiven, die uns in ihrer verhaltenen Schönheit die Feierlichkeit eines endenden Tages bestaunen lassen. Da ist die fast schon melancholische Stille einer glatten Wasserfläche mit der schmalen Stadtsilhouette am Horizont; das allmähliche Aufglühen des Sonnenuntergangs hinter den steilen Pappeln, die das stille Wasser verdoppelt; die ruhige Heimkehr der Musikanten in einem Kahn: Es sind Motive des Abendfriedens, überfangen vom Bogen, der offenbar als Durchblick unter einer Brücke gemeint ist.
Das Hauptmotiv ist das Boot, das ein kräftiger, doch schlanker Schiffer mit nach vorn wehendem Haar vom Ufer abstößt – es geht offensichtlich ein Abendwind. Die lange Stange, der der junge Mann benutzt, der Kontur seines Rückens und linken Beines sowie der Uferrand als Basis bilden ein rechtwinkliges Dreieck. Die in Ufernähe an einer Stange befestigte Reuse ist parallel zum Rücken des Schiffers ausgerichtet und unterstreicht dessen Bewegung; ein im Wasser liegender Fischkasten leitet zu dem Boot über. Weiter links sitzen auf einer zweiten, sich oben gabelnden Stange zwei Vögel, dem Himmel zugeordnet wie die Fische dem Wasser. „Vielleicht singen sie und treten so in eine Beziehung zu den beiden Waldhornbläsern“ (Börsch-Supan 2002, S. 9).Der rechte Musikant trägt als Abzeichen seiner patriotischen Gesinnung ein altdeutsches Barett als Kopfbedeckung. Die beiden Männer mögen vorher auf der Steinbank gesessen haben, die rechts mit der Architektur verbunden ist. Den drei Personen im Boot entspricht der Dreierrhythmus der durch Bäume getrennten Bauten auf der Halbinsel. Einem dreiachsigen, durch Pilaster gegliederten Pavillon ist eine Terrasse vorgelagert, die bis ans Wasser reicht. Sie ist an ihren Rändern mit Statuen besetzt. Hinterfangen wird dieser Bau durch eine Baumgruppe. Dann folgt ein Rundbau, der durch ein Dach in der Form eines abgetreppten Kegels mit einer Laterne mit einer Statue darauf abgeschlossen wird. Ein Geländer, das diese Laterne umgibt, zeigt an, dass man hier hinaufsteigen und die Aussicht genießen kann. Verbunden ist dieser Rundbau mit einem ebenfalls mit Statuen besetzten Portikus. Links neben dem Ensemble ragt eine Gruppe hoher Pappeln auf, und daran schließt sich das bereits erwähnte Angelhaus an, bei dem wieder eine Plattform zur Aussicht einlädt. „Solche Angelhäuser gab es in Stralau, dem Fischerdorf an der Spree südöstlich von Berlin, die anderen Bauten jedoch sind Erfindungen, die diese ländliche Gegend gleichsam nobilitieren“ (Börsch-Supan 2002, S. 11). Am Horizont ist die Silhouette von Berlin zu erkennen: Angedeutet sind wohl die Kirchen am Gendarmenmarkt und das Dach des alten Schauspielhauses. Allerdings ist auch die Berlin-Silhouette nicht exakt wiedergegeben, und es gibt in Wirklichkeit keinen Blick vom Spreeufer nach Westen, wo die Stadt aus der Ferne so erscheint. Solche Umwandlungen von bekannten Ansichten zu Bildern, in denen Gesehenes und Erdachtes sich mischen, hat Schinkel oft gestaltet.
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| Caspar David Friedrich: Der Abendstern (um 1830/35); Frankfurt a.M., Freies Deutsches Hochstift |
Die Musik der Bläser ist ein Nachklang der Freuden, die der beliebte Ausflugsort Stralau mit seinem alljährlich am 24. August gefeierten Volksfest bot; sie „bedeutet aber auch Vergänglichkeit, und so wird man bei dem Rundbau zwischen den Lusthäusern an einen Grabbau und bei dem Schiffer, der das Boot vom Ufer abstößt, an Charon denken können“ (Börsch-Supan 2002, S. 11). Das idyllische Bildmotiv der Überfahrt erinnert damit auch an das Ende der Lebensreise; Schinkels Gemälde gewinnt mit dieser Todessymbolik einen auf den ersten Blick nicht ins Auge fallenden Ernst. Die strenge Symmetrie des Bildes, die konsequente Komposition immer wiederkehrender Dreiergruppen in Form von Menschen, Bauten und Bäumen, die feine malerische Ausführung und natürlich die elegische Grundstimmung sind kaum ohne die Anregung durch Bilder Caspar David Friedrichs (1774–1840) denkbar, dessen Landschaften um die Entstehungszeit von Schinkels Bild mehrfach in Berlin ausgestellt waren.
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| Karl Friedrich Schinkel: Triumphbogen (1817); Berlin, Schloss Charlottenburg |
Der den Landschaftsausblick begrenzende mächtige Bogen verleiht dem vom Sonnenuntergang vergoldeten Himmel eine hoheitsvolle Rahmung. Das mit Kassetten versehene Tonnengewölbe ist in schwarzbraunem Farbton gehalten; die helle Zeichnung der Architekturteile hat Schinkel durch Einritzen in die dunkle Farbe gewonnen. Der Bogen ist ebenfalls freie Erfindung – eine solche Architektur gab es zu keiner Zeit an dieser Stelle. Rätselhaft wirkt das Bauwerk ohnehin, sein Zweck ist nicht erkennbar. „Dennoch ist es durch seine Dunkelheit mit den als Silhouette erscheinenden Einzelheiten im Mittelgrund verbunden. Der Blick springt vom Ufer dorthin“ (Börsch-Supan 2002, S. 9). Es erinnert an den zeitgleich entstandenen Triumphbogen des Malers, ein damals als „Phantasiestück“ bezeichnetes Bild zur Feier Preußens und seines Sieges über Napoleon. Schinkel hatte während seines Italienaufenthaltes von 1803 bis 1805 mehrfach Gelegenheit, derartige Ehrenbögen der römischen Antike zu betrachten. Kurz vor der Ausführung des Bildes war Schinkel außerdem mit der Bühnendekoration für Mozarts Zauberflöte beschäftigt, die in Berlin im Jahr 1816 aufgeführt wurde. In seinem bekanntesten Bühnenentwurf überhaupt, der Sternenhalle der Königin der Nacht, überführte er den Nachthimmel mit seinen geordneten Sternenbahnen in die Darstellung eines ornamentalen Gewölbes.
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| Karl Friedrich Schinkel: Die Sternenhalle der Königin der Nacht (um 1815); Berlin, Kupferstichkabinett |
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| Karl Friedrich Schinkel: Kahnfahrt auf dem Königssee bei Berchtesgaden (1811); Berlin, Kupferstichkabinett |
In dem Schiffer hat man ein Selbstporträt Schinkels erkennen wollen. Bereits auf einer 1811 entstandenen Zeichnung mit ähnlichem Motiv, einer Kahnfahrt mit Waldhornbläsern auf dem Königsee bei Berchtesgaden, hatte sich Schinkel mit seiner Frau Susanne dargestellt. Eine ältere und kleinere Fassung des Spreeufers bei Stralau (seit 1945 verschollen) zeigte statt des dunklen Bogens eine Pergola und statt der Waldhornbläser zwei Liebespaare.
Literaturhinweis
Börsch-Supan, Helmut: Karl Friedrich Schinkels Gemälde Aussicht auf das Spreeufer bei Stralau von 1817. In: artibus et historiae 46 (2002); S. 9-19.





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