Donnerstag, 15. August 2013

Hendrickje Stoffels – Rembrandts „huysvrouw“


Rembrandt: Frau an einer geöffneten Tür (um 1656/57); Berlin, Gemäldegalerie
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1634 heiratet Rembrandt Saskia van Uylenburgh, die jedoch 1641 stirbt, neun Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Titus. Vermutlich schon zu Lebzeiten Saskias ist die Witwe Geertje Dircx als Wirtschafterin im Hause Rembrandts beschäftigt. Nach dem Tod Saskias übernimmt sie den Haushalt, wird Ersatzmutter für Titus und Rembrandts Geliebte. 1649 verlässt sie den Maler im Streit – Anlass für die Trennung ist die junge Hendrickje Stoffels, die Rembrandt als Magd in sein Haus aufgenommen hatte. Belegt ist dies durch Quellen, die den von Geertje angestrebten Prozess gegen Rembrandt wegen dessen nicht eingehaltenem Eheversprechen dokumentieren. Noch bevor Rembrandt vor das Gericht für Eheangelegenheiten gerufen wird, macht Hendrickje eine eidliche Aussage zu seinen Gunsten: Sie bestätigt, dass es Geertjes Wunsch war, das Haus zu verlassen, und Rembrandt aufgrund einiger Unstimmigkeiten eine Vereinbarung mit ihr getroffen habe, in der er Geertje eine sofortige Zahlung und eine jährliche Rente zusichere. Hendrickje schließlich bleibt bis zu ihrem Tod 1663 Rembrandts letzte Lebensgefährtin.
Als Hendrickje 1654 ein Kind von Rembrandt erwartet, wird sie im Juni und Juli desselben Jahres insgesamt dreimal vor den Kirchenrat der Reformierten Kirche bestellt. Sie ist der „Hoererij“ (Hurerei) mit dem Maler Rembrandt angeklagt und soll sich ihrer unehelichen Schwangerschaft schuldig bekennen. Erst nach der dritten Aufforderung folgt Hendrickje der Vorladung. Die Strafe für ihr Vergehen lautet: Ausschluss vom Abendmahl. Rembrandt wird ebenfalls zu einer Anhörung bestellt. Aber als man feststellt, dass er nicht mehr aktives Mitglied der Reformierten Kirche ist, werden keine weiteren Versuche gemacht, ihn persönlich vor den Rat zu zitieren.
Sowohl Rembrandts Verhältnis zu Hendrickje als auch sein uneheliches Zusammenleben mit Geertje sind für seine Zeit nicht ungewöhnlich. Liebesverhältnisse mit Mägden sind alltäglich und führen in einigen Fällen auch zur Heirat. Rembrandt selbst betrachtet Hendrickje sehr wohl als „seine Frau“ und spricht nach ihrem Tod in einem Antrag auf einen neuen Vormund für die gemeinsame Tochter Cornelia von Hendrickje als „seiner verstorbenen Frau“. Dass er sie nicht ehelicht, liegt vermutlich am Testament Saskias, das eine Klausel enthält, wonach Rembrandt bei erneuter Heirat die Hälfte seines Erbes verlieren sollte. Das kann sich der Künstler aufgrund seiner wirtschaftlichen Misere nicht leisten. Sie zwingt ihn, im Sommer 1656 vor Gericht Konkurs anzumelden. Hendrickje und Titus gründen daraufhin einen Kunsthandel, über den Bilder verkauft werden, ohne dass den Gläubigern der Gewinn zufällt.
Obwohl es kein urkundlich belegtes Porträt Hendrickjes gibt, gehen viele Kunsthistoriker davon aus, dass Rembrandt sie in dem Berliner Gemälde Frau an einer geöffneten Tür dargestellt hat. Die junge Frau ist als lebensgroße Halbfigur im Ausschnitt einer geöffneten Obertür wiedergegeben, an deren Rahmung sie sich oben und unten mit den Armen abstützt. Der Oberkörper ist nach links gewendet, der Kopf leicht geneigt und der Blick der großen, dunklen Augen auf den betrachter gerichtet. Um den Hals trägt sie eine Schnur, an der ein Ring befestigt ist. Auf dem Kopf sitzt eine orientalisch anmutende Haube, hinzu kommt weiterer Schmuck an Handgelenk, Finger und Ohr. Ihre zwanglos-gelöste Haltung spiegelt sich auch in ihrer Kleidung wieder, die nicht zum Ausgehen bestimmt ist und den Brustauschnitt offen lässt. In breitflächig-pastosem Farbauftrag treten aus dunklen Schattentiefen die glühend roten Töne des Gewandes – einem faltenreichen Hausmantel – und das Weiß des Hemdausschnitts hervor. Malweise und Leuchtkraft der Palette offenbaren, dass sich der späte Rembrandt an die Bilder Tizians (1485–1576) anlehnt.
Eine strahlendiagnostische Analyse des Berliner Gemäldes hat gezeigt, dass Rembrandt die Lage der um den Hals hängenden Schnur verändert hat. Sie ist aus der Körperachse nach rechts verschoben worden – dadurch wird der Ring deutlicher als in der ursprünglichen Anlage hervorgehoben. Rembrandt betont auf diese Weise Hendrickjes Status als De-facto-Ehefrau.
Fraglich bleibt allerdings, ob das Bild tatsächlich als Porträt gemeint war – oder ob Hendrickje für die Berliner Frauengestalt nur Modell gestanden hat. Deren Bedeutung ist man bislang jedoch nicht auf die Spur gekommen.

Literaturhinweise
Jan Kelch: Frau an einer geöffneten Tür. In: Christopher Brown u.a. (Hrsg.), Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt. Gemälde. Schirmer/Mosel, München 1991, S. 267-271;
Simon Schama: Rembrandts Augen. Siedler Verlag, Berlin 2000, S. 542-558;
Julia Lloyd Williams (Hrsg.): Rembrandt’s Women. National Gallery of Scotland, Edinburgh 2001, S. 220.

(zuletzt bearbeitet am 21. Januar 2016)