Donnerstag, 16. April 2015

Vier Frauen heben ab – Pontormos „Heimsuchung“


Pontormo: Heimsuchung (1528/29); Carmignano, San Michele
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Der italienische Maler Jacopo Carrucci (1494–1557), nach seinem Geburtsort in der Toskana Pontormo genannt, gilt zusammen mit Rosso Fiorentino (1494-1540) als einer der Hauptvertreter des früheren Florentiner Manierismus. Pontormos Heimsuchung, 1528/29 für die Dorfkirche (San Michele) in Carmignano gemalt, zeigt die Begegnung zwischen der schwangeren Maria und ihrer ebenfalls schwangeren Cousine Elisabeth, von der uns im Lukas-Evangelium berichtet wird (1,39-45). Elisabeth war unfruchtbar und „hochbetagt“ wie ihr Mann, der Priester Zacharias. Als dieser im Tempel von Jerusalem seinem Amt nachgeht, kündigt ihm der Erzengel Gabriel die Geburt eines Sohnes an. Zacharias kann das nicht recht glauben, und so lässt der Engel den Prister stumm werden „bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird“ (Lukas 1,20). Und Elisabeths Bauch wächst tatsächlich. Monate später erhält sie Besuch von ihrer jungen Verwandten Maria, die auf noch ungewöhnlichere Weise schwanger geworden ist (Lukas 1,26-38). Das Kind in Elisabeths Schoß hüpft bei dieser Begegnung vor Freude – es wird Johannes heißen, Marias Sohn Jesus den Weg bereiten und ihn im Jordan taufen (Lukas 3,1-22).
Michelangelo: Persische Sibylle (um 1509); Rom, Sixtinische Kapelle
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Pontormos Gemälde zeigt vier Frauengestalten; neben der eigentlichen Begrüßung zwischen Elisabeth und Maria sind es vor allem der bewegte Faltenwurf und die leuchtenden Farben der Gewänder, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. Beides geht ohne Frage auf Michelangelos Fresken in der Sixtina zurück. Die Vierergruppe scheint „von geheimer Kraft vom Boden gehoben und wie Montgolfieren mit geblähten Gewändern zu schweben“ (Polaczek 1994). Umgeben sind die Figuren von einer Architektur, die wie Kulissen für einen Film wirkt. Leicht zu übersehen sind zwei weit entfernte, winzig kleine männliche Gestalten am linken Bildrand, die vor einem rundbogigen Portal sitzen. Über ihre Bedeutung rätseln die Kunsthistoriker bis heute. Die Stufen rechts führen zu einem nahe gelegenen Eingang, der wohl zum Haus des Zacharias gehören dürfte; links dagegen fluchtet ein mehrstöckiges, palastähnliches Gebäude jäh in die Tiefe.
Maria und Elisabeth berühren einander sacht, auf Rippenhöhe und an der Schulter. Es ist, als wollten die beiden zu einem Reigen ansetzen. Denn so ernst sie sich in die Augen schauen, so gelöst sind ihre Bewegungen – Elisabeth scheint mit ihrem linken Fuß geradezu zu tänzeln. Diese Leichtigkeit überrascht auch deshalb, weil Marias Cousine die 50 überschritten haben dürfte: Pontormo übergeht keine Falte in ihrem Gesicht und zeigt auch die erschlaffende Haut am Doppelkinn; er kontrastiert sehr bewusst die junge, idealschöne mit der älteren, realistisch gesehenen Frau.
Pontormo hat Maria und Elisabeth in Seiten-, die zwei Begleiterinnen hinter ihnen in Vorderansicht wiedergegeben. Diese beiden Frauenfiguren sind rätselhaft, denn sie werden im biblischen Bericht (Lukas 1,39-45) nicht erwähnt und kommen auch sonst in der Ikonografie dieser Szenen nicht vor. Auch sie scheinen, wie Elisabeth, auf den Zehenspitzen fast zu schweben. Möglicherweise handelt es sich um eine kunstvolle Verdopplung der Hauptpersonen, um eine Simultandarstellung derselben Figuren in einem Bild.
Albrecht Dürer: Vier nackte Frauen (1497); Kupferstich
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Die drei Grazien (römische Marmorkopie eines hellenistischen Originals); Paris, Louvre
Pontormo ließ sich in den Jahren nach 1520 zunehmend von der Grafik Albrecht Dürers beeinflussen. So geht die Anregung zur Gruppierung der vier Frauengestalten auf Dürers Radierung Vier nackte Frauen zurück (siehe meinen Post „Dürers nackte Frauen“), die ebenfalls von unterschiedlichen Seiten zu sehen sind. Sowohl Dürers als auch Pontormos Darstellung varriieren das antike Thema der Drei Grazien, mit dem Pontormo sich zuvor auch in Zeichnungen beschäftigt hatte. Das Motiv der einander umarmenden Frauen wiederum ist vom Holzschnitt der Heimsuchung aus Dürers „Marienleben“ übernommen.
Albrecht Dürer: Heimsuchung (um 1503/04); Holzschnitt

Literaturhinweise
Doris Krystof: Jacopo Carrucci, genannt Pontormo. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 1998;
Salvatore S. Nigro: Pontormo. Il Libro mio/Zeichungen/Fresken/Gemälde. Schirmer/Mosel, München 1996;
Dietmar Polaczek: Ungezähmt und bodenlos. Zwei toskanische Rebellen: Rosso Fiorentino und Pontormo. In: F.A.Z. vom 28. Oktober 1994;
Norbert Schneider: Die antiklassische Kunst. Malerei des Manierismus in Italien. LIT Verlag, Berlin/Münster 2012, S. 94.

(zuletzt bearbeitet am 30. April 2016)