Freitag, 6. November 2015

Showdown am Jabbok – „Jakob ringt mit dem Engel“ von Rembrandt van Rijn


Rembrandt: Jakob ringt mit dem Engel (1659); Berlin, Gemäldegalerie
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Im Alten Testament wird erzählt, dass Jakob – nachdem er seinen Schwiegervater Laban verlassen hat – mit seinen beiden Frauen Lea und Rahel zurück in die Heimat zieht (1. Mose 32). Auf dem Weg dorthin bleibt er allein auf der einen Seite des Flusses Jabbok zurück. Dort begegnet ihm ein Engel in Menschengestalt und ringt mit ihm bis zur Morgenröte. Als der Engel erkennt, dass er Jakob nicht überwältigen kann, renkt er ihm die Hüfte aus. Doch Jakob gibt nicht auf und verlangt von seinem Widersacher, ihn zu segnen – und der Engel gewährt ihm dies. „Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet“ (1. Mose 32,31; LUT).
Rembrandt verzichtet bei seiner Darstellung auf erzählende Details und einen genauer bestimmbaren landschaftlichen Hintergrund. Er staffelt das Geschehen in die Höhe  – die beiden Gestalten sind großformatig und in Nahsicht wiedergeben, Jakob von hinten, der Engel von vorne. Von Jakob sind nur der ins Profil gedrehte Kopf und sein Rumpf zu sehen; die Beine werden von der unteren Bildkante abgeschnitten, die Arme beinahe vollständig von seinem Gegenüber verdeckt. Der Engel ist die dominierende Gestalt des Gemäldes, seine ausgebreiteten Flügel reichen über die Grenzen des Bildes hinaus. Die Körper der beiden Figuren sind leicht zurückgelehnt und über Kreuz einander zugedreht. Jakob, dessen Augen vor Anstrengung nahezu geschlossenen sind, setzt bei diesem Ringen erkennbar seine ganze Kraft ein; der Druck, den er mit seinem Körper gegen seinen Gegner ausübt, ist an den gespannten Muskeln seines Oberkörpers abzulesen, die sich durch das purpurfabene Gewand abzeichnen. Dem mit einem langen weißen Hemd bekleideten Engel dagegen ist die Heftigkeit des Kampfes nicht anzusehen. Aus einem Gesicht, das von einer dichten Lockenkrone umrahmt ist, sieht er Jakob ebenso überlegen wie zärtlich an. Jakobs Blick dagegen geht an dem Engel vorbei und ins Leere; für Nicola Suthor veranschaulicht sich darin seine Unwissenheit Jakob erkennt nicht, mit wem er es da zu tun hat.
Der Engel legt dem biblischen Erzvater seine Rechte beinahe behutsam in den Nacken, als ob er ihn zu sich heranziehen wollte; die Linke wiederum greift an Jakobs Taille und drückt ihn von sich weg. „Die Gegenläufigkeit der Griffe ist durch die unterschiedliche Gestaltung der Hände verstärkt. Die zupackende und wegstoßende linke Hand, die offensichtlich Kraft aufwendet, ist deutlich größer und männlicher als die feingliedrigere rechte gebildet“ (Suthor 2014, S. 138). Auf gleicher Höhe mit der linken Hand stemmt der Engel Jakob sein entblößtes rechtes Knie in die Seite, dabei stützt er sich mit seinen rechten Fuß an einem Felsen ab. Der schräg ins Bild gesetzte Körper Jakobs ist von beiden Seiten her eingezwängt und droht zu kippen. Kompositorisch sind die beiden Oberkörper dennoch harmonisch zusammengeschlossen, denn die Schultern des Engels runden sich zusammen mit der Schärpe Jakobs zu einem Oval, dass sich deutlich auf der Bildfläche abzeichnet. Die zupackende Hand und das drückende Knie des Engels fügen sich ebenfalls in diese Kreisform ein.
Von der entblößten Schulter des Engels geht zweifellos eine erotische Wirkung aus. „Der Hemdträger, der das Engelsgewand hält, unterstreicht die Blickbahn: Er verknüpft das jeweils rechte Auge der Kämpfenden“ (Suthor 2014, S. 144). Doch weit mehr zieht die leuchtend weiße Farbe des Engelgewandes die Aufmerksamkeit auf sich. Das Bleiweiß ist dick aufgetragen, um sowohl Jakob wie auch den Betrachter mit seiner Helligkeit in Bann zu schlagen und regelrecht zu blenden. Vielleicht sind Jakobs Augenlider auch darum fast geschlossen.
Simon Schama bescheinigt der fast besinnlich wirkenden Szene „den Charakter einer somnambulen Begegnung“ (Schama 2000, S. 620). Changierend zwischen Showdown und Umarmung, zeigt uns Rembrandt den Moment, kurz bevor der Engel Jakobs Hüfte aus ihrer Verankerung drückt. „Die untere Bildhälfte thematisiert den körperlichen Zusammenstoß, die obere die gesegnete Einstellung des Kampfes“ (Suthor 2014, S. 142). Die verzerrte Haltung Jakobs, dessen Oberkörper genau dort abgeknickt ist, lässt schon die Folgen dieses ungewöhnlichen Kampfes erahnen: Jakob wird ein Leben lang hinken. Dabei signalisieren der sanfte Gesichtsausdruck des Engels und seine ausgebreiteten Flügel, dass ihm sein Segenswunsch erfüllt wurde. Die Engelschwingen könnten auch auf Psalm 36,8 (LUT) anspielen: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“
Rembrandt: Mose zerbricht die Gesetzestafeln (1659); Berlin, Gemäldegalerie
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Rembrandts Bild zeichnet sich aus durch den starken Kontrast zwischen sorgfältig ausgearbeiteten Details (wie beispielsweise das Hemd des Engels) und Teilen der Leinwand, die hinsichtlich des Farbaufbaus und -auftrags einen nahezu unvollendeten Eindruck machen (wie der Hintergrund rechts). Jakob ringt mit dem Engel ist immer wieder mit Rembrandts Mose, ebenfalls in der Berliner Gemäldegalerie, in Verbindung gebracht worden (siehe meinen Post „Da kriegst du doch’n Horn!“). Die beiden Gemälde haben zwar unterschiedliche Abmessungen, aber die Abweichungen könnten sich daraus erklären, dass der Jakob rundum beschnitten wurde. Auf diese Weise ist z. B. die Signatur an den unteren Rand gerutscht, während sie beim Mose etwas höher sichtbar wird. Auf jeden Fall sind die Ähnlichkeiten verblüffend: Die Proportionen der Figuren, der breite Pinselstrich, die zurückhaltende Farbgebung wie auch die Art und Weise, in der die Figuren am unteren Rand angeschnitten werden, stimmen auffälllig überein.

Literaturhinweise
Schama, Simon: Rembrandts Augen. Siedler Verlag, Berlin 200, S. 620-621;
Suthor, Nicola: Rembrandts Rauheit. Eine phänomenologische Untersuchung. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014, S. 136-147;
Tümpel, Christian (Hrsg.): Im Lichte Rembrandts. Das Alte Testament im Goldenen Zeitalter der niederländischen Kunst. Westfälisches Landesmuseum Münster, Münster 1994, S. 248;
LUT = Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. 

(zuletzt bearbeitet am 3. August 2017)