Montag, 21. Dezember 2015

Meisterwerke der antiken Baukunst (1): das Pantheon


Immer noch prima in Schuss: das antike Pantheon auf der Piazza della Rotonda
Als das besterhaltene und berühmteste antike Bauwerk in Rom gilt das Pantheon. Was bis heute auf der Piazza della Rotonda bewundert werden kann, ist allerdings nicht das „Original“, sondern der Nachfolger eines Tempels, den Agrippa von 27 bis 25 v.Chr. zu Ehren seines Freundes und Förderers Augustus (63 v.Chr.–14 n.Chr.) hatte errichten lassen. Noch immer verweist eine Inschrift auf dem Architrav über dem Eingang auf Agrippa als Erbauer des Pantheon. „Pantheon“ ist ein griechisches Wort, pan heißt „ganz“ oder „alle“, theon kommt von theos, dem griechischen Wort für „Gott“. Wahrscheinlich war das Pantheon also kein Tempel für einen bestimmten Gott, sondern ein Tempel für alle oder wenigstens doch für mehrere Götter. Allerdings wäre das Pantheon mit dieser Funktion einzigartig, denn es existieren keine weiteren Tempel für eine Allgötterverehrung im römischen Kult.
Klassische Ruhe und Vollendung ...  sind leider nur selten zu genießen, da der Inneraum meist völlig überfüllt ist
Zum viel bewunderten Bauwerk und einem der Wahrzeichen Roms wurde das Pantheon jedoch erst unter Kaiser Hadrian, der das Römische Reich zwischen 117 und 138 n.Chr. regierte. Der unmittelbare Anlass zu einer Komplett-Renovierung des Pantheon waren schwere Bauschäden, die Blitzschlag und Feuer verursacht hatten. Um mehr Platz zu schaffen, wurde das Pantheon der Bau gegenüber seinem Vorgänger um 180 Grad nach Norden gedreht. Wo sich früher die alte Kultstätte befunden hatte, stand nun die rechteckige Vorhalle des neuen Tempels. Der dreischiffige Portikus verfügte über 16 monolithische, 12,50 Meter hohe Säulen mit korinthischen Kapitellen. Sie stehen heute immer noch, zum Teil allerdings modern restauriert. Alle Säulen sind unkanneliert, die vorderen acht bestehen aus grauem Granit, die hinteren acht aus hellrotem Rosengranit, dem Material der ägyptischen Obelisken.
An die Vorhalle schließt sich der große Rundbau im Innern an, dessen Höhe exakt seinem Durchmesser entspricht: 43,2 Meter. Identisch ist auch der Radius der Kuppel und der Umfang des Zylinders: Er beträgt jeweils 21,6 Meter und damit exakt die Hälfte von Raumhöhe und -durchmesser. Der griechische Mathematiker Archimedes hatte herausgefunden, dass ein Zylinder und eine Halbkugel von identischer Höhe dieselbe Oberfläche besitzen. Dies trägt zu dem Eindruck von Geschlossenheit und Harmonie bei, der das Innere des Pantheon kennzeichnet.
Die Innenwand ist zweigeschossig aufgebaut. Zwei Gesimsringe teilen sie in einen unteren und einen oberen Bereich, an den sich die Kuppel anschließt. In die untere Wandzone sind je vier von Pfeilern gerahmte Halbkreis- und Rechtecknischen eingefügt, von zwei Säulen optisch vom Zentralraum getrennt. Vor den dazwischenliegenden Mauerflächen stehen Pilaster. In den sieben Wandnischen befanden sich wahrscheinlich Statuen, die entweder Götter oder Angehörige der kaiserlichen Familie darstellten. Der niedrigere Obergeschoss ist nicht mehr original erhalten; es wurde 1756 so verändert, wie wir es noch heute vor uns sehen: Die Attikazone wird durch eine regelmäßige Abfolge von quadratischen Feldern und übergiebelten Nischen gegliedert. Nach außen ist der Rundbau völlig geschlossen, die Ziegelwand unauffällig verputzt.
Eine technische Meisterleistung und eine Augenweide: die Kuppel
Das Pantheon von oben: gut sichtbar ist das Opaion, die Öffnung in der Kuppel
Die wichtigste technische Errungenschaft des Pantheons war seine aus Beton gegossene Kuppel. Dem Beton der unteren Kuppelzone wurden schwerere Materialien (Travertin und Backstein) beigemischt, während man für die obere Tuff und Bimsstein verwendete, ein außerordentlich leichtes, aber sehr widerstandsfähiges Gestein. Auf diese Weise ließ sich der lastende Schub des Gewölbes deutlich verringern. Große Mengen von Bimsstein standen nach dem Vesuvausbruch 70 n.Chr. zur Verfügung. Die Säulen, Rippen, Gesimsringe, Pfeiler und Pilaster, die die Wand des Pantheon sichtbar gliedern und mit ihr die Kuppel zu tragen scheinen, sind  nur Dekoration. Die Kuppel sitzt zwar optisch auf der Wand des Rundbaus, doch sie wird von acht unsichtbaren Mauerpfeilern getragen. Auf diesen Pfeilern ruht die ganze Last, und auch sie sind nicht massiv, sondern haben innere Hohlräume, die bis zum Dach durchlaufen.
Für die Architekturfans gibts natürlich auch den Grundriss
Die Kuppel ist innen mit Kassetten versehen (fünf Kassettenringe mit jeweils 28 Vertiefungen), die nach oben zu immer kleiner werden und zusammenzulaufen scheinen; dadurch wirkt das Gewölbe höher und leichter, als sie tatsächlich ist. In der Mitte verfügt die Kuppel über eine Öffnung von neun Metern Durchmesser, durch die von oben sanftes, ungebrochenes Licht in den Raum fällt und den Eindruck von „klassischer Ruhe und Vollendung“ (Rodenwaldt 1927, S. 79) vermittelt. Von klassischer Ruhe ist heutzutage allerdings nicht mehr viel zu spüren, wenn man mit Hunderten von Touristen gleichzeitig das Pantheon besichtigt ... Der Fußboden des Pantheons besteht aus quadratischen und kreisförmigen Porphyr-Platten; er wurde zur Mitte hin abgesenkt, damit das Wasser bei Regen abrinnen konnte.
Das Pantheon im 18. Jahrhundert (Kupferstich von Giovanni Battista Piranesi): 1626 hatte man der Kirche zwei Glockentürme hinzugefügt (nach Entwürfen von Carlo Maderno), die 1882/83 wieder abgetragen wurden
Im Jahr 608 schenkte der byzantinische Kaiser Phokas den heidnischen Tempel dem römischen Bischof und Papst Bonifatius IV., der sie in eine christliche Kirche umwandelte: Sie wurde Maria und den Märtyrern geweiht und erhielt deswegen den neuen Namen Sancta Maria ad Martyres. Dieser „Umwidmung“ ist es vor allem zu verdanken, dass sich das Pantheon bis heute in einem so hervorragenden Bauzustand befindet – viele andere antike Kultstätten wurden nach der „Konstantinischen Wende“ 380 n.Chr. geplündert oder zerstört. Der Papst initiierte eine umfangreiche „Sammelaktion“, um möglichst viele Überreste von namenlosen Märtyrren in das ehemalige Pantheon zu überführen – was wiederum den christlichen Festkalender beeinflusste, entwickelte sich doch daraus der hohe christliche Feiertag Allerheiligen. Allerdings hielt dies einzelne Herrscher nicht davon ab, sich an den Schätzen des Pantheon zu vergreifen: So ordnete etwa Kaiser Konstans II. im 7. Jahrhundert an, das vergoldete Dach der Kuppel ins ferne Konstantinopel zu schicken. Papst Urban VIII. wiederum ließ im 17. Jahrhundert die Bronzeverkleidung aus dem Portikus entfernen – die dann vor allem für Kanonen verwendet wurde.
Andrea Palladio: La Rotonda (1567-1591); am südöstlichen Stadtrand von Vicenza gelegen
Karl Friedrich Schinkel: die Rotunde im Alten Museum, Berlin (1825-1830)
Die Kuppel im Petersdom, Rom, von Michelangelo entworfen
Als Bautypus regte die Kuppelbasilika viele Architekten zur Nachahmung an. Der zylindrische Kuppelbau mit Portikus wurde in Europa regelrecht Mode. Als Beispiele seien die Villa La Rotonda bei Vicenza von Andrea Palladio (1508–1580) und das Alte Museum in Berlin von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) genannt. Auch die Kuppel des Petersdoms, von Michelangelo entworfen, kann als Adaption des Pantheon gelten. Bis 1913 verfügte das Pantheon über die größte Kuppel der Welt – dann wurde es von der Jahrhunderthalle in Breslau übertroffen.
Das Panthéon in Paris – voller berühmter Toter
In späteren Zeiten entwickelte sich das Pantheon zu einer prominenten Grablege: Allen voran hat hier der berühmte Renaissance-Künstler Raffael seine letzte Ruhestätte gefunden, der 1520 im Alter von nur 37 Jahren in Rom gestorben war. Auch Angehörige des italienischen Königshauses sind hier beigesetzt worden – so König Vittorio Emanuele II., 1878 gestorben, und der 1900 ermordete Umberto I. Auch das wirkte in Europa stilbildend: „Pantheon“ entwickelte sich zu einem Synonym für Ehrenhallen und Grabstätten berühmter Persönlichkeiten. Das bekannteste Beispiel ist das Panthéon in Paris, das während der Französischen Revolution von der Nationalversammlung zum Kult- und Gedenkort verdienter französischer Größen erklärt wurde.


Literaturhinweise
Max Galli/Joseph Imorde: Plätze des Lebens. La Piazza Italiana. DuMont monte Verlag, Köln 2002, S. 174-181;
Jens Jähnig/Holger Sonnabend: Große Bauwerke der Antike. Von den Pyramiden bis zur Hagia Sophia. Primus Verlag, Darmstadt 2009, S. 124-129;
Tod Marder: Pantheon. In: Christina Strunck (Hrsg.), Rom – Meisterwerke der Baukunst von der Antike bis heute. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2007, S. 44-48;
Ursula Muscheler Abbild des Himmels. Das Pantheon in Rom |110-128 n.Chr. In: Ursula Muscheler, Sternstunden der Architektur. Von den Pyramiden bis zum Turmbau von Dubai. Verlag C.H. Beck, München 2009, S. 53-62;
Gerhart Rodenwaldt: Die Kunst der Antike. Propyläen-Verlag, Berlin 1927.

(zuletzt bearbeitet am 25. Juni 2016) 

Kommentare:

  1. Danke für diesen interessanten Beitrag. Ich bin noch nicht in Rom gewesen und habe so endlich mal einen Eindruck bekommen. Auch hier in Darmstadt steht eine Kirche, die eine Version des Pantheons ist. Sogar in der vereinfachten Form ist sie sehr stimmungs- und eindrucksvoll.
    https://de.wikipedia.org/wiki/St._Ludwig_(Darmstadt)

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