Dienstag, 2. Februar 2016

Das Porträt im österreichischen Expressionismus (2): Oskar Kokoschka malt Herwarth Walden


Oskar Kokoschka: Bildnis Herwarth Walden (1910); Stuttgart, Staatsgalerie
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Mit seinen frühen Porträts legte der österreichische Expressionist Oskar Kokoschka (1886–1980) den Grundstein zu seinem Ruhm. Sie gelten allgemein als sein bedeutendster Beitrag zur europäischen Moderne. Als Beispiel für Kokoschkas Bildniskunst sei hier sein Porträt von Herwarth Walden (1910) vorgestellt, das sich heute in der Staatsgalerie Stuttgart befindet.
Der Kunsthändler, Verleger, Schriftsteller und Komponist Herwarth Walden (1879–1941), eigentlich Georg Lewin, war einer der wichtigsten Vorkämpfer der Avantgarde in Deutschland. Von Berlin aus entfaltete er zahlreiche Aktivitäten, um der Kunst seiner Zeit zum Durchbruch zu verhelfen: Ab 1910 gab Walden eine Wochenschrift für Kultur und die Künste mit dem Titel Der Sturm heraus, 1912 gründete er die gleichnamige Sturm-Galerie, wob ein dichtes Netz von Bekanntschaften und organisierte Ausstellungen in ganz Europa, 1914 sogar in Tokio. „Mit dem »Sturm«-Kreis schuf er auf der Landkarte der europäischen Moderne einen Ort, wo deutsche Expressionisten, italienische Futuristen, Dadaisten und französische Kubisten am Vorabend des Ersten Weltkriegs zusammenfanden“ (Natter 2002, S. 138). Es war Herwarth Waldens Verdienst, dass Berlin neben Paris zum Zentrum der Avantgarde wurde.
Herwarth Walden, 1918
Der Titel des Journals Der Sturm ging auf Waldens damalige Ehefrau zurück, die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945). Sie hatte auch den Namen Herwarth Walden kreiiert. Das Paar trennte sich 1912. Nachdem am 3. März 1910 die erste Nummer des Sturm erschienen war, wurde Oskar Kokoschka schnell zu einem der wichtigsten Mitarbeiter. Zu diesem Zweck siedelte Kokoschka ab Mitte Mai für ein halbes Jahr nach Berlin über. In der Sturm-Galerie fand dann wenige Wochen später bereits die erste Kokoschka-Ausstellung in Deutschland statt – unter den 27 ausgestellten Ölbildern befanden sich 24 Porträts. Von 1909 bis Ende 1910 schuf Kokoschka in rascher Folge rund 40 Bildnisse. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kamen nochmals so viele hinzu – Kokoschkas Frühwerk wurde ohne Frage von dieser Bildgattung dominiert. 
Oskar Kokoschka: Herwarth Walden (1910; Feder in Tusche über Bleistiftspuren);
Cambridge, Harvard Art Museum
Kokoschkas hohes Arbeitstempo am Beginn seiner Karriere verblüffte die Zeitgenossen; das „Drauflosmalen“ bestimmte auch die Porträtsitzungen, bei denen er auf vorbereitende Studien verzichtete. Von den Kritkern wurde Kokoschkas Porträts zumeist gnadenlos zerrissen. Seine Gegner sprachen von „Verwesungsmalerei“, ereiferten sich über den vermeintlich barbarischen „Hässlichkeitstaumel“ und sahen in den Gestaltungsmitteln des Künstlers einzig und allein Zeichen des Niedergangs.
Von seinen expressionistischen Kollegen in Deutschland unterscheidet sich Kokoschka vor allem durch den Einsatz der Farbe. Oft ist sie derart lasierend und dünn aufgetragen, dass sie die Leinwand kaum färbt, stellenweise ist sie kaum in das Baumwollgeflechts eingesickert und deckt nur dessen oberste Schicht. Umgekehrt hat Kokoschka pastose Stellen mit dem Tuch und wohl auch mit dem Finger verwischt, wodurch sich die Pigmente nur mehr in den „Tälern“ der groben Leinwand festsetzen konnten. Der Malgrund erhält damit einen wesentlichen Anteil an der Gesamterscheinung des Bildes.
Oskar Kokoschka: Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat (1909); New York, The Museum of Modern Art
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Kalligrafische, kratzende Eingriffe in die Farbfläche, etwa mit dem Ende des Pinsels, werden ein weiteres wichtiges Gestaltungsmittel Kokoschkas. „Im Hinblick auf den deutschen Expressionismus fällt auf, dass Kokoschkas kalligrafische Reichhaltigkeit mit einem lasierend koloristischen Reichtum korrespondiert, der den »Brücke«-Malern und Mitgliedern des »Blauen Reiters« fremd ist. Kokoschka hingegen bündelte schillernde Fabvaleurs und schwefelige Zwischentöne zu einem irrealen Schauspiel“ (Natter 2002, S. 91).
In dem 1910 entstandenen Profil-Porträt Herwarth Waldens liegt über weite Bereiche die taubengrau grundierte Leinwand offen. Erst im Hintergrund setzt Kokoschka farbige Flächen ein. Die agile, vorwärtsdrängende Persönlichkeit Waldens vermittelt sich dem Betrachter durch einen skizzenhaft vibrierenden Farbauftrag. „Dem kühlen Akkord der Blau-Weiß-Schwarz-Töne im Gewand antwortet das Strohgelb der dünnen Haare. Die leuchtend roten Akzentuierungen um Nase und Mund aber vermitteln Waldens Angriffslust“ (Natter 2002, S. 138).
Von der Weltwirtschaftskrise stark betroffen, musste Waldens Zeitschrift mit dem März-Heft 1932 sein Erscheinen einstellen. Noch im Sommer desselben Jahres emigrierte der engagierte Linke mit seiner vierten Frau in die Sowjetunion. Hier bestritt er mit Deutschunterricht für Erwachsene am Moskauer Fremdspracheninstitut und mit journalistischer Tätigkeit den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie 1933 wurde die Tochter Sina geboren. Wenige Jahre später ereilte Walden das tragische Schicksal so vieler deutscher Emigranten, die, erfüllt von Idealismus, in die Sowjetunion übergesiedelt waren und dann Opfer der stalinistischen Säuberungswellen wurden. Im Frühjahr 1941, noch vor Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, verhaftete man Walden unter dem Vorwand der Spionage und deportierte ihn später in ein Lager nach Saratow an der Wolga, wo er noch im selben Jahr, nach offizieller Mitteilung am 31. Oktober, völlig entkräftet an Herzschwäche starb.

Literaturhinweis
Beloubek-Hammer, Anita: DER STURM – Schauplatz der europäischen Avantgarde im zeitgenössischen Umfeld. Zum 100. Jubiläum der von Herwarth Walden gegründetn Berliner Kunstgalerie. In: Jahrbuch der Berliner Museen 54 (2012), S. 103-127;
Natter, Tobias G. (Hrsg.): Oskar Kokoschka. Das moderne Bildnis 1909 bis 1914. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002.

(zuletzt bearbeitet am 6. Februar 2018) 

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