Donnerstag, 14. April 2016

Monumentale Melancholie – Picassos „Sitzender Akt“ aus der Sammlung Berggruen in Berlin


Pablo Picasso: Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend (1921); Berlin, Museum Berggruen
(für die Großansicht einfach anklicken)
Mit Picassos „Klassizismus“ verbindet man zuerst die großen Frauengestalten der frühen 20er Jahre. Diese „schweren Frauen“ zeigen allerdings keine individuellen Züge, sie sind zeitlose Idealtypen mit klassischen Draperien und streng vom Mittelscheitel herabfließenden Haaren. Zu ihnen gehört auch das Pastell Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend aus der Sammlung Berggruen in Berlin. Quelle für das Haltungsmotiv der üppigen weiblichen Figur ist ohne Frage der antike Spinario, die römische Bronze eines Jungen, der sich einen Dorn aus dem Fuß zieht. Picasso konnte ihn wahrscheinlich 1917 in Rom sehen. 
Dornauszieher (Spinario); Rom, Museo Capitolino
Auf diese berühmte und häufig kopierte Skulptur aus dem Museo Capitolino bezieht sich auch Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) in seiner arkadischen Szenerie mit badender Eurydike. Dieses Bild einer üppigen Frau mit kleinen, hoch angesetzten Brüsten hatte Picasso 1920 mit sechs weiteren Bildern im Tausch von seinem Kunsthändler Paul Rosenberg für seine eigene Sammlung erworben. Es dürfte die unmittelbare Inspiration für sein Pastell gewesen sein. Renoir, der es im Pastellzeichnen zu großer Meisterschaft gebracht hatte, mag Picasso auch zu dieser Technik angeregt haben. Das Gefühl, einer künstlerische Tradition anzugehören – insbesondere der französischen – und ihr verpflichtet zu sein, hatte sich bei Picasso nochmals verstärkt, als er den Sommer 1921 in Fontainebleau bei Paris verbrachte.
Pierre-Auguste Renoir: Eurydike (1895-1900); Paris, Musée Picasso
Von Renoir übernommen ist die Haltung des fülligen, sinnlichen Frauenkörper, die ebenfalls auf einem Badetuch sitzt. Aber während Renoir seinen Akt in einer freundlichen Landschaft mit weiteren Staffagefiguren darstellt, platziert Picasso seine weibliche Figur mit deutlich überdimensionierten Händen und Füßen vor ein durchgehend glattes, blaues Meer und einen einförmigen Himmel. Sand, Wasser und Himmel wirken bei dem spanischen Künstler flach wie eine Tapete; „der Realitätscharakter der Landschaftsfolie wird durch die springende Horizontlinie zusätzlich gestört“ (Schulze 2003, S. 210). Die Kargheit des Hintergrunds, noch unterstützt durch den braunen sockelartigen Sitz, monumentalisiert die Gestalt; ganz auf sich bezogen, erscheint sie beinahe wie eine Skulptur. Die heitere Lebensfreude
Pablo Picasso: Große Badende (1921); Paris, Musée de l’Orangerie
Renoirs ist introvertierter Melancholie gewichen. „Die nachdenkliche, sinnende Frau, die für Renoir kaum je als Typus in Frage gekommen wäre, bleibt in Picassos Kunst eines seiner Schlüsselthemen“ (Riopelle 2009, S. 78).

Literaturhinweise
Ina Conzen (Hrsg.): Picassos Badende. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 56;
Christopher Riopelle: Rückkehr zu einer Art Ordnung. In: Louise Rice (Hrsg.), Picasso und die Alten Meister, Belser Verlag, Stuttgart 2009, S. 69-78;
Sabine Schulze (Hrsg.): nackt!. Frauenansichten. Malerabsichten. Aufbruch zur Moderne. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit  2003, S. 210;
Klaus-Peter Schuster u.a. (Hrsg.): Picasso und seine Zeit. Die Sammlung Berggruen. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1996, S. 114.

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