Sonntag, 30. Oktober 2016

Makellos und unversehrt – Agnolo Bronzinos „Heiliger Sebastian“


Agnolo Bronzino: Heiliger Sebastian (um 1528/29); Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza
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Der römische Offizier Sebastian gehört zu den bekanntesten christlichen Märtyrern und meistverehrten katholischen Heiligen. Kaiser Diokletian, zu dessen Leibgarde Sebastian gehörte, ließ ihn wegen seines christlichen Glaubens durch Bogenschützen hinrichten – was der Soldat jedoch, so die Legende, durch ein Wunder Gottes überlebte. Irene, eine junge Witwe, wollte den Toten bestatten, fand ihn aber lebend vor und pflegte ihn gesund. Als Sebastian den Kaiser öffentlich der Christenverfolgung beschuldigte, ließ dieser ihn schließlich zu Tode peitschen und in die „Cloaca Maxima“ werfen, den größten Abwasserkanal Roms. 
Makellos schön und unversehrt zeigt der italienische Maler Agnolo Bronzino (1503–1573) Sebastian als jugendlichen Akt in Halbfigur vor dunklem, nicht näher bestimmtem Hintergrund. Gezeigt wird also nicht das Pfeilmartyrium des Heiligen, sondern das Wunder seiner göttlichen Errettung. Sein beinahe knabenhaftes Haupt mit dem braun gelockten Haar, dem schlanken, glatten Gesicht und dem leicht geöffneten Mund hat Sebastian in Dreiviertelansicht nach rechts gerichtet; aus großen Augen blickt er versonnen in die Ferne. Die vom Mantel bedeckten Knie deuten an, dass der Jüngling breitbeinig vor uns sitzt, ganz ähnlich dem antiken Torso vom Belvedere (siehe meinen Post „Ruhm und Rätsel“), allerdings mit dem Unterschied, dass die Drehung des Oberkörpers verhaltener ausfällt und die Schulter in die andere Richtung, von links nach rechts abfallend, gewendet ist.
Torso vom Belvedere; Rom, Vatikanische Museen
Der in seiner Seite steckende Pfeil scheint Sebastian nicht im Geringsten zu schmerzen. Den angewinkelten linken Arm stützt er auf dem Knie ab und hält dabei locker einen weiteren Pfeil in der Hand. Dessen Spitze ist auf die andere Hand gerichtet, als wolle er ihre sichtliche Schärfe betasten. Den einzigen, dafür aber umso schrilleren Farbakzent des Gemäldes bildet der pinkfarbene Mantel, der über den Beinen liegt, kunstvoll um den rechten Arm geschlungen ist und schließlich „den gesamten Oberkörper wie eine Folie hinterfängt, dessen geschwungenen Kontur gleichsam wiederholend und betonend“ (Eclercy 2016, S. 141).
In Florenz wurde Sebastian insbesondere in der Kirche Santissima Annunziata verehrt, wo eine Laienbruderschaft, die „Compagnia di San Bastiano“, seinen Kult pflegte. Bronzino war selbst dieser Bruderschaft 1541 beigetreten – ein Zusammenhang mit dem Madrider Gemälde ist deshalb durchaus wahrscheinlich. Auf dem Gelände der Kirche wurde in den 1450er Jahren ein Kapelle errichtet, die ein Armreliquie des Heiligen beherbergte. Bastian Eclercy sieht darin den Schlüssel für Bronzinos Gemälde, das ja gerade „den Arm des Sebastian mit dem Pfeil so prominent inszeniert und dem gläubigen Betrachter am unteren Bildrand förmlich zur Verehrung darbietet“ (Eclercy 2016, S. 142).
Die überaus zahlreichen Sebastian-Darstellungen in der abendländischen Kunst verdanken sich vor allem der kontinuierlichen Präsenz der Pest in Europa seit der großen Epidemie von 1348. Denn Sebastian wurde wie Rochus, Cosmas und Damian als Pestheiliger verehrt und angerufen, weil die Pfeile seines Martyriums als Symbole für diese Seuche galten. Oft wird der Heilige auf diesen Gemälden mit einem besonders schönen, erotisch anziehenden Körper präsentiert, so auch von Bronzino. Das kann heutige Betrachter regelrecht irritieren: Sollte es sich wirklich um einen Heiligen handeln? Doch Sebastians Sinnlichkeit beweist geradezu, dass er wirklich lebt. Vor allem ist er durch die Makellosigkeit seines Leibes ein Gegenbild zu dem von der Pest befallenen Körper. Sebastian, der das Pfeilmartyrium durch ein Wunder Gottes überlebt hat, wird „zu einem Versprechen, dass die Gläubigen, selbst wenn sie am schwarzen Tod sterben müssen, einen zeitlosen, überirdischen, makellosen Körper bekommen“ (Bohde 2004, S. 92).
Agnolo Bronzino oder Jacopo Pontormo: Der Evangelist Markus (um 1525-1528); Florenz, Santa Felicita
Für die Datierung des Bildes ist sicherlich auf die stilistische Verwandtschaft mit den Evangelisten-Tondi der Cappella Capponi in Santa Felicita (Florenz) hinzuweisen, die Bronzino und Jacopo Pontormo (1494–1557) gemeinsam von 1525 bis 1528 ausgeführt hatten. Auch das dortige Altarbild von Pontormo, eine Grabtragung (siehe meinen Post „Grazie im Angesicht des Todes“), wäre anzuführen: Hier weisen vor allem Hände und Gesichter der beiden Grabträger enge Parallelen zu Bronzinos Sebastian auf.
Ausschnitt aus Jacopo Pontormos Grabtragung (um 1528);
Florenz, Santa Felicita (für die Großansicht einfach anklicken)

Literaturhinweise
Bohde, Daniela: Ein Heiliger der Sodomiten? Das erotische Bild des Hl. Sebastian im Cinquecento. In: Mechthild Fend/Marianne Koos (Hrsg.), Männlichkeit im Blick. Visuelle Inszenierungen in der Kunst seit der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Köln 2004, S. 79-98;
Eclercy, Bastian: Agnolo Bronzino, Heiliger Sebastian, um 1528/29. In: Bastian Eclercy (Hrsg.), Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici. Prestel Verlag, München 2016, S. 141-142.

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