Dienstag, 19. September 2017

Das Porträt im österreichischen Expressionismus (3): Oskar Kokoschka malt Auguste Forel


Oskar Kokoschka: Bildnis Auguste Forel (1910), Mannheim, Kunsthalle
Mit seinen frühen Porträts legte der österreichische Expressionist Oskar Kokoschka (1886–1980) den Grundstein zu seinem Ruhm. Sie gelten allgemein als sein bedeutendster Beitrag zur europäischen Moderne. Als weiteres Beispiel für Kokoschkas Bildniskunst sei hier nach dem Porträt von Herwarth Walden das von Auguste Forel (1848–1931) vorgestellt. Es ist 1910 entstanden und befindet sich heute in der Kunsthalle Mannheim.
Wie der größte Teil seiner frühen Bildnisse hat Kokoschka den berühmten Schweizer Psychiater und Hirnforscher als Halbfigur porträtiert. Die Farbigkeit ist dabei recht zurückhaltend ausgefallen: Sie changiert zwischen Siena-, Umbra- und Brauntönen, die zudem sehr dünnflüssig aufgetragen sind und die Struktur der Leinwand durchscheinen lassen. Damit weicht Kokoschka deutlich von den kräftigen, kontrastreich gesetzten Farben seiner expressionistischen Malerfreunde ab.
Kopf und Hände Forels sind vor dem nicht näher bestimmbaren Hintergrund besonders herausgearbeitet. Auch bei diesem Porträt setzt Kokoschka ein für ihn typisches Gestaltungsmittel ein: kalligrafische, kratzende Eingriffe in die Farbfläche, etwa mit dem Ende des Pinsels. Sie sind ein grafisches Element, mit dem der Künstler z. B. die Gesichtszüge überzieht, indem er in die nasse Farbe nervöse Linien einritzt. Nur die dunkelbraunen, weit geöffneten Augen, deren Ausdruck zwischen Konzentration und Erschöpfung schwanken, bringen ein beruhigendes Moment in die zeichnerisch aufgewühlte Gesichtslandschaft.
Der Oberkörper Forels, den Kokoschka von links zeigt, ist nur schemenhaft angedeutet. Der Oberarm verläuft parallel zum rechen, der Unterarm horizontal zum unteren Bildrand. Hier greifen keine eingeritzten Schraffuren in die Oberfläche ein, die Umrisslinien scheinen vielmehr fleckig in den Hintergrund überzugehen. Lediglich das Händepaar am linken unteren Bildeck ist mit dunkelrot-braunen Pinselstrichen deutlich hervorgehoben.
Die altersbedingt gichtknöchigen Hände hat Kokoschka ebenfalls durch Kratzungen betont, die durchsichtig gewordene Haut des alten Mannes durch stumpfe Abschabungen, die den hellen Leinwandgrund freilegen, akzentuiert. Über die verbleibende freie Hintergrundfläche sind abstrakte Ornamente in Form von sternförmigen, gekräuselten oder geschlängelten Einritzungen verteilt. Vereinzelt finden sie sich auch auf Forels Oberkörper.
Vermittelt hatte den Porträtauftrag der Wiener Architekt Otto Wagner, der sich für den damals 24-jährigen Kokoschka einsetzte. Forel hatte sich vorbehalten, das Bildnis zurückweisen zu können (und nicht bezahlen zu müssen), sollte es ihm nicht gefallen – und das tat er auch. Offensichtlich störte Forel vor allem, dass Kokoschka ihn so zeigte, als habe er einen Schlaganfall erlitten. Das Bildnis gelangte deswegen in den Kunsthandel und wurde 1913 von der Kunsthalle Mannheim erworben. 1912, zwei Jahre nach der Entstehung des Gemäldes, erlitt Forel übrigens tatsächlich einen Schlaganfall und ähnelte danach sehr der Darstellung auf Kokoschkas Leinwand.

Literaturhinweis
Tobias G. Natter (Hrsg.): Oskar Kokoschka. Das moderne Bildnis 1909 bis 1914. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen