Dienstag, 10. September 2019

John Updike: Zwei Hoppers

Edward Hopper: Hotel Room (1931); Madrid, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza
Edward Hopper: Girl at a Sewing Machine (um 1921); Madrid, Museo Nacional Thyssen-Bornemisza



Zwei Hoppers

               in der Sammlung Thyssen-Bornemisza

Das kleinere, ältere Girl at a Sewing Machine
     zeigt sie, blasses Profil, vom Haar verdeckt,
bei der Arbeit vor einer orangenen Wand; der Himmel steht

als reine blaue Säulen in dem Erkerfenster.
     Sie ist allein und schweigt. Die Heldin
des Hotel Room, bis auf den Unterrock entkleidet, starrt

auf einen Brief, den sie auf nackten Knien entfaltet hat.
     Die Augen, wie auch das Gesicht, sie sind im Schatten.
Der Tag, er rauscht mit dem Verkehrslärm außerhalb

des Zimmers mit der gelben Wand; eine Kommode
     versperrt unseren Weg mit ihrem Braun,
Koffer warten drauf, ausgepackt zu werden,

bei einem grünen Lehnstuhl: sonnenmüder Plüsch
     der Dreißiger. Hier waren wir doch schon. Das schräge Licht,
die Frau allein, und mittten in den Farbflächen

sehn wir uns festgehalten, von einem Zeugen, der
     Geheimnis bleibt, und eingeladen, neben ihr zu atmen.
Das nähende Mädchen, der Brief. Hopper sagt: Ich bin Vermeer.

John Updike
(übersetzt von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt)

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