Donnerstag, 23. November 2023

Das Pfingstwunder zu Vézelay – die Basilika Sainte Marie-Madeleine und der Skulpturenschmuck des inneren Hauptportals

Inneres Hauptportal der Basilika Sainte Marie-Madeleine in Vézelay
(für die Großansicht einfach anklicken)

Vézelay ist eine kleine französische Gemeinde, die weit über Frankreich hinaus als Wallfahrtsort und einer der wichtigsten Ausgangspunkte für den Jakobsweg bekannt ist. Hier beginnt die „Via Lemovicensis“ (lat. Bezeichnung für Limoges). Der Stadthügel mit der Abteikirche Sainte Marie-Madeleine zählt seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die 858/859 gegründete und dem Papst direkt unterstellte Abtei rühmte sich seit der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, das Grab der hl. Maria Magdalena zu besitzen, was dem Ort zu einer eigenen Wallfahrt verhalf, die nach der päpstlichen Anerkennung 1103 sprunghaft anwuchs.

Bereits 1104 wurde der Neubau der ehemaligen Abteikirche geweiht – der allerdings bereits 1120 wieder niederbrannte. Danach entstand ein weiterer Neubau, dem um 1140/50 eine Vorhalle hinzugefügt wurde und in dem zu Ostern 1146 ein historisches Ereignis stattfand, das die gesamte christliche Welt betraf: Bernhard von Clairvaux (1090–1153) ruft vor einer ungeheuren Menschenmenge und zahlreichen weltlichen Fürsten zum Zweiten Kreuzzug auf. Es versammeln sich also in Vézelay nicht nur die Wallfahrer, sondern auch die Kreuzritter Europas.

Saine Marie-Madeleine mit ihrer äußeren Dreiportalfassade
(für die Großansicht einfach anklicken)
Als Besonderheit weist Sainte-Madeleine zwei hintereinander liegende Dreiportalfassaden auf. Das äußere Hauptportal zeigte bis 1793 (in diesem Jahr wurde ein Teil der Bauskulptur zerstört oder beschädigt) die Majestas Domini sowie Magdalenen-Szenen. An der inneren Fassade sieht man am rechten Portal Szenen aus der Geburtsgeschichte Christi, am linken den Gang nach Emmaus und den Auferstandenen im Kreis der Apostel, im Mittelportal das Pfingstwunder. Der Skulpturenschmuck dieses Mittelportals, und insbesondere das Tympanon, gehört zu den bedeutendsten bildhauerischen Leistungen des 12. Jahrhunderts und soll hier etwas genauer betrachtet werden.

Christus in der Mandorla gießt den Heiligen Geist aus (für die Großansicht einfach anklicken)
Im Zentrum des Tympanons thront Christus in der Mandorla mit nach links gedrehten Beinen. Unter seinen ausgebreiteten Armen sitzen zu beiden Seiten die Apostel mit Büchern in den Händen und empfangen den Heiligen Geist, dargestellt durch Feuerstrahlen, die von Christi Fingern ausgehen. Ebenso wie Christus werden auch die Apostel dem Betrachter nicht frontal präsentiert, die traditionelle Reihung ist aufgelöst. „Dadurch erscheinen sie in sich stark individualisiert und heben sich zugleich unter einem Zugewinn an Körperlichkeit vom Reliefgrund ab“ (Geese 1996, S. 277). 

Den mit dem Wunder einhergehenden Sturmwind stellen gewellte Wolkenbänder dar. Zu Füßen Christi sieht man, zum zweiten Mal und wie im Tympanon an seinem Schlüssel erkennbar, Petrus sowie – von ihm teilweise verdeckt – eine stark zerstörte, den Gewändern und bloßen Füßen nach ebenfalls männliche Person sich den auf dem Türsturz herandrängenden Völkern zuwenden.

Grundlage für die Darstellung ist der neutestamentliche Text im 2. Kapitel der Apostelgeschichte, der das sogenannte „Pfingstwunder“ schildert: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab“ (Apostelgeschichte 2,1-4; LUT).

Christus mit seinen Aposteln und den Völkerscharen im Türsturz (für die Großansicht einfach anklicken)

Der Türsturz und die acht Bildfelder entlang der Tympanonrundung zeigen eine Fülle figürlicher Gruppen und Szenen, von denen ein Teil als Angehörige exotischer Völker wie Pygmäen, Panotier und Kynokephalen identifizierbar sind. Ungefähr die Hälfte der Figuren lässt sich heute nicht mehr bestimmen; aber sehr wahrscheinlich handelt es sich um einen Katalog von Völkern, der die Aufzählung im Pfingstbericht (Apostelgeschichte 2,9-11) frei umsetzt, „mit Hilfe des verfügbaren ethnologischen Anschauungsmaterials der Zeit“ (Diemer 1985, S. 79). Eine Archivolte mit Tierkreiszeichen und Monatsarbeiten rahmt das gesamte Bogenfeld. Als Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament ist die monumentale, in der zentralen Achse unterhalb von Christus angebrachte Figur Johannes des Täufers am Trumeau zu deuten. In der oberen Zone der Portalgewände sieht man rechts und links je ein Paar diskutierender Apostel; zwei weitere Apostel flankieren am Türpfeiler die weitaus größere Figur Johannes des Täufers, der eine große Schale mit dem Bild des Gotteslammes hält. Diese Skulptur ist vertikal verbunden mit Christus als dessen mit Wasser taufender Vorläufer, während der Sohn Gottes über ihm mit dem Heiligen Geist tauft. Dass die Statue des Täufers am Türpfeiler steht, ist theologisch stringent: Wie die Gläubigen an ihm vorbei ins Kirchenschiff treten, so führt sie ihre Taufe hinein in die Gemeinschaft der Christen.

Vier Kapitelle unterhalb der Gewändeapostel runden das Ensemble ab: links eine bisher nicht eindeutig identifizierte Szene und eine Jagddarstellung, rechts ein kleiner David-Zyklus. Dass nicht alle Zonen der Portalanlage gleichermaßen einem heute ersichtlichen Programm untergeordnet sind, wird an den sechs Aposteln am Gewände rechts und links von der Figur des Täufers deutlich, deren Bedeutung im Kontext bisher nicht erklärt werden konnte.

Detailaufnahme von der rechten Seite des Tympanons (für die Großansicht einfach anklicken)

Ikonografisch auffallend ist, Christus selbst das Pfingstfeuer aussendet. Der Gottessohn war bereits zehn Tage vor dem Pfingstereignis in den Himmel aufgefahren – was Anlass gegeben hat, auch andere inhaltliche Deutungen für das Tympanon vorzuschlagen. So war zum Beispiel Adolf Katzenellenbogen 1944 der Ansicht, in dem Portal seien Himmelfahrt Christi, Pfingsten, Weltgericht und Apostelaussendung ineinandergeblendet. Tatsächlich hat die Ausgießung des Heiligen Geistes durch Christus selbst ihre Textquelle nicht im Pfingstbericht der Apostelgeschichte, sondern in den Evangelien des Lukas und Johannes, wo Christus vor seiner Himmelfahrt verspricht, den Geist zu senden (Lukas 24,49; Johannes 14,26). Pfingsten ist in Vézelay somit als Erfüllung des Sendeversprechens dargestellt.

Dabei ist das Motiv der Apostelaussendung zur Mission im Pfingstwunder mit enthalten: Das Sprachenwunder und die sehr erfolgreiche Predigt des Petrus vor den Angehörigen zahlreicher Völkerschaften sind dafür ein unmissverständlicher Beleg. Die in der Vergangenheit häufiger vertretene These, das Tympanon stehe im Zusammenhang mit dem Kreuzzugsaufruf von 1146, sieht Peter Diemer mit anderen Forschern sehr kritisch: „Bei einem Blick auf die Quellen zum ersten und zweiten Kreuzzug muß man feststellen, daß die Zeitgenossen ihre Rolle keineswegs im Bild der missionierenden Apostel erkannten, sondern in dem des Volkes Israel, das die verworfenen Heidenstämme des Heiligen Landes bekämpft“; die Moslems spielen „eine bis in eschatologische Dimensionen gesteigerte Rolle als Feinde Gottes und Werkzeuge des Bösen; es gilt sie zu schlagen, nicht ihre Seelen zu gewinnen, und ihre Überzeugung gilt nichts“ (Diemer 1985, S. 91). Nirgends, so Diemer, seien die Kreuzfahrer als Nachahmer der pfingsterleuchteten oder missionierenden Apostel dargestellt; und es sei überhaupt unwahrscheinlich, dass ein Sujet mit intendierter Propagandawirkung im Inneren einer Vorhalle statt an der Außenseite angebracht worden wäre.

 

Glossar

Archivolte: plastisch gestalteter Bogenlauf im romanischen und gotischen Portal.

Gewände: durch schrägen Einschnitt in die Mauer entstehende (gestaffelte, mit Figuren, Säulen o. Ä. versehene) Fläche an Fenstern und besonders Portalen.

Majestas Domini (lat. für „Herrlichkeit des Herrn“): ein besonders im Mittelalter beliebtes Bildschema, bei dem Christus auf seinem Thron, oft auch in einer Mandorla und umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten dargestellt wird; häufig hält Christus in seiner linken Hand das Buch des Lebens und seine Rechte ist im Sprech- oder Segensgestus erhoben.

Mandorla: mandelförmige Glorie oder Aura Heiligenschein, der die gesamte dargestellte Figur wie einen Heiligenschein umgibt und bevorzugt bei Christus oder Maria verwendet wird.

Monatsarbeiten: Zyklus von visuellen Repräsentationen der abendländischen Kalendermonate; besonders häufig an gotischen Kathedralen und in der spätmittelalterlichen Buchmalerei und oft in enger Verbindung mit Darstellungen der zwölf Tierkreiszeichen.

Trumeau: mittlerer Steinpfeiler eines Portals, der den steinernen Sturzbalken (Linteau) und damit das Tympanon unterstützt; häufig ist der Trumeaupfeiler durch eine vorgesetzte Figur geschmückt.

Tympanon: oft mit Reliefs geschmücktes, nach oben bogenförmig abschließendes Feld über dem Türsturz eines Portals.

 

Literaturhinweise

Beutler, Christian: Das Tympanon zu Vézelay: Programm, Planwechsel und Datierung. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 29 (1967), S. 7-30;

Diemer, Peter: Das Pfingstportal von Vézelay. Wege, Umwege und Abwege einer Diskussion. In: Jahrbuch des Zentralinstituts für Kunstgeschichte 1 (1985), S. 77-114;

Geese, Uwe: Romanische Skulptur. In: Rolf Toman (Hrsg.), Die Kunst der Romanik. Architektur – Skulptur – Malerei. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 1996, S. 256-323;

Katzenellenbogen, Adolf: The Central Tympanum at Vézelay. Its Encyclopedie Meaning and Its Relation to the First Crusade. In: The Art Bulletin 26 (1944), S. 141-151;

Low, Peter: “You who once were far off”: Enlivening Scripture in the Main Portal at Vézelay. In: The Art Bulletin 85 (2003), S. 469-489;

Rudolph, Conrad: Macro/Microcosm at Vézelay: The Narthex Portal and Non-elite Participation in Elite Spirituality. In: Speculum 96 (2021), S. 601-662;

LUT = Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen