Mittwoch, 2. Mai 2012

Der Künstler am Schweinetrog – Albrecht Dürers Kupferstich vom „Verlorenen Sohn“

Albrecht Dürer: Der verlorene Sohn bei den Schweinen (1496/97); Kupferstich
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Der verlorene Sohn im Augenblick der Reue, seiner inneren Umkehr, dem dann sein Aufbruch zum Vaterhaus folgt – diese Szene ist in den zurückliegenden Jahrhunderten unzählige Male dargestellt worden. Es war Albrecht Dürer (1471–1528), der diesen Moment aus dem bekanntesten Gleichnis des Neuen Testaments (Lukas 15,16-19) zum ersten Mal wiedergegeben hat.
Sein berühmter Kupferstich von 1496/97 entfernt sich deutlich von früheren Darstellungen des Themas. Holzschnitt-Illustrationen bildeten bis dahin den verlorenen Sohn zumeist als Hirten auf freiem Feld ab, auf seinen Stab gestützt und umgeben von den Schweinen, die an den Trog drängen. Dürer platziert die Szene im Innenhof eines bäuerlichen Anwesens und zeigt den Bußfertigen am Misthaufen kniend inmitten einer Schweineherde (also auf einer Ebene mit ihnen). Körperhaltung, Gestik und Mimik offenbaren seinen Entschluss, zum Vater zurückzukehren und ihn um Vergebung zu bitten. Sein Blick ist himmelwärts gerichtet, genauer: auf die Kirche im rechten oberen Bildeck. Sie steht im übertragenen Sinn für das Vaterhaus“, zu dem es heimzukehren gilt.
Der Winkel des Bauernhofes, in dem der verlorene Sohn sein schmerzhaftes Scheitern eingesteht, bietet keinen Zugang zu einer menschlichen Behausung. Das Gehöft mit seinen Schuppen, Scheunen, Ställen und Hausrückwänden wirkt unbehaglich, öde, abweisend – ebenso trostlos wie der Beter selbst, der hier am Schweinetrog gequält-verrenkt niederkniet. (Seine Beine sind merkwürdig unklar angeordnet: Was ist eigentlich rechts, was links?) Außer ihm ist niemand zu sehen – kein Mensch, an den er sich wenden könnte, und es gibt auch keine Tür, die sich ihm öffnet.
Dürer versetzt das Geschehen in das zeitgenössische Hier und Jetzt, in eine fränkisch-dörfliche Umgebung, die ein damaliger Betrachter aus Nürnberg als „getreues Abbild“ erkannt haben wird. So sahen die Höfe in den Außenbezirken der freien Reichsstadt damals aus. Ob es sich um eine Phantasieansicht aus Versatzstücken oder um die Wiedergabe eines realen Dorfes handelt, lässt sich nicht sagen. Auf jeden Fall wird die Szenerie auf diese Weise für den Betrachter sehr viel greifbarer. Seinen Sinn für sachliche Beobachtung und präzise Beschreibung seiner unmittelbaren Umgebung hatte Dürer zuvor in Aquarellen wie z. B. der Drahtziehmühle unter Beweis gestellt. Im Fall des Verlorenen Sohnes dient er ganz der Aktualisierung des Geschehens.
Albrecht Dürer: Drahtziehmühle an der Pegnitz (1494, Aquarell); Berlin, Kupferstichkabinett
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Das von Dürer neu entdeckte Bildthema fand bald große Verbreitung und wurde von italienischen Stechern des 16. Jahrhunderts, Fayencemalern und sogar von einem persischen Miniaturmaler kopiert. Der Naturalismus des Kupferstichs wurde überaus bewundert und trug sehr zu seiner Berühmtheit bei. Neu an Dürers Darstellung war auch das Heranziehen der Landschaft an die Figur. Häuser und Höfe, Städte und Schlösser hatte man schon längst gemalt, aber diese Bildelemente erschienen dann immer abgetrennt, sie existierten für sich neben der Figur. Hier dagegen rücken Figur und Bildhintergrund zusammen und sind miteinander verknüpft, der verlorene Sohn ist in den Raum aufgenommen.
Immer wieder ist festgestellt worden, dass der junge knochig-hagere Mann Dürer selbst ähnlich sieht. Offensichtlich brachte der Künstler ein besonderes Verständnis für diesen Reuigen auf, sodass er ihm selbstporträthafte Züge verliehen hat – als markante Merkmale wären die langen Ringellocken, Nase und Bart zu nennen. Seine Darstellung gewinnt dadurch auch Bekenntnischarakter. Niemand hat diesen prachtvollen Kupferstich in Auftrag gegeben, niemand anderer als Dürer selbst – für sich selbst. 
Diese Zeichnung ist der einzige erhaltene Entwurf Dürers für einen seiner Kupferstiche vor 1500
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Zu Dürers Kupferstich existiert auch eine Entwurfszeichnung, die im British Museum (London) aufbewahrt wird. Sie ist seitenverkehrt angelegt, da die Darstellung spiegelbildlich auf die Kupferplatte übertragen wurde. Zwischen dem Entwurf und dem ausgeführten Kupferstich wurden noch einige Änderungen vorgenommen: Die Häuser rücken weiter nach vorne, der Hof erscheint damit nicht mehr so weitläufig. Die Schweine um den Trog stehen enger beieinander, und von dem auf der Zeichnung in Umrissen skizzierten Stier ist nur noch das Hinterteil zu sehen. Den Kopf des verlorenen Sohnes mit seiner Lockenpracht und ebenso seine Bethaltung hat Dürer wenig später nochmals aufgegriffen – in seiner berühmten Holzschnittfolge zur Johannes-Offenbarung (Apocalipsis cum figuris, 1498 erstmals erschienen), und zwar in dem Blatt Johannes erblickt die sieben Leuchter.
Albrecht Dürer: Johannes erblickt die sieben Leuchter (1498); Holzschnitt


Literaturhinweise
Dürer, Albrecht: Das druckgraphische Werk. Band I: Kupferstiche und Eisenradierungen. Prestel Verlag, München 2000, S. 45-48;
Panofsky, Erwin: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers. Rogner & Bernhard, München 1977 (zuerst erschienen 1943), S. 103;
Schröder, Klaus Albrecht/Sternath, Maria Luise (Hrsg.): Albrecht Dürer. Zur Ausstellung in der Albertina Wien. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2003, S. 187-189.

(zuletzt bearbeitet am 18. Juli 2016)