Dienstag, 2. Oktober 2012

Der Trost der Trauben – die „Trunkene Alte“ aus der Münchner Glyptothek


Trunkene Alte; München, Glyptothek
(römische Kopie nach hellenistischem Original aus dem späten 3. Jh. v.Chr.)
Zum Themenrepertoire der griechischen Skulptur gehören hauptsächlich idealisierte Götter-, Heroen- und Athletenbilder, die sich durch ihre meisterhafte Wiedergabe des menschlichen Körpers auszeichnen. Von dem klassischen Schönheitsideal dieser Figuren aus dem 5. und 4. Jahrhundert v.Chr. ist die heute in der Münchner Glyptothek ausgestellte Trunkene Alte denkbar weit entfernt. Die römische Marmorkopie ist einem griechischen Original nachgebildet, das der hellenistischen Epoche entstammt (3. Jh.v.Chr.). „Die hellenistische Kunst war angetreten, die Wirklichkeit zu erfassen, auch wenn sie dabei schockierte. Wahrhaftigkeit war die erste Forderung, das Kunstschöne legten begabte Hände hinein“ (Andreae 2001, S. 99). Das genaue Beobachten und wirklichkeitsnahe Beschreiben von körperlichen und seelischen Zuständen, von Augenblickssituationen oft alltäglicher Art, von Hässlichkeit, Schmerz und Angst ebenso wie von Freude und Lust – das alles ist für die Kunst des Hellenismus charakteristisch.
Eine abgemagerte, faltige Greisin sitzt mit vorgestreckten, vorne überkreuzten Beinen auf dem Boden, im Schoß innig, „wie ihr Allerliebstes“ (Wünsche 2005, S. 115), ein großes Weingefäß haltend. Von dessen Inhalt hat sie offenkundig bereits eine gehörige Portion zu sich genommen. Die rechte Hand umfasst den Hals, die linke den Bauch der großen Flasche, damit sie ihr niemand wegnehmen kann. Unter ihrer dünnen Haut zeichnen sich Knochen und Sehnen ab, an der rechten Schulter ist das Untergewand herabgeglitten und entblößt den Ansatz der welken Brust. Den Kopf hat die Alte weinselig in den Nacken geworfen, ihr Mund ist geöffnet und lässt einige Zahnstummel sichtbar werden. Sie lallt oder singt selbstvergessen. Die heraustretenden Knochen, das skelettartig dargestellte Rückgrat, die hängenden Hautsäcke und die tiefen Schrunden zeigen an, dass die Alte völlig ausgezehrt ist, buchstäblich nur noch aus Haut und Knochen besteht. Und doch scheint sie von Glücksgefühl durchströmt zu sein. Der Wein hat seine Wirkung getan. Sie wirkt selig, schwelgt innerlich vielleicht in Erinnerungen. „Der moribunde Körper ist effektvoll in Kontrast zu einem völlig gelösten Gemütszustand gesetzt, der sich im Gesicht ausdrückt“ (Zanker 1989, S. 44).
Gut sichtbar: die durchbohrten Ohrläppchen, in denen sich echte Ringe
befanden (für die Großansicht einfach anklicken)
Im Gegensatz zu ihrem verbrauchten körperlichen Zustand ist die Kleidung der Greisin aufwendig und elegant: Ihr Untergewand, mit kunstvoll gearbeiteten Schulterträgern versehen und an seiner Oberkante vor Brust und Rücken von einer abgesetzten Borte umrandet, breitet sich in reichem Faltenspiel wellenförmig auf dem Boden aus. Darüber trägt sie einen Wollmantel, der ihre Beine bedeckt und von ihrer linken Schulter herabgerutscht ist. Das sorgfältig frisierte Haar wird von einem haubenartig drapierten Kopftuch bedeckt. Ihre Ohrläppchen sind durchbohrt: Echte, wohl goldene Ringe waren ehemals hier angebracht. An den Fingern der linken Hand trägt sie zwei Ringe. Kurzum: Diese Frau hat einmal bessere Tage gesehen – und sie war einst wohlhabend. Das von der Schulter gleitende Gewand ist in der klassischen griechischen Kunst eine feste ikonografische Formel für weibliche Schönheit und Liebreiz, bekannt vor allem von Darstellungen der Liebesgöttin Aphrodite/Venus. Bei der Alten verweist das Schönheitsmotiv aber wie die Gewänder auf das „Einst“ und enthüllt zugeich schonungslos das „Jetzt“.
Venus Genetrix; Louvre, Paris (römische Marmorkopie eines griechischen Originals)
Die Trunkene Alte hat keine klare Ansichtsseite. Sie erschließt sich nur dem, der um sie herumgeht und sie aus der Nähe betrachtet (auch dies ein Stilmerkmal der hellenistischen Kunst), auch wegen der kleinteiligen Modellierung und der fein ziselierten Details. „Selbst die Rückseite der Figur, die durch den rahmenden Bogen des tief herabfallenden Mantels als eigenwertige Ansicht isoliert wird, bietet neue, überraschende Einsichten“ (Kunze 2002, S. 104). Eindringlich tritt hier in den kantig heraustretenden Schulterblättern und der scharf hervorstechenden Wirbelsäule nochmals der fast zum Skelett abgemagerte Körper der greisen Alkoholikerin vor Augen. Nur von hinten ist auch das Trachtdetail der Gürtung erkennbar; ebenso fällt hier das freigelegte Gesäß auf, das von dem umlaufenden Mantelrand sorgfältig gerahmt wird.
Zweifellos war die Skulptur für eine sehr tiefe Aufstellung konzipiert, sodass man von oben auf sie herabblicken konnte. Der Schmuck des sich auf der Grundfläche ausbreitenden Faltenspiels und seine rahmende Funktion kommen nur dann wirklich zur Wirkung, wenn man die Statue von schräg oben betrachten kann. „Auch sind einige, pointiert herausgearbeitete Details des Gesichts, etwa die fein ziselierten Einzellöckchen, die unter dem Kopftuch ungeordnet und ›zufällig‹ in die Stirn fallen, notwendig darauf angewiesen, daß man den Kopf der alten Frau mindestens auf gleicher Höhe, wahrscheinlicher aber von oben betrachten konnte“ (Kunze 2002, S. 104). Christian Kunze sieht in dem hochgereckten Kopf der Trunkenen Alten weniger weinselige Selbstvergessenheit als einen direkten Zusammenhang mit der Betrachtungssituation: Sich emporwendend, scheint sie uns ohne Hemmungen lallend anzusprechen und das Weingefäß entgegenzuhalten, was wie eine Aufforderung wirkt, der Betrachter „solle sich ebenfalls zum gemeinsamen Weinrausch an der Flasche bedienen“ (Kunze 2002, S. 105).
Wen stellt die Trunkene Alte dar? „Vielleicht eine ehemals vielbegehrte und reiche Hetäre (Dirne), der im Alter, als letzte Wonne, nur der Alkohol bleibt“ (Wünsche 2005, S. 115). Ihr handgreiflicher Umgang mit dem Flaschenhals könnte ein Hinweis auf einschlägige Berufspraktiken sein. Der Wein hilft ihr, sich in glücklichere, längst vergangene Tage zurückzuversetzen. Solche „Ehemaligen“ waren vielbelachte Bühnenfiguren in der attischen Komödie z. B. eines Aristophanes. In einem Theater aufgestellt, gäbe die Figur Sinn. Für eine lebensgroße Skulptur wie die Trunkene Alte (Höhe 92 cm) kommt im 3. Jahrhundert v.Chr. nur eine öffentliche Aufstellung in Frage. Paul Zanker geht davon aus, dass die Statue einst als Weihgeschenk in einem Heiligtum gestanden haben muss, „und zwar in einem Heiligtum, das dem Gott Dionysos geweiht war“ (Zanker 1989, S. 48). Denn es ist der Gott des Weins, „der die Alte getröstet hat und der sie ihre Misere hat vergessen lassen“ (Zanker 1989, S. 50).
Den Bezug zu Dionysos hat der Bildhauer in dem sorgfältig um die Schulter des Gefäßes gelegten Efeukranz denn auch unübersehbar mitgegeben. Es ist kein plastischer Gefäßschmuck, sondern die Alte hat frische Efeuzweige auf die Weinflasche gelegt. Das Gefäß mit scharf abgeknickter Schulter, langem Hals und einem (bei der Münchner Statue abgebrochenen) Henkel hieß Lagynos; es war im 3. und 2. Jahrhundert vor allem in Kleinasien und Alexandria verbreitet. Der Lagynos enthielt den Vorrat ungemischten Weins für eine ganze Gruppe von Feiernden; „man nahm ihn mit, wenn man zur Opferlustbarkeit ins Freie zog“ (Mandel 2007, S. 178). Offensichtlich ist am Rande einer solchen Zechgesellschaft für die hoffnungslos unattraktiv gewordene Alte zwar kein Freier mehr, aber ein Anteil Wein übrig geblieben – so ist sie doch noch einmal auf ihre Kosten gekommen.
Die zweite, weniger gut erhaltene Marmorkopie der Trunkenen Alten aus dem
Kapitolinischen Museum in Rom (für die Großansicht einfach anklicken)
Neben der Version aus der Münchner Glyptothek ist noch eine weitere Kopie der Trunkenen Alten überliefert, maßgleich und genau übereinstimmend. Sie befindet sich im Kapitolinischen Museum in Rom. Vollständiger und samt Kopf erhalten ist die Statue in München, „die auch in der bildhauerischen Ausführung und in der differenzierten Wiedergabe einzelner Falten- und Körperpartien den Vorzug vor der kapitolinischen Kopie verdient“ (Kunze 2002, S. 99).

Literaturhinweise
Andreae, Bernard: Skulptur des Hellenismus. Hirmer Verlag, München 2001, S. 98-99; 
Kunze, Christian: Verkannte Götterfreunde. Zur Deutung und Funktion hellenistischer Genrefiguren. In: Römische Mitteilungen 106 (1999), S. 69–80;  
Kunze, Christian: Zum Greifen nah. Stilphänomene in der hellenistischen Skulptur und ihre inhaltliche Interpretation. Biering & Bringmann, München 2002, S. 99-106;
Mandel, Ursula: Räumlichkeit und Bewegungserleben – Körperschicksale im Hochhellenismus (240–190 v.Chr.). In: Peter C. Bol (Hrsg.), Die Geschichte der antiken Bildhauerkunst III. Hellenistische Plastik. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007, S. 177-180;
Wünsche, Raimund: Glyptothek München. Meisterwerke griechischer und römischer Skulptur. Verlag C.H. Beck, München 2005;
Zanker, Paul: Die Trunkene Alte. Das Lachen der Verhöhnten. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1989.

(zuletzt bearbeitet am 7. Februar 2017)
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen