Sonntag, 14. Oktober 2012

Eisiges Schweigen – Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“

Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer (1809/10); Berlin, Alte Nationalgalerie, restauriert von 2013-2015
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Über einem schmalen, sandigen Küstenstreifen mit der einsamen Gestalt eines Eremiten und einem dahinter sich ausdehnenden Meer breitet sich, vier Fünftel der Bildhöhe einnehmend, eine zerfetzte, oben ins Blau sich öffnende Wolkenwand aus. Die gerade, ungewöhnlich tief liegende Horizontlinie wird durch nichts unterbrochen, nur einige Möwen umflattern den Einsiedler, der gedankenversunken seinen Kopf in die Hand stützt. „Seine Silhouette hebt sich halb vor dem Strand, halb vor dem Meer ab, damit beiden zugeordnet, zugleich aber auch, verglichen mit den Schaumkronen oder dem Gras, keinem dieser Bereiche fest verbunden“ (Börsch-Supan 1965, S. 64). Eine Zone, wo die Wellen an den Strand spülen, gibt es nicht. Caspar David Friedrich (1774–1840) zeigt das Meer als Element, das wie durch einen Abgrund vom betretbaren Boden getrennt ist.
In einem Brief von vermutlich 1810 oder Anfang 1811 erklärt Friedrich zu seinem Seestük genannten Bild, im Vordergrund finde sich „ein öder sandiger Strand, dann, das bewegte Meer, und so die Luft. Am Strandte geht Tiefsinnig ein Mann, im schwarzen Gewande; Möfen fliegen ängstlich schreient um ihn her, als wollten sie Ihm warnen, sich nicht auf ungestümmen Meer zu wagen. – Dies war die Beschreibung, nun kommen die Gedanken: Und sännest Du auch vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur sinkenden Mitternacht; dennoch würdest du nicht ersinnen, nicht ergründen, das unerforschliche Jenseits! Mit übermüthigen Dünkel, wennest [wähnst] du der Nachwelt ein Licht zu werden, zu enträzlen der Zukunft Dunkelheit! Was heilige Ahndung nur ist, nur im Glauben gesehen und erkannt; endlich klahr zu wissen und zu Verstehn! Tief zwar sind deine Fußstapfen am öden sandigen Strandte; doch ein leiser Wind weht darüber hin, und deine Spuhr wird nicht mehr gesehen: Thörigter Mensch voll eitlem Dünkel!“ (Zimmermann 2000, S. 213).
Während der Arbeit an diesem Gemälde – bis dahin das größte Friedrichs (110 x 171,5 cm) – hat der Maler die dargestellten Gegenstände immer mehr reduziert und so die Bildaussage immer weiter radikalisiert: Am Himmel verschwinden der Mond und der Morgenstern, auf dem Meer werden zwei Segelschiffe übermalt. Als das Bild 1810 in Berlin gezeigt wurde, hat der Dichter Heinrich von Kleist die Kühnheit des Gemäldes erkannt und kongenial beschrieben. Er arbeitete einen Text seines Kollegen Clemens Brentano radikal um und veröffentlichte ihn unter dem Titel Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft in den „Berliner Abendblättern“. Dort heißt es: „Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt mit diesen zwei, drei Gegenständen wie die Apokalypse da (...), und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts als den Rahmen zum Vordergrund hat, so ist es, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.“
Ohne Mond und Boote ist nichts mehr geblieben, das die Gedanken des einsamen Alten am Ufer ablenken könnte von der Unendlichkeit, die ihn umgibt und der er ohnmächtig ausgeliefert ist. Es ist diese winzige Figur – die einzige Andeutung einer Vertikalen –, die uns geradewegs in Friedrichs Bild hineinzieht. Durch sie und mit ihr sind wir mit der Landschaft konfrontiert, erfassen wir die gewaltigen Größenverhältnisse der Natur, spüren wir, wie klein und wehrlos, wie verlassen der Mensch in der unfassbaren Weite des Universums ist.
„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.
 Blaise Pascal
Der von spärlichem Gras bewachsene Streifen Strand, auf dem der Eremit sich aufhält, schrumpft geradezu zum Nichts zusammen, wenn man ihn mit der verzehrenden Größe des Himmelsraumes vergleicht. Denn dieses Bild endet nicht mit dem Rahmen. Strand, Meer, Horizontlinie gehen zu beiden Seiten endlos weiter, und auch die Wand des Himmels wächst noch höher hinauf — wie hoch? So findet sich der Mensch im Kosmos vor: allein und verloren, gefangen auf einer Erdenwüste, dem Tode preisgegeben – wahrhaft beklemmende Empfindungen, die Friedrich hier meisterhaft gestaltet.
Noch heute kann das Bild die existenzielle Erschütterung auslösen, die Kleist angesichts des Gemäldes empfunden hat: Der grenzenlosen Weite dieses Raumes ausgesetzt, wird der Mensch sich seiner Nichtigkeit bewusst; ein vergängliches, bedeutungsloses Wesen, steht er den unbegreiflichen, bedrohlichen Ausmaßen eines Kosmos gegenüber, der auf seine Fragen nur mit einem ewigen, eisigen Schweigen zu antworten scheint. 
Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (1809/10); Berlin, Alte Nationalgalerie (für die Großansicht einfach anklicken)
Friedrich hat den Mönch am Meer zusammen mit einem Gegenstück gemalt, der Abtei im Eichwald. Das mag verwundern, weil die beiden Bilder im formalen Aufbau sehr verschieden sind. Friedrich reichte sie 1810 verspätet zur Berliner Akademie-Ausstellung ein, wo sie von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen auf Veranlassung des damals fünfzehnjährigen Kronprinzen gekauft wurden. Im Katalog waren die beiden Gemälde unter einer Nummer mit dem schlichten Titel Zwei Landschaften verzeichnet.

Literaturhinweise
Begemann, Christian: Brentano und Kleist vor Friedrichs Mönch am Meer. Aspekte eines Umbruchs in der Geschichte der Wahrnehumg. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 64 (1990), S. 89-145;
Börsch-Supan, Helmut: Bemerkungen zu Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 19 (1965), S. 63-76;
Brinkmann, Bodo: Zu Heinrich von Kleists „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 44 (1981), S. 181-187;
Burwick, Roswitha: Verschiedene Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft: Arnim, Brentano, Kleist. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 107 (1988), S. 33-44;
Meyertholen, Andrea: On Heinrich von Kleist, Caspar David Friedrich, and the Emergence of Abstract Art. In: The German Quarterly 86 (2013), S. 404-420; 
Noll, Thomas: Die allegorische Landschaft bei Caspar David Friedrich. Möglichkeiten und Grenzen der Interpretation. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 72 (2011), S. 281-296;
Zimmermann, Reinhard: Das Geheimnis des Grabes und der Zukunft. Caspar David Friedrichs Gedanken in den Bilderpaaren. In: Jahrbuch der Berliner Museen 42 (2000), S. 187-257.

(zuletzt bearbeitet am 6. Juli 2017)

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