Dienstag, 19. Februar 2013

Antikes Dreigestirn – Rembrandt malt „Aristoteles vor der Büste des Homer“


Rembrandt: Aristoteles vor der Büste des Homer (1653); New York, Metropolitan Museum of Art
In den Jahren 1652 und 1659 erhielt Rembrandt aus dem Ausland Aufträge für drei große, kostspielige Gemälde. Bestellt hatte die Bilder ein sizilianischer Edelmann namens Don Antonio Ruffo aus Messina. Er war ein bedeutender Sammler, der bei seinem Tod 364 Gemälde von italienischen, französischen, spanischen, flämischen und niederländischen Meistern besaß. Die näheren Vereinbarungen zwischen Ruffo und Rembrandt über das Thema des ersten Bildes sind nicht bekannt. Falls das Sujet überhaupt spezifiziert wurde, könnte es schlicht „ein Philosoph“ geheißen haben. Jedenfalls wählten Rembrandt einen Philosophen, dessen Identität aber für den Auftraggeber nicht unmittelbar zu erkennen war: Aristoteles. 
Dargestellt ist der antike Denker als stehende Dreiviertelfigur: ein älterer Mann mit Vollbart, bekleidet mit einer schwarzen, tunikaartigen, ärmellosen Weste, unter der ein weites weißes Gewand hervorquillt. Dessen enorme gefältelte Ärmel fallen von den Schultern auf die Unterarme herab. Auf dem Kopf trägt der Philosoph einen flachen, breitrandigen Hut, der seine in Falten gelegte Stirn beschattet, während seine starke Nase, die Wangenknochen und die dunklen, melancholisch wirkenden Augen in goldenem Licht aufscheinen. Den Kopf gesenkt, legt er seine rechte Hand auf das Haupt einer Marmorbüste: Sie zeigt Homer, den berühmten antiken Autor der Ilias und der Odyssee. Die Linke mit einem blinkenden goldenen Ring am kleinen Finger scheint mit der schwergewichtigen Goldkette zu spielen, die schräg über seiner Brust hängt. An ihr ist ein Medaillon angebracht, auf dem sich das Bildnis eines behelmten Kopfes erkennen lässt. Rembrandt hat die Kette in einem ungewöhnlich dicken Impasto gemalt, „aus Krusten, Klumpen, Perlen, Blasen, Knoten und Graten von dicker gemischter Farbe“ (Schama 200, S. 584). Der Hintergrund des Gemäldes besteht aus einem dunkelbraunen Vorhang, der links den Blick auf einen Bücherstapel freigibt. Auf dem Tisch unterhalb der Büchernische und hinter der Büste liegt eine Brille: „Die Bedeutung des blinden Dichters erschließt sich durch das Lesen der Hinterlassenschaft, für deren Herausgabe Aristoteles verantwortlich war“ (Suthor 2014, S. 118). 
Hellenistische Marmor-Büste des Homer; Boston, Museum of Fine Arts
Rembrandts Leinwand ist beschnitten worden, sie war ursprünglich breiter und höher. Das Bild ist ohne Titel überliefert und wird mit unterschiedlichen Bezeichnungen versehen; eine von ihnen lautet: „Aristoteles, die Büste des Homer betrachtend“. Aber dieser Titel ist nicht korrekt, denn Aristoteles betrachtet nicht die Büste, sein Blick ist auf keinen besonderen Gegenstand gerichtet, er scheint vielmehr nachzusinnen: Der Blick des Philosophen deutet auf eine Überlegung hin, auf einen Gedanken, der sicher auch etwas mit der Büste des erblindeten alten Mannes. Aristoteles betastet nicht die Gesichtszüge, sondern berührt mit in sich gekehrtem Blick den Hinterkopf. „Die hier thematisierte Verbundenheit des Philophen mit dem Dichter drückt sich in der Färbung der berührenden Hand aus, die im Vergleich zur Linken blasser ist“ (Suthor 2014, S. 118/119). Sie hat, wie Svetlana Alpers feststellt, „die Cremefarbe der Büste angenommen“ (Alpers 1989, S. 72).
Aber in Rembrandts Gemälde ist noch eine dritte bedeutende Person aus dem antiken Griechenland präsent, auf die verschlüsselt angespielt wird. Das kostbare Gewand, der Ring an der linken Hand und die goldene Kette mit dem Medaillon sind Statussymbole höfischer Pracht – sie verweisen auf Alexander den Großen, den Aristoteles als Prinzen zeitweise unterrichtet hat. Mit dem stilisierten Bildnis auf dem Medaillon könnte dann Alexander selbst gemeint sein. Der römische Schriftsteller Plutarch schreibt in seiner Alexander-Biografie, der junge Königssohn habe Homer so sehr verehrt, dass die Ilias immer unter seinem Kopfkissen lag. Seine Ausgabe war von Aristoteles durchgesehen worden – der Thronfolger wollte aus ihr die Kriegskunst erlernen. Die goldene Kette, die Aristoteles auf Rembrandts Bild trägt, scheint alle drei Figuren in gegenseitiger Verehrung zusammenzuschließen“ (Schama 200, S. 587).
Alexander der Große oder Pallas Athene?
Die Frage, „ob der Philosoph seinen natürlichen Ort am Hof hat oder den Hof meiden soll, weil er eine unwürdige Unterwerfung bedeutet“ (Brandt 2000, S. 221), wurde zur Zeit des Aristoteles intensiv erörtert. Aristoteles selbst kehrte 335/334 v.Chr. in das demokratische Athen zurück und gründete dort das Lykeion, neben der Platonischen Akademie die berühmteste Schule der Antike. Reinhard Brandt sieht in Rembrandts Bild genau diese Überlegung dargestellt: „Aristoteles sinnt bei Rembrandt über eine Lebensalternative, die durch die äußere Kleidung und die Gestik seiner Hände markiert wird“ (Brandt 2000, S. 222). Denn Homer war in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts ein umstrittener Autor, der – heute unvorstellbar – als vulgär verunglimpft wurde. Homer oder Vergil, der Dichter der Aeneis und Poet am Hof des Augustus – erbittert wurde darüber gestritten, wem von den beiden antiken Dichtern der Vorrang gebühre. „Homer stand gegen Vergil im Kampf der Niederlande gegen die Herrschergelüste zunächst der Spanier, dann der Franzosen, aber auch des ungelehrten Bürgerstandes gegen die Dominanz des Lateinischen in der gesamten Kultur, damit auch des Volkes gegen den Hof. Wer auf dem niederländischen Bild von 1653 die Büste des Homer sieht, der sieht zugleich: Homer und nicht Vergil“ (Brandt 2000, S. 219). 
Simon Schama hat erwogen, ob Rembrandt nicht statt des Philosophen Aristoteles eine andere bedeutende Figur dargestellt haben könnte: nämlich Apelles, den berühmtesten Maler der Antike. Apelles war der Lieblingskünstler von Alexander. Das Bild enthalte zwar keine expliziten Hinweise auf seine Profession, zeige aber die Charakteristika seiner Malweise, die Plinius d.Ä. in seiner Naturalis historia überliefert (35, 80-83). So wird von Apelles berichtet, er habe sich auf eine vierfarbige Palette beschränkt – Schwarz, Weiß, Ocker und Rotbraun – , eben die Palette, mit der auch Rembrandt sich in den fünfziger Jahren weitgehend begnügte“ (Schama 2000, S. 589). Bislang hat sich diese Hypothese aber, soweit ich das überblicke, bei der Mehrheit der Forscher nicht durchzusetzen können.
Don Antonio Ruffo war über den Aristoteles so erfreut, dass er sich von Rembrandt einige Jahre später zwei weitere Gemälde erbat – die der Künstler auch lieferte. Die beiden Nebendarsteller im Aristoteles wurden nun in einem je eigenen Gemälde präsentiert: Rembrandt sandte 1661 einen Homer und 1662 einen Alexander als Komplementärstücke nach Sizilien. Es gibt einen ganzen Stapel an Dokumenten über die Verschiffung und Bezahlung dieses Auftrags, die technische Qualität des Alexander und die Maße des Homer. Es existieren Vermerke in Ruffos Hauptbüchern sowie Briefwechsel zwischen Ruffo und anderen Künstlern über seine Rembrandts. Es gibt keine andere vergleichbar ausführliche Dokumentation zu einem Rembrandt-Auftrag, und wir erfahren daraus eine Menge über die Abwicklung von Aufträgen aus der Ferne. Darin waren Mittelsmänner involviert, Unterhändler, Verschiffer und Agenten, wie sie uns in Schriften zur Kunst sonst nie begegnen. Außerdem finden sich dort etliche Details zu Preis, Platzierung und Rahmung der Werke.
Rembrandt: Homer (1663); Den Haag, Mauritshuis
Die Rembrandts werden immer in derselben Reihenfolge genannt: Aristoteles, Alexander und Homer. Sie besaßen die gleiche Größe; die geschnitzten und vergoldeten Rahmen waren ebenfalls identisch. Leider war dem Ensemble kein glückliches Schicksal beschieden. Möglicherweise befanden sie sich 1783, als Messina von einem Erdbeben erschüttert wurde, das den Palast Ruffos nicht verschonte, noch immer in der Stadt. Der Homer ist – aus welchem Grund auch immer – nur als Fragment erhalten; der Aristoteles wurde, wie bereits erwähnt, an mindestens zwei Seiten beschnitten, und der Alexander bleibt unauffindbar.

Literaturhinweise
Alpers, Svetlana: Rembrandt als Unternehmer. Sein Atelier und der Markt. DuMont Buchverlag, Köln 1989;
Brandt, Reinhard: Philosophie in Bildern. Von Giorgione bis Magrittte. DuMont Buchverlag, Köln 2000, S. 217-225;
Carroll, Margaret Deutsch: Rembrandt’s Aristotle: Examplary Beholder. In: artibus et historiae 10 (1984), S. 35-56; 
Held, Julius: Rembrandts Aristotle. In: Julius Held, Rembrandts Aristotle and Other Rembrandt Studies. Princeton University Press, Princeton 1969, S. 3-44; 
Schwartz, Gary: Das Rembrandt-Buch. Leben und Werk eines Genies. Verlag C.H. Beck, München 2006, S. 218-222;
Schima, Simon: Rembrandts Augen. Siedler Verlag, Berlin 200, S. 582-594;
Suthor, Nicola: Rembrandts Rauheit. Eine phänomenologische Untersuchung. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014, S. 117-119.

(zuletzt bearbeitet am 12. Juni 2017)

Kommentare:

  1. Hallo, ich weiß gar nicht wie ich auf ihren Blog gestoßen bin, finde ihn aber super interessant!
    Bloggen ist noch ziemlich neu für mich..
    Ich hätte aber eine Frage. Und zwar möchte ich auch über Kunst schreiben, bin mir aber unsicher welche Bilder ich dafür verwenden darf. Die meisten Bilder im Internet sind ja urheberrechtlich geschützt und im Museum darf man oft nicht fotografieren.
    Über eine Antwort würde ich wirklich mich sehr freuen!
    2goodtobeforgotten@gmail.com

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    1. Hallo,
      ich will Dir gerne sagen, wie ich vorgehe. Das Wichtigste zuerst: Ich vermeide es strikt, Kunstwerke von noch lebenden Künstlern einzustellen, denn das wird richtig teuer, wenn keine Erlaubnis vorliegt. Erst 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers werden seine Werke rechtefrei (wie in der Literatur). Bleibt die Frage, wie man an gute Fotos kommt. So manche Aufnahme habe ich selbst gemacht, vor allem von Skulpturen. Bei vielen Kunstwerken, auf die man im Netz stößt, ist der Fotograf angegeben – und der hat die Rechte an seiner Aufnahme. Ich frage an, ob ich das Foto verwenden darf; manche erlauben es, manche nicht. In der Regel genügt dann ein Copyright-Hinweis. Es gibt aber auch viele Aufnahmen im Netz, bei denen ich nicht erkennen kann, wer daran die Rechte besitzt. Das ist eine Grauzone. Ich verwende die Fotos; sollte sich der Rechteinhaber melden, verhandle ich mit ihm oder nehme das Bild wieder heraus. Bisher ist das aber nicht vorgekommen.
      Diese Website ist ganz hilfreich, um sich einen Überblick zum Thema zu verschaffen: http://rechtsanwalt-schwenke.de/wann-ist-ein-bildzitat-erlaubt-anleitung-mit-beispielen-und-checkliste/
      Herzliche Grüße
      Antonello

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