Dienstag, 25. Juli 2023

Exemplarisch schön – der „Diadumenos“ des Polyklet

Polyklet: Diadumenos (röm. Marmorkopie einer um 420 v.Chr. entstandenen
griech. Bronzefigur); Madrid, Prado (für die Großansicht einfach anklicken)
Wenn man nach den einflussreichsten Künstlern in der Menschheitsgeschichte fragt, dann besetzt der antike griechische Bildhauer Polyklet (geboren um 480 v.Chr.) auf jeden Fall einen der vorderen Ränge. Unangefochten hat sich sein Schaffen über Jahrhunderte hin als Maßstab der Bildhauerkunst behauptet. Sogar Dante zitiert ihn noch als Inbegriff des alle anderen überragenden Bildhauers, mit dem allenfalls die Natur konkurrieren könne. Mit der Renaissance hat sich sein Ruhm erneuert – und er hält bis heute an. Doch die Bildwerke Polyklets sind allesamt verloren. Eine Auseinandersetzung mit seiner Kunst ist nur über deren Wirkung möglich. Alle seine Skulpturen, für die man Jahrhunderte nach seinem Tod noch unvorstellbare Preise bezahlte, hatten in den Augen der Christen zunächst einmal ihren Wert verloren: Sie wurden als Zeugen einer heidnischen Vergangenheit sogar als Gefahr betrachtet und deswegen zerschlagen und eingeschmolzen. „Allein ein kleiner Splitter von einer Bronzestatue in Olympia kann allenfalls Anspruch darauf erheben, wenigstens ein kleines Stück einer von Polyklet gestalteten Oberfläche zu bewahren“ (Bol 1990, S. 15).

In römischen Kopien ist immerhin ein halbes Dutzend seiner Werke verhältnismäßig zuverlässig überliefert. Diese Zahl klingt zwar bescheiden, wird aber respektabler, wenn man berücksichtigt, dass ein Bildhauer des 5. Jahrhunderts wohl fast zwei Jahre zur Vollendung einer lebensgroßen Bronzestatue einzusetzen hatte, sodass „immerhin ein Drittel bis ein Viertel des Gesamtwerks Polyklets faßbar wird“ (Bol 1990, S. 16). Fast durchweg handelt es sich um Darstellungen nackter junger Männer, die sich in der Kopfwendung und im Verhältnis von Stand- und Spielbein gleichen.

Der Ruhm Polyklets war in der Antike so groß, weil er neben seinen schon früh als vorbildlich geltenden Skulpturen als Autor einer theoretischen Schrift (des „Kanons“) bekannt war: In ihr erklärt er das Kompositionssystem seiner Werke und bestimmt auch die Proportionierung und Zuordnung der einzelnen Körperteile und -glieder durch Maßangaben. Während der ebenfalls berühmte Bildhauer Phidias und seine Schüler vor allem Götterbilder schufen, stand für den in Argos arbeitenden Polyklet die Darstellung des vollkommenen Menschen im Mittelpunkt. Seine Statue des Diadumenos, eines jungen, muskulös gebauten Mannes „mit dem umgebundenen Band“, wird zum Spätwerk des Polyklet gerechnet. Das von diesem Bildhauer zu höchster Vollendung gebrachte Prinzip der kontrapostischen Ponderation wird hier durch die ausgreifende Haltung der erhobenen Arme zu einem gleichsam schwebenden Gleichgewicht ausbalanciert.

Polyklet: Diadumenos (röm. Marmorkopie); New York, Metropolitan Museum

Der unbekleidete junge Mann steht fest auf seinem rechten Bein, das linke Spielbein berührt nur mit den Zehen – etwas zurück und nach außen gesetzt – den Boden. Die Ponderation bedingt, dass sich die linke Hüfte absenkt. Diese Verschiebung wirkt sich auch auf den restlichen Körper aus: Sie verursacht eine Gegenbewegung, die an der abgesenkten rechten Schulter und dem s-förmigen Schwung der Linea alba ablesbar ist und durch den nach rechts gewendeten, leicht gesenkten Kopf aufgefangen wird. Obwohl die originalen Hände nicht erhalten sind, verweisen sie zusammen mit dem Kopfschmuck in den Locken des Haupthaares darauf, dass hier ein Athlet dargestellt ist, der sich gerade eine Binde anlegt. Auch die Hände agieren komplementär: Die linke Hand scheint durch das Band zum Haupt hingezogen zu werden, während sich die rechte von ihm entfernt. Die flache und straff angezogene Binde selbst schließt das Gesicht nach oben hin ab.

Der Diadumenos ist ähnlich wie eine Waage konzipiert. Die beiden weit abgespreizten Arme bilden mit der um den Kopf gelegten Binde ein Dreieck, das wie ein horizontaler Waagebalken auf der tragenden Standbeinachse liegt. Da sich der Rumpf durch das locker herabhängende Spielbein zur linken Seite neigt, sind als Gegengewicht rechte Schulter und Arm stärker als Arm und Schulter der Gegenseite gesenkt. Der bei dem etwa 30 Jahre früher entstandenen Doryphoros des Polyklet (siehe meinen Post „Polyklets Musterknabe“) noch einfache Bezug zwischen rechts und links, zwischen vorn und hinten wird beim Diadumenos vervielfacht und differenziert: Das Spielbein ist nun nicht mehr einfach zurückgestellt, sondern gleichzeitig nach außen und in die Diagonale, und Entsprechendes gilt für die Arme und Hände. Allerdings ergibt sich aus dieser Haltung der Beine ein Widerspruch, wenn sich die Figur tatsächlich eine Binde anlegt: „Dies im Schreiten Innehalten passt nicht zur dargestellten Handlung. Man schreitet eben nicht, wenn man sich etwas um den Kopf legen will“ (Furtwängler 1893, S. 444). Bei dem Doryphoros konnte sich noch die Bezeichnung „Schrittstand“ einbürgern, die auf den Diadumenos kaum zu übertragen ist.

Polyklet: Doryphoros (um 440 v.Chr.,
röm. Marmorkopie), Neapel, Nationalmuseum
Besonders die Gestaltung der Haarkappe zeigt, dass es sich um ein spätes Werk des Künstlers handelt: Während beim Doryphoros die Locken der glatt anliegenden Haarkappe ein streng durchkonstruiertes System ergeben, zeigen die verspielt über den Ohren ringelnden Locken des Diadumenos eine Vielfalt an Einzelmotiven.

Polyklet hat sich ohne Frage intensiv mit der menschlichen Anatomie beschäftigt, aber sein Ziel ist nicht eine möglichst lebensnahe, durch größte Genauigkeit gekennzeichnete Darstellung des männlichen Körpers. „Das Standmotiv ist bis in jede Kleinigkeit ,durchdekliniert‘ und einzelne Muskelgruppen sind schematisiert und übersteigert hervorgehoben“ (Klünker 2018, S. 81). Es geht dem Bildhauer vielmehr darum, einen idealen, vollendeten und damit überindividuellen athletischen Körper zu zeigen.

Anders als etwa der Diskobol des griechischen Bildhauers Myron, der einen Diskuswerfer kurz vor dem Abwurf seiner Scheibe darstellt, also inmitten einer athletischen Aktion zeigt (siehe meine Post „Die Welt ist eine Scheibe“), präsentiert Polyklet seinen Diadumenos in einem ruhigen Moment vor oder nach dem eigentlichen Wettkampf. Beide Statuen entstanden jedoch zu dem Zweck, erfolgreiche Athleten mit der Aufstellung dieser Skulpturen auszuzeichnen.

Myron: Diskobol (5. Jh. v.Chr., röm. Marmorkopie einer griech. Bronzestatue);
Rom, Museo Nazionale Romano

Die Statue im Madrider Prado gilt eine der besten und vollständigsten von ca. 50 Nachbildungen des Diadumenos. Bei den Marmorkopien der von Polyklet in Bronze gegossenen Statue mussten Binden und Arme zusätzlich durch Stege gestützt werden, wie die Skulptur im Prado zeigt. Bei dieser bestanden die freihängenden Bindenenden wahrscheinlich aus Bronze und waren auf der Rückseite des Kopfes angesetzt.

Wie bei dem Frankfurter Diskobol oder auch dem Doryphoros kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob mit der Statue des Diadumenos ein Athlet oder eine mythologische Figur gemeint ist. Denn Polyklets Doryphoros stellt sehr wahrscheinlich Achill mit der Lanze dar, sodass für den Diadumenos auch eine Bezeichnung als Apoll oder als Trojanerprinz Paris vorgeschlagen wurde. Nicht genug – eine weitere und ganz andere Lesart der Statue wird von Christiane Vorster vertreten: Die Skulptur verkörpere das Ideal des Kalos, des herausragend schönen und begehrenswerten Jünglings. So werde der Diadumenos schon bei Lukian beschrieben (Philopseudes 18). Nicht die augenblicksbezogene Handlung des Athleten nach dem errungenen Sieg ist hier ins Bild gesetzt, sondern der ideale Zustand des heranwachsenden jungen Mannes, dessen athletisch biegsamer Körper im Kontrapost seinen vollkommenen Ausdruck findet, während die Schönheit des noch bartlosen Gesichtes durch das schmückende Band bekrönt wird Vorster 2009, S. 160).

 

Literaturhinweise

Bol, Peter C.: Diadumenos. In: Herbert Beck u.a. (Hrsg.); Polyklet. Der Bildhauer der griechischen Klassik. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1990, S. 206-212;

Furtwängler, Adolf: Meisterwerke der griechischen Plastik. Verlag von Giesecke & Devrient, Leipzig/Berlin 1893, S. 435-446;

Klünker, Annegret: Zwischen Ideal und ,Wirklichkeit‘ – die Statuen griechischer Athleten. In: Christiane Nowak/Lorenz Winkler-Horaček (Hrsg.), Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Realismen in der griechischen Plastik. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfl. 2018, S. 77-94;

Kunze, Christian: Kontextwechsel. Zur Interpretation antiker Skulpturen in unterschiedlichen Aufstellungssituationen. In: Dietrich Boschung/Christiane Vorster (Hrsg.), Leibhafte Kunst. Statuen und kulturelle Identität. Wilhelm Fink, Paderborn 2015, S. 55-92;

Schröder, Stephan F.: Katalog der antiken Skulpturen des Museo del Prado. Band 2: Idealplastik. Verlag Philipp von Zabern. Mainz 2004, S. 67-73;

Vorster, Christiane: Kopf des Diadumenos. In: Stephan F. Schröder (Hrsg.), Verwandelte Götter. Antike Skulpturen des Museo del Prado zu Gast in Dresden. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 2009, S. 160-163 (Katalog-Nr. 8). 

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