Samstag, 15. Juni 2013

Gemalter Glaube – Caspar David Friedrichs „Winterlandschaft mit Kirche“


Caspar David Friedrich: Winterlandschaft (1810, 33 x 46 cm); Schwerin, Staatliches Museum
Caspar David Friedrich: Winterlandschaft mit Kirche (1811, 33 x 45 cm); Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bis 1812 entstanden die meisten Gemälde von Caspar David Friedrich (1777–1840) als Bilderpaare. Mehrfach sind seine Gegenstücke jedoch schon bald voneinander getrennt worden. Schriftliche Zeugnisse und übereinstimmende Bildgrößen machen es aber relativ leicht, zusammengehörige Werke zu erkennen. Ein solches Bilderpaar sind auch die beiden Winterlandschaften in Schwerin und Dortmund.
Auf dem Schweriner Gemälde steht ein auf Krücken gestützter Wanderer inmitten von Baumstümpfen und bizarren, kahlen Eichen. Er schaut in eine endlose Schneewüste hinaus. Der dunkelblaue, völlig verschlossene Himmel bietet keinen einzigen Lichtpunkt. Die Natur ist ohne einen Funken Leben, alles wirkt trostlos, nirgends zeigt sich ein Weg, der begehbar wäre. Verloren und verzweifelt blickt der gebückte, einsame Greis in eine Landschaft, die von Todessymbolen beherrscht wird. Das ganze Bild ist in seiner hoffnungslosen Düsternis Ausdruck für das endgültige und totale Nichts, als das dem Menschen der Tod erscheinen muss, wenn er nicht an eine Auferstehung glaubt.
Das Dortmunder Gegenstück gibt nun die christliche Antwort darauf. Auch hier ist die Landschaft schneebedeckt. Bis hierhin ist der Wanderer gekommen. Er hat seine Krücken weggeworfen und sitzt, an einen Fels gelehnt, betend vor einem Kruzifix, das inmitten einer Gruppe junger Tannen aufgerichtet ist. Ein rosig schimmerndes Abendgewölk erhellt im Hintergrund die Umrisse eines fernen gotischen Doms. Es ist kein realer Bau, er taucht vielmehr wie eine Vision aus dem Nebel auf. In dieser Weise hat Friedrich später noch mehrmals gotische Architektur dargestellt, so z. B.  in dem Bild Vision der christlichen Kirche (1812), Kreuz und Kathedrale im Gebirge (1812) oder Die Kathedrale (um 1818).

Caspar David Friedrich: Kreuz und Kathedrale im Gebirge (1812); Düsseldorf, Museum Kunstpalast
Caspar David Friedrich: Die Kathedrale (1818); Schweinfurt, Museum Georg Schäfer
Die gotische Kirche ist ein Sinnbild des Heils. Sie verheißt, dass über die dunkle Stunde des Todes hinaus eine himmlische Welt und ewiges Leben auf den warten, der sich Christus anvertraut. Wer im Sterben auf den Gekreuzigten blickt, der wird ihn als Tröster und Retter erleben. Um diesen Zusammenhang noch augenfälliger zu machen, hat Friedrich die Umrisse der Tannen und des schemenhaften Kirchenbaus einander angeglichen. Was der Felsblock und die immergrünen Tannen bedeuten, wird verständlich, wenn wir uns an Friedrichs eigene Deutung  des Tetschener Altars erinnern: Sie sind Symbole des Glaubens und der Hoffnung (siehe meinen Post „Der große Mittler“).
Die Dortmunder Winterlandschaft mit Kirche ist von einer Vertikalität bestimmt, die dem Schweriner Bild völlig fehlt: Die fünf schlanken, spitzen Türme der schemenhaften Kirchenfassade, die pfeilartig in den Himmel ragenden Tannen und auch das Kruzifix selbst weisen überdeutlich nach oben, ,,wo nach uralten Vorstellungen die Gottheit wohnt“ (Neidhardt 1990, S. 67). Von dort erwartet der Betende, am „Fels des Glaubens“ lehnend, Beistand und Stärkung. Dass er sie auch empfangen wird, verheißt der warme, rötliche Schimmer am Himmel, der sich nur über der Kirchenfassade zeigt. Die Bäume auf dem Schweriner Pendant sind dagegen schiefe, gleichsam richtungslose Gebilde, und von den Baumstümpfen steht keiner wirklich senkrecht. Selbst in der gebeugten Gestalt mit der Krücke wiederholt sich der Ausdruck des Abgeknickten, Niedergedrückten, Orientierungslosen“ (Neidhardt 1990, S. 67). Zudem wirkt die V-artige Anordnung der beiden kahlen Bäume, als würden sie den einsamen Wanderer regelrecht in die Zange nehmen.
Karl-Friedrich Hoch sieht in den Krücken des Beters einen Zeitbezug: Sie verweisen seiner Ansicht nach auf die Krüppel und Versehrten der Napoleonischen Befreiungskriege, die die Menschen 1810/1811 wohl zahlreich vor Augen hatten.
Caspar David Friedrich: Winterlandschaft mit Kirche (1811); London, National Gallery
(für die Großansicht einfach anklicken)
Eine 1987 von der National Gallery in London ersteigerte weitere Version dieses Bildes verstärkt durch zusätzliche Symbole die religiöse Botschaft der Naturdarstellung: Dort sind noch Grashalme zu sehen, die durch die Schneedecke dringen – wie so oft auf den Bildern Friedrichs ein Hinweis auf die Auferstehungshoffnung der Christen; außerdem führt hier ein Torbogen als Sinnbild des Todes in die Tiefe des Hintergrunds.

Literaturhinweise
Helmut Börsch-Supan: Zur Deutung der Kunst Caspar David Friedrichs. In: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 27 (1986), S. 199-224;
Karl-Friedrich Hoch: Zur Ikonographie des Kreuzes bei C.D. Friedrich. In: Kurt Wettengl (Hrsg.), Caspar David Friedrich – Winterlandschaften. Edition Braus, Heidelberg 1990, S. 71-74;
Hans Joachim Neidhardt: Angst und Glaube. Zur Bildstruktur und Deutung von C.D. Friedrichs Bildpaar Winterlandschaft. In: Kurt Wettengl (Hrsg.), Caspar David Friedrich – Winterlandschaften. Edition Braus, Heidelberg 1990, S. 67-70.

(zuletzt bearbeitet am 19. Februar 2016)