Dienstag, 11. März 2014

Eine Flut von Tüll – Gustav Klimt porträtiert Sonja Knips


Gustav Klimt: Bildnis Sonja Knips (1898); Wien, Österreichische Galerie Belvedere
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Gustav Klimt (1862–1918) ist dem breiten Publikum vor allem als Maler der Frauen in Erinnerung geblieben. Das Bildnis von Sonja Knips, auf der II. Ausstellung der Wiener Secession im November/Dezember 1898 der Öffentlichkeit präsentiert, gilt als erstes Beispiel jenes „neuen Stils“, mit dem Klimt sich vom akademischen Realismus seines Frühwerks gelöst hat. Das betrifft einerseits das danach – sowohl bei Landschafts- und Figurenbildern wie Porträts –  immer wieder auftauchende quadratische Format; andererseits kündigt sich hier bereits entschieden Klimts Tendenz zur Zweidimensionalität an, die dann in Bildnissen wie Emilie Flöge (1902), Fritza Riedler (1906) oder Adele Bloch-Bauer I (1907) ihre endgültige Ausprägung findet. Zugleich gelang es dem Künstler, sich mit der Darstellung der 25-jährigen Gattin des Industriellen Anton Knips als führender Porträtmaler des neureichen Wiener Großbürgertums zu etablieren.
Gustav Klimt: Bildnis Emilie Flöge (1902);
Wien Museum (für die Großansicht einfach anklicken)
Gustav Klimt: Bildnis Fritza Riedler (1906); Wien, Österreichische Galerie Belvedere
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Gustav Klimt: Bildnis Adele Bloch-Bauer I (1907); New York, Neue Galerie
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Klimt teilt die Bildfläche in zwei fast gleich große, durch eine Diagonale getrennte Bereiche: einen hellen im Vordergrund rechts, den die in einem Lehnstuhl sitzende Sonja Knips einnimmt, und den im Dunkel versinkenden Hintergrund, der einen Großteil der linken Bildhälfte beansprucht. „Die Verteilung von Licht und Dunkel ist ganz offensichtlich nicht die Folge einer realen Beleuchtungssituation, sondern korrespondiert mit der die Komposition beherrschenden Gegenüberstellung von Fülle und Leere“ (Jurkovic 1997, S. 54). Verschwenderisch ergießt sich das virtuos gemalte rosa Tüllkleid als Stoffkaskade bis an den unteren Bildrand, „wo eine Flut von mehrheitlich parallel organisierten Pinselstrichen für knisternde Spannung und großzügige Bewegung sorgt“ (Natter 2001, S. 86). Die Materialität des Stoffes scheint aufgelöst – das Kleid mit seinen irisierenden Farbnuancen wird transparent und gewinnt ätherische Leichtigkeit“ (Petz 1995, S. 56).
Den Ort der Szene hat Klimt nicht näher bestimmt; er ist weder als Innenraum noch als Landschaft eindeutig identifizierbar. Man könnte sich eine Terrasse vorstellen, auf der Elemente aus Haus und Garten – der Sessel bzw. die Pflanzen – aufeinandertreffen. Alle danach folgenden Frauenbildnisse hat Klimt jedoch eindeutig in Innenräume verlagert.
Bemerkenswert an diesem Bildnis ist auch, wie Klimt die repräsentative Pose der jungen, lebensgroß dargestellten Frau mit der Lebensnähe einer flüchtigen Momentaufnahme verbindet. Als wäre sie eben von einem unangemeldeten Besucher – dem Betrachter, der sie anblickt – bei der Lektüre gestört worden, sitzt sie auf der vorderen Kante des Fauteuils und umfasst mit der linken Hand dessen Lehne, als sei sie eben im Begriff aufzustehen. Andererseits ruht die Rechte, die ein in rotes Leder gebundenes Büchlein hält, noch ganz entspannt auf dem Oberschenkel. Bei dem Büchlein handelt es sich übrigens um eines von Klimts Skizzenbüchern, das hier vorangig wegen des Farbakzents eingesetzt wurde. Das mädchenhafte, rotwangige Antlitz erwidert ruhig den Blickkontakt mit dem Betrachter; sein Ausdruck erscheint jedoch kühl und distanziert, „sodaß er keine Aussage über kommende Reaktionen zuläßt“ (Jurkovic 1997, S. 56).
Sonja Knips hat sich erst am Ende ihres Lebens von ihrem Porträt getrennt. 1950 verkauft sie das Bild der Österreichischen Galerie in Wien – unter der Auflage, es zu Lebzeiten als Leihgabe behalten zu dürfen.

Literaturhinweise
Harald Jurkovic: Gustav Klimt – Sonja Knips. In: Edwin Becker/Sabine Grabner (Hrsg.), Wien 1900. Der Blick nach innen. Van Gogh Museum, Amsterdam 1997, S. 54-56;
Tobias G. Natter: Gustav Klimt: Frauenbildnisse. In: Tobias G. Natter/Gerbert Frodl (Hrsg.), Klimt und die Frauen. DuMont Verlag, Köln 2002, S. 84-87;
Tobias G. Natter: Die Welt von Klimt, Schiele und Kokoschka. Sammler und Mäzene. DuMont Verlag, Köln 2003, S. 27-37;
Anja Petz: Gustav Klimt – Sonja Knips. In: Sabine Schulze (Hrsg.), Sehnsucht nach Glück. Wiens Aufbruch in die Moderne: Klimt, Kokoschka, Schiele. Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit 1995, S. 56.

(zuletzt bearbeitet am 9. März 2016)

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