Montag, 12. Januar 2015

Ohnmächtig überlegen – Giottos Fresko der Gefangennahme Christi in der Arena-Kapelle von Padua


Giotto: Gefangennahme Christi (um 1305); Padua, Arena-Kapelle (für die Großansicht einfach anklicken)
Um 1305 hat der italienische Maler Giotto (1266–1337) in der Arena-Kapelle von Padua eine Vielzahl großformatiger Fresken geschaffen. An den Längswänden stehen sie in drei Bilderreihen übereinander. Dargestellt sind neben einem Prolog im Himmel und dem Jüngsten Gericht Szenen aus dem Leben Joachims und Annas, der Eltern der Mutter Jesu, sowie Episoden aus dem Leben von Maria und von Christus. Der Zyklus beginnt mit der Verstoßung Joachims aus dem Tempel und endet mit dem Pfingstwunder. Eine der insgesamt 38 Szenen zeigt die Gefangennahme Jesu.
Blick ins Innere der Arena-Kapelle (für die Großansicht einfach anklicken)
Nahe der Bildmitte und in strenger Profilansicht sind Jesus und Judas zu sehen, vor einer dichten Gruppe von Häschern mit Lanzen, Stöcken und Keulen. In keinem anderen Fresko der Arena-Kapelle sind die Figuren so dicht zusammengeballt wie hier. Jesus wird durch einen Nimbus hervorgehoben, und er überragt Judas an Körpergröße. Rechts im Vordergrund ist ein Pharisäer in Dreiviertelansicht dargestellt, der eine andere Gruppe von Schergen mit Fackeln, Hellebarden und Schwertern auf Jesus hinweist; einer von ihnen tritt auch bereits auf Jesus zu. Ein anderer bläst derweil in ein Horn, um die Truppe zu sammeln: Das Jagdopfer ist gefunden.
Links sieht man eine Rückenfigur, die ein schlaff herabhängendes Gewand festhält. Es ist das vom Bildrand überschnittene Gewand eines Jünglings, der Jesus gefolgt ist und ebenfalls festgenommen werden soll – „aber er riss sich los, ließ sein Kleidungsstück zurück und rannte nackt davon“, so wird uns im Markus-Evangelium berichtet (Markus 14,52). „Solches Anschneiden der am Bildrand plazierten Figuren war ein von Giotto gern eingesetztes, der fiktiven Erweiterung des Bildraumes dienendes Mittel“ (Poeschke 2003, S. 189). In der linken Bildhälfte ist außerdem Petrus dargestellt, wie Jesus mit einem Heiligenschein versehen, der Malchus, einem Knecht des Hohenpriesters, mit seinem Messer das Ohr abschneidet (Johannes 18,10).
„Judas, mit einem Kuss willst du den Menschensohn verraten?“ (Lukas 22,48)
Judas ist nahe an Jesus herangetreten, um ihn zu umarmen. Dabei umschließt er ihn fast gänzlich mit seinem gelben Mantel – es ist eine Gefangennahme vor der eigentlichen Ergreifung durch die Soldaten. Jesus lässt es geschehen. Mit hoheitsvoller Überlegenheit blickt er eindringlich Auge in Auge auf Judas herab, als wisse er längst um den Verrat, der mit dessen Begrüßungskuss einhergeht. Die Lanzen, Stöcke und Keulen über ihm sind so über seinem Haupt angeordnet, dass sie ein radiales Strahlenbündel bilden – sie verlängern sozusagen den Nimbus Jesu in den Himmel hinein. Giotto gestaltet die Bedrohung, die von diesen Gegenständen ausgeht, auf diese Weise in eine Verherrlichung Christi um.
Max Imdahl hat auf die bildbstimmende Kompositionslinie in Giottos Fresko hingewiesen: Es ist die Schräge, die links oberhalb der Figur Petri in der äußersten Keule beginnt. Sie führt durch das Gefälle der Köpfe von Jesus und Judas hindurch auf den zeigenden Arm des Pharisäers in der rechten Bildhälfte, erstreckt sich also nahezu über das gesamte Format. Keule und Zeigegebärde  sind deutlich gegen Jesus gerichtet. Doch gerade diese in der Schräge enthaltenen Aktionen gegen Jesus betonen dessen Überlegenheit und Hoheit, denn der dominante Blick Jesu auf Judas herab wird so über die Breite des Bildes geführt. In der Ambivalenz von Unter- und Überlegenheit – der Soldatengewalt ohnmächtig ausgeliefert, den Verräter wie den Pharisäer jedoch durchschauend und sie bewusst gewähren lassend – verbildlicht Giotto die Doppelnatur Christi: ganz Mensch und zugleich Gott, der willentlich sein Leiden auf sich nimmt.

Literaturhinweise
Max Imdahl: Giotto. Arenafresken. Ikonographie – Ikonologie – Ikonik. Wilhelm Fink Verlag, München 1980;
Joachim Poeschke: Wandmalerei der Giottozeit in Italien 1280–1400. Hirmer Verlag, München 2003, S. 184-223;
Michael Viktor Schwarz: Giotto. Verlag C.H. Beck, München 2009.

(zuletzt bearbeitet am 12. April 2016)