Sonntag, 22. Februar 2015

Eine Göttin badet – die „Kauernde Aphrodite“ des Doidalsas


Kauernde Aphrodite (röm. Marmorkopie); Rom, Palazzo Massimo
alle Terme (für die Großansicht einfach anklicken)
In seiner Naturalis historiae berichtet Plinius d.Ä. (23–79 n.Chr.), dass König Nikomedes I. von Bythnien (gest. um 250 v.Chr.) vergeblich versucht habe, den Knidiern die berühmte Statue der nackten Aphrodite abzukaufen, ein Meisterwerk des antiken Bildhauers Praxiteles. Nikomedes I. beauftragte daraufhin einen einheimischen Künstler namens Doidalsas, einen Ersatz für die Knidische Aphrodite zu schaffen (siehe meinen Post „Aphrodite – knidisch und kapitolinisch“) – das Ergebnis war die Hockende oder auch Kauernde Aphrodite, die in zahlreichen Kopien und Abwandlungen überliefert ist. Keine von ihnen ist vollständig erhalten. Doch lässt sich die Statue durch den Vergleich der erhaltenen Skulpturen in etwa rekonstruieren. Die beste Replik stammt aus der Villa Hadriana und befindet sich im Palazzo Massimo alle Terme in Rom (allerdings fehlen ihr die Arme und der obere Teil des Kopfes). Die Basen und Stützen sind bei allen Wiederholungen unterschiedlich gestaltet; deswegen ist es wahrscheinlich, dass die Marmorrepliken ein Original aus Bronze kopierten, das keiner Stütze bedürfte. Die Kopisten waren gezwungen, zwischen Plinthe und der frei ragenden linken Gesäßpartie eine zusätzliche Verstrebung einzufügen, denn die beiden Füße allein würden die Last des Marmorkörpers nicht tragen.
Praxiteles: Aphrodite von Knidos, röm. Marmorkopie;
Rom, Vatikanische Museen
(für die Großansicht einfach anklicken)
Doidalsas löst seine Aufgabe auf originelle Weise: Das große Vorbild scheint, wie im Mythos von Pygmalion, zum Leben erweckt. Die junge Frau ist in die Hocke gegangen, damit Badewasser über sie ausgegossen werden kann. Sie sitzt dabei mit dem Gesäß auf der Ferse des nach hinten und auf die Zehen gestellten rechten Fußes, sodass die Rückseiten von Ober- und Unterschenkel fest aufeinander liegen. Der linke Fuß ist mit der Sohle aufgesetzt und das Bein mit erhobenem Knie angewinkelt. Auch der linke Ober- und Unterschenkel sind in der Kniekehle aneinander gepresst, die linke Pobacke bleibt aber frei. Es ist eine Haltung, die man tatsächlich, schon aus Gründen eines sparsamen Wasserverbrauchs, beim Baden einzunehmen pflegte. Um ihr Gewicht auszutarieren, beugt Aphrodite den Oberkörper nach vorn und wendet dabei den Kopf zur Seite bzw. nach hinten – und zwar zu einer, wie Bernard Andreae meint, nicht dargestellten Dienerin, die ihr Badegefäß über Haare und Rücken der Hockenden geleert hat.
Füllige Formen, auch im unvollständigen Zustand ansehnlich
Der rechte Arm Aphrodites, so Andreae, war angewinkelt, die rechte Hand wurde nach hinten zum Haar hochgeführt. Möglicherweise ging auch der linke Arm nach oben, um mit beiden Händen das Wasser aus den vollen Haaren zu wringen. Christian Kunze dagegen geht davon aus, dass die Figur ihren rechten Arm abwehrend quer vor den Körper hält, um ihre Brüste vor dem Blick eines Zuschauers zu schützen. Der linke Arm sei entsprechend nach unten gesenkt gewesen und mit rechtwinklig gebeugtem Ellenbogen am linken Oberschenkel vorbei nach vorne zum Schoß geführt worden, um die Scham zu bedecken. „Gerade die Tatsache, daß ihr dieses Sich-Verbergen nicht in vollem Umfang gelingt – die abwehrende Bewegung des rechten Oberarms etwa bewirkt entgegen der eigentlichen Absicht, daß die rechte, zur Achsel hin abgequetschte Brust sich um so prominenter zum Betrachter hin hervorwölbt –, betont den spontanen, instinktiven Charakter der dargestellten Aktion“ (Kunze 2002, S. 120). Vor allem die Kopfbewegung suggeriere, dass die Göttin bei ihrem Bad von niemand anderem als dem Betrachter überrascht wird und sie aufgeschreckt mit nach hinten gewendetem Kopf eben diesem Eindringling entgegenblickt. Damit in Zusammenhang stehe auch der zu Boden gesenkte Blick der jungen Frau: „Das Neigen des Kopfes, das scheue Niederschlagen des Blickes gilt, wie zahlreiche Schriftquellen belegen, als typische, instinktive Reaktion eines Mädchens, das von fremden, ungebetenen Blicken überascht und ertappt wird“ (Kunze 2022, S. 120). Ziel der Statue ist nach Kunze die Illusion einer unmittelbaren Begegnung des Betrachters mit einem scheinbar realen und lebendig reagierenden Gegenüber.
Eine der zahlreichen Marmorrepliken der Kauernden Aphrodite,
neuzeitlich ergänzt: die „Lely-Venus“ aus dem British Museum in
London (für die Großansicht einfach anklicken)
Durch die Gegenbewegung von Kopf und Armen dreht sich der vorgeneigte Oberkörper Aphrodites leicht nach links; dabei schiebt sich die Bauchdecke zu drei Wülsten zusammen – was auch bei einem schlankeren Leib der Fall wäre. Die Liebesgöttin verfügt, nicht untypisch, über füllige Formen, die aber für den Geschmack der griechischen Klassik (5. und 4. Jahrhundert v.Chr.) bereits zu „üppig“ sind. Für Bernard Andreae huldigt die „Leibesfülle“ der Aphrodite einem Schönheitsideal, das mit dem Ideal der Tryphe korrespondiert, dem bewusst zur Schau gestellten Überfluss und luxuriösen Wohlleben, das besonders an den hellenistischen Herrscherhöfen zelebriert wurde.

Literaturhinweise
Bernard Andreae: Schönheit des Realismus. Auftrageber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1998, S. 61-65;
Christian Kunze: Zum Greifen nah. Stilphänomene in der hellenistischen Skulptur und ihre inhaltliche Interpretation. Biering & Bringmann, München 2002, S. 108-121.

(zuletzt bearbeitet am 24. April 2016)

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