Donnerstag, 12. Februar 2015

Im Schwitzkasten – „Der Ganswürger“ aus der Münchner Glyptothek


Ganswürger, röm. Marmorkopie eines hellenistischen Bronzeoriginals;
München, Glyptothek (für die Großansicht einfach anklicken)
Ein Kind von vielleicht drei Jahren mit reichlich Babyspeck und eine ausgewachsene Gans im Clinch: Diese antike Skulpturengruppe gehört zu den Sehenswürdigkeiten der Münchner Glyptothek und wird Der Ganswürger genannt (Höhe 84 cm). Es handelt sich um eine römische Marmorkopie; das Original bestand aus Bronze und kam ohne die unschöne Sechskantstütze aus, die das Gewicht des Tierkörpers abfangen muss. Als Bildhauer dieses im Altertum berühmten Werkes nennt uns Plinius d.Ä. in seiner Naturalis historia Boethus von Kalchedon genannt. Kaiser Nero ließ das Original aus dem griechischen Osten nach Rom bringen und in seinem Palast aufstellen.
Der pausbäckige Knabe hat die Gans mit beiden Armen am Hals gepackt und klemmt im Eifer des Gefechts zugleich den inneren flatternden Flügel ein, sodass der große Vogel gefangen scheint. Doch die Gans wehrt sich; beide stemmen sich mit gespreizten Beinen kraftvoll gegeneinander. Wie ein geübter Ringer lehnt der mollige Junge den Oberkörper zurück, die Gans hält mit ihren breit gegrätschten Füßen dagegen und stützt sich darüber hinaus mit ihrem gefiederten Schwanz am Boden ab. Das Kind zerrt den Hals der Gans eng an sich heran, kreischend und um Luft ringend müht sich das Tier, der Fessel zu entkommen.
Die Gans ist wie der Junge sehr naturalistisch wiedergegeben: Der Bildhauer hat genau unterschieden zwischen den spitzen, sich sträubenden Halsfedern und den schuppenförmigen Deckfedern; die starren Schwingen heben sich ab von der weichen Polsterung der Daunen an Brust und Bauch. Die beiden Figuren berühren an fünf Punkten den Boden, von denen sie pyramidal nach oben bis zum Schopf über der Stirn des Knaben aufwachsen. Die Locken des noch etwas dünnen Kinderhaares sind über der Stirn aufgebunden, damit sie nicht in die Augen hängen. Die Darstellung wirkt natürlich; der Knabe nimmt keinerlei Notiz vom Betrachter, sondern ist ganz seinem Kämpfchen hingegeben, den Blick mit scharf zur Brust gesenktem Kopf konzentriert auf die arg bedrängte Gans gerichtet. Der Würgegriff, so scheint es, ist wohl nur eine unbeabsichtigte Folge des kindlichen Spiels. Eigentlich möchte das Kind die Gans nur an sich ziehen, sie festhalten und umarmend liebkosen. Dass es das Tier dabei quält, scheint es nicht zu bemerken: Unschuldig lächelnd, reagiert der Junge auf die Gegenwehr des Tieres mit einer umso rabiateren Umarmung. Dennoch ist die Momentaufnahme nicht realitätsnah erfasst: „Eine Gans würde in dieser Situation, dem Druck ausweichend, mit flatterndem Flügel zur Seite hüpfen, den Kopf drehen und dem Knaben mit dem Schnabel ins Gesicht hacken“ (Wünsche 2005, S. 112). Das aufgeregte Tier müsste mit seinen Instinkten dem Dreijährigen klar überlegen sein.
Die unschöne Stütze war im Original nicht vorhanden
Die Gruppe wirkt wie eine Genreszene ohne tiefere Botschaft: Ein Dreikäsehoch balgt sich mit einem Tier, das er zum Spielgenossen erkoren hat. Doch uneingeschränkt „heiter“ kann man dieses Ringkampf nicht nennen, denn die Not der Gans ist deutlich herausgearbeitet, Spiel und Ernst sind gleichermaßen präsent. Und man wundert sich durchaus, woher der Knabe den Mut nimmt, ein solches flügelschlagendes, wütende Zischtöne von sich gebendes Tier zu packen und zu strangulieren. „Die Frage ist deshalb angebracht, ob der Künstler nicht eine Art Wunderkind vorführen wollte“ (Andreae 1998, S. 208). In dem Knaben könnte ein zukünftiger, unerschrockener Held stecken, der von Geburt an in ihm angelegt ist wie bei Herakles: Der Mythos berichtet, dass der Sohn des Zeus schon als Kleinkind seine erstaunliche Kraft bewies, als er die von Hera aus Eifersucht auf seine Mutter Alkmene gesandten Schlangen mit bloßen Händen erwürgte. Direkte Hinweise für eine solche Deutung bietet die Gruppe allerdings nicht.
Christian Kunze fällt es schwer, sich die Rauferei mit einer Gans als Episode einer göttlichen oder mythischen Kindheitslegende vorzustellen, da es sich bei dem Thema des ganswürgenden Knaben in der hellenistischen Kunst keineswegs um ein ungewöhnliches oder gar einzigartiges Motiv handele. Vielmehr sei die Szene „überzeugend als eine im Grunde alltägliche Begebenheit formuliert und als lebendig gegenwärtiges Ereignis inzeniert“ (Kunze 2002, S. 151). Kunze sieht in hier ein Menschenkind dargestellt, dessen Skulptur von seinen Eltern“ als Dank- oder Fürbittevotiv dem Asklepios, dem Wächter über Gesundheit und Wohlergehen auch der Heranwachsenden, geweiht worden war“ (Kunze 2002, S. 149). Gerade die lebensnahe Darstellung der Kinderstatue machen „Gesundheit und Wohlergehen“ des Knaben, für die der Gott mit dieser Votivfigur um Schutz gebeten wird, unmittelbar anschaulich: Dem Jungchen geht es prächtig.
Der Farnesische Stier; Neapel, Museo Archeologico Nazionale
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Bernard Andreae hat noch erwogen, ob der Ganswürger nicht eine humorvoll gemeinte, „drollige Antwort“ (Andreae 1998, S. 208) auf den Ernst des hochdramatischen, ebenfalls pyramidal aufgebauten Farnesischen Stiers darstellen könnte (siehe meinen Post „Drama, Drama, Drama“). Christian Kunze rückt den überzeugend modellierten Knabenleib in die Nähe der ebenfalls berühmten und in vielen Repliken überlieferten Kauernden Aphrodite (siehe meinen Post Eine Göttin badet), deren Speckfalten am Bauch von demselben „Bemühen um eine verblüffend lebensechte, täuschend ›natürliche‹ Beschaffenheit des Kunstwerkes“ zeugen (Kunze 2002, S. 146).
Kauernde Aphrodite; Rom, Villa Massimo
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Wahrscheinlich war der Ganswürger niedrig aufgestellt: Die Vorderseite der Gruppe ist, ausgehend von dem nach vorne gestellten linken Bein des Knaben, insgesamt schräg nach hinten geneigt. Auf diese Weise lassen sich schräg von oben die entscheidenden Elemente im oberen Bereich der Figuren rund um die zurückgeneigte Brust des Jungen am besten überblicken: die würgende Umarmung der Gans, die Nähe der beiden Köpfe und der eingeklemmte, hochgestellte Flügel des Vogels. Eine niedrige Platzierung der Skulptur hätte dem Betrachter auch die Illusion einer realen Begegnung vermittelt, da ein Erwachsener eben zu einem spielenden Kind herabzublicken gewohnt ist. „Es handelt sich um ein Werk, das dem Betrachter als ein scheinbar natürlicher Bestandteil seiner Umgebung dargeboten wird, das diesen durch seine lebendige Präsenz und durch seine sinnliche ›Nähe‹ unmittelbar zu verblüffen sucht“ (Kunze 2002, S. 152).
Die Ganswürger-Replik aus den vatikanischen Museen
Bekannt sind elf Nachbildungen des Ganswürger-Originals (Kunze 2002, S. 142); die wichtigsten befinden sich in München (Glyptothek), in Paris (Louvre), in Genf (Musée d’Art et d’Histoire) und im Vatikan (Musei Vaticani), am besten erhalten ist die in München. Die erhaltenen Kopien dienten, worauf ihre Fundorte und das häufige Herrichten der Gans zum Wasserspeier hinweisen, in der Regel wohl als Gartenschmuck von römischen Villen oder Häusern. Der Kleinkind-Typus des Ganswürger mit seinen realistischen Körperformen und Proportionen übte als Vorbild eine weitreichende Wirkung auf die hellenistische und römische Kunst aus. Von ihr weitergereicht, erlebte diese Kindergestalt als Putto in Renaissance und Barock eine glanzvolle Wiedergeburt.
Andrea Mantegna: Putto aus dem Fresko in der Camera degli Sposi in Mantua
(Palazzo Ducale, 1464-1475)


Literaturhinweise
Bernard Andreae: Schönheit des Realismus. Auftraggeber, Schöpfer, Betrachter hellenistischer Plastik. Verlag Philip von Zabern, Mainz 1998, S. 206-210;
Bernard Andreae: Skulptur des Hellenismus. Hirmer Verlag, München 2001, S. 158-160;
Christian Kunze: Zum Greifen nah. Stilphänomene in der hellenistischen Skulptur und ihre inhaltliche Interpretation. Biering & Bringmann, München 2002, S. 142-153;
Hilde Rühfel: Das Kind in der griechischen Kunst. Von der minoisch-mykenischen Zeit bis zum Hellenismus. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1984, S. 254-258;
Raimund Wünsche: Glyptothek München. Meisterwerke griechischer und römischer Skulptur. Verlag C.H. Beck, München 2005, S. 112.

(zuletzt bearbeitet am 28. Juli 2017)