Montag, 15. August 2016

Schenkel, die sich selbst genügen – Gustav Klimts „Danae“


Gustav Klimt: Danae (1907/08); Wien, Sammlung Dichand (für die Großansicht einfach anklicken)
Gustav Klimts Gemälde Danae (um 1907/08) ist eines der wenigen Bilder des österreichischen Künstlers, das dessen zahlreichen erotischen Zeichnungen näher kommt. In diesen über 4000 privaten Aktzeichnungen interessiert er sich mit manischer Produktivität und geradezu obsessiv für die sexuelle Lust der Frau – eine Lust, die ohne den männlichen Körper auskommt. In seinem Atelier standen ihm Modelle zur Verfügung, die bereit waren, vor ihm zu masturbieren, lesbische oder heterosexuelle Liebesspiele nachzustellen. Die weiblichen Akte Klimts zeigen Frauen als begehrenswerte Genießerinnen, in sinnlichen Posen erotischen Phantasien hingegeben. Wer sie ansieht, dringt auf unerlaubtes Terrain vor und wird zum Voyeur einer lustvollen Situation. Die Frauen werden in ihrer Sinnlichkeit zwar lüstern beobachtet, aber nicht bloßgestellt.
Eine der schier unzähligen Aktzeichnungen Gustav Klimts (1912/13); Wien, Leopold Museum
Entsprechend den zeitgenössischen Konventionen verbrämt Klimt die Darstellung mythologisch: Danae ist die Tochter der Eurydike und des Königs Akrisios, dem man weissagt, dass ihn ein Enkel töten wird. Um dessen Geburt zu verhindern, will Akrisios seiner Tochter keine Bekanntschaft mit einem Mann ermöglichen, und sperrt sie in einen Turm. Doch für den Göttervater Zeus, der sich in Danae verliebt hat, ist diese Hürde leicht zu nehmen: Er verwandelt sich in einen goldenen Regen, gelangt so zu Danae und zeugt mit ihr Perseus, der später tatsächlich Akrisios tötet.
Tizian: Danae (1553); Madrid, Museo del Prado (für die Großansicht einfach anklicken)
Sabine Poeschel sieht in Klimts Danae eine Reverenz an Tizians gleichnamiges Gemälde. „Vor allem der gewaltige Oberschenkel als Blickfang bildet eine deutliche Parallele zu Tizians Werk, von dem sich eine Kopie in Wien befindet“ (Poeschel 2014, S. 136). Eine weitere Verbindung sind die rötlichen Haare, die Tizian zurückhaltender rotblond angelegt hat. Danaes Hingabe an den Göttervater wandelt Klimt jedoch in eine selbstgenügsame Autoerotik um. Das Bild wird beherrscht von Danaes mächtigem Schenkel, hinter dem das männliche Element, der Goldregen, lediglich als Ornament erscheint. Klimts Danae öffnet sich nicht, vielmehr rollt sie sich zusammen, während die geöffneten Lippen den erotischen Selbstgenuss der schönen Nackten bezeugen und der locker auf die Fessel herabgerollte Strumpf eine entspannte Situation anzeigt. Der Betrachter wird Zeuge einer intimen Szene, in der die junge Frau sich gänzlich unbeobachtet gibt.

Literaturhinweise
Tobias G. Natter (Hrsg.): Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde. Taschen Verlag, Köln 2012;
Sabine Poeschel: Starke Männer, schöne Frauen. Die Geschichte des Aktes. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014.

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