Samstag, 12. November 2016

Besuch aus der Hölle – Martin Schongauers Kupferstich „Der hl. Antonius, von Dämonen geplagt“


Martin Schongauer: Der hl. Antonius, von Dämonen geplagt (um 1470); Kupferstich
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Zwischen Himmel und Erde schwebend, muss der Eremit Antonius Qualen erleiden, die ihm neun dämonische Mischwesen zufügen. Sie schlagen mit Knüppeln auf ihn ein, zerren an seinen Haaren und Händen, an Mantel, Skapulier und Pilgerstab und verkrallen sich in sein härenes Büßergewand. In drastischem Gegensatz dazu lässt der Heilige diese brutalen Angriffe geduldig über sich ergehen; sein Gesichtsausdruck wirkt ergeben, beinahe teilnahmslos, sein Blick ist nach rechts in die Ferne gerichtet, ohne seine Peiniger zu beachten.
Der hl. Antonius, von Dämonen geplagt gehört zu den frühen, d. h. kurz nach 1470 entstandenen Kupferstichen von Martin Schongauer (1448–1491); er war schon bald danach einer seiner berühmtesten und am häufigsten kopierten Grafiken. Schongauers Kupferstich wird oft fälschlicherweise Die Versuchung des hl. Antonius genannt. Versuchungsszenen mit dem hl. Antonius zeigen jedoch Trugbilder, die der Teufel dem Eremiten vorspiegelt – sie sollen den Heiligen daran erinnern, welche weltlichen Freuden ihm wegen seiner asketischen Lebensweise entgehen. Die Überlieferung vom Leben des Antonius berichtet häufig von Ekstasen und Visionen, bei denen der Eremit Versuchungen und Peinigungen durch Teufel ausgesetzt war. Eine solch drastische Darstellung dieser Berichte, wie Schongauer sie zeigt, war in der Kunst allerdings eine Neuheit – sie machte auf seine Zeitgenossen großen Eindruck. Auch Albrecht Dürer ließ sich 1498 in seinen Holzschnitten zur Apokalypse und 1513 in seinem berühmten Kupferstich Ritter, Tod und Teufel von Schongauers Einfällen inspirieren.
Albrecht Dürer: Ritter, Tod und Teufel (1513); Kupferstich
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Schongauers Schreckgespenster sind aus unterschiedlichen tierischen Elementen phantastisch zusammengesetzt, bei denen ins Groteske gesteigerte echsen-, fisch- und vogelartige sowie amphibische Formen vorherrschen; aber auch ein Elefantenrüssel oder der Oberkörper eines zottigen wilden Tieres kommen vor. Mit Ausnahme des Wesens links außen sind ihre Gesichter fratzenhaft verzerrt und ihre Mäuler bedrohlich aufgerissen. Die Dämonen sind über, hinter, neben und unter Antonius angeordnet, allerdings nicht gleichmäßig: Im Bereich seines Kopfes agieren allein fünf, drei zerren links unten an ihm, und nur einer stemmt sich rechts gegen das Bein des Heiligen. Dennoch erhält die Gruppe durch die Schweife, Flügel und Keulen der Spukgestalten einen geschlossenen, ungefähr elliptischen Umriss. Rechts unten erscheinen unwirtliche Felsen, die den irdischen Bereich anzeigen, über den sich Antonius und die Dämonen erhoben haben. Zentrum der Komposition ist das bärtige Haupt des duldenden Eremiten, auf das die lange, helle Bahn des Skapuliers den Blick lenkt.
Die Figuren sind nah an den vorderen Bildrand gerückt; kontrastreich setzen sich die dunklen Gestalten gegen den hellen Hintergrund ab. Stacheln, Federn, Fell und dergleichen sind virtuos realistisch wiedergegeben – ohne Zweifel ist diese Genauigkeit von der altniederländischen Malerei übernommen, mit der sich Schongauer während seiner Wanderjahre intensiv auseinandergesetzt hatte. Sicherlich beruht die Darstellung einzelner Glieder und Körperteile auf eigenen Naturstudien, aber ihre Zusammensetzung zu solch bizarren Plagegeistern war Schongauers originale Erfindung.
Zum einen steht Antonius in Schongauers Darstellung beispielhaft für das demütige Erdulden von Anfechtungen. Zum anderen ist sein Kupferstich theologisch vor allem mit einer Stelle aus dem Epheserbrief des Paulus in Verbindung zu bringen: „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Epheser 6,12).

Literaturhinweise
Tilman Falk/Thomas Hirthe: Martin Schongauer. Das Kupferstichwerk. Staatliche Graphische Sammlung, München 1991;
Stephan Kemperdick: Martin Schongauer. Eine Monographie. Michael Imhof Verlag, Petersburg 2004.