Mittwoch, 21. Dezember 2016

Der gemarterte Christkönig – das Bockhorster Triumphkreuz in Münster


Bockhorster Triumphkreuz (um 1200); Münster; LWL-Museum für Kunst und Kultur
Das Bockhorster Triumphkreuz ist nicht nur wegen seiner Höhe von 3,45 Meter das herausragende mittelalterliche Kunstwerk im Münsteraner Landesmuseum (LWL). Bis 1894 befand es sich auf dem Dachboden der kleinen evangelischen Dorfkirche von Bockhorst. Es ist aber kaum anzunehmen, dass es auch für dieses Gotteshaus angefertigt wurde; sehr wahrscheinlich war es in einer größeren Kirche an der Schnittstelle zwischen Chor- und Laienbereich angebracht, vermutlich auf einem sogenannten Triumphbalken.
Das Kreuz gehörte schon seit der Museumseröffnung 1908 zu den Schmuckstücken der Dauerausstellung. In dem 2014 eröffneten Neubau ist es nun im ersten Raum der Schausammlung zu sehen, der mit über acht Metern zwei Stockwerke umfasst. Damit wird das Bockhorster Triumphkreuz in einer Höhe präsentiert, die wohl seinem früheren Aufstellungsort entspricht.
In der Romanik war die Darstellung des gekreuzigten Christus geprägt vom Bild des Weltenherrschers, der über den Tod triumphiert und am Ende der Zeiten zum Jüngsten Gericht wiederkehrt. Das Bockhorster Monumentalkreuz, um 1200 entstanden, zeigt aber nicht nur den siegreichen „König aller Könige“ (1. Timotheus 6,15), sondern gleichzeitig auch den leidenden, sterbenden Menschen Jesus, der das Christusbild der Gotik bestimmen wird. „Die Expressivität der Leidenszüge ist ohne Parallele bei anderen zeitgleichen Beispielen, wo noch die starre, frontale Auffassung des Christkönigs mit geöffneten Augen dominiert“ (Beer 2005, S. 517).
Dieser König stirbt vor unseren Augen
Christus hängt schwer und frontal mit bogenförmig nach oben geführten Armen am Kreuz. Sowohl die Hände als auch die lang ausgestreckten, parallelen Füße sind von Nägeln durchbohrt. Der Kopf des Gekreuzigten, kaum merklich nach rechts gewendet, beugt sich weit nach vorne; er sitzt auf einem kräftigen Hals und ist tief zwischen die Schultern gesunken. Das längliche, ovale Gesicht wird von einem Kinn- und Backenbart gerahmt. Die Augen mit den betont schweren Lidern sind halb geschlossen. Die großen, flach und ornamenthaft gearbeiteten Ohren sitzen sehr hoch am Kopf an. Der geöffnete Mund mit den erkennbaren Zähnen und den stark herabgezogenen Mundwinkeln macht eindrucksvoll das Leiden Christi sichtbar. Die Stirn wird von einem mittig gescheitelten Haarkranz unter einer hohen Palmettenkrone umfasst; ansonsten fallen die Haare in dicken, langen Strähnen bis auf die Schultern.
An dem großen, massigen, geraden Oberkörper sind die ornamentalen, kurvig eingeschnitzten Rippenbögen ebenso wie der Bauchnabel und die kleine, eingeschnittene Seitenwunde deutlich zu erkennen. Das Lendentuch hängt tief auf den Hüften und wird von einem Gürtel gehalten. Über den Knien ist der flache, eng anliegende Saum leicht zur Mitte hochgezogen, wodurch das rechte Knie ganz, das linke halb frei liegt. Die langgliedrigen Beine sind wie die Füße weitgehend parallel geführt. An den Armen zeichnen sich Adern- und Muskelstränge ab, „die in ihrer groben Modellierung wenig naturalistisch, sondern wie aufgelegt wirken“ (Beer 2013, S. 517).
Das Bockhorster Triumphkreuz hängt jetzt wieder so hoch wie ursprünglich –
wir blicken also zu ihm auf
Leib, Kopf, Beine und linker Arm sind aus einem einzigen Stück gearbeitet (für den Arm wurde ein aus dem Stamm wachsender Ast verwendet), die Krone ist angesetzt. Mit Holznägeln angeheftet wurden die beiden seitlichen Gesichtsteile mit den Ohren. Wieder angestückt ist der ab- bzw. ausgebrochene rechte Arm. Er besteht aus zwei Teilen, die im Bereich des Oberarms zusammengefügt sind. Die Figur ist fast vollständig erhalten, es fehlen lediglich ein Teil des Kronenblatts und der Daumen der linken Hand. Von den beiden auf der rechten Seite eingeschnittenene Seitenwunden ist die kleinere, mehr zur rechten Seite verschobene die originale, die vordere größere eine spätere Zutat. Sie wurde wohl zu einer Zeit, die mehr die Passion Christi betonen wollte, hinzugefügt. Im Scheitel des Christuskopfes befindet sich eine Öffnung zur Aufbewahrung von Reliquien, die mit einer Eisenplatte verschlossen ist.
Zum romanischen Typus des hoheitsvollen, gekrönten Christus gehören vielfach auch die vier Evangelistensymbole (Matthäus = Engel Markus = Löwe, Lukas = Stier und Johannes = Adler). Hier sind sie in Rundscheibenreliefs an den Enden des Kreuzes angebracht. Bis auf die später ersetzte Matthäus-Scheibe gehören sie zur ursprünglichen Ausstattung. Dübellöcher und Nagelspuren hinter dem Kopf lassen vermuten, dass früher einmal ein kreisförmiger Heiligenschein das Haupt Jesu umgab. Es fehlt allerdings das bei vielen Triumphkreuzen obilgatorische Suppedaneum (siehe meinen Post „Rex triumphans“), eine Fußstütze, die majestätische, aufrechte Stehen des Christkönigs ermöglicht.
Die Sohlen der parallel angenagelten Füße liegen fast auf dem Kreuzstamm auf
Das Bockhorster Triumphkreuz war früher vollständig bemalt, wie man an Farbresten feststellen konnte: die Kreuzbalken grün mit rotbraunen Rändern, der Körper fleischfarben, wobei die Wunden Jesu rot hervorgehoben wurden, die Krone golden, das Haar schwarz. Das grüne Kreuzholz verweist symbolisch auf den Baum des Lebens, also den Baum des Paradieses, der Unsterblichkeit verhieß (1. Mose 2,9). Er stand im Paradies neben dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, dessen Früchte Adam und Eva verboten waren. In mittelalterlichen Vorstellungen verschmilzt der Lebensbaum mit dem Kreuz Christi: Kamen mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares Tod und Erbsünde in die Welt, so wird das Kreuz durch den auferstandenen Heiland zum neuen Baum des Lebens und der Erlösung des Menschengeschlechts. Gleichzeitig weist der Baum aber auch auf die Wiederkunft Christi hin, weil er in der endzeitlichen Paradiesvision der Johannes-Offenbarung erwähnt wird (Offenbarung 22,12-14).

Literaturhinweise
Manuela Beer: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, S. 515-519;
Klaus Kösters: 100 Meisterwerke westfälischer Kunst. Aschendorff Verlag, Münster 2010, S. 30-31.

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