Dienstag, 20. März 2018

Auftakt zur Großen Passion – Albrecht Dürers „Abendmahl“-Holzschnitt von 1510


Albrecht Dürer: Abendmahl (1510); Holzschnitt (für die Großansicht anklicken)
Zwischen 1496 und 1500 schuf Albrecht Dürer (1471–1528) eine Gruppe von sieben Holzschnitten mit Passionsszenen, die als Einzeldrucke verkauft wurden: Christus am Ölberg, Die Geißelung Christi, Die Schaustellung Christi, Die Kreuztragung, Christus am Kreuz, Die Beweinung Christi und die Grablegung Christi. Abgesehen von der Ölberg-Szene, handelt es sich um dichte und figurenreiche Kompositionen, die alle den angstvoll-duldenden, misshandelten Jesus thematisieren, der ohne Nimbus, schmalgliedrig und leidend gezeigt wird. Diese Blätter ergänzte Dürer 1510 um die Darstellungen von Abendmahl, Gefangennahme Christi, Christus in der Vorhölle und Auferstehung. Mit einem Titelblatt und einem lateinischen Text versehen, wurden die Holzschnitte 1511 als Buch veröffentlicht.
Die heute Große Passion genannte Folge beginnt mit der Wiedergabe des Abendmahls, bei dem Christus, die zwölf Apostel und der Wirt um eine Tafel versammelt sind. In der Mittel des Tisches ist die Schüssel mit den Resten des Passah-Lammes zu sehen und ringsherum eine nicht eben große Zahl scheibenförmiger Teller, außerdem ein Becher, ein Gefäß für Gewürze sowie Messer und Brote. Im Vordergrund stehen ein Krug und ein weiterer Becher auf dem Boden. Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, ruht an der Brust seines Herrn. Jesus hat Johannes mit dem rechten Arm bergend umfasst und gleichzeitig in einem Redegestus die linke Hand bis zur Schulter erhoben. Nichts lässt darauf schließen, dass der Holzschnitt die Einsetzung des Abendmahls vor Augen rückt oder auch nur nachdrücklich in Erinnerung ruft.
Ohne Zweifel haben wir es mit der – allerdings zurückhaltend erzählten – Ankündigung des Verrats durch Judas zu tun. Denn es es wird nicht geschildert, wie Christus mit Judas die Hand bzw. das Brot in die Schüssel taucht (Markus 14,20; Matthäus 26,23). Auf die Verratsankündigung verweisen vielmehr das Motiv des ruhenden Johannes (Johannes 12,23-25) und die Reaktionen der Jünger auf der Worte Christi, dass der Verräter mitten unter ihnen sitze. Sie besprechen in einzelnen Zweier- und Dreiergruppen das eben Gehörte, oder sie blicken betend bzw. betrübt mit besorgt verschränkten Händen auf Christus.
Im Zentrum von Dürers achsensymmetrischer Komposition erscheinen Christus und Johannes. Links und rechts von ihnen sind jeweils fünf Jünger platziert, von denen bis auf wenige Füße nur die Oberkörper zu sehen sind. Auch die beiden Einzelfiguren im Vordergrund, der eine stehend, der andere sitzend, dienen der Symmetrie, da sich ihre Köpfe auf gleicher Höhe befinden. Die leere obere Bildhälfte mit ihrem schlichten Kreuzgratgewölbe kontrastiert mit der Unruhe der Jünger im unteren Teil des Holzschnitts. Diese Trennung in zwei Bildzonen hat Dürer bereits ausgeprägt in seiner Apokalypse angewendet (siehe meinen Post Kunstvoller Weltuntergang“). Nach vorne abgeschlossen wird die Darstellung durch einen Segmentbogen. 
Albrecht Dürer: Die Eröffnung des fünften und des sechsten Siegels (1497/98);
Holzschnitt (für die Großansicht anklicken)
Textgerecht zeigt das Rundfenster in der Rückwand nächtliches Dunkel (Johannes 13,30); der Okulus markiert zusammen mit dem ein wenig nach rechts verschobenen Gewölbescheitel die Zentralachse, die sich mit der Lamm-Schüssel und der auffallenden vertikalen Tischtuchfalte nach unten fortsetzt. Sie rahmen und betonen das Hauptmotiv des Holzschnitts: die Christus-Johannes-Gruppe. Hinzu kommt der Strahlennimbus Jesu, der im Kontrast zu den mehr oder minder verschatteten Wänden des Raumes hell aufleuchtet. Die vom Haupt Christi ausgehenden Strahlen setzen sich sogar über die gesamte Rückwand fort. Für Christus gilt hier noch der mittelalterliche „Bedeutungsmaßstab“, der ihn von den benachbarten Figuren abhebt: Stehend würde er die Jünger überragen.
Christus ist halb schräg von rechts zu sehen, das linke Bein erhöht; Johannes ist halb schräg von links gezeigt; entsprechend gehört unter dem Tisch der Fuß rechts der mittigen Stütze zu Christus, derjenige links des Pfostens zu Johannes. „Beide sitzen im rechten Winkel zueinander, der Rücken des Johannes gegen die Seite Christi gewendet“ (Kuhn 1997, S. 768). Johannes hat die linke Hand auf den Tisch gelegt und umfasst mit der rechten Hand den Ringfinger der linken. Sein Kopf ist ihm auf die linke, hochgezogene Schulter gesunken: „Sein Blick geht traurig sinnend nieder über Christi Arm gegen das Lamm, das geschlachet worden und verzehrt ist (...) Und, wie ein Vater den traurigen Sohn, hat Christus Johannes an sich gezogen, an seine Brust, gegen sein Herz und ihn in seinem Arm, unter seiner Achsel geborgen, mit seiner Hand ihn um den Oberarm fest haltend“ (Kuhn 1997, S. 768). Vorbild für die innige Zweiergruppe sind ohne Frage die spätmittelalterlichen Plastiken der „Jesusminne“ (siehe meinen Post „Jesusminne“). Das Gerippe des Passah-Lamms wird in diesem Zusammenhang zum Symbol für den Opfertod und das Erlösungswerk Christi: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“, ruft Johannes der Täufer aus, als er Jesus am Jordan erblickt (Johannes 1,29).
Christus-Johannes-Gruppe (um 1330/40); Frankfurt a.M., Liebieghaus
Rechts vorne „zielt“ die von hinten gezeigte Ganzfigur des Judas – analog dem Dürer-Monogramm am unteren Bildrand – mit der Schräge von Rumpf, Kopf und linker Hand geradezu auf Christus, ja sogar das vor seiner geöffneten Hand auf dem Tisch liegende Messer weist mit der Spitze direkt auf den Meister. Judas, erkennbar an seinem Geldbeutel, hat sich auf seinem Hocker weit vorgebeugt und den Kopf nach rechts gewendet. Dass der Verräter allein vor der Tafel der Jünger sitzt, wird in der Bildtradition des Abendmahls häufig gezeigt. Den Geldbeutel versucht er mit der rechten Hand unter seinem Schulterüberwurf vor den anderen zu verbergen (wir als Betrachter sehen ihn dennoch). Auf der linken Seite hat Dürer als Kontrast ebenfalls ganzfigurig eine imposante bärtige Gestalt platziert: Von der Tischrunde abgewandt und daher von vorne zu sehen, beugt auch er sich vor, um konzentriert und in großer Ruhe aus einem Zinnkrug Wein in einen Becher zu gießen. Es dürfte sich gleichfalls um einen Jünger handeln, denn mit dem Schankwirt, der im Matthäus-Evangelium erwähnt wird (Matthäus 26,18) ist am ehesten der neugierig blickende, angeschnittene Profilkopf links am Blattrand gemeint.
Andrea del Castagno: Abendmahl/rechte Seite (1447); Florenz, Sant’Apollonia (für die Großansicht anklicken)
Außer Johannes und Judas scheint mir nur ein weiterer Jünger eindeutig identifizierbar: Bei der mittleren Figur in der rechten Fünfergruppe dürfte es sich um Petrus handeln. Er ist auf der Sitzbank vor- und an den Tisch herangerückt, hat den rechten Arm auf den Rand, die Hand über die Kante des Tisches gelegt und darüber seine linke Hand aufgestützt, in der er ein Messer hält, den Daumen am Heft. Ihm geht sozusagen „das Messer auf“ – Petrus ist angesichts der Verratsankündigung zum Handeln bereit, und er wird es später auch sein, der bei der Gefangennahme Christi dem Knecht Malchus mit dem Schwert ein Ohr abschlägt (Lukas 22,49-51). Zu ihm hin hat auch Judas den Kopf gewendet – er erkennt die Bedrohung, die von der Entschlossenheit des Petrus ausgeht. Der Jünger rechts neben Petrus hat dagegen betend die Hände gefaltet. Gebet und aufgestelltes Messer hat bereits Andrea del Castagno in seinem Abendmahlsfresko von 1447 in Sant’Apollonia (Florenz) nebeneinander gesetzt, ebenfalls in der rechten Hälfte der Komposition.

Literaturhinweise
Karl Arndt/Bernd Moeller: Albrecht Dürer im Spannungsfeld der frühen Reformation. Seine Darstellungen des Abendmahls Christi von 1523. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005;
Anke Fröhlich: Das letzte Abendmahl, 1510. In: Albrecht Dürer, Das druckgraphische Werk. Band II: Holzschnitte. Prestel Verlag, München 2002, S. 183-185;
Ulrich Kuder/Dirk Luckow (Hrsg.): Des Menschen Gemüt ist wandelbar. Druckgrafik der Dürerzeit. Kunsthalle zu Kiel, Kiel 2004, S. 210;
Rudolf Kuhn: Dürers Abendmahl von 1510 (aus der großen Holzschnittpassion). In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 60 (1997), S. 763-774;
Schröder, Klaus Albrecht / Sternath, Maria Luise (Hrsg.): Albrecht Dürer. Zur Ausstellung in der Albertina Wien. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2003, S. 304-311. 

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