Montag, 5. März 2018

Christus in Westfalen – das Cappenberger Kruzifix (um 1200)


Cappenberger Kruzifix (um 1200), ehem. Stiftskirche des Klosters Cappenberg, Selm
Bei der ehemaligen Stiftskirche des Klosters Cappenberg (Kreis Unna in Nordrhein-Westfalen) handelt es sich kunsthistorisch gesehen um eine romanische Querhausbasilika mit Chorquadrat und gotischer Apsis. Das Bauwerk ist neben der Stiftskirche in Freckenhorst das einzige große, in wesentlichen Teilen unverändert erhaltene romanische Kirchengebäude vor der Mitte des 12. Jahrhunderts in Westfalen. Bedeutsam ist die frühere Klosterkirche aber vor allem durch das Kruzifix, das hier im westlichen Vierungsbogen aufgehängt wurde: Der Cappenberger Christus gilt als eines der herausragendsten Bildwerke der Zeit um 1200.
Der Cappenberger Christus ist vollrund ausgearbeitet und allansichtig angelegt
Der 126 cm hohe und damit deutlich unterlebensgroße Gekreuzigte hängt fast gerade am Kreuz. Sein Leib wirkt entspannt und zeigt – abgesehen von der Seitenwunde – keinerlei Leidensspuren. „Wie enthoben aus der physischen Qual der Kreuzigung und aus menschlicher Verleztlichkeit geht von dem Gekreuzigten eine sanfte Ruhe aus“ (Endemann 2000, S. 11). Die nebeneinander gestellten Beine standen ursprünglich auf einem (heute verlorenen) Suppedaneum. Dennoch entspricht das Kruzifix nicht dem im 12. Jahrhundert vorherrschenden Typus des siegreichen Überwinders mit Königskrone (siehe meinen Post „Rex triumphans“). Denn das durchgehend ausgearbeitete Haar deutet darauf hin, dass der Cappenberger Christus – zumindest ursprünglich – wahrscheinlich weder eine permanent angebrachte Königs- noch eine Dornenkrone besaß. Erscheint die Figur in der Frontalansicht ruhig und ausgewogen, so ergibt sich von der Seite ein anderes Bild: Mit den Schulterblättern noch auf dem Kreuzstamm aufliegend, löst sich der Körper vom Holz und schiebt sich nach vorn in den Raum. Die Knie des Gekreuzigte knicken wieder ein, sodass die Fersen schließlich abermals den Kreuzbalken berühren.
Ernst und in sich gekehrt, aber ohne Leidensspuren
Das Haupt Christi ist stark nach vorne gesunken und, wie bei den meisten mittelalterlichen Kruzifixen, nach rechts geneigt. Vom Schnitzer anatomisch korrekt wiedergegeben, entstehen durch diese Neigung am Hals Hautfalten. Die nur halb geöffneten Augen klären nicht, ob der Tod unmittelbar bevorsteht oder bereits eingetreten ist. Die auffälligen Augenbrauen sind zusammengezogen, sodass sich in der Mitte der Stirn Falten bilden, „was dem Gesicht einen strengen und durch den geschlossenen Mund sowie durch den nach unten gerichteten Blick einen in sich gekehrten Charakter verleiht“ (Lutz 2015, S. 157). Unter den Augen legen tiefe Ringe. Das in der Mitte gescheitelte Haar fällt in breiten, spitz zulaufenden Bahnen in die Stirn und ist durch feine Rillen gegliedert; an den Seiten ziehen sich die Strähnen zunächst nach hinten, sodass die Ohren sie halb bedecken, und fallen dann herab bis auf die Schulter. Kunstvoll schlängelt sich auf jeder Seite eine Haarsträhne, die sich durch ihren fast kreisrunden Durchmesser besonders abhebt, bis über die Schulter hinab. Auch der Bart besteht aus einzelnen, zungenförmigen Bahnen, die sich am Ende spiralig einrollen. Der breite Oberlippenbart ist abgearbeitet. „Insgesamt ist das Gesicht Christi durch ein Nebeneinander genau beobachteter Körperdetails und stilisierter Formen gekennzeichnet“ (Lutz 2004, S. 62).
Das Lendentuch ist mit Auferstehungssymbolen besetzt
Das originale, gelblich getönte Inkarnat ist von emailhafter Glätte und trägt wesentlich zum lebensnahen Aussehen der Figur bei. Die Wangen werden durch eine leichte Rötung betont, unter der Seitenwunde befinden sich rote Blutbahnen. Die Lippen sind hellrot, Haupt- und Barthaar sowie Augenbrauen dunkelbraun, Augenlider und Pupille schwarz eingezeichnet. Das mit Hilfe eines Stoffgürtels befestigte Lendentuch ist eng um den Körper geschlungen, sodass sich dessen Formen deutlich abzeichnen. Der kunstvoll gearbeitete Hüftknoten besteht aus zwei zierlichen, spiralförmig in sich gedrehten Stoffbahnen. Auf der dem Knoten entgegengesetzten Seite ist das Lendentuch hochgerafft. Von dort haben sämtliche größeren Faltenbahnen ihren Ausgangspunkt, die sich als am Körper anliegende Schlaufen diagonal über den linken Oberschenkel bis auf die ebenso sorgfältig ausgearbeitete Rückseite ziehen. Der Stoff des Tuches ist mit zahlreichen goldenen Ornamenten auf blauem Grund verziert. Neben zahlreichen Blumen- und Palmettenmustern sind unter anderem Adler und Löwen identifizierbar. Der Adler kann als Symbol für die Auferstehung wie für die Himmelfahrt Christi verstanden werden, und auch Löwendarstellungen wurden im Mittelalter auf die Auferstehung bezogen.
In ganz Westfalen gibt es kein anderes Kreuz, das als direktes Vergleichsbeispiel oder gar Vorbild für den Cappenberger Christus herangezogen werden könnte. Sein Schnitzer hat eine vollrund ausgearbeitete, nahezu allansichtige Figur geschaffen – vielleicht um sie bei Prozessionen mitzuführen. Dafür spricht auch, dass man als Material für das Kruzifix das besonders leichte Pappelholz gewählt hat. Die Arme des Cappenberger Christus sind nicht original; sie wurden mehrmals ersetzt, 1977 erhielten sie schließlich ihre heutige, fast waagrecht ausgestreckte Form. Auch die Füße wurden 1977 in großen Teilen erneuert, ebenso ist das Kreuz aus alten Fragmenten und neuen Teilen rekonstruiert worden. Im Rücken des massiven Corpus befinden sich drei Öffnungen, die wahrscheinlich – wie so oft bei mittelalterlichen Skulpturen – zur Aufbewahrung von Reliquien dienten.

Literaturhinweise
Manuela Beer: Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, S. 541-546;
Klaus Endemann: Spurensicherung. Voraussetzung und notwendige Ergänzung kunstwissenschaftlicher Analysen. Zum Kruzifixus des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters in Cappenberg. In: Anna Moraht-Fromm/Gerhard Weilandt (Hrsg.), Unter der Lupe. Neue Forschungen zu Skulptur und Malerei des Hoch- und Spätmittelalters. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2000, S. 11-38;
Gerhard Lutz: Das Bild des Gekreuzigten im Wandel. Die sächsischen und westfälischen Kruzifixe der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004, S. 60-75;
Gerhard Lutz: Das Cappenberger Kruzifix. Form – Funktion – Kontext. In:
Kristin Marek/Martin Schulz (Hrsg.), Kanon Kunstgeschichte I. Einführung in Werke, Methoden und Epochen. Mittelalter. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2015, S. 152-173.

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