Samstag, 14. November 2020

Sind so große Augen ... Hermann Scherers Holzskulptur „Das kleine Mädchen“

Hermann Scherer: Das kleine Mädchen (1924/25); Kaiserslautern,
Museum Pfalzgalerie (für die Großansicht einfach anklicken)
Hermann Scherer (1893–1927) zählt neben Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck und Ernst Ludwig Kirchner zu den bedeutendsten Bildhauern des deutschen Expressionismus. Scherers plastisches Werk, entstanden vor allem zwischen 1924 und 1926, kreist vor allem um zwei Motive: das Liebespaar und die Mutter mit ihrem Kind. Die Holzskulptur Das kleine Mädchen von 1924/25 zeigt exemplarisch das gefühlsbetonte zwischenmenschliche Beziehungen Scherers bevorzugtes Thema sind. Die 76 Zentimeter hohe Figurengruppe gehört zu den rund 20 Holzplastiken, die Scherer in der kurzen Schaffensphase vor seinem frühen Tod 1927 geschaffen hat. Sie ist wie seine anderen Skulpturen „taille direct“ gearbeitet, also ohne künstlerische Vorlage direkt aus dem Holzstamm.

Ein kleines Mädchen wird von einer hockenden Frau mit den Armen schützend umfangen. Auffallend sind die weit aufgerissenen Augen des Mädchens, die sich direkt auf den Betrachter richten und deren Eindringlichkeit man sich kaum entziehen kann. Die unverhältnismäßige Größe der Köpfe, die kompakten Formen und die Wirkung des natürlich belassenen Materials Holz verleihen der Zweiergruppe große Ausdruckskraft. Beide Figuren sind nackt; wie alle Skulpturen Scherers: Der nackte Körper wird bei ihm Inbegriff menschlicher Schutzlosigkeit. Überzeugend gelingt es dem Bildhauer mit seinen aus Arvenholz geschnitzten Gestalten, Angst und Bedrängnis als existenzielle Grunderfahrung und zugleich die Sehnsucht nach Fürsorge und Geborgenheit darzustellen.

Hermann Scherer: Bleistift-Skizze zu einer Holzskulptur
mit drei Figuren (1924), Privatsammlung
Das kleine Mädchen war ursprünglich nicht als Mutter-Kind-Gruppe geplant. In einer frühen Skizze ist das Kind von Mutter und Vater umgeben. Scherer scheint jedoch in diesem Stadium die Idee, ein Familienbild zu gestalten, verworfen zu haben. Der aufrecht hinter dem Kind stehende Vater ist durchgestrichen. 1925 nahm Scherer die Disposition, die er in der ersten Skizze zum Kleinen Mädchen festgehalten hatte, als Ausgangspunkt für ein weiteres Figurenpaar. An die Stelle des Vaters ist in der Gruppe Mädchen und Frau die Gestalt der Mutter getreten. Mit beiden Händen hält sie die vor ihr stehende Tochter fest, die sich durch eine leichte Berührung ihrerseits der Präsenz der Mutter vergewissert.

Hermann Scherer: Mädchen und Frau (1925);
Winterthur, Kunstmuseum
Prägend für die künstlerische Entwicklung Scherers war die Begegnung mit Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938). Seit 1917 lebte der deutsche Maler, Grafiker und Bildhauer in der Schweiz. 1923 war der Expressionist in der Basler Kunsthalle zum ersten Mal in einer Schweizer Ausstellung mit seinen Werken vertreten. Auf die junge lokale Künstlergeneration wirkte Kirchner wie eine Offenbarung – vor allem auf den aus dem Südbadischen stammenden Scherer, der sich in Basel sein Geld mit der Ausführung von Bauplastiken verdiente.

Kirchner und Scherer fanden Gefallen aneinander; Kirchner lud ihn in sein Atelierhaus nach Frauenkirch (bei Davos) ein, Scherer besuchte ihn mehrmals für längere Zeit, begann dort zu zeichnen, Holzschnitte und erste Holzplastiken anzufertigen. Der junge Mann entfaltete eine erstaunliche Schaffenskraft: In etwas mehr als einem Jahr entstanden sechzehn Skulpturen. Zusammen mit Albert Müller und Paul Camenisch gründete Scherer Ende 1924 nach dem Vorbild der Dresdener „Brücke“ dann die Gruppe „Rot-Blau“. Im April 1925 konnte die Vereinigung (in die als vierter und letzter Künstler noch Werner Neuhaus aufgenommen wurde) in der Kunsthalle Basel erstmals ihre Werke präsentieren. Dabei hinterließen vor allem Scherers Holzkulpturen beim Publikum einen starken Eindruck.

Das bekam der Gemeinschaft offensichtlich nicht gut. Noch vor Ausstellungsende gab Müller seinen Austritt aus der Gruppe bekannt – er sah sich benachteiligt, weil Scherer in der Kunsthalle mit einer größeren Zahl an Werken vertreten war. In der Folge zerbrach die zehnjährige Freundschaft zwischen Müller und Scherer. Auch Kirchner beklagte sich über seinen Basler Schüler: Scherer kopiere ihn sklavisch. Der deutsche Künstler fürchtete offensichtlich, dass das Werk der „Rot-Blau“-Gruppe bekannt wird, ohne dass man ihn als inspirierende Quelle würdigt. „Rot-Blau“ bestand jedoch nur wenige Jahre – nicht nur Müller starb im Dezember 1926 unerwartet früh mit 29 Jahren durch Typhus, sondern wenige Monate darauf auch Scherer am 13. Mai 1927 an einer Infektion.

 

Literaturhinweis

Schwander, Martin: Hermann Scherer. Die Holzskulpturen 1924–1926. Wiese Verlag, Basel/Stuttgart 1988, S. 68-75.


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