Rembrandt: Abraham bewirtet die drei Engel (1656); Radierung (für die Großansicht einfach anklicken) |
Im 1. Buch Mose (Kapitel 18,1-15) erzählt das Alte Testament, dass der greise Abraham eines Tages Besuch von drei Fremden erhält: Es ist Gott selbst in Begleitung zweier Engel. Abraham fordert sie auf zu verweilen, lässt ein Kalb schlachten und bewirtet sie unter einem Baum. Diese „drei Männer“ (1. Mose 18,2) wurden seit den Kirchenvätern immer wieder als typologischer Hinweis auf die Dreieinigkeit Gottes gedeutet, da einmal von drei, dann von einem Gast gesprochen wird.
Auf einer Radierung aus dem Jahr 1656 hat Rembrandt (1606–1669) das Geschehen vor einen am linken Bildrand angeschnittenen Hauseingang verlegt, hinter dessen halb geöffneter Tür sich Abrahams Ehefrau Sara verbirgt. Die drei Gäste haben sich davor niedergelassen, während der rechts etwas niedriger stehende Abraham sich beeilt, den drei Männern aufzuwarten: Die Dreiergruppe zu einem Halbkreis ergänzend, scheint gerade mit einer Kanne aus einem Vorratskeller aufzusteigen; demütig nähert sich der betagte und gebeugte Greis seinem ältesten Gast, um ihm das Trinkgefäß zu füllen. Eine Schale mit Fladenbroten hat er schon bereitgestellt.Rembrandt hat die Szene in leichter Untersicht gestaltet; der Betrachter befindet sich oberhalb Abrahams, aber unterhalb von Gottvater. Abweichend von der Bildtradition, sind nur die beiden Begleiter durch ihre Flügel als Engel gekennzeichnet, während Gottvater als greiser Patriarch mit langem Bart und exotischer Kopfbedeckung erscheint, zusätzlich hervorgehoben durch Lichtführung und Figurenmaßstab. Die Fremden haben bereits mit dem Mahl begonnen, in dessen Verlauf sie Abraham und der nicht minder betagten, bis dahin unfruchtbaren Sara einen Sohn voraussagen. Diesen Moment der Prophezeiung stellt Rembrandt dar: Gottvater weist mit der linken Hand in Abrahams Richtung, offenbar spricht er ihn an. Sara steht hinter der Tür und lacht, wie die Bibel berichtet, ungläubig über diese Aussicht, wofür sie von Gott getadelt wird. Tatsächlich wird sie mit Isaak schwanger.
Abraham hatte zuvor mit seiner Magd Hagar – auf den Rat seiner Frau hin – seinen ersten Sohn Ismael gezeugt (1. Mose 16); Rembrandt zeigt den Knaben in Rückenfigur, der ganz in seinem Spiel mit Pfeil und Bogen aufgeht. Er verkörpert den Zweifel an Gottes Verheißungen, denn dem Ehepaar war zuvor bereits zwei Mal eine große Nachkommenschaft angekündigt worden (1. Mose 15,5 und 17,4). Als sich Gottes Verheißung erfüllt und Sara ihren Sohn Isaak gebiert, wird Abraham auf Bitten der eifersüchtigen Sara Hagar und Ismael verstoßen (1. Mose 21,8-21).
Der bogenschießende Ismael deutet bei Rembrandt aber auch den Fortgang der Geschichte an, denn er wird sich nach der Verstoßung als sicherer Schütze beweisen (1. Mose 21,20). Auf der Radierung ist der Knabe im Begriff, sehr konzentriert einen Pfeil abzuschießen. Das ließe sich, so Jürgen Müller, auf die bevorstehende Empfängnis Saras beziehen: „Schon im nächsten Augenblick, sobald der Pfeil von der Sehne schnellt, wird auch Gottes Vorhersage eintreffen und das Abraham gegebene Versprechen Wirklichkeit“ (Müller 2017, S. 146). Um dies zu verdeutlichen, setzt Rembrandt Ismael ins Zentrum des Blattes – der Junge stellt damit den Schlüssel zum tieferen Verständnis der Radierung dar.
Rembrandt: Vier Orientalen unter einem Baum (um 1656); London, British Museum |
Raffael: Triumph der Galatea (1506); Rom, Villa Farnesina |
Rembrandt: Die Verstoßung der Hagar (1637); Radierung |
Literaturhinweise
Brinkmann, Bodo u.a. (Hrsg.): Rembrandts Orient. Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Prestel Verlag, München/ London/New York 2020, S. 308;
Müller, Jürgen: Abraham, die Engel bewirtend (1656). In: Jürgen Müller und Jan-David Mentzel (Hrsg.), Rembrandt. Von der Macht und Ohnmacht des Leibes. 100 Radierungen. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017, S. 146;
(zuletzt bearbeitet am 11. Februar 2025)