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| Jan Vermeer: Frau mit Waage (um 1664); Washington, D.C, National Gallery of Art ( für die Großansicht einfach anklicken) |
Die Frau mit der Waage des holländischen Malers Jan Vermeer (1632–1675) zeigt einen nah gesehenen Ausschnitt aus einem abgedunkelten Innenraum, in dem eine weibliche Figur völlig ruhig an einem Tisch steht und mit der Rechten eine Waage im Gleichgewicht hält, auf die ihre niedergeschlagenen Augen gerichtet sind. Auf dem Tisch liegen ein blauer Stoff, zwei Kästchen, Perlen- und Goldketten sowie Münzen. Links muss ein Fenster angenommen werden, durch den gelb-orangen Vorhang dringt Licht in den Raum. Der Frau gegenüber hängt ein Spiegel an der Wand, von dem lediglich der Rahmen und ein senkrechter Lichtstreifen sichtbar sind. Rechts an der Rückwand ist eine gerahmte Darstellung des Jüngsten Gerichts angebracht. Die Mitte des Gemäldes, wo traditionell der Erzengel Michael steht und die Seelen wägt, wird von der weiblichen Figur verdeckt. Ins Zentrum des Bildes hat Vermeer die Hand der Frau und ihre Waage gesetzt. Deren Schalen sind zwar leer, wie eine Untersuchung mittels Mikroskop zutage brachte – was aber wiederum mit bloßem Auge nicht mit Gewissheit zu erkennen ist. Prüft die Frau vielleicht einfach die Genauigkeit der Waage?
Die Frau hat den rechten Unterarm angehoben und hält die Aufhängung der Waage behutsam zwischen Zeigefinger und Daumen ihrer Hand. Dabei spreizt sie den kleinen Finger ab und verleiht ihrer Geste – zusammen mit dem Balken der Waage – so einen horizontalen Akzent. Anmutig ruht ihre Linke auf dem Tischrand. Vermeer lässt die Waage, die vollkommen im Gleichgewicht, aber nicht symmetrisch ist, frei vor der Wand hängen und hat sogar Platz für sie geschaffen, indem er den unteren Rand des Bilderrahmens vor der Frau etwas höher malte als hinter ihr. „Das Wechselspiel zwischen vertikalen und horizontalen Linien, Masse und Leere, Helligkeit und Dunkel sorgt für eine ausgeglichene, aber niemals statische Komposition“ (Wheelock Jr. 1995, S. 143). Vermeer ist es auf diese Weise gelungen, die Ausgewogenheit, die Balance der Waage Form werden zu lassen.
In der kunsthistorischen Forschung nimmt Vermeers Frau mit der Waage eine Schlüsselposition ein, da mit Blick gerade auf dieses Gemälde schon früh vermutet wurde, dass es sich bei niederländischen Bildern des 17. Jahrhunderts um mehr handelt als um einfache Schilderungen des holländischen Alltags. Der „Realismus“ der holländischen Genreszenen wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kaum hinterfragt. Zu den ersten Kunstwissenschaftler*innen, die hinter der bloßen Abbildung des holländischen Alltags allegorische Sinnschichten entdeckten, gehörte 1938 Herbert Rudolph, der in Vermeers Gemälde eine Vanitas-Symbolik erkannte. Zentrale Bedeutung maß er dabei dem im Hintergrund gezeigten Bild zu. Denn durch die Beziehung zwischen diesem und der gezeigten Szenerie werde der Betrachter zur Deutung des Gesehenen aufgefordert. Vermeer hätte somit durch das Bild im Bild das Wägen der Frau als ihr eigenes Gewogen-Werden am Tag des Jüngsten Gerichts dargestellt, eine moralisierende Mahnung also an den Betrachter.
Beinahe zahllose Interpretationen folgten. Angesichts einer Vielzahl unterschiedlicher Annäherungen an die Frau mit der Waage, stellte Victor I. Stoichita die Frage, ob das Gemälde nur hypothetische und unzulängliche Lektüren erlaube. Daniel Arasse betont, dass Vermeer die Handlung der jungen Frau durch das Bild im Bild zwar auf einen religiösen Kontext festlegt, „den er jedoch nicht näher definiert; sein Sinn ist so unbestreitbar wie ungewiß“ (Arasse 1993, S. 65). Ein Publikum, das mit den Regeln der Emblematik und ihrer Bilddeutung vertraut war, fand vermutlich gerade an solchen sinnoffeneren Kompositionen und den daraus resultierenden Deutungsmöglichkeiten gefallen. Entsprechend war es wahrscheinlich gewollt, dass die Bilder mehrdeutig schienen. Vermeers Gemälde bieten dem Betrachter ein breit gefächertes Spektrum möglicher Interpretationen an, aus dem jeder nach individuellen Vorkenntnissen oder je nach persönlicher Betroffenheit auswählen und die ihm naheliegendste bzw. überzeugendste auswählen mochte.
Nils Büttner bleibt jedoch dabei, dass Vermeers damaliges Publikum zweifelsohne die sinnbildlich-allegorischen Anspielungen als eindeutig erkannt und verstanden habe: Seiner Ansicht nach wurde die Waage selbstverständlich mit dem richtigen Abwägen im Leben ebenso wie mit dem späteren Gewogenwerden verknüpft, der Spiegel gleichermaßen mit falscher weltlicher Eitelkeit wie mit der notwendigen Selbsterkenntnis. „Alle im Bild gezeigten Dinge verwiesen so zugleich auf die transzendentalen Aspekte des irdischen Daseins und forderten den zeitgenössischen Betrachter auf, über die Vergänglichkeit nachzusinnen und im Leben nach Mäßigkeit und einem ausgeglichenen Urteil zu streben“ (Büttner 2010, S. 66).
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| Pieter de Hooch: Die Goldwägerin (um 1664); Berlin, Gemäldegalerie |
Vermeers Gemälde wurde oft mit Pieter de Hoochs (1629–1684) um 1664 entstandener Goldwägerin verglichen, weil beide Bilder in ihrer Anlage eine starke Ähnlichkeit aufweisen. Es sei kaum vorstellbar, so Arthur Wheelook Jr., dass die beiden Gemälde unabhängig voneinander gemalt wurden. Vermutlich hat Vermeer seine Komposition von de Hooch übernommen, denn Röntgenaufnahmen haben gezeigt, dass de Hoochs Bild ursprünglich auch die Figur eines Mannes enthielt. Es sei unwahrscheinlich, dass de Hooch eine männliche Figur gemalt und danach wieder entfernt hat, wenn er die Komposition von Vermeers Frau mit der Waage übernommen haben soll. De Hooch hatte die zweite Figur wahrscheinlich schon übermalt, bevor Vermeer das Bild sah.
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| Jan Vermeer: Briefleserin ion Blau (um 1663); Amsterdam, Rijksmuseum |
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| Jan Vermeer: Junge Dame mit Perlenhalsband (um 1664); Berlin, Gemäldegalerie |
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| Jan Vermeer: Dinestmagd mit Milchkrug (um 1660); Amsterdam Rijksmuseum |
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| Jan Vermeer: Junge Frau mit Wasserkanne am Fenster (um 1662); New York, MoMa |
Die Reduktion aller erzählerischen Momente auf ein Minimum an Geschehen, die Ausstrahlung innerer Ruhe sowie die Anmutung von stillstehender Zeit werden immer wieder als Merkmale von Vermeers Bildkunst hervorgehoben. Die Konzentration auf eine einzige weibliche Figur in einem nah gesehenen Innenraumausschnitt, die ganz versunken ist in eine einfache Tätigkeit, findet sich daher auch in verwandten Werken des Künstlers, die im gleichen Zeitraum wie die Frau mit Waage entstanden sind, so etwa Briefleserin in Blau, Junge Dame mit Perlenhalsband, Dienstmagd mit Milchkrug oder Junge Frau mit Wasserkanne am Fenster.
Literaturhinweise
Alpers, Svetlana: Describe or Narrate? A Problem in Realistic Representation. In: New Literary History 8 (1976), S. 15-41;
Arasse, Daniel: Vermeers Ambition. Verlag der Kunst, Basel/Dresden/Berlin 1996, S. 61-66;
Büttner, Nils: Vermeer. Verlag C.H. Beck, München 2010, S. 65-66;
Büttner, Nils: Jan Vermeer – »Die Frau mit der Waage«. In: Kristin Marek/Martin Schulz (Hrsg.), Kanon Kunstgeschichte II. Einführung in Werke, Methoden und Epochen. Neuzeit. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2015, S. 368-381
Cunnar, Eugene R.: The Viewer’s Share: Three Sectarian Readings of Vermeer’s Woman holding a Balance. In: Exemplaria 2 (1990), S. 501-536;
Gaskell, Ivan: Vermeer, judgment and truth. In: The Burlington Magazine 126 (1984), S. 557-561;
Greub, Thierry: Vermeer oder die Inszenierung der Imagination. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004, S. 106-115;
Hammer-Tugendhat, Daniela: Das Sichtbare und das Unsichtbare. Zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2009, S. 193-205;
Rudolph, Herbert: „Vanitas“. Die Bedeutung mittelalterlicher und humanistischer Bildinhalte in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. In: Festschrift für Wilhelm Pinder zum sechzigsten Geburtstage. Verlag E.A. Seemann, Leipzig 1938, S 405-433;
Salomon, Nanette: Vermeer and the Balance of Destiny. In: Anne-Marie Logan (Hrsg.), Essays in Northern European Art Presented to Egbert Haverkamp-Begemann on His Sixtieth Birthday. Davaco Publishers, Doornspijk 1983, S. 216-221;
Schütz, Karl: Vermeer. Das vollständige Werk. TASCHEN, Köln 2015, S. 81;
Stoichita, Victor I.: Das selbstbewußte Bild. Vom Ursprung der Metamalerei. Wilhelm Fink Verlag, München 1998, S. 181-190;
Wheelock Jr., Arthur K. (Hrsg.): Vermeer. Das Gesamtwerk. Belser Verlag, Stuttgart/Zürich 1995, S. 140-145;
Wyss, Beat: Trauer der Vollendung: Von der Ästhetik des Deutschen Idealismus zur Kulturkritik an der Moderne. Mathes und Seitz, München 1985, S. 94-101.





