Montag, 26. November 2012

Destroyed but not defeated – der „Faustkämpfer“ aus dem Thermenmuseum in Rom

Faustkämpfer, Bronzeskulptur des Hellenismus (3. Jh.v.Chr.), Rom,
Palazzo Massimo alle Terme, (für die Großansicht einfach anklicken)
Als im März 1885 in Rom die antike Bronzestatue eines Boxers ausgegraben wurde, war die Verblüffung groß: Der Faustkämpfer entsprach mit seinen realistischen Zügen, vor allem seinem verunstalteten Gesicht so ganz und gar nicht der „klassischen Schönheit“, die man von einer griechischen Skultptur erwartet hatte. Alles an diesem Mann widersprach der „edlen Einfalt und stillen Größe“, die man seit Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) an der Kunst der Griechen rühmte.
Der Mann sitzt vornübergebeugt mit gespreizten Beinen und stützt sich mit seinen Unterarmen auf den Schenkeln ab. Eben noch mag er vor sich hin gestarrt haben, jetzt aber dreht er den Kopf in einer ruckartig spontanen Bewegung zur Seite und blickt nach oben (seine gläsernen Augen sind verlorengegangen). Sieht er sich nach den schreienden Zuschauern um, oder hält er Ausschau nach dem soeben angekündigten nächsten Gegner? Denn bei den Griechen wurde nach dem K.o.-System gekämpft, und der Sieger hatte es sogleich mit dem Gewinner aus einer anderen Paarung aufzunehmen.
Hat ordentlich was abgekriegt: die zerschlagene Visage eines Kämpfers
Der bronzene Boxer ist weder besiegt noch am Ende seiner Kräfte angekommen; die Muskeln der Arme und Beine bleiben bezeichnenderweise auch in der Ruhehaltung gespannt. Offensichtlich hat er gerade einen besonders schweren Kampf hinter sich gebracht, denn sein Gesicht weist zahlreiche Wunden auf. Diese sind wie die Lippen, Brustwarzen und Riemen durch glänzende Kupfereinlagen hervorgehoben, so z. B. an den regelrecht zerschlagenen Ohren, auf den Wangen, den Schläfen und auf der Stirn. Zum Teil sind die kupfernen Inletts weiterer Wunden herausgefallen.
Zusätzlich zu diesen frischen rötlichen Verletzungen findet man Spuren von schweren Treffern, die von vorangegangen Kämpfen stammen könnten – so die gebrochene und deformierte Nase. Selbst auf den Lippen sieht man Wunden und Narben. Die Zähne waren, wie die Augen, eingesetzt; vermutlich wurden sie im Oberkiefer allerdings ausgeschlagen. Darauf deutet jedenfalls der vorstehende Unterkiefer hin. Der Mann atmet offensichtlich durch den Mund, wahrscheinlich weil seine Nase durch das geronnene Blut verstopft ist. Keine Frage: Wir haben es hier mit der überaus realistischen Wiedergabe eines Boxergesichts unmittelbar nach einem Kampf zu tun. Vergleicht man es mit den idealschönen Athletenköpfen des 5. und 4. Jahrhunderts v.Chr. (ich nenne hier als Beispiel den Diadumenos des Polyklet), dann kann man die Verblüffung der damaligen Archäologen nachvollziehen.
Polyklet: Diadumenos, römische Marmorkopie
Im Gegensatz zum Gesicht ist der Körper des Faustkämpfers völlig unverletzt. Die Blutstropfen auf dem rechten Unterarm und Oberschenkel stammen nicht von einer Wunde an den entsprechenden Stellen, sondern sind herabgetropft. Auch dies ist ein realistischer Zug der Skulptur, denn die damaligen Kampfregeln erlaubten nur Schläge auf den Kopf, nicht aber auf den Körper. Wir sehen einen vollkommen durchtrainierten Athletenleib mit ausgesprochen langen Beinen, ausladenden Schultern, einer breiten Brust, einem muskulösen Rücken, einem wuchtigen Nacken und dicken Hals und einem in den Proportionen kleinen Kopf. „Auch das an der Vorhaut aufgebundene Glied ist im übrigen ein realistisches Charakteristikum eines Athletenkörpers“ (Zanker 2005, S. 35).
Ein anderes Kaliber als heutige Boxhandschuhe: antike Faustriemen
Die Boxhandschuhe sind ebenfalls einer eingehenderen Betrachtung wert: Hände und Unterarme sind zunächst mit einem Handschuh aus Wolle oder nach innen gekehrtem Fell bedeckt, der von den Unterarmen bis zum zweiten Fingerglied reicht. Er sollte die Verschnürung des Schlagriemens sichern und sein Verrutschen verhindern. Der verstärkte Abschluss der Fingerhandschuhe ist mit eingelegten Kupferbändern hervorgehoben. Der kompakte „Schlagring“ selbst besteht „aus drei übereinander gelegten Streifen ungegerbten Leders mit scharfen Kanten (himas oxus), die durch schmale und weiche Querriemen zusammengehalten wurden“ (Zanker 2005, S. 37). Einmal eingeführt, blieben diese Faustriemen bis ans Ende der Antike in Gebrauch. Der himas oxus garantierte eine Härte der Schläge, die weit über die der heutigen Boxhandschuhe hinausging.
Trunkene Alte (röm. Kopie nach hellenistischem Original aus dem späten 3. Jh. v.Chr.);
München, Glyptothek 
Für die Verbindung von Sitzmotiv, blockhaft gestaltetem Körper und pathetischer Kopfwendung hat man auf die Trunkene Alte in der Münchner Glyptothek hingewiesen – eine Komposition, die ebenfalls überaus realistische Formen aufweist (siehe meinen Post „Der Trost der Trauben“). Beide Skulpturen sind darüber hinaus auf Mehransichtigkeit konzipiert – ein wichtiges Kritierium, um sie in die Zeit des frühen Hellenismus zu datieren (3. Jh. v.Chr.). Der sitzende Faustkämpfer fordert seinen Betrachter regelrecht dazu auf, um ihn herumzugehen, ihn von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten, vor allem von vorn, schräg von seiner Rechten und im Profil mit dem nach oben gewandten Gesicht. Das Gesicht und die Boxhandschuhe sind explizit auch für eine nahsichtige, auf das Detail ausgerichtete Betrachtung gestaltet – woraus sich auch ergibt, dass die Statue einst niedrig aufgestellt gewesen sein muss. Im Gegensatz zu dieser Viel- und Nahansichtigkeit betonten die Skulpturen der griechischen Klassik (5. und 4. Jh. v.Chr.) eine bestimmte Schauseite, die im Ganzen wahrgenommen werden sollte.
Der Faustkämpfer trägt noch heute deutliche Spuren davon, dass er lange an einem belebten Platz gestanden haben muss: Die Oberseite des Boxriemens seiner linken Hand, aber auch einige Finger und Zehen sind durch dauerndes Betasten ganz abgeschliffen. Man muß das mit einem antiken Aberglauben zusammenbringen, demzufolge Athletenstatuen Heilkräfte besitzen, die man durch Berühren auf sich leiten kann“ (Himmelmann 1996, S. 139).
Der Bildhauer, der den Faustkämpfer geschaffen hat, zeigt ungeschönt, in welchem Zustand sich selbst ein hervorragender Boxer nach einem harten Kampf befindet. „In geradezu penetranter Weise hat er seinen Helden als ein Gegenbild zu den schönen Siegerstatuen der vorangegangenen Generationen gestaltet. Er zeigt, wie entstellt sein malträtiertes Gesicht aussieht, wie häßlich und unkontrolliert er in seiner Erschöpfung da hockt, wie sein ganzes Interesse nur noch dem nächsten Gegner, dem Durchkommen und dem endgültigen Sieg gilt“ (Zanker 2005, S. 44). Dass dieser Athlet dennoch nicht verächtlich gemacht werden sollte, zeigen die Spuren der Verehrung an der Skulptur. Nikolaus Himmelmann geht davon aus, dass es sich um einen berühmten Boxer der Vergangenheit handelt, dessen Andenken noch in der Zeit der Statue lebendig war und dessen magische Heilkräfte damals noch gesucht wurden“ (Himmelmann 1996, S. 143/144). Der Kopf allerdings zeigt, so Himmelmann, kein echtes Porträt, sondern orientiert sich an dem Typus des mythischen Helden Herakles.
Zeigen, wie es wirklich ist
Herkules-Büste (2. Jh. n.Chr.); London, British Museum
Der hellenistische Epoche bringt eine regelrechte „Gegenkunst“ hervor, die sich von den idealschönen, exemplarischen Körpern der griechischen Klassik abgrenzt. Der Mensch soll jetzt gezeigt werden, wie er wirklich ist, als Individuum und in all seiner Kreatürlichkeit, in charakteristischen Situationen, festgehalten in einem alltäglichen Augenblick. Leider gehört diese Epoche der griechischen Skulptur zu den am schlechtesten überlieferten. Der Grund: Die meisten bedeutenden griechischen Kunstwerke sind uns durch römische Kopien bekannt. Die römische Kaiserzeit war in ihrer kulturellen Ausrichtung durch und durch „klassizistisch“: Was man an der griechischen Kunst vor allem schätzte, waren die idealschönen Körper. „Weder die Villenbesitzer noch die Ausstatter der öffentlichen Gebäude hatten ein besonderes Interesse an Kopien realistischer Meisterwerke der frühhellenistischen Kunst“ (Zanker 2005, S. 46) – obwohl sie nicht weniger bewundernswert ist als die der griechischen Klassik.

Literaturhinweise
Andreae, Bernard: Skulptur des Hellenismus. Hirmer Verlag, München 2001;
Brinkmann, Vinzenz (Hrsg.): Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Hirmer Verlag, München 2013, S. 330; 
Himmelmann, Nikolaus: Herrscher und Athlet. Die Bronzen vom Quirinal. Olivetti, Milano 1989;
Himmelmann, Nikolaus: Minima Archaeologica. Utopie und Wirklichkeit der Antike. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1996, S. 135-151;
Zanker:, Paul Der Boxer. In: Luca Giuliani (Hrsg.), Meisterwerke der antiken Kunst. Verlag C.H. Beck, München 205, S. 28-49.

(zuletzt bearbeitet am 5. April 2017)