Sonntag, 9. Dezember 2012

Bethlehem in Flandern – Pieter Bruegel d.Ä. malt die Geburt Christi

Pieter Bruegel d.Ä.: Volkszählung zu Bethlehem (1566); Brüssel, Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique
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Pieter Bruegel d.Ä. (1525/1530–1569) gilt als der bedeutendste niederländische Maler des 16. Jahrhunderts. Sein 1566 entstandenes Gemälde „Volkszählung zu Bethlehem“ zeigt ein Dorf, wie es auch von anderen Gemälden Bruegels bekannt ist. Sofort fällt auf, dass der Künstler das biblische Geschehen (Lukas 2,1-6) in die Niederlande seiner Zeit verlegt hat: Bethlehem wird zum flämischen Dorf, die Ereignisse des Jahres Null finden im 16. Jahrhundert statt, die Volkszählung erfolgt in klirrender Kälte, Schnee und Eis bedecken Wege, Plätze und Bäche.
Das Wirtshaus vorne links ist für die Volkszählung zum amtlichen Lokal umfunktioniert worden. Die Zählung selbst scheint mit einer Steuererhebung verbunden, denn der schreibende Beamte nimmt durch das Fenster Geld entgegen. An der Wirtshauswand hat man für diese Tage als Zeichen der Obrigkeit ein Schild mit dem habsburgischen Doppeladler angebracht – 1566 regiert Philipp II. über die Niederlande, aber der Aufstand gegen die Spanier steht kurz bevor: 1567 beginnt der über 80 Jahre dauernde Befreiungskrieg gegen die spanisch-habsburgische Herrschaft.
Für Steuern ist immer Saison
Die Menschen drängen sich am „Schalter“ des Steuereinnehmers. Vor dem Wirtshaus werden Schweine geschlachtet, wohl auch deshalb, weil der Wirt angesichts der vielen wartenden Menschen, die sich registrieren lassen und ihre Steuern zahlen, mit einem ordentlichen Profit rechnet. Alle Gerätschaften, die bei der Schlachtung gebraucht werden, sind dargestellt: etwa das Beil, mit dem die Hälften getrennt werden, oder das Stroh, das zum späteren Sengen der Schweinehaut nötig ist. Ein Mann kniet auf dem Hals eines Schweins, während eine Frau mit einer Pfanne das herauslaufende Schweineblut auffängt. Zwei Kinder beobachten die beiden Erwachsenen; eines von ihnen bläst eine Schweinsblase auf, die normalerweise beim Wurstmachen zum Einsatz kommt. Wie niederländisch Bruegels Bethlehem ist, zeigt sich nirgends deutlicher: Den Juden ist der Verzehr von Schweinefleisch verboten, hier aber gehört es ganz selbstverständlich zum Winter, in die Vorweihnachtszeit.
So kennen wir es: Maria reitet auf einem Esel – davon steht allerdings nichts in der Bibel
Zwischen einer Vielzahl von typisch dörflichen Winterszenen, die vom Schlittschuhlaufen, Schneeballwerfen, Schneefegen über das Weinzapfen und Würfeln bis zum Kreiselspiel auf dem Eis reichen, nähern sich Maria und Joseph. (Ob die Volkszählung Maria und Joseph vor der Geburt erfasst hat oder ob das Kind bereits mitgezählt wurde, wird in keinem der Evangelien berichtet.) Maria sitzt in einem weiten Mantel und mit einem Korb in der Hand auf einem Esel; Joseph führt den Esel und einen Ochsen zum Wirtshaus. Dort beeilen sich jedoch alle, die ihre Steuern entrichtet haben, in den warmen Gasthof zu gelangen, der schon jetzt voll ist. Und das bedeutet: Wenn Maria und Joseph an der Reihe sind, werden sie mit dem Stall vorlieb nehmen müssen, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“, wie Lukas schreibt (Lukas 2,7). Hoffnungsvoll weist Joseph zwar noch auf das Wirtshaus, aber der Betrachter weiß bereits, dass er vergeblich um Unterkunft bitten wird.
Bruegel malt Maria und Joseph nicht größer als die anderen Figuren, er hebt sie weder durch Farbe, Kleidung oder Heiligenschein noch durch ihre Position im Bild hervor. Fast sieht es so aus, als habe Bruegel sie versteckt. Immerhin hat er den Zimmermann Joseph mit einer Säge versehen. Maria auf ihrem Esel erinnert in Kleidung und Haltung an spätgotische Mariendarstellungen und stellt – zusammen mit Ochs und Esel – den deutlichsten Bezug zur Weihnachtsgeschichte her. Sie unterscheidet sich von den übrigen buntfleckigen und lebhaften Menschen, die allesamt sehr beschäftigt und in Anspruch genommen sind: ob sie sich nun auf dem Eis vergnügen, herumstehen und schwatzen, Geld zählen, Bäume schleppen, an Schlitten oder Kindern zerren. Doch das wirklich Wichtige, das aus göttlicher Sicht Entscheidende nehmen die Menschen nicht wahr: die bevorstehende Geburt des Heilands Kleidung und Haltung an spätgotische Mariendarstellungen und stellt – zusammen mit Ochs und Esel – den deutlichsten Bezug zur Weihnachtsgeschichte her. Sie unterscheidet sich von den übrigen buntfleckigen und lebhaften Menschen, die allesamt sehr beschäftigt und in Anspruch genommen sind: ob sie sich nun auf dem Eis vergnügen, herumstehen und schwatzen, Geld zählen, Bäume schleppen, an Schlitten oder Kindern zerren. Doch das wirklich Wichtige, das aus göttlicher Sicht Entscheidende nehmen die Menschen nicht wahr: die bevorstehende Geburt des Heilands.
Der Heiland kommt – leider sind alle wahnsinnig beschäftigt
Blindheit, das Sichverschließen und Verschlossensein des Menschen vor dem göttlichen Heil, ist das eigentliche Thema dieses Bildes. Deswegen finden sich auf Bruegels Bild auch viele Figuren, deren Sehvermögen deutlich eingeschränkt ist: Gesicht und Augen sind verdeckt durch Mäntel, Hauben oder Helme. Sie tragen ihre Mützen wie Pferde die Scheuklappen – eine symbolisch-bildliche Umsetzung des Bibelwortes: „Denn obwohl sie Augen haben, sehen sie doch nichts“ (Matthäus 13,13). Selbstgefällig bleibt die Wahrnehmung der Menschen auf das Alltägliche beschränkt. Für den entscheidenden Augenblick, in dem Gott in die Menschheitsgeschichte eingreift, indem er selbst Mensch wird, sind sie blind.
Bruegel hat die Volkszählung „aktualisiert“: Wie damals, will der Maler sagen, erkennen die Menschen auch heute nicht, wie nah ihnen das Heil ist; sie beachten es nicht und sind gefangen im Hier und Jetzt. Genau in der Mitte des Bethlehem-Bildes steht ein Wagenrad. Es ist wohl von dem daneben stehenden Karren abgefallen oder abmontiert worden. Bruegel nutzte das Zentrum seiner Bilder sehr oft, um einem Detail durch diesen herausgehobenen Ort besonderes Gewicht zu verleihen. Das Rad ist Symbol des Weltlaufes, Zeichen für Werden und Vergehen, für die vergehende Zeit. Mag die Geschichte auch voranschreiten – das Treiben der Menschen ändert sich nicht wesentlich. Sie haben nur ihre Beschäftigungen im Sinn, die heute wie morgen die gleichen sind. Die Geburt Jesu dagegen ist der bedeutende Augenblick, der den unaufhörlich gleichen Ablauf des Lebens und der Zeit durchbricht: „Die Zeit ist erfüllt“ (Markus 1,15). Eine neue Zeit ist angebrochen, nichts ist mehr, wie es war – das gilt es zu begreifen.
Die Hütte mit dem Kreuz – Gottes Sohn tritt ganz unauffällig in diese Welt
In der Mitte des schneebedeckten Platzes von Flämisch-Bethlehem steht eine einsame, ärmliche Hütte; dem Dachfirst hat man ein Kreuz aufgepflanzt – obwohl doch erst dreiunddreißig Jahre später durch den Tod Jesu das Kreuz zum Symbol des christlichen Glaubens werden wird. Vielleicht ist diese Hütte der Stall, in der der Erlöser geboren werden soll, in der es Weihnachten wird. Gottes Heil tritt ganz unscheinbar, „durch die Hintertür“ (Martin Luther) in diese Welt. 
In den biblischen Berichten folgen auf die Volkszählung die Geburt Jesu, Anbetung der Könige und Hirten, bethlehemitischer Kindermord und Flucht nach Ägypten. Für diese Stationen finden sich Hinwise im Bild: Der Stall verweist auf Geburt und Anbetung, Joseph und Maria auf dem Esel erinnern an die Flucht nach Ägypten, die Soldaten im Hintergrund wie auch die unschuldig spielenden Kindern an den daran anschließenden Kindermord. Auch das Schlachten der Schweine könnte auf die die Gefahr anspielen, das den Kindern droht: Ganz in der Nähe dieser Szene sehen wir eine Mutter und ihr Kind, die erschrocken auf die Schlachtung blicken und eine Ahnung von dem bevorstehenden Unheil vermitteln.
Das Schlachten der Schweine verweist auf das Grauen, das noch kommen wird

Literaturhinweise
Heinz Herbert Mann: Überlegungen zum Thema „Zeit“ bei Pieter Bruegel d.Ä. In: Christian W. Thomsen/Hans Holländer (Hrsg.), Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften.Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, S. 198-207;
Jürgen Müller: Spuren im Schnee – Anmerkungen zu zwei „Winterbildern“ Pieter Bruegels d.Ä. In: Kirsten Kramer/Jens Baumgarten (Hrsg.), Visualisierung und kultureller Transfer. Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2009, S. 133-150.

(zuletzt bearbeitet am 22. Oktober 2015)