Dienstag, 19. März 2013

Ein Licht, zu erleuchten die Heiden – Andrea Mantegnas „Darbringung Jesu im Tempel“


Andrea Mantegna: Darbringung Jesu im Tempel (um 1455); Berlin, Gemäldegalerie
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Andrea Mantegnas Gemälde der Darbringung Jesu im Tempel, das sich heute in der Berliner Gemäldegalerie befindet, präsentiert den biblischen Stoff auf eine bis dahin ungewöhnliche Weise: Der Künstler zeigt die beteiligten Personen im Halbformat, eingeschlossen in einen gemalten Marmorrahmen, der eine Fensteröffnung simuliert. Es fehlen all die Requisiten – die Kirchenbauten und Altäre –, die auf den traditionellen Darstellungen des Themas den Ort der Handlung beschreiben. Die nah gesehenen Figuren heben sich nur wenig von dem schwarzen Hintergrund ab, der dem Bild kaum Tiefe lässt. Sie scheinen regungslos und schauen einander nicht an, als sei eine jede von ihnen in die eigenen Gedanken und Gefühle vertieft. Vier der nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums (2,22-38) an der Zeremonie beteiligten Personen sind abgebildet: Maria mit dem Kind, Joseph und Simeon; die greise Prophetin Hanna fehlt. Dafür erblicken wir links und rechts am Rand des Bildes im Hintergrund zwei weitere Figuren, eine junge Frau und einen jungen Mann, von denen nur die Köpfe hinter der biblischen Gruppe hervorragen.
Maria und Simeon, beide im Profil, stehen sich gegenüber. Simeon greift nach dem in Windeln gewickelten Jesuskind mit dem roten, strahlenbesetzten Häubchen, das Maria auf ein kostbares Kissen gestellt hat und stützend mit den Armen umfängt. Es ist seiner Mutter zugewandt und scheint wenig geneigt, ihre schützende Nähe zu verlassen. Zwischen Maria und dem streng dreinblickenden weißbärtigen Simeon steht Joseph, doch deutet seine zwar zentrale, aber etwas in den Hintergrund versetzte Stellung an, dass ihm in der Handlung nur eine Nebenrolle zukommt. Wie Maria, das Kind und Simeon ziert ihn jedoch ein Heiligenschein. Er fehlt den beiden Figuren am Rand, und schon das setzt sie von der biblischen Gruppe ab. Die junge Frau links hinter Maria trägt ein strohgelbes Tuch über einer weißen gefältelten Haube; der junge Mann rechts hinter Simeon ist barhäuptig und hat kurzes lockiges Haar. Die Köpfe der beiden, im Dreiviertelprofil dargestellt, sind nach links gerichtet. Doch während auf diese Weise der Blick der jungen Frau aus dem Bild herausfällt, hat der junge Mann die biblische Szene vor Augen.
Man nimmt heute allgemein an, dass die beiden Figuren am Rand des Bildes mit Mantegna selbst und seiner Ehefrau Nicolosa Bellini zu identifizieren sind. Der junge, doch schon zu Ruhm gekommene Mantegna heiratete die Tochter des bekannten venezianischen Malers Jacopo Bellini wohl Anfang des Jahres 1453. Der 1430/31 geborene Mantegna war erst ca. 24 Jahre alt, als er die Darbringung Jesu im Tempel malte, deshalb kann man noch getrost von einem Frühwerk sprechen. Ingeborg Walter geht davon aus, dass der Künstler mit diesem Bild auch dankbar die Geburt seines erstes Sohnes feiert: „Die Wahl des Themas, das die Übereignung des Sohnes an den Vater zum Inhalt hat, war also nicht zufällig, sondern entsprach einer realen Erfahrung“ (Walter 1989, S. 67). Das Kind gehört also quasi zweierlei Sphären an: der des Evangeliums und der Gegenwart, auf die das zeitgenössische Wickelkleid mit den dekorativen, das Windelband unterteilenden Streifen und das kostbare Taufhäubchen unmissverständlich hinweisen.
Nach dem biblischen Bericht im 2. Kapitel des Lukas-Evangeliums begaben sich Joseph und Maria, „als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren“ (Lukas 2,22) mit Jesus nach Jerusalem, um ihren Sohn im Tempel darzubringen und um zwei Tauben zu opfern, wie es gefordert war. Bei diesem Tempelbesuch begegneten sie dem greisen Simeon, der in dem Kind den Heiland erkannte, und der Prophetin Hanna. Als „Merkzeichen“ und Dank für die Befreiung des Volkes Israel vom ägyptischen Joch hatte Gott nämlich durch Mose angeordnet, ihm jede männliche Erstgeburt zu „heiligen“, Mensch und Vieh, doch sollte der Erstgeborenen des Menschen am Leben bleiben und ausgelöst werden (2. Mose 13,1-16). Jeder erstgeborene Knabe war also prinzipiell Eigentum Gottes. Die Tauben hingegen sollten von den Wöchnerinnen geopfert werden, um sich von der kultischen Unreinheit zu befreien, die mit der Geburt einhergeht (3. Mose 12,1-8). „Maria und Joseph waren also nicht nach Jerusalem gezogen, um Gott für die Geburt des Kindes zu danken, sondern um es ihm, der im spezifischen Fall auch sein wahrer Vater war, symbolisch zu übergeben und seine Mutter vom Makel der Geburt zu reinigen“ (Walter 1989, S. 62).  
Donatello: Pazzi-Madonna (um 1429); Berlin, Bode-Museum
Sandra Gianfreda bringt die friesartig angeordneten Figuren auf Mantegnas Gemälde mit antiken Flachreliefs in Verbindung. Diese Bildhauertechnik wurde in den 1410er Jahren von Donatello (1386–1466) in der Auseinandersetzung mit klassischen Grabstelen neu belebt. Ausgangspunkt für Mantegnas Komposition dürfte, so Gianfreda, Donatellos um 1420 entstandene Pazzi-Madonna gewesen sein.
Giovanni Bellini: Darbringung Jesu im Tempel (späte 1460er Jahre); Venedig, Fondazione Querini Stampalia
Mantegnas Darbringung Jesu im Tempel ist um 1455 entstanden – etwa zehn Jahre später hat sein Schwager Giovanni Bellini (1430/35–1516) dessen Bilderfindung quasi wiederholt. Die Tafeln unterscheiden sich auf den ersten Blick lediglich hinsichtlich des gewählten Bildausschnitts und der Distanz zum Betrachter. Die Komposition wirkt bei Bellini weniger gedrängt als bei Mantegna. Sein Gemälde ist – bei identischem Figurenmaßstab – mit 80 x 105 cm etwas größer als Mantegnas Werk mit 69 x 86,3 cm. Bellini erweitert den Kreis der Akteure jedoch nochmals um zwei Personen; außerdem ändert er den Steinrahmen Mantegnas zu einer tieferen Brüstung ab. Sie markiert am unteren Rahmen zugleich die ästhetische Grenze des Bildes, also die Grenze zwischen Bildwelt und Realwelt des Betrachters. Bellini leuchtet seine Protagonisten gleichmäßig aus, Mantegnas Bildlicht hingegen rückt das Jesuskind, Maria und Simeon als Hauptfiguren ins Rampenlicht. Beide Gemälde verbindet das Statuarisch-Ruhige ihrer Gestalten, die Stille des feierlichen Moments, als Simeon den Heiland erkennt, „ein Licht, zu erleuchten die Heiden“ (Lukas 2,32). 
Ettore Camesasca sieht in Bellinis Fassung ein Familien-Andachtsbild, das zu einem speziellen Anlass wie der Geburt eines Kindes oder einer Hochzeit gemalt sein könnte. Der Alte in der Mitte sei Jacopo Bellini, die  beiden jungen Männer rechts seine Söhne Gentile und Giovanni, und links neben deren Schwester Nicolosia, die dieselbe Position einnimmt wie in Mantegnas Gemälde, befände sich deren Mutter. 
Andrea Mantegna: Anbetung der Könige (um 1497/1500), Los Angeles, The J.P. Getty Museum
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Mantegna selbst hat den Typus des Halbfigurenbildes erst mehr als vier Jahrzehnte später wieder aufgegriffen, und zwar für eine Anbetung der Könige, die heute im J.P. Getty Museum ausgestellt ist.

Literaturhinweise
Nike Bätzner: Andrea Mantegna 1430/31–1506. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 1998, S. 26-27;
Ettore Camesasca: Andrea Mantegna. Club del Libro, Mailand 1964;
Sandra Gianfreda: Caravaggio, Guercino, Mattia Preti. Das halbfigurige Historienbild und die Sammler des Seicento. Edition Imorde, Emsdetten/Berlin 2005, S. 25-28;
Renate Prochno: Die friedliche Konkurrenz um Innovationen: Giovanni Bellini und Andrea Mantegna. In: Renate Prochno, Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst. Wettbewerb, Kreativität und ihre Wirkungen. Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 77-96;
Ingeborg Walter: Andrea Mantegnas ›Darbringung Jesu im Tempel‹. Ein Bild der Befreiung und des Aufbruchs. In: Städel-Jahrbuch 12 (1989), S. 59-70.

(zuletzt bearbeitet am 28. März 2016)