Montag, 4. März 2013

Aus der Traum – Vincent van Goghs Selbstbildnisse mit verbundenem Ohr


Vincent van Gogh: Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife (1889); Zürich, Kunsthaus Zürich
Auffallend an diesem Büstenporträt ist der in zwei fast monochrome Horizontalflächen geteilte Hintergrund, eine orangefarbene oben und eine breitere, tiefrote unten. Die Nachbarschaft der beiden warmen Farben verleiht dem Bild eine intensive Leuchtkraft. Vor die zweigeteilte Farbfläche setzt van Gogh sein deutlich stärker durch einzelne Pinselstriche geformtes Selbstbildnis. Er positioniert es so, dass die Trennlinie der Farbfelder auf Höhe der Augen liegt, die dadurch betont werden. Hintergrund und eigentliches Porträt kontrastiert van Gogh wiederum farblich miteinander: das Orange mit dem komplementären Blau der Mütze und das Rot mit dem Grün der Jacke. „Im Gesicht als dem Zentrum des Bildes treffen und verbinden sich gleichsam alle wesentlichen Farben des Gemäldes“ (Springer 2005, S. 136).
Der Künstler scheint den Betrachter zu fixieren – aber seine Augen richten sich auf sein Spiegelbild. Dass es sich wirklich um das Spiegelbild handelt, ist daran zu erkennen, dass hier das rechte Ohr bandagiert ist statt des tatsächlich verletzten linken. Van Goghs Traum von einer Künstlergemeinschaft, einem  „Atelier des Südens“ in Arles, war gescheitert; nach einem Streit mit Paul Gauguin schnitt sich er sich am 23. Dezember 1888 mit einem Rasiermesser das linke Ohrläppchen ab und überreichte es im Bordell einer Prostituierten (eine der wenigen historisch verbürgten Tatsachen dieser Legende).
Früher an diesem Tag hatte Vincent an seinen Bruder geschrieben, er glaube, Gauguin habe „die gute Stadt Arles, das kleine gelbe Haus, in dem wir arbeiten, und vor allem mich selbst eingermaßen satt“, und er befürchte, Gauguin werde bald abreisen. Und so kam es auch: Abrupt verließ Gauguin nach diesem Zwischenfall Arles und seinen Freund für immer und kehrte nach Paris zurück. Psychologisch lässt sich van Goghs Selbstverstümmelung vielleicht als Ventil verstehen, um „sein ihn plötzlich überwältigendes Gefühl des Verlustes auszudrücken“ (Childs 2001, S. 136).
Vincent van Gogh: Selbstporträt mit verbundenem Ohr (1889), London,
Courtauld Institute (für die Großansicht einfach anklicken)
In London ist eine etwas größere, farblich kühler gestimmte Version des Gemäldes zu sehen. Der Unterschied zwischen beiden Werken ist im Hintergrund am augenfälligsten: Das Bild aus dem Courtauld Institute zeigt das Atelier des Künstlers mit der Staffelei samt Leinwand sowie einen japanischen Farbholzschnitt aus van Goghs Besitz. Beide Gemälde könnte man angesichts der Tatsache, „dass die Arbeit an meinen Bildern eigentlich zu einer Genesung nötig ist“, wie er an seinen Bruder Theo schreibt, auch „als Dokumente der Selbstheilung qua Malerei, als Manifeste seines Selbstbehauptungswillens gegen seine Krankheit sehen“ (Springer 2005, S. 136). Während er sich erholte, schrieb er seiner Schwester Wilhelmine: „Jeden Tag gebrauche ich das Mittel, das der unvergleichliche Dickens gegen den Selbstmord verschreibt. Es besteht in einem Glas Wein, einem Stück Brot mit Käse und einer Pfeife Tabak.“ Schon das berühmte „Stuhlporträt“ von Ende 1888 hat von Gogh durch eine Pfeife ergänzt.
Vincent van Gogh: Stuhl mit Pfeife (1888); London, National Gallery
Es ist kein Zufall, dass van Gogh – mit umgekehrter Verteilung – die Farbkombination Rot-Orange bereits im Bildnis Camille Roulins als Schüler verwendete, das zwischen September und Dezember 1888 entstanden ist. Es ist Teil einer mindestens 18 Gemälde umfassenden, durch seine Krankheit unterbrochenen Porträtserie, die alle Mitglieder der Familie des Postbediensteten Roulin umfasst.
Vincent van Gogh: Camille Roulin als Schüler (1888); São Paulo, Museo de Arte
Literaturhinweise
Springer, Peter: Vincent van Gogh, Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889. In: Ulrich Pfisterer/ Valeska von Rosen (Hrsg.), Der Künstler als Kunstwerk. Selbstporträts vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Philipp Reclam, Stuttgart 2005, S. 136;
Childs, Elizabeth C.: Auf der Suche nach dem Atelier des Südens. Van Gogh, Gauguin und die Identität des Avantgardekünstlers. In: Cornelia Homburg (Hrsg.), Vincent van Gogh und die Maler des Petit Boulevard. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2001, S. 115-160;
Druick, Douglas W./Zegers, Peter Kort (Hrsg.): Van Gogh und Gauguin. Das Atelier des Südens. Belser Verlag, Stuttgart 2002;
Koldehoff, Stefan: Van Gogh. Mythos und Wirklichkeit. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2003, S. 201-206.

(zuletzt bearbeitet am 24. Juni 2017)